Kunst ist lebendig! Und Kunst im öffentlichen Raum kann so hochwertig, weise, vielsagend, aktuell und interpretationsoffen sein!
Dabei muss nicht notwendigerweise alles Zeitgemäße nur per EDV und Nachbearbeitung erstellt sein. Die guten, alten, immergültigen und stets aktuellen, "echten" Lebensobjekte haben auch viel Potenzial. Speziell dann, wenn es sich um für jedermann frei zugängliche Werke handelt. Im Hier und Jetzt des Unmittelbaren, Direkten, Authentischen und in der Irritation durch scheinbare Brüche hierin entsteht ein Aussage-Sog unzählbarer Möglichkeiten.
Diese nur temporär erlebbare Installation eines/-r unbekannten Berliner Künstlers/-erin, verwirklicht im U-Bahnhof Mehringdamm, besticht durch die Veranschaulichung von Vergänglichkeit und Lebensessenz, auch im Gegenüberstellen der Materialien:
Der vielgenutzte Aha- oder auch Schock-Effekt entsteht hierbei durch das Fragezeichen über dem Kopf des Betrachters. Gleichsam fragend und aussagend, bildet dieser im Vorübergehen mit seiner direkten wie indirekten Interaktion mit dem Kunstwerk, manifest werdend in seinem Gesichtsausdruck und dem Wieder-Wirken und W
ider-Wirken dessen auf weitere Passanten, selbst einen Teil der Installation. In ständiger Veränderung begriffen und vergänglich, ist das Werk daher eine vielschichtige und für jeden frei bzw. für jeden auch anders erlebbare Aussage oder Frage über den aktuellen Stand unserer Gesellschaft.
Eine mögliche Interpretation, die sich versierten KunstkennerInnen der aktuellen Szene aufdrängt, ist sicher die folgende:
Die Artischocke, dem Bio-System entrissen, entwurzelt, weich, lebend, aber sterbend, zudem ebenso Bildnis einer gesundheitsbewussten wie auch im Überfluss lebenden Gesellschaft, steht im Kontrast zum zunächst ungesund und ma(e)ngelhaft anmutenden Umbruch von Gegenwart, profanem Alltag und Notwendigkeit - voller Chancen und Möglichkeiten, aber auch Gefahren, da soziale, wirtschaftliche und intellektuelle Krisen diese Gesellschaft nachhaltig zu erschüttern drohen. Der Abfallbehälter aus hartem, kaltem, glattem, glänzendem Metall, fix und fest, augenscheinlich unumstößlich und abweisend, symbolisiert die nur scheinbar anpassbaren, wahrlich aber starren Regeln und Gesetze von zivilisiertem Leben, aalglattem Markt, Barrieren und Konformität.
Im bewusst aus jedem Blickwinkel anders betrachtbaren Drapiertsein der Artischocke zeigt sich auch der Appell an das soziale Bewusstsein und an das Orientieren an menschlichen Werten in einer verunsicherten und krisengebeutelten Gemeinschaft:
Dem Ablegenden war das Gemüse für seinen Geschmack augenscheinlich schon zu ausgereift, womöglich auch zu vergammelt (das Wort "verdorben" ist hierbei möglicherweise auf seine Ambivalenz im Moloch Großstadt zu hinterfragen). Aber im armen Kreuzberger Untergrund wäre es, sagt das soziale Gewissen, denkbar, dass ein vorbeieilender Hungriger, der sich im Überlebenskampf befindet, noch Gefallen daran fände; weshalb sich das Teilobjekt auf und nicht im Abfallbehälter befindet. So könnte dieser Vorbeieilende das Werk verändern, indem er von der Frucht abbisse oder sie gänzlich an sich nähme. Denn was wegen einiger brauner Stellen für den intellektuellen, aufstrebenden Geschäftstreibenden oder Kunst-Bohémien zu schlecht ist, kann für den durchschnittlichen Berliner Abfallbegutachter doch allemal gut genug sein und Dankbarkeit hervorrufen. Falls nicht, könnte er das Objekt immer noch wütend und verächtlich und mit sozialem Stolz in den Behälter stoßen. Auch hier würde sich das Werk verändern. Es böte dann Raum für die nächste Stufe der Interaktion: nämlich mit den klassischen Mülleimerdurchwühlern. Ob diese allerdings, meist auf der Jagd nach wirklich Essbarem oder aber Pfandflaschen, unbedingt viel Nutzen ausgerechnet von einer überreifen Artischocke erhielten, würde sich nur letztlich klären oder aber noch besser zeigen, wenn man die Installation noch weiter abwandelte (zum Zeitpunkt, als die Fotografie entstand, hatte die Autorin leider keine tauglichen Abwandlungsobjekte zur Hand). Beispielsweise, indem man für den durchschnittlichen, hungrigen und frierenden Obdachlosen oder anderweitig Entwurzelten neben das Gemüse noch ein halbleeres Döschen Kaviar und eine angetrocknete Scheibe Lachs legte.