Dienstag, 6. Juli 2010

Demolition Men

Der Schreck sitzt tief. Nicht der über Gewinne oder Verluste, sondern der Schrecken der Weltmeere - nämlich der über die bösen Deutschen und was sie vermeintlich antreibt: kaputtmachen.

Denn welches Image die Teutonen in der Welt immer noch haben, zeigt sich gruseligst, wenn man den diversen internationalen Presseschauen folgt: Beim Durchlesen von Auszügen aus den Reaktionen des Auslands auf Deutschlands WM-Auftritte kann es einem kalt den Rücken hinunterlaufen. Selbst in der Bewunderung von (rein sportlichen) Siegen zeigt sich noch das Vorurteil über martialisches Militärgehabe. Da wird manch alte Vokabel oder Assoziation bemüht - und die lieben Landsleute, ganz im dümmlich-trunkenen "Schlaaand, Schlaaand"-Taumel wimpelwedelnd die Straßen verstopfend, freuen sich noch, wie gut sie ihrer Meinung nach weltweit dastehen.

Viele von außerhalb fühlen sich offenbar eher an "früher" erinnert; egal, ob dieses Früher das Militär-Preußen oder die Nazizeit sein soll. Schwer schluckt man da angesichts der militaristisch-kriegerisch belegten Vokabeln, wenn man genau liest. Falls nicht grobe Übersetzungsfehler vorliegen.

Von einem Massaker unter dem Kommando von Schweinsteiger, das Argentinien eliminiert hat, liest man da aus brasilianischen Zeitungen. Aus spanischen Medien ist von zermalmen die Rede und dem kollektiven Triumph, während etwas drolliger angehaucht auch beschrieben wird: "Wie Obelix sammelt Deutschland die Helme der Römer und zerlegt alles, was es berührt". Weniger drollig klingt es da aus der Türkei, wo poetisch, aber ebenso kriegskonnotativ gestaunt wird über fliegende Panzer und den Sturm, der aus Deutschland bläst. Noch blumiger klingen die alten Vergleiche aus Österreich, wo man an Odin und Siegfried, den Drachentöter, denkt, beide zu überkommenen Idolen degradiert und die neuen deutschen Helden gar als Killer bezeichnet. In Belgien findet man, Löw hat Maradona niedergestreckt - auch wenn das Niederstrecken dort immerhin auch als "sexy, sinnlich und innovativ" wahrgenommen wird (aha, soso, man lernt nie aus, die Erotik des Fußballs und so, das färbt gleich aufs Metzeln ab). In den USA werden netterweise eher positiv gemeinte olle Imagekamellen wie Präzision und Organisation ausgepackt (Pünktlichkeit und Gehorsam würden noch fehlen), in südafrikanischen Presseablegern nennt man die Löw-Männer mächtig (in Bangladesch neben ebendiesem aber auch skrupellos, eine Bezeichnung, die auch Südafrika schon nach dem Englandspiel parat hatte), wie sie so weiterrollen und Argentinien zerstören, in vorangegangenen Spielen schon auch mal den Krieg gewinnen. Serbien spricht geschmackssicher vom Blitzkrieg, der Messi & Co. auslöscht (ihren eigenen Sieg hatten sie aber auch schon als einen solchen tituliert; da war Deutschland in jenem Krieg gefallen), ebenso wie eine indische Zeitung. Nach dem Englandspiel hatte man auch schon in Südfrika gefunden, die Deutschen hätten England nicht nur verwüstet und zerschmettert, sondern auch geblitzt. Die Blitzkriegmetapher macht offenbar Spaß! Irgendwie kurios bei etwas so Unspaßigem. Aus England hatte es da immerhin nur geheißen, die Deutschen hätten wie eine Dampfwalze die Three Lions überrollt. Na, das klingt doch gleich behäbiger und, öhm, sanfter. Quasi nach reinen Menschenfreunden bei einem lustig-bunten, verträumten Spielreigen auf saftigem Bio-Stadiongras.

Die Fußball-WM verdrängt derzeit ohnehin schon alle wichtigen, echten Themen (Gruß u.a. an die Krankenversicherungsreform). Ok, also nehme man sie mal ernst und gehe von den Zuschreibungen aus, die ihre übertriebene Bedeutung schönzureden und zu rechtfertigen versuchen:

Der als so völkerverständigend und -zusammenbringend bejubelte, multinationale (in einer Zeit, wo viele von der Abschaffung der Nationen träumen) Wettstreit im Balltreten scheint nach wie vor doch eher Kriegsgefühle und ein "Gegen" statt ein "Mit" zu befördern und zu verstärken. Im Falle Deutschlands imagetechnisch eine frustrierende Sache. Da kann man vor den Spielen noch so viel "Say NO to racism!" und andere gutgemeinte Erklärungen gegen Gewalt und Ausgrenzung verlesen.

Dann verlasse man aber mal die (Schlacht-)Feld-Ebene und schaue sich auf Tribünen wie Straßen die nett-debilen, bierbäuchigen Grinsefans mit ihren Vokuhila-Perücken an (warum sind eigentlich die deutschen Fans immer die hässlichsten, die Fernsehkameras einblenden? Das ist furchterregend!), höre ihr gegrunzt-hirnloses, sinnfreies Party-Gegröhl und frage sich: Können diese harmlosen Irren noch gefährlich sein? Außer dann, wenn sie wieder besoffen Autokorso fahren oder freudig mit selbstgebastelten oder prüfsiegelfreien Böllern nach Menschen werfen (heieiei, eine ganze ungute Assoziation von Kriegsspiel ermächtigt sich da meiner)? Womöglich alles nur geschickte Tarnung.

Quellen für die Zitate: dpa, SID, tagesschau.de, handelsblatt.de, focus.de

Kommentare:

Banger hat gesagt…

Da möchte ich doch mal diesen Artikel dagegenhalten, der insbesondere im Kriegs-Kontext erfreulich andere Töne anschlägt.
Überhaupt: Wie ist denn die internationale Berichterstattung über die anderen Teams? Soweit ich mich entsinne, ging die in Sachen Fußball noch nie sonderlich zimperlich mit martialischen Metaphern um, nicht nur oder besonders gegenüber Deutschland.

Und zu guter Letzt: Ich denke mal, binnen einer Woche – nämlich nach dem Finale (inklusive einer Karenzzeit für die Nachberichterstattung samt Jubel oder Trauer) – werden wir feststellen, dass im Grunde genommen nicht der Fußball die anderen Meldungen verdrängt hat, sondern alles irgendwie ein wenig dem Sommerloch samt Hitze, Urlaub und dem sonstigen Trallalla zum Opfer fällt.

io hat gesagt…

nee nee schau mal hier:
http://www.tagesschau.de/ausland/fussball562.html

Banger hat gesagt…

[x] io kann Kommentare schreiben
[ ] io kann andere Kommentare lesen

io hat gesagt…

ey werd ma nicht frech. das war ne antwort auf den post und nicht auf deinen kommentar!

U. hat gesagt…

Ich denke mal, binnen einer Woche ... werden wir feststellen, dass im Grunde genommen nicht der Fußball die anderen Meldungen verdrängt hat

Und dann stellen wir fest, dass die Deutschen mitbekommen, dass im allgemeinen Fußballrausch nicht nur die Krankenkassenbeiträge gestiegen sein werden, sondern die berühmten Zusatzbeiträge nichtmal mehr gedeckelt werden? Und dann werden wir womöglich sogar aktiv und protestieren dagegen?
Schön wär's - Dein Gottvertrauen in die Deutschen hätte ich gerne...

Banger hat gesagt…

@io: Nicht gleich aus der Hose hüpfen. Lesen, verstehen, und erkennen, dass ich den Link bereits in der ersten Zeile meines Kommentars brachte.

@U.: Auch an Sie: Bitte richtig lesen. Ich habe nicht behauptet, nach der WM würde alles besser – ganz im Gegenteil. Wir werden nur feststellen, dass auch ohne Fußball-WM einiges unter den Tisch fällt.

Efeu hat gesagt…

Kinder, seid lieb zueinander! ;-)

Was den Artikel über Israel angeht: Ja, den hatte ich auch gelesen bzw. es war ja auch andernorts über die neue israelische Begeisterung für Deutschland berichtet worden. Sehr schön, das. Nur: Ist Israel immer alleiniger Maßstab? Nach dem Motto: "Solange DIE kein Problem mehr mit uns haben und sogar unsere positive Gesellschaft loben, müssen wir uns um unser Image im Ausland keine Sorgen mehr machen"? Klar gab es auch eine Menge positive Stimmen. Aber selbst in der Bewunderung schwang eben meist noch dieses "Belegte" mit. Wenn die englische "Sun" die deutschen, schwarzen Ersatztrikots mit SS-Uniformen vergleicht, dann ist das zwar arg daneben, aber zur Kenntnis nehmen kann man es ja auch mal.

Und klar sind im Fußball kriegerische Metaphern allgemein sehr beliebt (davon schrieb ich ja auch, speziell in der WM sei es eher ein Gegen als ein Mit in unserer tollen Weltgemeinschaft), nicht nur in Bezug auf deutschen Fußball. Aber es fällt schon auf, wie sehr es sich bei diesem häuft - und dass da ganz spezielle Vokabeln Verwendung finden, wie etwa die vom "Blitzkrieg".

Na, nun hamwa das ja erstmal hinter uns. Was wohl gewesen wäre, wenn Deutschland gewonnen hätte? DA hätte mich eine Presseschau interessiert. Möglicherweise aber auch geängstigt.

Banger hat gesagt…

So, zurück aus dem Urlaub, und noch schnell hinterhergeschoben: Nein, natürlich gebe ich mich nicht der Naivität hin, dass Israel ein Maßstab der Bewertung Deutschlands wäre, aber der verlinkte Artikel sollte aufzeigen, dass es auch positive Meinungen zu Deutschland gibt. Dass diese aus einer Ecke kommt, die in der Vergangenheit allzu gerne bei diversen Gelegenheiten alte Nazi-Geschichten wieder auffrischten, macht die Sache schon ein wenig bemerkenswert, aber auch nicht über ein gewisses Maß hinaus.

Efeu hat gesagt…

Herr Banger, da kehren ja hoffentlich ungeahnte Energien aus Frookreisch zurück! ;-)
Danke fürs erneute Statement. Ja, natürlich gab und gibt es auch positive Sicht. Nur stand diese während dr WM stets im Vordergrund und ich wollte mal den "Die Welt liebt uns!"-Wahn etwas ausbalancieren, weil eben auffiel, dass nicht nur in den Schmäh-, sondern teils eben auch und gerade in den Jubelreden irgendwie seltsame Formulierungen und Assoziationen zum Tragen kamen (und dabei waren diese teils schon sehr "speziell" auf die deutsche Geschichte gemünzt). Aufatmen können wir da wohl noch nicht. Immerhin hat der israelische Jubel die erwähnten Metaphern außen vorgelassen. Anders wäre es auch sehr seltsam gewesen.

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