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Montag, 4. September 2017

Das große Gähnen

Der Politikverdrossenheit huldigt die Autorin normalerweise genauso wenig wie einer generellen Medienschelte. Nicht nur wegen unzulässiger Verallgemeinerungen: Begriffe wie "die Politiker" oder "die Medien" und auch das ganze "Die da oben verarschen uns doch alle nur und es ist eh alles dasselbe"-Gejammer fand sie schon immer Verblödungsbelege, die einer Sachdiskussion oder Ursachenforschung wenig dienlich waren. Denn damit macht man es sich meist zu einfach und hält sich nur vom differenzierten Denken ab, leugnet außerdem seine eigene Rolle und Verantwortung im Diskurs und in der Mediennutzung.
Gestern aber verspürte auch die Grünzeuch-Autorin es: dieses sogartige Gefühl von Nihilismus, Breitband-Resignation, Langeweile, Deprimiertheit und Mit-einer-Soße-übergossen-Werden. Die Soßengarnitur zum Einheitsbrei hat dann auch mal Medienschelte verdient. "Daten, Zahlen, Fakten": Zwei Kanzlerkandidierende, vier Fragende bzw. Moderierende, fünf live übertragende Sender, über 16 Millionen Zuschauende und null Spannung oder Substanz.
Das "TV-Duell" zur Bundestagswahl zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz war kein Duell. Es war unfassbar langweilig und punktlos. Da konnten "Statistiken" aus hektischen Telefon-Zuschauerbefragungen (verschiedene Auftraggeber, verschiedene Institute und Instrumente, verschiedene Ergebnisse – meist lag Merkel vorn) nur erstaunen: Wo sahen die befragten Leute denn da Unterschiede zwischen den beiden? Hatten sie womöglich eine ganz andere Sendung verfolgt? Lebe ich in einer anderen Realität? Beginnt bereits der Wahnsinn?
Lustig hätte es werden können mit einem Bingo-Spiel: Wer jedes Mal, wenn eine/r der beiden Kontrahenten, die keine waren, "Europa", "europäisch", "gemeinsam" oder "ich bin dankbar" sagte, einen Schnaps getrunken hätte, dem hätte sich vielleicht ein lustiger Abend geboten – und inhaltlich wäre ihm in dem Zustand auch nichts entgangen. Tanken beim Danken: Ich bin dankbar für Ihre Frage. Ich bin dankbar, dass ich das sagen kann. Ich bin dankbar, dass Sie das sagen. Prost.

Das Tragische daran ist, dass es nicht nur an den beiden Politpersönlichkeiten lag. Auch, aber eben nicht nur. Die Fragen waren teils so absurd populistisch oder im besten Falle schlicht, dabei aber zugleich so langweilig, unerhellend oder wenig hilfreiche Vorlagen gebend, die vier ProfilneurotikerInnen auf der Journalistenseite so unpointiert, einander ausstechen wollend und dabei doch unobjektiv (allen voran der rechtstendenziöse Strunz, der einfach nicht auf diesen Posten passte) und das Ablaufkonzept war so starr und leblos, dass man sich durchaus fragen muss:
1. Was um alles in der Welt sollte das bringen, und wem?
2. Wie spiegelte das denn das angeblich so große Zuschauerinteresse aller politischen Couleur?
3. Warum musste das vermeintlich seriöse gemeinsame Format von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern denn AfD-Wahlhilfe betreiben?
Denn so wirkte es streckenweise. Dieses Unwohlgefühl wurde immer stärker. Zuallererst und dann ewig lang, weit über ein Drittel der Sendezeit, wurde nur über Flüchtlinge und Zuwanderer gesprochen. Ja, das ist ein wichtiges Thema, aber doch nicht das oberwichtigste und einzige – dieser Auffassung sind wohl nur die Rechten unter den Nicht- oder Protestwählern. Die mögen sich bestätigt gefühlt und die Debatten trotzdem nicht verstanden haben. Zugunsten dieser Priorität fielen etliche wichtige Themen alltäglicher Lebensrealität ganz hinten runter. Eigene Schuld von Merkel und Schulz, findet hinterher Sandra Maischberger, denn die hätten ja kürzer antworten können. Nur, dass sie das niemand im Studio ließ; und die Rückfragen trotzdem weder zur Erhellung noch zur Präzision beitrugen. Menscheln durfte es dabei nicht (iih, das wäre ja spannend gewesen), außer bei den angenommenen Leuten da draußen, die alle natürlich wieder mal "besorgt" waren. Die AfD jubelt.
Sie kriegte auch gleich noch eine neue Antwort, was "deutsche Leitkultur" ist: Geld und Nutzen und ein klares Gut/Böse-Schema. Denn ultrakurz wurde dann noch schnell abgefragt, ob man Homosexuelle wirklich okay findet, ob Trump und Kim und Erdogan ganz doll viel sehr böse sind, ob Familien mehr Geld bekommen, ob man bis "alt" oder bis "sehr alt" arbeiten muss und ob beide mal in der Kirche waren. Mir fehlen die Worte.

Zum Ausgleich gab es danach querbeet auf allen Sendern tiefgreifende Analysen über Überzeugungswerte. So etwa in der ARD-Talkrunde von Anne Will, in der aus völlig unnachvollziehbaren Gründen auch Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas Gottschalk saßen. Was sollte das? Was sollten die dort? Wer hatte etwas davon? Wo war da der Analyse- oder Identifizierungs-Mehrwert? Ach so, ja, klar, Gottschalk ist einfach nur ein unentschlossener Wähler. Hat sich auch in der Vergangenheit sehr als unvoreingenommen gezeigt. Sicher sehr exemplarisch für viele da draußen im Land, quasi repräsentativ. Denn die Deutschen sind ja ein Volk von lauter millionenschweren, berühmten Medienprofis, die den größten Teil der Zeit in den USA leben. Wenn das nicht zu Repräsentanz und Expertise qualifiziert!

Der Verdacht von großangelegter Satire drängt sich auf. Allerdings war es dazu zu wenig unterhaltsam.
Setzen. Sechs.

Montag, 28. August 2017

Socken rocken

Musikalisch stand Rudi Carrell Pate. Da stöhnen sie wieder alle und jammern: "Wann wird es mal wieder richtig Sommer?". Nur, weil es manchmal ein bisschen wechselhaft und Berlin entweder düster oder eine Dampfsauna war. Heulsusen! Einige sind da aber auch stur: "Wenn es eigentlich zu kalt is', trag' ich eben trotzdem Sommersachen und modifizier' sie etwas." Das Klischee lebt: Für eine solche Trotz-Garderobe wird man vermutlich nur in Deutschland (und hier am besten in der Hauptstadt der bizarr Gekleideten) fündig.
Kein Tourist (es fehlt die Jack-Wolfskin-Jacke).
Ein Berliner auf dem Weg zur Arbeit.
Feinster Businesslook in der S-Bahn.


Berlin kennt sich mit Mode eben aus.

Vielleicht sollte man bei der Musik eher Ina Müller heranziehen. Der kann man für ihren legendären Songtextreim "Nordrhein-Westfalen in Sommersandalen" ("Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei / dann tragen sie Socken / bis Ende Mai") stolz entgegenschmettern: Sch*** auf NRW und auch auf Schleswig-Holstein und Hamburg: In Berlin leben die totalen Styler, hier tragen sie immer Socken, auch zu Sommersandalen!

Samstag, 26. August 2017

Zitat der Woche (39)

Aus dem Tonfall eines Dreijährigen, der die Frage beantwortet, ob er außer seinen beiden Lieblings-Freundinnen in der Kita noch andere Freunde habe, vielleicht auch Jungs, klingt neben Nachdruck auch deutliche Besorgnis:
"Ja, aber ich muss doch auch für später eine Frau finden!!"

Freitag, 25. August 2017

Rauch kann ich auch

In einer Stadt wie Berlin gibt es nichts, was es nicht gibt. Selber brauen, selber nähen, selber fotografieren, selber alles, aber bitte immer mit fachlicher Anleitung und zertifiziert! Den Trend zum identitätsstiftenden, kreativen, pseudo-ökologischen, back-to-the-roots-mäßigen, hipstertauglichen, Hobbies-machen-glücklich-schreienden, "handgemacht ist immer qualitativ besser"-Grundsatz-gläubigen Selbstverwirklichungs-Workshop hat nun auch die Quarzerei-Branche erkannt. Ob "Namen sind Schall und Rauch" oder "Hans Dampf in allen Gassen", es geht um Expertenstandard und Fachwissen. Trotz High Tech und trotz strengerer Nichtraucherschutzgesetze: Nach Craft Beer kommen jetzt Craft Cigarettes! Und das ausgerechnet in einem Laden für E-Zigaretten:
Selbstwickel-Kurs: gesehen im Neuköllner Kindl-Boulevard
Beim "Selbstwickel-Kurs" geht es mutmaßlich nicht um Babies. Aber wer weiß.

Gewusst wie! Da nicht jeder alles weiß und manches wohl nicht (mehr) intuitiv zu sein scheint, sondern von Profis beigebracht werden und mit Zeitaufwand erlernt werden will, muss es Anleitungen für alles geben – ob auf Youtube oder in dem, was manche "das echte Leben" nennen.
Demnächst an einer Universität, Fachhochschule, Volkshochschule oder sonstigen Bildungseinrichtung Ihrer Wahl: "Einführung in die Rauchwissenschaft I: Zigaretten selbst wickeln – Geschichte, Theorie, Materialentwicklung, heutige Lebenspraxis und Forschungsstand". Tutorien und Praxisseminare sind in Planung. In einem dritten Modul gibt es dann: "Rauchen ja, aber bitte mit Öko-Siegel!", für das allerdings keine Leistungsnachweise angeboten werden. Und berufsbegleitend kann man (dank VHS und dank freikirchlichgeistiger Gurus wie dem vom oben abgebildeten Handel unterstützten) natürlich auch noch in höherem Alter einsteigen. Wenn die Lunge danach verlangt. Und man sonst kein Hobby hat.

Freitag, 16. Juni 2017

Müll, Geröll, Gebell

Es ist nicht neu: Berlin ist nicht nur cool, Berlin ist auch schmutzig. Hundekot, Abfall, Sperrmüll und Schmutz beschämen oft das Stadtbild, beißen sich mit den Hochglanzprojekten und Schnöselarealen, verderben so manchem die Freude an der bunten Metropole. Dreck, Essensreste, Fallengelassenes, Einweggeschirr, alte Möbel, ausrangierte Technik & Co. finden sich an Straßen, in Parks, an Seen. Nichts scheint gegen illegalen Sperrmüll zu helfen, auch nicht gegen Party-People-Hinterlassenschaften. Irgendwie meint man, andere Großstädte bekämen das besser hin, hätten die besseren Maßnahmen, die besseren Tierhalter, die besseren Bewohner, die besseren Besucher. Und das gilt in den Stadtrandbezirken teils ebenso wie in der von "Durchgangsverkehr" gebeutelten Innenstadt.

Wenn das Maß voll ist:
gewissenhafter Müllabwurf
 in Griffweite des überquellenden Eimers
gestapelt, beim KdK, Pfingsten 2017.
Gegenmaßnahmen? Die Stadtreinigung BSR, dank gewiefter Werbeagentur Meisterin der lustigen Wortspiele, stellt bei ihrer Aktion "Kehrenbürger" sogenannte "Kehrpakete" zur Verfügung (Warnwesten, Besen, Greifzangen, Handschuhe und Mülltüten) und entsorgt später die Sammlungen, wenn Hobbyschwaben und Schöner-Wohnen-Sehnsüchtler mit Kind und Kegel ihren Kiez selbst säubern wollen. Um Ökologie geht es dabei nicht, nur um Wegräumen. Gegen Wauwaus Kacke wurde letzten Sommer im Berliner Hundegesetz eine Beutelpflicht eingeführt, die mit Bußgeld droht, aber nicht greift: Solange nicht kontrolliert wird, das Personal fehlt, wirkt sich das Beutel-mitführen-Müssen ebensowenig aus wie das Kot-beseitigen-Müssen, auf dessen Missachtung es schon lange Bußgelder gibt. Und Müllabwurf-Rekordhalter Neukölln listet, beinahe prahlerisch, seine "15 Hotspots der Vermüllung" (sollen es Tipps sein? Oder Stationen zum Sightseeing?) als Galerie der größten Gemeinheiten: Gut die Hälfte der per App gemeldeten Ordnungswidrigkeiten im Bezirk seien illegale öffentliche Müllvergehen, so Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), und oft handele es sich um den "Hausrat von Menschen, die in Berlin nur auf der Durchreise sind". Da lacht das berlinische Herz: Also wir sind dett ja nich, dett sind ümma die anderen, die blöden Touris und so, siehste. Nur doof, dass weder Fahndungen noch Patrouillen noch höhere Bußgelder noch Imagekampagnen das Bewusstsein ändern. Ob es hilft, sich den Dreck auf der IGA mit einer "begehbaren Müllskulptur" zu euphemisieren? Oder sich spießbürgerlich zu echauffieren?

Schön zu wissen allerdings ist: Zumindest auf einem der größten regelmäßigen Müll bzw. Wegwerfgeschirr produzierenden Events, dem Karneval der Kulturen, herrscht Plan im Chaos und eine gewisse Gewissenhaftigkeit bei manchen, wie das obige Rückblickfoto belegt. Kreuzberg weiß eben noch, wie man ökologisch nachhaltig Müll produziert und entsorgt – und den Reinigungskräften wenigstens die Arbeit erleichtert, wenn schon der Eimer belegt (oder das Fass zum Überlaufen voll) ist. Hach! Die Welt ist gut!

Mittwoch, 14. Juni 2017

Tunnelblick (16): Elsa, Belle, Arielle, Aladdin, Simba und die anderen

Der trotz Gentrifizierung immer abgeranzter werdende Hermannplatz ist immer wieder für eine Überraschung gut. Aus den Absurditäten des dortigen Mikrokosmos' ober- und vor allem unterirdisch mit seinen aufeinanderprallenden Gegensätzen sei exemplarisch und sehr anschaulich machend folgendes Setting herausgegriffen:

Auf dem U-Bahn-Steig ganz unten, bei der U7, stinkt und klebt es wieder, wie immer. Außerdem schieben sich die zwischen U8 und U7 umsteigenden Menschenmassen teils genervt und hektisch gegeneinander, wie immer. Sie drängeln sich an, in und um viel zu volle Bahnen bei viel zu hoher Temperatur. Gibt es dort eine Menschentraube, ist sonst meist eine Schlägerei oder Gepöbel der Hintergrund; manchmal auch das allseitige Einen-Bogen-Machen um olfaktorisch belastende Verwahrloste; seltenst aber eine der etlichen Musikdarbietungen, die in Bahnen, auf Bahnhöfen und auf Straßen Berlins normalerweise längst keinen Hektiker mehr hinter dem Ofen (oder im Sommer: hinter dem Freibad) hervorlocken.
Anders ist es allerdings, wenn ein schlanker Jüngling, die Klavierbegleitung aus der Konserve neben sich aufgebaut, auf seiner Querflöte(!) extrem hingebungsvoll und herzerweichend Disneys diverse Filmballaden spielt. Die kennen sie alle: die Alten und die Jungen, die Männer und die Frauen, die Hipster und die Coolen, die Geschäftigen und die Arbeitslosen, die alteingesessenen Neuköllner Prolls oder türkischen Mamis und die zugezogenen Studierenden, Kreativen, Geschäftsleute, die Flüchtlinge und die Sozialarbeiter, die Verzweifelten und die Hoffnungsvollen. Da stehen sie alle dicht gedrängt und mauloffen, atmen tief, auch wenn es stinkt, lächeln verklärt, andächtig, summen teils mit: A Whole New World. Geld gibt natürlich keiner, denn hier hat ja keiner welches, aber es gibt tatsächlich Szenenapplaus. Und die lang ersehnte, weil mehrfach ausgefallene, endlich einfahrende U-Bahn wird von vielen ausgelassen und die nächste genommen. Ist ja eh rappelvoll. Und die Musik grad so schön entrückt. Die stressige Realität kann noch einen Song lang warten.

Samstag, 31. Dezember 2016

Bilanz, Popanz und null Substanz

Es hätten sich für die Überschrift noch andere inhaltlich wunderbar passende Bilanzreime gefunden. Trauerkranz zum Beispiel. Oder Resonanz, Ignoranz und Toleranz. Oder Eiertanz. Welcher dann nicht nur die Neujahrsansprache von Angela Merkel meint – auf die die ARD die geforderten gemeinsamen Werte der Deutschen auf dem Fuße folgen lässt: in Form eines "Silvesterstadls". Wahrscheinlich ist das Worst-case-Szenario, das Grauen des Bösen für 2017, noch nicht düster genug skizziert, wahrscheinlich heißt die nächste Bundeskanzlerin nicht Frauke Petry, sondern Helene Fischer, und nächster Außenminister ist Jörg Palaver Pilawa. Die Massenmedien jubeln, endlich wieder Niveau.

Schweigen im Walde hier, sehr lange, wie wahr! Warum?

Was soll man schreiben – erst recht in einem privaten Hobby-Spaß-Blog –, wenn eigentlich "Schluss mit lustig" (und zwar nicht nur mit Peter) ist? Wenn es einem unpassend vorkommt, das Große auszublenden und weiter nur das Kleine aufzuspießen, während aber genau dies nur alles sein kann, was in diesem Rahmen zu leisten und passend ist, woran man nicht scheitert; und wenn es einem zugleich aber ebenso unpassend, weil unzulänglich, vorkommt, stattdessen das Große einzubinden und zu verwenden?
Oder anders formuliert: Was soll in einem den Rahmen nicht sprengenden Stil geschrieben werden, das nicht trivial ist, wenn a) die politische, gesellschaftliche, aber auch mediale Dummheit weltweit zunimmt und b) dazu eigentlich schon an vielen Stellen viel (oder gar zu viel, oder gar alles, in irgendeiner Form, irgendwo) geschrieben wurde?

Das waren durchaus Fragen, die sich das Grünzeuch 2016 stellte. Und das waren auch einige Gründe, warum hier nicht wirklich was kam. Das Jahr frustete, schockte, erstaunte, panikte, dummelte, betäubte, nervte, überforderte, langweilte, ekelte, machte sich lächerlich, wurde gefährlich, wurde übertrieben, litt an Hysterie, löste nichts, warf alles auf, ärgerte, ängstigte, amüsierte mit bitterem Beigeschmack, machte medien- und menschenmüde, war für ein Mini-Blog zu viel und doch zu wenig.

Da befindet sich die halbe Welt im Elend und Hunger, ein Großteil davon auch in Angst und Schrecken, Terror, in Regimekonflikten und Unsicherheit; im Bürger-, Banden-, Barrikaden-, sonstigen Binnen- oder gar im offiziellen und internationalen Krieg. Und die andere Hälfte der Welt hat darauf nicht nur keine Antworten, sondern auch keine Fragen. Hat kein Interesse dafür, will, dass es sie einfach nichts angeht. Diese andere halbe Welt hat vor nichts so sehr Angst wie davor, dass Menschen der ersten Hälfte vor obigen Umständen fliehen und zu ihr kommen. Denn das könnte sich in irgendeiner Form ja auf sie auswirken (sic!), sodass sie sich selbst deshalb etwas umstellen oder sich einfach auch mal mit jener Hälfte der Welt auseinandersetzen, diese und deren Probleme einfach sehen müsste (statt nur Castingshows, Fußball und Werbeclips sowie das Etikett der Bierflasche vor der Nase). Vorgeschoben bei der Angst, dann selbst künftig zu kurz zu kommen und plattgetrampelt zu werden (unberechtigt), auch bei der Angst, sich mit einer sich ändernden Gesellschaft und eventuell auch Wohlstandslage arrangieren zu müssen (womöglich berechtigt, aber global unausweichlich), und bei der Angst vor dem Betrachten – was gefühlt einem Selber-haben-Müssen gleichzukommen scheint – einer anderen Alltagskultur und Optik (uhhh, da sind Menschen mit dunkler Haut! Und ein Kopftuch! Gruselgrusel!! Es möge sich jeder selbst ein Bild machen, wie berechtigt – und wie neu – diese Angst ist...), vorgeschoben bei all dieser Angst vor allem und allen also wird dann der kleine, in der Tat gefährliche Prozentsatz von Kriminellen, Psychopathen, Gestörten, Menschenfeinden, Radikalen, Gewaltbereiten, organisierten Terroristen und allgemein Explosiven und Bedrohlichen, der auch ohne "die Flüchtlingskrise" (was ist da eigentlich die Krise? Der Flüchtling oder seine Flucht oder sein Geflohen-und-hier-Sein oder das, dem er ausgesetzt war oder nun ist, oder oder oder ...? Sind die Flüchtlinge eine Krise oder sind sie in der Krise?) im Land gewesen oder ins Land gekommen wäre, wenn er gewollt hätte: Wo ein Wille ist, ist ein Weg; und wo einer gut vernetzt und kriminell ist und will, ist einer weg. Dass Nicht-Asyl keine Anschläge verhindert, hat sich immer wieder schrecklich belegt, gerade auch dieses Jahr. Aber was sich prima zusammenwerfen lässt, passt sich schon irgendwie ineinander. Et voilà, juhu, da waren sie, diejenigen, die 2016 ebenso dominierten:

Huiiii, schwupps, da waren und sind die Demagogen und Diffamierer, die Rechten und Schlechten, die Populisten und Opportunisten, die Stammtischler und Wegwischler. Da kriechen AfD, FPÖ, SVP, PVV, Lega Nord, UKIP, Front National & Co. einmal mehr aus den Löchern und vorwärts (Polen, Ungarn & Co. braucht man schon nicht mehr als neu zu erwähnen). Passend fügen sich in dieses Portfolio auch alle Irrungen und Wirrungen von Brexit bis Donald Trump (der personifizierte Antipolitiker im Kampf gegen das Polit-Establishment und die Polit-Elite: welch Treppenwitz der Geschichte, immerhin ist er Establishment und Elite in Personifizierung, qua Finanzen zwar, jedoch ...). Da kommt das "Postfaktische" (völlig zu Recht das Wort des Jahres) zur "Emotionalisierung der Politik", dazu gesellen sich das "gefühlte Wissen", die "ernst zu nehmenden Sorgen", das Ausspielen verschiedener Gruppen von Schwachen und Verlierern gegeneinander und noch ein paar andere Erklärungen der folgenden, eigentlich ganz simplen Entwicklung: In einer Phase des (anscheinend) weltweiten Umbruchsszenarios reagieren viele Menschen mit Aggression, Hysterie, Zusammenrotten in Wir-Kontexten und Radfahrerprinzip, vor allem aber mit Selbst- und Fremdverdummung. Diese Verdummung schreien sie dann aber dafür, um sich ihrer Sache selbst sicherer zu sein und sich weniger blöd zu fühlen, möglichst laut und aggressiv hinaus. Und für die komplexbeladene Selbsterhöhung ist es dabei auch wichtig, sich einer Verschwörungstheorie von ominöser Unterdrückung durch herrschende Eliten zu versichern und, ganz wichtig, bei all der Paranoia auch noch ständig zu spötteln über vermeintlich viel Dümmere, die natürlich alles verantworten mit ihrer Dummheit: Wichtig ist das Spotten über und Fingerzeigen auf naive "Gutmenschen" – nein, halt, wichtiges Attribut, unbedingt immer in dieser festen Fügung verwenden: "linksgrünversiffte Gutmenschen"! Sonst ist es nicht komplett! – als verblendete Wirklichkeitsverweigerer und die wahren Doofen. Denn doof ist, wer ein guter Mensch ist. All dies am besten im Internet. Da fürchtet, hasst, spottet, entwertet, entmenschlicht, verallgemeinert, feindbildet, paranoiat und panikt es sich so richtig schön ungeniert.

Wichtig auch: Natürlich wurde an allen Ecken und Enden sabbernd mit auf den Zug gesprungen, weil vom großen Populismuskuchen und dem Geschäft mit der Angst auch die kleinste Kuchengabel was abhaben will. So überholt hierzulande die CSU fast die AfD auf der rechten Spur, aber blinkt dabei wenigstens heftig. Sie meint, damit den guten, aufrechten, moralisch integeren Deutschen – naja, gut: Bayern – in ein(em) Sicherheitsgefühl über die Flüchtlingskrise zu retten. Und nein, es ist nicht nur der Seehofer, a Depp, a g'scheiter. Sein ganzes Gefolge. "Und wenn du denkst, es geht nicht blöder, kommt ein Tweet von Markus Söder" [u. a. Urban Priol, 20.12.2016, der wunderbare Spruch grassierte aber schon seit 2015 im Internet]. Und natürlich zieht sich das aus der rechten Ecke hinaus; bis in die SPD und Linke hinein. Nicht, dass womöglich von den Krümeln ein anderer fett wird! Auch wenn der Kuchen noch so oll und schimmelig war.

Ausgehend von der Theorie vom "Oberbösewicht im Wandschrank", den man laut Kabarettist Volker Pispers jederzeit bereithalten sollte, um sein Tun zu rechtfertigen, zu kanalisieren und zu erklären, wusste man aber nun 2016 auch wahrlich nicht, wo man hinschauen sollte! Dieses Dilemma ist durchaus zu beklagen und anzurechnen. Jenseits von Attentätern, Terrornetzwerke(r)n, Anführern, Youtube-Hetzern, aber eben auch von Kim Jong-il, Viktor Orbán, Baschar al-Assad, Wladimir Putin, Donald Trump oder wie der persönliche jeweilige Bösewichtliebling individuell heißen mag, gab es hierfür ja zum Beispiel auch noch eine Türkei, die sich schockwandelte, weil Sultan Erdogan jenseits von Satire-Prozessen und -Krisen nach dem Putschversuch (ein Schuft, wer Böses dabei denkt) sein wahres Gesicht immer mehr zeigte, nach innen wie außen. Seltsam, dabei passt der damit doch eigentlich ganz gut in die derzeitige "westliche Welt". Bei dem, was in Deutschland und Europa (sowie auch den USA) momentan so allgemein, öffentlich, privat, politisch, diplomatisch und undiplomatisch dahergelabert wird, kann man die Türkei – gerade jetzt – eigentlich getrost in die EU aufnehmen. Und immerhin: Die sorgen für ihre vielen Flüchtlinge. Und nicht einmal schlecht, behaupten manche.

Und: "Es gab so viele Tote." Das war wohl in der öffentlichen Wahrnehmung das Jahr 2016. Ja, ja.
Gemeint sind damit aber irritierenderweise oft nicht die Hirntoten am rechten Rand.
Auch nur zum Teil die vielen anonymen oder privaten Toten in Massen. Das große Thema "Der Tod lauert im Mittelmeer", gerne betrachtet unter dem Stichwort "Schlauchboot", wurde nicht plötzlich ab Spätsommer 2015 inaktuell, nur weil Ungarn, Bulgarien, Spanien etc. Zäune hochzogen, EU-interne Grenzkontrollen losgingen, Beatrix von Storch notfalls mit ihrer Maus auf Flüchtlinge schießen wollte und es den Rückhalte-Deal der Bundesrepublik mit der Türkei gab. Es tönte nur leiser. Aber: aus den Augen, aus dem Sinn.
Auch nur am Rande passten da die Toten durch Terroranschläge immerhin ins Betroffenheits- und Bewegtheitsbild. (Angemessene Trauer allerdings zeichnete sich in der sofortigen Nutzbarmachung dieser Toten aus der populistischen Ecke nicht ab.)
Nein, all das ist meist nicht gemeint. Lieber sabberten beim Thema "viele Tote" die Verschwörungstheoretiker über das schlechte Karma des Jahres, das sich an viel zu vielen toten Prominenten zeige, die jung, unerwartet oder alt gestorben seien: Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, andere Kulturschaffende, Sportler, Wissenschaftler, Zeitzeugen, Könige, Politiker (darunter die halbe FDP), Fernsehleute, Ikonen etc. Ach so. Ja, das ist wichtig. Und natürlich an der Fußball-EM, da zeigte es sich auch. Alles schiefgelaufen und alles Schiebung. (Vermutlich, weil Boateng einen Nachbarn verschreckt hat.) Schiebung natürlich war nicht das, was währenddessen auf der Polit- und Weltbühne unbehelligt weiterlief. Oder was derweil mit den Freihandelsabkommen wurde und wird. Zum Glück gab es wenigstens auch noch Olympia. Hach. Die Welt dehnt sich sehr an ihren Fugen. (Ehe es untergeht: Ja, auch ich finde es tragisch, dass manche Größen gestorben sind, teils Persönlichkeiten, die eine Ära geprägt haben. Aber das eine gegen das andere aufwiegen? Und das Prominente dann wichtiger finden als das Allgegenwärtige? Und je massenprominenter die Einzelnen, desto stärker der "2016 kriegt sie alle!"-Hype.)

Aber nu isses ja vorbei. Kann also weitergehen.
Kommt gut in die Zukunft!

Ach ja, richtig, verdammt, nicht nachgedacht: Hier fehlen noch die Schlagworte Terrorismus, Islamismus, Anschlag/Anschläge, Bomben, Selbstmordattentat, Muslime, Moslems, Scharia, Syrien/Syrer, Asylbewerber, Extremismus, IS, Milizen, Gewalt, Lügenpresse, Regierungsmedien, Systemmedien, regimetreu, Mehrheit, besorgte Bürger, Kanzlerin, Kultur, anpassen, integrieren, Gesetze, Gewalt, Köln und Silvesternacht, damit das hier dann irgend jemand bei Google findet und womöglich liest. Prost.

Montag, 4. Januar 2016

Mond- und Bauchlandungen

Zum Themenkomplex "Knaller, Knüller, Raketenstarts, Fehlstarts und zwiespältige Botschaften" soll kurz nach Silvester noch dieser etwas irritierende Schnappschuss veröffentlicht werden:
Friedrichshainer Zwerge - Revaler Straße - Apollo 11
Ein Kunstwerk mit dem Titel: "Alles Scheiße, deine Elli"?
Jedenfalls heißt weder der Erschaffer dieser Plastiken noch deren Fotograf Pim(m) Rakete
Das sind doch …!? Aua-aua, ist denn dies der richtige Rahmen, Moment und Ort für derlei Abgeschmacktheiten? Wer weiß. Doch darum geht es gar nicht. Denn hier verbirgt sich tatsächlich ein pädagogisches Konzept zur Frühförderung von Technik-, Fortschritts-, Geschichts- und Wissenschaftsinteresse, bildender Kunst und größtmöglichem Individualismus im engen Rahmen des ganz fest Vorgegebenen:

Wer sich vom ersten gemächtigen Schock erholt hat (oder fertig ist mit dem Schwadronieren über den emotionalen Ausdruck "naiver Kunst"), der wird vielleicht eine Auflösung des Eine-Augenbraue-hochzieh-Rätsels, was hier dargestellt sein mag, haben wollen. Ein Rest von Irritation wird dann allerdings trotzdem bleiben; erst recht mit der Information, dass es sich bei dem Friedrichshainer Schaufenster um das eines Kindergartens bzw. einer Kindertagesstätte handelt. Doch gilt auch hier, wie so oft: Ein Schuft, wer Böses dabei denkt! Das heißt: nur die oder der Betrachtende mit den abgründigen Ideen im Kopf, keinesfalls hingegen eines der süßen, kreativen Kleinen oder aber die verantwortliche, heimtückische Erziehungsfachkraft vor Ort (oder gar die Bloggerin). Ein Schuft übrigens auch, wer hier Ursache und Wirkung vertauscht. Also:

Friedrichshainer Zwerge - Revaler Straße - Apollo 11-2
In Reih und, äh, Glied: faszinierende, zum interpretatorischen Abschuss freigegebene Werke
des Friedrichshainer Nachwuchses zum Thema "bemannte Raumfahrt".
Und ehe es Richtigstellungs-Anstürme empörter Eltern gibt: Die "Apollo 11"-Fotos sind vom letzten Jahr. Aber sie passten so gut zum Thema Jahreswende. Immer diese manipulativen Medien, schlimm, schlimm.

Freitag, 1. Januar 2016

Der Himmel über Berlin II

Neujahrsvorsatz: Grünzeuch-Blog wiederbeleben. Na dann! Frau kann ja nicht alles von dem Kram immer ignorieren. Und besser bloggen als abnehmen, reich werden, die Welt retten und all die üblichen, ähnlich schnell umsetzbaren Dinge – wenigstens lässt sich Bloggen sofort zum Jahresbeginn abhaken.

Nicht immer sind Himmelsbilder a) astronomisch, b) astrologisch oder c) kitschig. Manchmal sind sie stattdessen auch einfach erschreckend – und das in Berlin sogar ganz ohne Terrorwarnung und dank absolut nicht unbekannter Flugobjekte:
Silvesternacht 0.30 Uhr Kreuzberg aus dem 3. OG fotografiert
Dicke Luft: Kreuzberg 61 versinkt im Nebel.
Hier sind die dichten Schwaden über dem Viktoriapark noch Böller,
nicht wie am nächsten Morgen "echtes Wetter".
Wie schön! Wie poetisch! Wie aussagestark! Immer wieder traumhaft, berückend und berührend, wie alle sich den Rest des Jahres um Frieden und Finanzen Sorgen machen, um dann zu Silvester richtig begeistert Krieg zu spielen und dafür je ein Monatsgehalt sowie in manchen Fällen auch Autos, Wohnungen, Trommelfelle und Finger in die Luft zu jagen.

Folgerichtig taucht der Neujahrstag nun in passender Witterung ab. Nachdem die letzten Wochen des alten Jahres noch gruselig frühlingshaft anmuteten, Blüten sprossen, Bienen schlüpften, Hipster vor den Bars draußen saßen und all dies den letzten Skeptiker vom Klimawandel überzeugte, sind nun punktgenau Schneeregen, Kälte und ja, inzwischen auch wahrhaftiger, richtiger Nebel über Berlin hereingebrochen. Hoffentlich kein schlechtes Omen, auch wenn sich heute manch einer benebelt fühlen mag.

Allen LeserInnen ein gesundes, knallermäßiges, raketenstartiges, angstfreies und gar nicht nebulöses 2016!
Viel Glück – und das sogar null ironisch! (Foto: kaleen/pixabay)

Dienstag, 17. Februar 2015

Zitat der Woche (37)

Unbedingt nachzureichen ist noch das Zitat der letzten Woche: Eine junge Japanerin erläutert ihre Pläne, die Berliner Lindy-Hop-Tanzszene gründlich kennenzulernen, zu kopieren und das Swing-Revival nach Osaka zu exportieren. Ihr kommen Bedenken:
"But I think it will be difficult. I think that Japanese society is very narrow-minded. Sometimes I want to throw an atom bomb!"

Mittwoch, 4. Februar 2015

Tannsoldaten – in Reih' und Schiet

Schenkendorfstrasse Tannenbaeume mit Hundescheisse
Kreuzberg, Schenkendorfstraße, Ende Januar 2015.
Der monströse, schmierige Hundehaufen, der ebenso
ordentlich unter dem ersten Baum abgelegt war,
wurde aus ästhetischen Gründen abgeschnitten.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie welk sind deine Blätter!
Du hältst nicht bis zur Sommerzeit,
Auch nicht im Winter, unverschneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie welk sind deine Blätter.

O Tannenbaum, o Tannebaum,
wie tief bist du gefallen!
Wie kurz darfst du zur Weihnachtszeit
entwurzelt leben, wie's uns freut!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie tief bist du gefallen.

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Leid will mich was lehren:
Nicht Umwelt und Beständigkeit,
nein, Schmuck und Kurzweil, dann wirf's weit!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Leid will mich was lehren.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Und sonst so? – Muss ja.

Kleinste gemeinsame Nenner sind wichtig; nicht nur in der Algebra, sondern auch im menschlichen Miteinander. Darum ist es (an alle Dr. Dr. Sheldon Coopers: nota bene!) gesellschaftlicher Konsens, wenn einem entweder sonst nichts einfällt oder aber alle anderen Themen vermintes Gebiet sind, dann über das Wetter zu reden.

In Deutschland hat sich bei diesem Reden das Motzen als grundlegender Ansatz etabliert. Welches Wetter das Werturteil "schön/gut" erhält und welches "eklig/schlecht", ist dabei ganz klar geregelt. Ungeschriebenes Gesetz: Sonne und Wärme supi, alles andere iiiihdoofblöd.
Niemand denkt dabei an die armen Allergiegeplagten, die im Frühling gar nicht solche große Freude haben, und an die hitzeempfindlichen Kreislaufschwachen, die den Sommer fürchten. Aber abgesehen von dieser Randnotiz lauert hier eine gesamtgesellschaftliche Falle: So wird das Smalltalken in der wärmeren Jahreszeit grundlegend erschwert! Denn wenn man nicht motzen kann, wozu dann ein Gespräch? Es sei denn, die Sprechenden einigen sich nonverbal, dass in diesem Ausnahmefall das Reden übers Wetter auch ohne Motzen statthaft ist, ehe man vereinsamt und mitten in der sonneseligen Supi-Zeit plötzlich vereinsamt und womöglich depressiv wird. Dann ist Loben möglich – aber sehr schnell aufgebraucht. Blumige Sprache erreicht beim Loben schneller ihre zeitgenössischen Grenzen als beim Motzen. Dann ist das Gespräch schnell zu Ende. In manchen Fällen hat das seine Vorteile.

So oder so: Freut euch des aktuellen Wetters! Nutzt es, um nach langer Zeit einmal wieder ausgiebig und sinnlos Kommunikation zu treiben! Wichtig: Sprecht dabei gegenüber dem neu entdeckten Wesen, diesem sogenannten Mitmenschen, unbedingt auch an, dass es ja nun wirklich lange genug kalt und bäh war und endlich, endlich, endlich wieder warm werden muss. Dass es erst Mitte Januar und dafür viel zu warm ist und dass bis auf eine Woche richtigen Frosts von "Winter" diesmal eigentlich keine Rede sein kann, dürft ihr keinesfalls erwähnen. Und zwar nicht nur gegenüber Klimakatastrophe-Befürchtenden und anderen vermeintlich viel zu Grünen. Sondern das ist ein schlimmer Verrat an gemeinsamen Werten. Und zwar ein schlimmerer, als sich zum Beispiel zusammenzurotten und irrwitzige "Ich habe nix gegen Ausländer und ich bin auch nicht rassistisch, aber"-Sätze zu sabbern. Muss deshalb auch unbedingt bekämpft werden, dieser Verrat. Statt "Je suis Charlie" mal "Je suis l'eté"!

Dienstag, 6. Januar 2015

Zitat der Woche (34)

In einem Lokal im Kreuzberger Bergmannstraßenkiez plappern zwei Hipstertussis, wie sie dort in der unfreien Wildbahn immer gehäufter vorkommen und sie verderben, über den Beziehungsstatus der einen. Diese erklärt präzise:
"Ich hab grad mega dis komische Gefühl. Davor war ich ja emotional noch voll low und so."

Donnerstag, 1. Januar 2015

08/15 für 2015

Neues Jahr, neues Stück: Einer der jahreszeittypischen "guten Vorsätze" lautet, das Grünzeuch-Blog 2015 wieder zu aktivieren. Und damit die Redaktion sich nicht gleich den üblicheren, unangenehmeren Vorhaben widmen muss, beginnt sie zuerst damit.

Das Jahr startete wieder mit einem Fest für die Sinne: Schon lange vor Mitternacht boten sich herrlicher Kriegssound und Schwefelgeruch als akustische und olfaktorische Untermalungen des optischen Bilderrausches "Böllas im Nebel". Berlins beliebteste Einflugschneisen sind einfach am schönsten, wenn der Erlebnisurlauber wie im Traum durch Matsch und Undefinierbares waten kann, während die Schüsse ihn knapp verfehlen und sich alle paar Meter die spannenden Anblicke und Gerüche von Knallköppenkörpern, Alkresten, Alkleichen, Hundescheiße, Menschenurin und Kotze abwechseln.

Aber auch der allseits befürchtete "Tag danach" ließ sich wie üblich nicht lumpen. Wie traumhaft die Stadtreinigung ist, wissen die Eingeborenen wieder zu schätzen, wenn jene Feiertag hat. Zudem sind Kunst und Glamour auch im Jahre 1 n. W. (nach Wowi) noch allgegenwärtig:

Neukölln Nordneukölln Böllermuell Neujahrstag 2015
In Neukölln kann sich keiner was leisten. Die haben Hunger. Brot statt Böller!
Und wie wenig unsere Wegwerfgesellschaft doch im Überfluss lebt. Sie darbt – für sich und die Nachkommen und die Umwelt. Hach, zur Jahreswende werden alle immer so sinnlich, besinnlich, übersinnlich, besonnen, hintersinnig, feinsinnig und all dies.

In diesem Sinne: ein frohes, gesundes Neues allen LeserInnen und KlickerInnen!

Mittwoch, 16. Juli 2014

Zitat der Woche (33)

Später am Tag des Nationalmannschaft-Empfangs zum Sieg der Fußball-WM tanzt ein versprengter, später, schwarz-rot-golden dekorierter Fan über den Mehringdamm und singt zur Melodie des "Schunder-Songs" von den "Ärzten":
"Immer mitten in den Messi rein ...!"

Montag, 9. Juni 2014

Mett Men

Auch dieses Jahr muss er doch nochmal sein: der kurze Nebeneinblick in den Berliner "Karneval der Kulturen", kurz "KdK" genannt. Während in Köln das große Birlikte/Zusammenstehen-Fest gefeiert wird, fand der mehrtägige Kreuzberger Alternativkarneval aus Straßenfest, Umzug und Parties diesmal bei ebenso höllischen Temperaturen statt, nur ohne Unwetter. Und das, obwohl es doch sonst meist zuverlässig zu Pfingsten mindestens an einem Tag auf die SambatänzerInnen niederregnete.

Der Trend lautet: Heuer ist es in Berlin schon wieder "multikulti", wenn die jute olle Stulle, Bulette oder Currywurst exotisch aufgepeppt wird. Dass der KdK sich seit Jahren zunehmend kommerzialisiert, ist kein neuer Vorwurf. Ebensowenig, dass es nur noch um FSK (fressen, saufen, kaufen) gehe. Und erst recht nicht, dass hier neben viel zu viel Alkohol hinter und neben den Kulissen auch viel zu viele bewusstseinserweiternde Substanzen konsumiert würden. Doch Letzteres lässt sich inzwischen entkräften, wie das folgende Foto beweist: Der Konsum findet vor und auf den Kulissen statt. Und völlig legal(isiert). Dit is Balin.
Gefährliche Multikulti-multifress-Droge:
Chrystal Mett statt Crystal Meth.
Der Skandal daran ist allerdings, dass dieses Bekenntnis sich mitten im "Grünen Dorf", der Ökoabteilung des Straßenfestes, fand. Vegane Massenproteste werden sich hier sicher bald, ähm, kristallisieren.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Zitat der Woche (30)

Etwa 30-jähriger Hipster blökt auf der Kreuzberger Bergmannstraße, die inzwischen zu mindestens 90 Prozent durchgentrifiziert ist, laut in sein Smartphone:
"Yeah, you didn't send the original Abmeldebestätigung, right?"

Donnerstag, 27. März 2014

Geh weg, Kunst!

Berlins StraßenkünstlerInnen nehmen sich ja gern sehr ernst und sehr wörtlich. Sich oder die unsägliche Berliner Imagekampagne – hier unter dem Motto: be straße, be kunst, be berlin! Eine Nummer kleiner reicht dann auch der Bürgersteig, andernorts auch Gehweg genannt, statt der Straße, um sich kreativ zu betätigen.
Gehwegkunst
Was die/der unbekannte KünstlerIn den (und dem) Passierenden hier sagen will damit, dass Taschentuchfragmente Gehwegfragmente weiterfragmentieren, erschließt sich nicht auf den ersten Blick, respektive im ersten Schritt.

Vielleicht, dass alles vergänglich ist, Zelltuch schneller als Pflasterstein, Mensch schneller als Stadt, und dann doch nicht; dass man dem Pollenallergie-Rotz immer Steine in den Weg legen sollte; dass auf den Weg kackende Köter die Schönheit dieser sexy Stadt trüben; dass Menschen das immerhin kreativ nutzen können; dass die Frage bleibt, ob das Kunst ist oder weg kann; dass vieles wegwerfbar, aber nicht automatisch auch verwerflich ist; dass der Weg das Ziel ist; dass das Wegwerfen das Ziel ist; dass nichts weggeht, wenn man nicht den Weg geht; dass die Ressourcen knapp werden; dass Glück und Frieden nur einen Steinwurf weit entfernt sind; dass man in unserer Kultur für fehlende Papiere quasi gesteinigt wird; dass man mal wieder "Stein, Schere, Papier (..., Echse, Spock)" spielen könnte; oder aber, dass jeder stets daran denken sollte, wie plötzlich jederzeit das Klopapier alle sein könnte.

Auf jeden Fall fordert(e) das Kunstwerk zum Mitmachen auf, zum Verändern, zum kreativen Umbau:
An Tag 2 ging die Kunst ihren Weg.
Die Stadt gehört uns, jede noch so kleine Baustelle erst recht, also ran an'n SpDreck! Lässt sich nun noch interpretieren, was die Aussage von Bild 2 gegenüber Bild 1 ist. Was wurde verändert? Die Freiheit des Papiers, vielleicht auch: der sinnbildlichen weißen Fahne, wurde durch einen Steinschlag begrenzt. Außerdem wurde das linke dem rechten Objekt formal angenähert. Vielleicht werden hier Gleichmacherei, Gruppendruck und gesellschaftliche Anpassung entweder angeprangert oder aber gefordert. Individualismus war gestern. Auch Steine und Taschentücher sind nur Herdentiere.

Solche in Veränderung, Über-Gang begriffenen Kunstinstallationen als Dokumente des Wandels regen jedenfalls immer wieder zum Innehalten und Interpretieren an. Danke, freie Kunstszene!

Dienstag, 23. Juli 2013

Staatisch aufgeladen

Denglisch kann nicht nur Gayle Tufts. Denglisch können auch manche anarchischen Pseudo-Revoluzzer.
Der Umbruch startet auf dem U-Bahnhof Jannowitzbrücke.
Fuck this Staat! Before it fucks umgekehrt you selber!
Vielleicht hätte Sonnenmilch, auch bekannt als "Revo-Lotion", etwas Gutes getan; die schützt das Hirn vor Brandschaden.

Samstag, 20. Juli 2013

Luftschloss in Groß-Wolkenkuckucksheim

So schlimm kann es mit der Gentrifizierung in Berlin doch noch nicht sein, wenn im Nobelbezirk Zehlendorf, und zwar in dessen Eliteviertel mit den ganzen Villen, noch solche unfreiwillig lustigen, offenbar aber nicht satirisch gemeinten Wohnungsgesuche aushängen:

Joh, dett hätt ick ooch jerne. 
... und jede Menge Telefonnummern bereits abgerissen sind. Aber bei den Angeboten ist sicher irgendwo immer der Haken – zusätzlich dazu, dass Zehlendorf ja übelste Peripherie ist: Verdrängung der ärmeren Bevölkerungsschicht ins Ghetto am Stadtrand! Ein möglicher Haken wäre, wenn man den Garten selbst begrünen und in Schuss halten müsste. Abzocke!
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