Sonntag, 7. Februar 2010

Bombige Idee!

Lesen macht schlau und öffnet das Denken. Man muss nur aufpassen, dass man nicht auf Geschriebenes von jemandem setzt, der statt des Denkens wohl eher den Arsch offen hat:
Am 3.2.2010 hatte die Axel-Springer-Wochenzeitung "Die Welt" den Mut (oder den Aussetzer des Chefredakteurs - dem Laden bekommt vielleicht die Wechselstimmung nicht), eine großartige Idee zu veröffentlichen. Nun ja, die Idee wird, vorrangig in Übersee, schon zuvor jemandem gekommen sein. Fehlte nur noch der Schritt zum Aussprechen. Und zum Dran-Glauben. Und dazu, das Ganze dann noch als Genialität zu verkaufen – als Einblick in die wahrlichen Lösungen der Politik, bei denen nur unverständlich ist, dass vorher noch niemand unter den Entscheidern auf sie gesetzt und sie einfach mal durchgezogen hat. Wenn also Barack Obama, Hillary Clinton und Robert Michael Gates (oder auch GANZ andere, mal so international betrachtet) noch zögern oder einfach immer noch nicht auf grandiose Ideen verfallen sein sollten: Einfach mal einen Publizisten/Journalisten fragen! Der weiß alles!

Daniel Pipes zum Beispiel ist so einer. Der berät Politiker fachlich kompetent sowie wohlmeinend und weiß im Gegensatz zu ihnen, was zu tun ist. Nämlich: Die USA sollen doch mal endlich den Iran bombardieren! Und zwar so schnell wie möglich, einfach mal eben befehlen, das muss der Obama doch können! Die Lösung für Entspannung liegt doch so auf der Hand! Für Frieden auf Erden – und den Menschen ein Wohlgefallen! Aber das mit dem Weltfrieden ist für Pipes nicht einmal der Hauptgrund: Wichtig an dem Schritt sei vielmehr, dass Obamas Regierung momentan nicht gut dastehe und das "schmale Zeitfenster", in dem man den Iran noch zu Boden bomben könne, die einmalige Chance biete, die Umfragewerte zu bessern und nach innen wie außen mal irgendwie erfolgreich dazustehen. Oh. Ja dann. Da wäre man doch wahrlich gut beraten. Genial!

Beruhigend, dass "Die Welt" das Ganze immerhin gut sichtbar als "Kommentar" und damit als Meinung kennzeichnete, nicht als Informations-Artikel. So weit reicht der Anstand dann noch. Unverständlich bleibt dennoch, wieso dieser Irrsinn überhaupt veröffentlicht wurde. Kleiner Test an die Leser, ob sie auch wirklich lesen – oder nur so tun, um gebildet zu wirken oder in der U-Bahn was vor dem Gesicht zu haben?

Das Schreiben von Kommentaren stellt zugegebenermaßen generell eine besondere Anforderung an Journalisten dar. Um zu vermeiden, dass Leser gelangweilt "Ach nee!?" denken (weil sie diese Rückschlüsse durch Kenntnis der Fakten logischerweise selbst ziehen, ohne auch nur aktiv nachzudenken), sollte die/der Schreibende sich um eine gewisse Originalität, einen anderen Blickpunkt, neue Zusammenhänge, evtl. sogar um etwas Provokation bemühen. Nur nicht um jeden Preis: Gefährliche Doofheit und fortgeschrittene Geisteskrankheit beim verbissenen Gedankenfinden gehören nicht zum Pflichtprogramm. Nichtmal dann, wenn sie fälschlich als innovativ, originell oder "mal ein anderer Ansatz" verkauft werden.

Auf wundersame Weise wurde nach Beschwerde eines Lesers an den DPR (Deutschen Presserat) der höchst denkwürdige Text von der Homepage der "Welt" genommen. In der dortigen URL (hier noch last-minute-artig temporär zu finden) fand sich das inzwischen Gelöschte unter "Kolumnen" einsortiert; das klingt gleich nuanciert anders als "Kommentar" und lässt hoffen: Vielleicht wurde doch auf wundersame Weise einfach nur versucht, Ironie zu verwenden. Falls ja: Es ging daneben. Netterweise hat der Autor das Schmuckstück mit der Idee aller Ideen noch auf seiner eigenen Webseite.

Der Mann ist selber Ami. Außerdem ehemaliger Universitäts-Mitarbeiter in den USA, Gründer des Middle East Forums (ach, na dann weiß er ja Bescheid über den Iran und so - ein Fachmann schlechthin! Zumindest in konservativen Kreisen. Es ist halt noch kein Peter Scholl-Latour vom Himmel gefallen), Autor von 18 Büchern, war 2008 Berater von Giuliani für die Präsidentschaftsvorwahlen-Kampagne und anderes mehr. Auch ist er kein fester "Die Welt"-Autor, sondern publiziert regelmäßig bei der "NY Sun", "Jerusalem Post", "Washington Post", "New York Times", dem "Wallstreet Journal" und ähnlichen Kalibern, keine Peanuts also, nur das Beste vom Feste. Was ihn zur "Welt" gebracht hat, bleibt ebenso ein Rätsel wie die Frage, wo man sein Hirn verbuddeln kann, wenn man nach außen hin und vom Lebenslauf her an sich eins haben müsste. Vielleicht ist sein Partriotismus und damit der Traum, die USA müssten mal wieder die Welt retten und alles können – und sei's auch nur, um nach innen wie außen "gut dazustehen" –, mit ihm durchgegangen. Vielleicht war sein Vorschlag auch nur ein Faschingsscherz. Oder doch ironisch. In allen anderen als den beiden letztgenannten Fällen empfiehlt das Grünzeuch gute, medikamentös begleitete Therapie.

Kommentare:

U. hat gesagt…

Interessant, welche Kommentatoren der gute Springer-Verlag sich leistet...

Mal aus Spaß und Freude ein paar Zitate des guten Herrn Pipes:

"The increased stature, and affluence, and enfranchisement of American Muslims...will present true dangers to American Jews."

"The Palestinians are a miserable people...and they deserve to be."

"Western European societies are unprepared for the massive immigration of brown-skinned peoples cooking strange foods and maintaining different standards of hygiene...All immigrants bring exotic customs and attitudes, but Muslim customs are more troublesome than most."


Die Zitate sprechen da ja wohl für sich, da muss man kaum noch etwas zu sagen - oder?!


In den USA scheint der Mann jedenfalls eher berüchtigt denn berühmt zu sein, glaubt man den Google-Ergebnissen:
http://almusawwir.org/pipes.jpg (keine Bilder direkt im Kommentar, schade...)

U. hat gesagt…

Nachtrag:
Auch das BILDblog hat den Artikel gefunden:
http://www.bildblog.de/15836/ein-schlechter-clausewitz/

Efeu hat gesagt…

Oh, niedlich! Das passt ins Bild... alles.

elpollo hat gesagt…

eine interessante Meinung,
könnte aber vielleicht besser für sich behalten.

Aus einem Kommentar:

"§ 80a Aufstacheln zum Angriffskrieg:

Wer im räumlichen Geltungsbereich dieses Gesetzes öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) zum Angriffskrieg (§ 80) aufstachelt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft."

witzig was so alles verboten ist.

elpollo hat gesagt…

aufmerksame Leser haben vielleicht das Fehlen des Wortes man bemerkt.

noch eins gratis: man

Efeu hat gesagt…

Oh, wenn's "man"s gratis gibt, nehm ich noch mehr. :-)
Ja, das mit dem Straftatbestand hab ich auch in den Kommentaren da gelesen und hatte auch schon die Vermutung, dass es da was gibt. Vielleicht der Grund, warum der Artikel so schnell gelöscht wurde. ;-) Verboten ist fast alles außer Dummheit... Wobei der Mann neben anderen Dingen auch rassistisch ist, wenn ich das da oben nochmal so angucke.

io hat gesagt…

ich könnte übrigens mann gratis gebrauchen. gibts das auch irgendwo H?

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