Dienstag, 1. Dezember 2009

Von Minaretten und Menuetten

Von wegen neutral: Ich glaub, meine Grüße aus dem letzten (oder eher ersten... na, egal) Posting an die Schweizer muss ich zurücknehmen. Weltoffen? Tolerant? Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass es sich bei dem Vorurteil, dass die Alpenvölker alle stockkonservativ und außerdem sehr wunderlich seien, egal, was sie von sich selbst behaupten, gar nicht um ein Vor-Urteil handelt. Eher schon um ein Ver-Urteil. We are not amused.

Ein schillerndes Beispiel dafür, dass unser allgemeiner Schrei nach mehr Basisdemokratie mit Mitteln von Volksabstimmung, Volksentscheid & Co. ein Land auch fein in die gesellschaftliche Scheiße reiten kann, weil das Volk leider nicht immer mit Weisheit gesegnet ist, wenn nur die Werbestrategie und Polemik einer der aufrufenden Richtungen gut genug sind: 57,5 Prozent der Schweizer - na gut, Ehrenrettung: 57,5 Prozent von ca. 54 Prozent, die es interessiert hat - wollen keine Minarette in ihrem schönen Ländli und sind der Meinung, dass man dies auch schlichtweg verbieten kann. Mit Islamfeindlichkeit und Intoleranz hat das natürlich gar nix zu tun! Nein, nein! Das ist nur... das ist nur so halt. Wegen der Angst. Genau. Und weil es ja ein freies, offenes Land bleiben soll, und neutral obendrein. Dass das Ganze in sich absurd ist, zudem gegen europäische Rechtsstandards (hier von "Recht", nicht von "rechts") verstößt und auch nicht gerade ein gutes Lichtli auf die Schwyzer und den Geist, des' Kind sie zu sein scheinen, wirft, war wohl nachrangig. Fassungslos hofft die Verfasserin, dass die eine oder andere Verfassungsklage nachfassen und Erfolg haben wird. Nicht, weil hohe Türme baulich toll und Muezzinrufe sehr angenehm sind (könnte mir auch vorstellen, dass mancher da nur aus seiner persönlichen Genervtheit heraus abgestimmt hat - mich nervt Kirchglockengebimmel am frühen Sonntag auch). Sondern weil mit nichts zu rechtfertigen ist, aus kulturellen Gründen unter dem Deckmäntelchen reiner Bauvorschriften solche Doppelmoral zur Schau zu tragen.

Lustig auch, dass Umfragen im Vorfeld mal wieder versagt haben. Shame on the meinungsforschungsinstitute - or on the luegende when being asked. Nicht, dass korrekte Meinungsbilder im Vorfeld was geändert hätten. Oder doch? Die ewige Frage.

Während ich überlege, warum zum Geier eigentlich Schweizer Käse so lecker ist (boykottieren wäre einfach schwer), muss ich schmunzelnd an einen Bekannten denken, der gerne mal beim Reden "Minarett" mit "Menuett" verwechselt(e). Na gut, sowas ist normal. Ich kenn da auch eine gewisse, nicht uneloquente oder dumme Dame, die sich erst dank der Hilfestellung durch Verona Pooth, ehemalige Feldbusch, mit der Kurzform "Hallus" merken kann, dass es "Halluzinationen" und nicht "Hazulinationen" heißt. Also, für alle Unsicheren die Erklärung: "Menuett" war und ist Kultur, "Minarett" ist ab sofort offenbar keine mehr. Menuett: mit Vorbau, Minarett: mit Abbau. Nein, halt, das stimmt nicht. Abgebaut wird nix. Nur nicht neu gebaut. Angesichts der Tatsache, dass es in der Schweiz bisher gerade mal 4 Minarette gibt, belegt das wieder einmal die soziologisch hochinteressante, in Studien immer wieder gemachte Beobachtung, dass Fremdenskepsis oder gar -feindlichkeit immer dort am größten zu sein scheint, wo am wenigsten fremdkulturelle Anschauungsobjekte vorhanden sind, die es zu fürchten gäbe. Watt der Bauer nich kennt, det frisster nich.
Aber zurück zu den Menuetten. Eine Freundin bekam vor Jahren den Auftrag einer Tanzschule (Kultur!), für die historisch angelehnte Aufführung einer Jugendgruppe (Kultur!) Menuettkleider und -anzüge (Kultur, Kultur!) zu schneidern. Dies tat sie auch im Akkord. Vom Honorar wurden zur Hälfte juristische Fachbücher (ok, lassen wir als Kultur durchgehen) gekauft und zur Hälfte Spirituosen, Liköre und Sirups zwecks Grundstockbildung einer Hausbar (kein Kommentar). Selbst hatte ich nun als sekundäre Nutznießerin an netten Cocktail-mix-Abenden deutlich mehr von den Flaschen als von den Büchern, ob das Kultur hatte, sei nun dahingestellt. Fazit aber: Kultur entwickelt sich in jeder (Teil-)Gesellschaft erst auf- und dann stetig abwärts.

Doch der Kultur und der Besinnung auf alte Werte vor lauter Angst vor Unbekanntem kann, sogar mit Appell ans Hirn, aufgeholfen werden. Wer braucht Minarette und Menuette, wenn er auch 'ne Motette haben kann:

"Der Geist hilft unser Schwachheit auf, denn
wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebühret;
sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste
mit unaussprechlichem Seufzen.
Der aber die Herzen forschet, der weiß, was
des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen
nach dem, das Gott gefället.
Du heilige Brunst, süßer Trost,
Nun hilf uns, fröhlich und getrost
In deinem Dienst beständig bleiben,
Die Trübsal uns nicht abtreiben.
O Herr, durch dein Kraft uns bereit
Und stärk des Fleisches Blödigkeit,
Daß wir hie ritterlich ringen,
Durch Tod und Leben zu dir dringen.
Halleluja, halleluja."

(J. S. Bach: "Der Geist hilft unser Schwachheit auf", doppelchörige Motette, BWV 226 - falls der HU-Chor mal was Anderes singen will, als die armen Heiden immer zum Loben anzutreiben.)

Mir gefällt hier, der Bibel und dem ollen Luther sei's gedanket, vor allem die Textzeile "Und stärk des Fleisches Blödigkeit", na wenn das nicht unser Schwachheit aufhilft, mit oder ohne Geist. Und wehe, jetzt bimmelt 'ne Kirchenglocke.

Kommentare:

U. hat gesagt…

Soso, das Feu ist unter die Blogger/-innen gegangen. Und was das Feu macht, macht es richtig - und vor allem ausführlich. *grins*

Das Problem, dass gerade Gegenden mit wenigen zu Integrierenden ein gefühltes Integrationsproblem haben, betrifft ja nicht nur die Schweiz mit ihren vier Minaretten - wie viele Afrodeutsche in der durchschnittlichen sächsischen oder brandenburgischen Kleinstadt leben, sei auch mal dahingestellt...

Es stellt sich ja auch die Frage, ob als nächstes in der Türkei (als einem Beispiel für einen westlich-orientierten islamisch-geprägten Staat) der Bau von Kirchtürmen verboten wird. Die Angst hat übrigens sogar die CSU - die ja sonst nicht als die allerliberalste Partei verschrien ist.

Der genaue Gesetzestext ist übrigens deutlich kürzer und prägnanter als jede Motette: "Der Bau von Minaretten ist verboten." Da erkennt man mal, dass die Efeu'chen Blogbeiträge nicht nur lang sind, sondern auch deutlich überlegter als die Schweizer Gesetzestexte sind.

In diesem Sinne: Lieber Basisblogging als Basisdemokratie - Bloglesen ist immerhin nicht gesetzlich bindend. ;-)

Efeu hat gesagt…

Klar, v.a. sowas meinte ich, dass wir das Problem hier ja auch mit der durchschnittlichen Kleinstadt, leider vorrangig in Ostdeutschland haben, wo es zwei Türken, zwei Araber und einen Dunkelhäutigen gibt und vielleicht noch 'n Vietnamesen, und das dann alles ungeheuer bedrohlich wirkt.
=> Wenig Fremdenangst haben die Leute, wie Studien immer wieder ergeben, v.a. in den Gegenden, wo andere Kulturen ganz normal präsent sind und daher gar nich so als "fremd" empfunden werden. Ausnahme: Viertel mit starker "Ghetto"-Bildung (neudeutsch übrigens ohne H geschrieben! Grusel... da singt selbst Elvis Presleys bestes Double das Lied schief!), wo nur eine einzige Ethnie, Glaubensrichtung, Herkunft etc. als dominant auftritt und auch andere Landsleute sich nicht ansiedeln. Da ist ja dann auch Multikulti gescheitert, da das nicht Sinn der Sache ist.

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