Montag, 15. März 2010

Arti-Schock

Kunst ist lebendig! Und Kunst im öffentlichen Raum kann so hochwertig, weise, vielsagend, aktuell und interpretationsoffen sein!
Dabei muss nicht notwendigerweise alles Zeitgemäße nur per EDV und Nachbearbeitung erstellt sein. Die guten, alten, immergültigen und stets aktuellen, "echten" Lebensobjekte haben auch viel Potenzial. Speziell dann, wenn es sich um für jedermann frei zugängliche Werke handelt. Im Hier und Jetzt des Unmittelbaren, Direkten, Authentischen und in der Irritation durch scheinbare Brüche hierin entsteht ein Aussage-Sog unzählbarer Möglichkeiten.

Diese nur temporär erlebbare Installation eines/-r unbekannten Berliner Künstlers/-erin, verwirklicht im U-Bahnhof Mehringdamm, besticht durch die Veranschaulichung von Vergänglichkeit und Lebensessenz, auch im Gegenüberstellen der Materialien:





Der vielgenutzte Aha- oder auch Schock-Effekt entsteht hierbei durch das Fragezeichen über dem Kopf des Betrachters. Gleichsam fragend und aussagend, bildet dieser im Vorübergehen mit seiner direkten wie indirekten Interaktion mit dem Kunstwerk, manifest werdend in seinem Gesichtsausdruck und dem Wieder-Wirken und Wider-Wirken dessen auf weitere Passanten, selbst einen Teil der Installation. In ständiger Veränderung begriffen und vergänglich, ist das Werk daher eine vielschichtige und für jeden frei bzw. für jeden auch anders erlebbare Aussage oder Frage über den aktuellen Stand unserer Gesellschaft.

Eine mögliche Interpretation, die sich versierten KunstkennerInnen der aktuellen Szene aufdrängt, ist sicher die folgende:
Die Artischocke, dem Bio-System entrissen, entwurzelt, weich, lebend, aber sterbend, zudem ebenso Bildnis einer gesundheitsbewussten wie auch im Überfluss lebenden Gesellschaft, steht im Kontrast zum zunächst ungesund und ma(e)ngelhaft anmutenden Umbruch von Gegenwart, profanem Alltag und Notwendigkeit - voller Chancen und Möglichkeiten, aber auch Gefahren, da soziale, wirtschaftliche und intellektuelle Krisen diese Gesellschaft nachhaltig zu erschüttern drohen. Der Abfallbehälter aus hartem, kaltem, glattem, glänzendem Metall, fix und fest, augenscheinlich unumstößlich und abweisend, symbolisiert die nur scheinbar anpassbaren, wahrlich aber starren Regeln und Gesetze von zivilisiertem Leben, aalglattem Markt, Barrieren und Konformität.

Im bewusst aus jedem Blickwinkel anders betrachtbaren Drapiertsein der Artischocke zeigt sich auch der Appell an das soziale Bewusstsein und an das Orientieren an menschlichen Werten in einer verunsicherten und krisengebeutelten Gemeinschaft:
Dem Ablegenden war das Gemüse für seinen Geschmack augenscheinlich schon zu ausgereift, womöglich auch zu vergammelt (das Wort "verdorben" ist hierbei möglicherweise auf seine Ambivalenz im Moloch Großstadt zu hinterfragen). Aber im armen Kreuzberger Untergrund wäre es, sagt das soziale Gewissen, denkbar, dass ein vorbeieilender Hungriger, der sich im Überlebenskampf befindet, noch Gefallen daran fände; weshalb sich das Teilobjekt auf und nicht im Abfallbehälter befindet. So könnte dieser Vorbeieilende das Werk verändern, indem er von der Frucht abbisse oder sie gänzlich an sich nähme. Denn was wegen einiger brauner Stellen für den intellektuellen, aufstrebenden Geschäftstreibenden oder Kunst-Bohémien zu schlecht ist, kann für den durchschnittlichen Berliner Abfallbegutachter doch allemal gut genug sein und Dankbarkeit hervorrufen. Falls nicht, könnte er das Objekt immer noch wütend und verächtlich und mit sozialem Stolz in den Behälter stoßen. Auch hier würde sich das Werk verändern. Es böte dann Raum für die nächste Stufe der Interaktion: nämlich mit den klassischen Mülleimerdurchwühlern. Ob diese allerdings, meist auf der Jagd nach wirklich Essbarem oder aber Pfandflaschen, unbedingt viel Nutzen ausgerechnet von einer überreifen Artischocke erhielten, würde sich nur letztlich klären oder aber noch besser zeigen, wenn man die Installation noch weiter abwandelte (zum Zeitpunkt, als die Fotografie entstand, hatte die Autorin leider keine tauglichen Abwandlungsobjekte zur Hand). Beispielsweise, indem man für den durchschnittlichen, hungrigen und frierenden Obdachlosen oder anderweitig Entwurzelten neben das Gemüse noch ein halbleeres Döschen Kaviar und eine angetrocknete Scheibe Lachs legte.

3 Kommentare:

Alex Gareis hat gesagt…

Ein interessantes Werk, keine Frage. Die Interpretation ist sicherlich gelungen und mag vielleicht die Denkmuster des Künstlers im Kern wiedergeben, ich möchte aber noch einen anderen Aspekt aufzeigen: hier wird schließlich auch die historisch von Missverständnissen und Konflikt begleitete Beziehung zwischen dem Massenprodukt (sowohl dem industriell hergestellten Mülleimer als auch dem aus industrialisierter Agrarwirtschaft stammenden Gemüse) und dem Menschen - der ja gerade an dieser Stelle, einer U-Bahn, ebenfalls als Massenprodukt, Transportgut, bestenfalls nummerier, eher aber gänzlich anonym, beleuchtet. Hervorzuheben ist die subtile Art und Weise. Würde es sich bei dem super-defektiös ("über dem Müll"; zugegeben, weit hergeholt, klingt aber trotzdem nett) positionierten Objekt um etwas weniger auffälliges handeln - sagen wir beispielsweise, ein Kleingerät der Unterhaltungselektronik, dann wäre ein zusätzlicher Hinweis darauf, dass es sich nicht um ein zufällig entstandens Gebilde handelt, notwendig. Außerdem würde die Installation vermutlich nicht ganz so lange für die Öffentlichkeit verfügbar sein.

Vor Augen geführt wird aber obendrein, ähm…

Ach mann. Es ist Montag morgen, das war jetzt eh schon so weit hergeholt, Ihre Interpretationen, Frau Efeu, komme ich auf keinen Fall ran.

Als kleine Anmerkung aber noch: dem Foto nach scheint es sich eher um einen etwas ausgebleichten Romanesco-Broccoli ("Fraktal-Broccoli") zu handeln als um eine Artischocke, auch wenn das das Wortspiel etwas verunstalten würde.

Katzenmoni hat gesagt…

Der quadratisch-praktisch-organisierten Hausfrau stellt sich hier eine andere Frage: warum bitte schön schleppt jemand seinen vergammelten Blumenkohl - oder was auch immer - zur U-Bahn und schmeißt den nicht in seinen Hausmüll? Gibts sowas in Berlin nicht mehr? Nicht mal biologisch-politisch-voll-korrekten Biomüll? Sind die Karnickel, an die man das Gammelgemüse verfüttern könnte, schon gebraten? Fragen über Fragen...

Efeu hat gesagt…

Im Hausmüll wäre das Moment der Interaktion mit Passanten ausgeblieben. Denkanstöße wären nicht eingetreten, größere Zusammenhänge verborgen geblieben, Irritationen verhindert worden. Die Installation hätte nicht funktioniert. Kunst muss dort geschehen, wo sie erlebt werden kann. Dieses bahnbrechende Werk hätte vom Hausmüll in der Tat verhindert werden können!

Die Autorin bedankt sich ferner für den Hinweis auf die Beziehung zwischen Massenprodukt und Mensch, die wohl nicht genügend herausgearbeitet war. Auch sie findet allerdings die subtile Wirkweise des kunstgewordenen Vorwurfs (oder Vor-Wurfs) besonders bemerkenswert und das, was die Installation über andere Werke hebt. Auch denkt sie, die Schockwirkung bei einem Elektrogerät wäre sowohl kleiner (da es "üblicher" ist, diese auf U-Bahnhöfen auf dem Abfallbehältnis abzustellen, je nach Bezirk) als auch vergänglicher, in der Tat. Dieses Werk war rundum durchdacht und komplex. Ein bahnbrechender Geniestreich. Unverständlich, wie diese sozial, wirtschaftlich und politisch anklagende Großartigkeit so wenig rezipiert werden konnte in der Berliner, nein Welt-Kunstszene!

Überdies ist es durchaus denkbar, dass es sich um einen Romanesco handelt, das Foto wurde mit Zoom von der Treppe aus aufgenommen. Aber tatsächlich hätten dann weder das Wortspiel noch der Grundansatz (oder ist auch Romanesco dekadent?) so gut funktioniert. ;-) Kunst darf alles. Wortkunst erst recht. Kunstkritik sowieso. Auch Gemüse umwidmen.

Grüne Grüße und danke für die reflektierten Beiträge!

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