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Freitag, 16. Juni 2017

Müll, Geröll, Gebell

Es ist nicht neu: Berlin ist nicht nur cool, Berlin ist auch schmutzig. Hundekot, Abfall, Sperrmüll und Schmutz beschämen oft das Stadtbild, beißen sich mit den Hochglanzprojekten und Schnöselarealen, verderben so manchem die Freude an der bunten Metropole. Dreck, Essensreste, Fallengelassenes, Einweggeschirr, alte Möbel, ausrangierte Technik & Co. finden sich an Straßen, in Parks, an Seen. Nichts scheint gegen illegalen Sperrmüll zu helfen, auch nicht gegen Party-People-Hinterlassenschaften. Irgendwie meint man, andere Großstädte bekämen das besser hin, hätten die besseren Maßnahmen, die besseren Tierhalter, die besseren Bewohner, die besseren Besucher. Und das gilt in den Stadtrandbezirken teils ebenso wie in der von "Durchgangsverkehr" gebeutelten Innenstadt.

Wenn das Maß voll ist:
gewissenhafter Müllabwurf
 in Griffweite des überquellenden Eimers
gestapelt, beim KdK, Pfingsten 2017.
Gegenmaßnahmen? Die Stadtreinigung BSR, dank gewiefter Werbeagentur Meisterin der lustigen Wortspiele, stellt bei ihrer Aktion "Kehrenbürger" sogenannte "Kehrpakete" zur Verfügung (Warnwesten, Besen, Greifzangen, Handschuhe und Mülltüten) und entsorgt später die Sammlungen, wenn Hobbyschwaben und Schöner-Wohnen-Sehnsüchtler mit Kind und Kegel ihren Kiez selbst säubern wollen. Um Ökologie geht es dabei nicht, nur um Wegräumen. Gegen Wauwaus Kacke wurde letzten Sommer im Berliner Hundegesetz eine Beutelpflicht eingeführt, die mit Bußgeld droht, aber nicht greift: Solange nicht kontrolliert wird, das Personal fehlt, wirkt sich das Beutel-mitführen-Müssen ebensowenig aus wie das Kot-beseitigen-Müssen, auf dessen Missachtung es schon lange Bußgelder gibt. Und Müllabwurf-Rekordhalter Neukölln listet, beinahe prahlerisch, seine "15 Hotspots der Vermüllung" (sollen es Tipps sein? Oder Stationen zum Sightseeing?) als Galerie der größten Gemeinheiten: Gut die Hälfte der per App gemeldeten Ordnungswidrigkeiten im Bezirk seien illegale öffentliche Müllvergehen, so Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), und oft handele es sich um den "Hausrat von Menschen, die in Berlin nur auf der Durchreise sind". Da lacht das berlinische Herz: Also wir sind dett ja nich, dett sind ümma die anderen, die blöden Touris und so, siehste. Nur doof, dass weder Fahndungen noch Patrouillen noch höhere Bußgelder noch Imagekampagnen das Bewusstsein ändern. Ob es hilft, sich den Dreck auf der IGA mit einer "begehbaren Müllskulptur" zu euphemisieren? Oder sich spießbürgerlich zu echauffieren?

Schön zu wissen allerdings ist: Zumindest auf einem der größten regelmäßigen Müll bzw. Wegwerfgeschirr produzierenden Events, dem Karneval der Kulturen, herrscht Plan im Chaos und eine gewisse Gewissenhaftigkeit bei manchen, wie das obige Rückblickfoto belegt. Kreuzberg weiß eben noch, wie man ökologisch nachhaltig Müll produziert und entsorgt – und den Reinigungskräften wenigstens die Arbeit erleichtert, wenn schon der Eimer belegt (oder das Fass zum Überlaufen voll) ist. Hach! Die Welt ist gut!

Mittwoch, 14. Januar 2015

Und sonst so? – Muss ja.

Kleinste gemeinsame Nenner sind wichtig; nicht nur in der Algebra, sondern auch im menschlichen Miteinander. Darum ist es (an alle Dr. Dr. Sheldon Coopers: nota bene!) gesellschaftlicher Konsens, wenn einem entweder sonst nichts einfällt oder aber alle anderen Themen vermintes Gebiet sind, dann über das Wetter zu reden.

In Deutschland hat sich bei diesem Reden das Motzen als grundlegender Ansatz etabliert. Welches Wetter das Werturteil "schön/gut" erhält und welches "eklig/schlecht", ist dabei ganz klar geregelt. Ungeschriebenes Gesetz: Sonne und Wärme supi, alles andere iiiihdoofblöd.
Niemand denkt dabei an die armen Allergiegeplagten, die im Frühling gar nicht solche große Freude haben, und an die hitzeempfindlichen Kreislaufschwachen, die den Sommer fürchten. Aber abgesehen von dieser Randnotiz lauert hier eine gesamtgesellschaftliche Falle: So wird das Smalltalken in der wärmeren Jahreszeit grundlegend erschwert! Denn wenn man nicht motzen kann, wozu dann ein Gespräch? Es sei denn, die Sprechenden einigen sich nonverbal, dass in diesem Ausnahmefall das Reden übers Wetter auch ohne Motzen statthaft ist, ehe man vereinsamt und mitten in der sonneseligen Supi-Zeit plötzlich vereinsamt und womöglich depressiv wird. Dann ist Loben möglich – aber sehr schnell aufgebraucht. Blumige Sprache erreicht beim Loben schneller ihre zeitgenössischen Grenzen als beim Motzen. Dann ist das Gespräch schnell zu Ende. In manchen Fällen hat das seine Vorteile.

So oder so: Freut euch des aktuellen Wetters! Nutzt es, um nach langer Zeit einmal wieder ausgiebig und sinnlos Kommunikation zu treiben! Wichtig: Sprecht dabei gegenüber dem neu entdeckten Wesen, diesem sogenannten Mitmenschen, unbedingt auch an, dass es ja nun wirklich lange genug kalt und bäh war und endlich, endlich, endlich wieder warm werden muss. Dass es erst Mitte Januar und dafür viel zu warm ist und dass bis auf eine Woche richtigen Frosts von "Winter" diesmal eigentlich keine Rede sein kann, dürft ihr keinesfalls erwähnen. Und zwar nicht nur gegenüber Klimakatastrophe-Befürchtenden und anderen vermeintlich viel zu Grünen. Sondern das ist ein schlimmer Verrat an gemeinsamen Werten. Und zwar ein schlimmerer, als sich zum Beispiel zusammenzurotten und irrwitzige "Ich habe nix gegen Ausländer und ich bin auch nicht rassistisch, aber"-Sätze zu sabbern. Muss deshalb auch unbedingt bekämpft werden, dieser Verrat. Statt "Je suis Charlie" mal "Je suis l'eté"!

Dienstag, 6. Januar 2015

Zitat der Woche (34)

In einem Lokal im Kreuzberger Bergmannstraßenkiez plappern zwei Hipstertussis, wie sie dort in der unfreien Wildbahn immer gehäufter vorkommen und sie verderben, über den Beziehungsstatus der einen. Diese erklärt präzise:
"Ich hab grad mega dis komische Gefühl. Davor war ich ja emotional noch voll low und so."

Donnerstag, 27. März 2014

Geh weg, Kunst!

Berlins StraßenkünstlerInnen nehmen sich ja gern sehr ernst und sehr wörtlich. Sich oder die unsägliche Berliner Imagekampagne – hier unter dem Motto: be straße, be kunst, be berlin! Eine Nummer kleiner reicht dann auch der Bürgersteig, andernorts auch Gehweg genannt, statt der Straße, um sich kreativ zu betätigen.
Gehwegkunst
Was die/der unbekannte KünstlerIn den (und dem) Passierenden hier sagen will damit, dass Taschentuchfragmente Gehwegfragmente weiterfragmentieren, erschließt sich nicht auf den ersten Blick, respektive im ersten Schritt.

Vielleicht, dass alles vergänglich ist, Zelltuch schneller als Pflasterstein, Mensch schneller als Stadt, und dann doch nicht; dass man dem Pollenallergie-Rotz immer Steine in den Weg legen sollte; dass auf den Weg kackende Köter die Schönheit dieser sexy Stadt trüben; dass Menschen das immerhin kreativ nutzen können; dass die Frage bleibt, ob das Kunst ist oder weg kann; dass vieles wegwerfbar, aber nicht automatisch auch verwerflich ist; dass der Weg das Ziel ist; dass das Wegwerfen das Ziel ist; dass nichts weggeht, wenn man nicht den Weg geht; dass die Ressourcen knapp werden; dass Glück und Frieden nur einen Steinwurf weit entfernt sind; dass man in unserer Kultur für fehlende Papiere quasi gesteinigt wird; dass man mal wieder "Stein, Schere, Papier (..., Echse, Spock)" spielen könnte; oder aber, dass jeder stets daran denken sollte, wie plötzlich jederzeit das Klopapier alle sein könnte.

Auf jeden Fall fordert(e) das Kunstwerk zum Mitmachen auf, zum Verändern, zum kreativen Umbau:
An Tag 2 ging die Kunst ihren Weg.
Die Stadt gehört uns, jede noch so kleine Baustelle erst recht, also ran an'n SpDreck! Lässt sich nun noch interpretieren, was die Aussage von Bild 2 gegenüber Bild 1 ist. Was wurde verändert? Die Freiheit des Papiers, vielleicht auch: der sinnbildlichen weißen Fahne, wurde durch einen Steinschlag begrenzt. Außerdem wurde das linke dem rechten Objekt formal angenähert. Vielleicht werden hier Gleichmacherei, Gruppendruck und gesellschaftliche Anpassung entweder angeprangert oder aber gefordert. Individualismus war gestern. Auch Steine und Taschentücher sind nur Herdentiere.

Solche in Veränderung, Über-Gang begriffenen Kunstinstallationen als Dokumente des Wandels regen jedenfalls immer wieder zum Innehalten und Interpretieren an. Danke, freie Kunstszene!

Donnerstag, 24. Januar 2013

Zwei Experimente zum Spracheverschlagen


Personelle Interaktion, Experiment 1

Versuchsaufbau: 
Eine Gruppe aus sechs Versuchspersonen (drei Frauen, drei Männer) mittleren Alters wird nach einem gemeinsamen Kinobesuch für eine Stunde in ein abendliches Café gesetzt. Fünf der Anwesenden (alle Männer, zwei der drei Frauen) sind VolljuristInnen. Alle sitzen an einem Tisch.

Beobachtungen:
(1) Die drei Männer beginnen sofort erhitzte Streitgespräche, die sie "Diskussion" nennen.
(2) Eine der drei Frauen besteht deshalb auf einer Umsetzaktion, nach der alle Frauen an der einen und alle Männer an der anderen Seite des Tisches sitzen. Die Frauen erhalten dafür von einem der Männer den Kommentar, sie könnten sich ja "da in Ruhe über Schminke und Shopping unterhalten".
(3) Die drei Männer – alle Anwälte verschiedener Rechtsgebiete, Arbeitsbereiche und -formen (Ein-Mann-Kanzlei, mittelgroßer Familienbetrieb, Großkanzlei) –, unterhalten sich mit vollem Körpereinsatz, sehr gestenreich, aggressiv und wild durcheinander, vor allem aber extrem laut über Juristisches und ihre konkrete Arbeit. Andere Themen kommen nicht vor. Andere Menschen, etwa die Bedienung, kommen nicht zu Wort. Sie selbst auch nicht wirklich, da sie sich gegenseitig überbrüllen. Die Musik im Café ist zuerst leise, dann ganz aus, und das Café ist leer, die Lautstärke ist also nicht nötig.
(4) Das Café wird schließlich ganz leer.
(5) Die drei Frauen versuchen unterdessen, sich jenseits des Arbeitsalltages über andere Themen (zum Beispiel über den gesehenen Film, tagesaktuelle Nachrichten, Anekdoten, politische Themen oder ihnen bekannte Personen) zu unterhalten, sind dazu allerdings geräuschpegeltechnisch nicht in der Lage. Sie bitten die Männer, wenn sie schon nicht die Themen wechseln könnten, dann wenigstens nicht so zu schreien. Für eine Minute ändert sich die Lautstärke, dann ist alles wie zuvor, aber die Gesten der Männer werden ausladender. Die Frauen versuchen eine Weile weiterhin, ihre Gespräche zu führen. Sie werden nur minimal lauter, schweigen dann und gehen schließlich nach Hause.

Fazit:
Männliche Juristiden in einer Anhäufung sind nicht gesellschaftsfähig – außer untereinander. Artgerechte Käfighaltung mit Schallschutz und Sicherheitsgehege wird empfohlen.


Personelle Interaktion, Experiment 2 (noch nicht realisiert) 

Versuchsaufbau: 
Die Situation aus Experiment 1 wird in einem störfreien und größtmöglich um ablenkende Parameter verringerten Setting forciert und um die akustische Komponente beraubt: Eine Gruppe aus mindestens drei Juristen (vorzugsweise als Anwälte tätig) männlichen Geschlechts wird in einen schallisolierten, rundum durchsichtigen (am besten panzerverglasten) und mit Polsterung versehenen (um Verletzungen vorzubeugen), ansonsten aber völlig leeren Raum gesetzt und sich selbst überlassen.
Für die Analyse des Geschehens ist außerdem ein Beobachtungsteam angedacht, das mit Picknickkorb entspannt davorsitzt, sich in Ruhe und gesittet unterhalten kann, den Probanden ab und zu Nahrung hineinreicht oder deren Toilettenpausen überwacht (wird auf dem WC weiterkommuniziert?) und dabei vor allem Beobachtungen beim Geschehen im Isolationsraum notiert.
Empfohlen wird für die Durchführung etwa die Nutzung des Baby-und-Kleinkinder-Ruheraumes in dem stillgelegten, derzeit wohl noch nicht fertig restaurierten, ehemaligen Berlin-Neuköllner Erlebnisbad namens "Blubb", momentan das nichtöffentliche Hotelprojekt City Resort Berlin/Blub, das ideale Bedingungen bietet. Eventuell, falls die Anlage noch betriebsbereit ist, ließe sich noch das den Glaskäfigen vorgelagerte Babyschwimmbecken mit dem typisch urinwarmen Wasser befüllen, um dem Beobachtungsteam ein entspanntes Fußbad während der vermutlich anstrengenden Observation zu ermöglichen. Zu Redaktionsschluss lag noch keine Information des momentanen Investors vor, ob die Räumlichkeiten hierfür anmiet- oder überhaupt nutzbar sind bzw. ob die isolierten, mit Matten ausgelegten Glaskäfige noch vorhanden sind.

Beobachtungen:
Verifizert werden sollen folgende Annahmen:
(1) Die Anwälte vertiefen sich sofort in eine sogenannte "Diskussion" – trotz des unnatürlichen Umfeldes.
(2) Sie hören damit nicht freiwillig wieder auf, sondern erst, wenn das Experiment für beendet erklärt wird – vorausgesetzt, die Aufnahme und Abführung von Flüssigkeit und Nahrung sind gewährleistet.
(3) Das Schreien ist von außen auch ohne die Akustik zu erkennen, also rein in Gesten, Mimik, allgemeiner Körperhaltung und -sprache.
(4) Die Themen (Rechtswissenschaft, Rechtspraxis, ggf. Politik unter rechtlichen Gesichtspunkten) sind von außen auch ohne die Akustik erkennbar, also rein in Gesten, Mimik, allgemeiner Körperhaltung und -sprache.
(5) Es gibt eine spezifische Art juristischer Freizeitkommunikation, die sich von derjenigen anderer Berufsgruppen in deren Freizeit unterscheidet und auch optisch-nonverbal manifest wird.
Ergänzend sind folgende, offene Spezifizierungsfragen möglich und können, ggf. in einem Folgeexperiment, der Analyse zugrunde liegen:
(6) Gibt es eine spezifische nonverbale Kommunikation, die nur Juristiden (Folgefrage: nur männlichen Juristiden? Ein Gegenversuch mit juristischen Weibchen ist möglich) eigen ist? Ein optischer Vergleich zu anderen Berufsgruppen kann auch der Folgeforschung übergeben werden.
(7) Variation I: Interessant ist auch die Frage, inwiefern es eine spezifische Kommunikation von Anwälten untereinander gibt, wenn nichtjuristische Personen den Käfig betreten und versuchen, sich in das "Gespräch" einzumischen.
(8) Variation II: Außerdem interessiert die Empirie, ob die Kommunikation der Anwälte sich unterscheidet, wenn sie in demselben Käfig sich nicht in ihrer Freizeit über juristische Themen und Fälle austauschen, sondern ihre tatsächlichen Berufstätigkeiten ausüben sollen. Internetstandleitung, Telefon, Bildtelefonie, Fachliteratur etc. wären ein Minimum für die Analyse dieser sehr komplexen Variante.

Das Fazit bleibt selbstverständlich noch offen.

Für das zweite Experiment werden WissenschaftlerInnen gesucht, die sich am Forschungsprojekt beteiligen wollen. Angeraten wird ein interdisziplinäres Team aus Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie, (Sozial-)Pädagogik, Linguistik, Kulturwissenschaft, biologischer Verhaltensforschung und unter Umständen auch Rechtswissenschaft. Interessierte melden sich bitte über das Kontaktformular rechts im Menü dieses Blogs oder über die Kommentarfunktion. Letztere steht außerdem natürlich auch gerne für weitere Anregungen und Anmerkungen zur Verfügung – auch für Angehörige anderer Personenkreise!
Arbeitstitel:
"Nonverbale Kommunikation innerhalb der eigenen Peer-group-Teilöffentlichkeit am Beispiel von Anwälten in ihrer Freizeit: öffentlichkeitswirksame, optisch handlungsaktive oder -suggestive Manifestationen juristischer Gesprächskultur. Gestik, Mimik und allgemeiner Habitus bei mittelalten Männchen. Ein empirisch-analytisches Käfigexperiment unter interdisziplinären Gesichtspunkten."

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Sturm, Steine, Sand und Sinn

Ähnlich wie localhost möchte ich normalerweise solch private Einblicke nicht in meinem Blog haben, aber es gibt Träume, die einfach einer Diskussion bedürfen. Rätsel gibt mir dabei v. a. die Frage auf, warum ich so einen Mist träume:

Nachdem ich auf einer rauschenden Hochzeit zu Gast gewesen war, die open air stattfand und in Regen, Sturm und Unwetter versank, wurde ich auf einer steinigen, staubigen Landstraße ausgesetzt, auf der ich nun in Festmode entlangschlurfe. Die Straße, die diese Bezeichnung kaum verdient, ist so staubig, dass es dort erstens wohl nie verkehrstechnische Modernisierungen (auch "Asphaltierung" genannt) gegeben und zweitens noch nie geregnet hat. Drumherum gibt es das große Nichts, allerdings ist ein verlassenes ostdeutsches Nest ausgeschildert. Ein Auto rauscht vorbei, im Inneren streiten Männer in Anzügen, etwas fliegt versehentlich aus dem Fenster. Am Rand der Straße finde ich es: Es ist das Handy von Peer Steinbrück. Der SPD-Kanzlerkandidat nutzt übrigens das ganz alte, klassische Nokia aus den 1990ern (hieß das Modell 3310?) in schmuckem, charakterstarkem Mausgrau. Während ich noch überlege, was ich damit nun mache, wie ich es ihm wieder zukommen lasse oder ob sich das erstmal auf irgendeine Weise journalistisch verwerten lässt, klingelt es. Nach kurzem Zögern nehme ich ab. Helmut Kohl ist dran. Er herrscht mich wütend und wirr an, wer ich sei, er wolle doch "den Steinbrück noch was fragen", und legt wieder auf.

Ah, ja. Mir drängt sich die Vermutung auf, mit manchen Träumen wollen mir mein Un- und Unterbewusstsein absolut rein gar nichts sagen. Die sollen auch keine Probleme lösen. Sondern die sind schlicht von vorne bis hinten Müll. Oder wurde an mir schon eine neue Wahlkampfform ausprobiert?

Freitag, 17. August 2012

Tunnelblick (13): Geldreligionen, Weltreligionen

Die hitzegebeutelte, stickige, volle S1 besteigen vier Halbwüchsige mit Migrationshintergrund, die sich sehr laut und damit den ganzen Großwaggon unterhalten. Thema sind zunächst Nationalitäten und Hautfarben. Sie beschimpfen sich gegenseitig feixend als "armer Nigger", "viel zu dunkel für 'n Araber" und "Hobby-Afrikaner".
Einer meint plötzlich: "Scheißtag, mir is langweilig, soll ich mal wieder 'Brot für die Welt' machen?" Ein anderer findet das eine gute Idee, aber der dritte und vierte Junge versuchen, ihn von der ominösen Aktion abzuhalten: Er solle "immer alles sparen" und "sein Geld zusammenhalten" und "alles nur für sich selber ausgeben", nur so bringe man es im Leben zu was. "Gib den Asis nie was ab! Die sind doch selber schuld!", findet einer. "Nee, aber doch, ich hab da jetz Bock drauf, bei der Hitze, ich will mal wieder 'Brot für die Welt' machen", insistiert der erste. Was er damit meint, ist: sein Portemonnaie öffnen, Münzen herausholen (alles Mögliche zwischen 1-Cent- und 50-Cent-Stücken), sie mit Schmackes auf den Boden schnipsen und quer durch den ganzen Waggon rollen lassen. Alle vier kichern vor sich hin. Eine sitzende Mama mit Baby fragt: "Kriegt ihr zu viel Taschengeld? Wenn ihr zu viel habt, gebt es ruhig mir, ich nehm es gerne." - "Können Sie sich ja vom Boden aufheben", grinst der edle Brotspender. Sie schüttelt fassungslos den Kopf, der Junge lässt weitere Münzen ihrer Wege rollen und verkündet den Anwesenden: "Hier, wer will, Brot für die Welt, alles für alle, könnt ihr euch aufheben!". Auch auf den Hinweis eines weiteren Fahrgastes, wenn er etwas spenden wolle, könne er es doch bedürftigen Menschen, die oft genug in der Bahn herumkämen und zum Beispiel die Straßenzeitung verkauften, direkt geben, denn diese würden sich sicher freuen, antwortet er erneut arrogant: "Die können es sich vom Boden aufheben!" und fügt diesmal erläuternd hinzu: Ein bisschen "was dafür tun" könnten die schon, sich wenigstens mal bücken, "wenn sie schon nicht arbeiten". Die S-Bahn-Insassen sind wie versteinert. Keiner steht auf.

Das Spiel wird den Jungs zu öde. Irgendwie fangen die fantastischen Vier beim Weiterschnattern an, über Religionen zu fachsimpeln. An dieser Stelle konnte die Verfasserin nicht anders, als nahezu zwanghaft die Tonaufnahme-Funktion ihres Mobiltelefons zu aktivieren. Trotz guten Dialoggedächtnisses erwies sich diese Idee als nützlich, da die kleinen not-so-gentle men sich gegenseitig sehr gerne ins Wort fallen.
Junge 1: "Stimmt es eigentlich, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger geworden is und nich von Jesus?"
- verwirrtes Stutzen der anderen, inklusive "Häh?"-Lauten -
Junge 2: "Joseph!! Du Penner!"
Junge 3: "Ja mann, die war mit Joseph zusammen!"
Junge 4 lacht nur.
Junge 2 lacht mit: "Jeeesus ... mann ... Alter ..."
Junge 1: "Aber hat der Heilige Geist die nu geschwängert oder was?"
- kurze Stille -
Junge 1: "Oder Gott oder so? Jedenfalls war die nich von ihrem Freund schwanger. Wer war'n das dann, war das jetz der Heilige Geist oder wer hat die geschwängert?"
- kurze Stille -
Junge 2: "Nee, du Pfosten! Der Heilige Geist doch nich! - - - - Oder?
Junge 4 (gedehnt): "Der Heilige Geist ..." (lacht weiter)
Junge 3: "Ey nee, das stimmt nich, ich schwöre, frag mal 'n Priester!"
Junge 2: "Nee, frag die Zeugen Jehovas, die erklären dir das. Die wollen einem immer sowas erklären."
Junge 1: "Is Jehova was mit Juden?"
Junge 2: "Nee, das is so ähnlich wie Christen."
Junge 1: "Katholisch oder evangelisch?"
Junge 2: "Mann, Zeugen Jehovas halt, kennste nich? Die stehen überall rum oder klingeln bei dir."
Junge 3: "Zeugen Jehovas sind aber scheiße. Die sind voll dumm."
Junge 2: "Scientology is aber auch scheiße."
Junge 1: "Ja, aber der Name klingt krass! Total cool! Find ich irgendwie krass geil! Voll wie so 'ne Gang oder so!"
Junge 2: "Die sind aber trotzdem auch scheiße und dumm."
Junge 1 (ehrfürchtig): "Sei-enn-tollo-dschie ..." 
Junge 3: "Nee mann, dumm sind die nich, aber scheiße sind die auch."
Junge 4: "Wie scheiße denn?"
Junge 3: "Gefährlich und so. Irgendwie so. Glaub ich."
Junge 4 hört auf zu lachen.
Junge 1: "Klingt aber echt krass!"
An dieser Stelle wartet der Umstieg. Sowohl der des mitschneidenden Handys, das es inklusive seiner Besitzerin leider eilig hat, als auch der der vier Checker, die inzwischen allerdings auch wild durcheinander gröhlen. Nur noch Schlagworte wie "Sekten", "voll so katholisch", "Islam" und "Moslems, Alter!" bahnen sich akustisch ihren Weg. Es wäre sicher noch erhellend weitergegangen.

Sonntag, 15. Juli 2012

Zitat der Woche (16)

Familienmitglied der Protokollantin, frisch heimgekehrt und begeistert vom Hip-Hop-Festival "Splash":
"Derbe Kacke Alter, der Shit rockt tight!"

Sonntag, 3. Juni 2012

Zitat der Woche (13)

Steptanztrainer versucht, die Schlagtechnik einer Kombination zu erklären:
"Das is im Grunde wie das eine Kurze vorhin, aber irgendwie ... länger."

Montag, 28. Mai 2012

Zitate der Woche (12)

Schwierig, schwierig - um das Zitat der Woche (Pfingsten sei Dank, durch den Feiertag hat das Grünzeug die Woche mal dreist bis zum Montag verlängert) konkurrieren folgende Aussprüche:

(1) 
Eine Freundin, die seit Jahren zu einem eigentlich nonstop arbeitenden Workaholic-Energiemonster mutiert ist, hat sich allen Ernstes extra mehrere Tage Urlaub genommen, um exzessiv das lang ersehnte, nach Jahren endlich erschienene "Diablo III" (oder 3?) zu zocken. Ihre schockierte Selbsterkenntnis zwischen ausdauerndem, nerdigem Computerspielen:
"Ich stelle fest, dass ich doch älter geworden bin: Habe zwischendrin tatsächlich eingekauft und die Wohnung geputzt!" 

(2)
Ein Mann, der - offenbar planend - im Sonnenschein mit Klemmbrett, Laptop und einer (mindestens Geschäfts-)Partnerin im szenigen Kiez um den Helmholtzplatz vor einem Lokal sitzt, welches baustellig im Um-, Aus- oder Aufbau begriffen ist, sagt sinnierend und dramatisch zu der Frau, dem Klemmbrett oder dem Laptop:
"Das wird 'ne Horrorküche. Die werden sich dauernd gegenseitig anzicken und anpissen." 

(3)
Junge Frau, die am Rande des Festumzuges zum Karneval der Kulturen (an dem es doch tatsächlich mal nicht geregnet hat!?) von ihrem Freund wie ein kleines Kind huckepack getragen wird und mutmaßlich nicht mehr ganz nüchtern ist:
"Streiten kann auch mal ganz geil sein."

Sonntag, 22. April 2012

Zitat der Woche (10)

Entsetzter Ausstoß eines befreundeten frischgebackenen Promovierten (also eines als zur Bildungselite und zum Wertekonsens zugehörig Zertifizierten) nach einer, wie üblich, wahnsinnig niveauvollen Äußerung der protokollierenden Autorin:
"Oh nein! Ich kenne sie schon zu lange! Ich lache über ihre Witze! Nach einer Weile fängt man an, das lustig zu finden?? Verdammt." 

Montag, 9. April 2012

Anarchei

Die Grünzeuch-Redaktion wünscht, alle LeserInnen hatten (und haben noch, so als Rest vom Fest) trotz des zeitweiligen Schneegestöbers schöne Ostern! Es waren hoffentlich alle Christinnen und Christen artig am Freitag nicht tanzen, sondern traurig in Demut auf den Montag warten, und haben dann ordentlich gejauchzt und frohlockt, außerdem die ganze Zeit gesungen und gebetet. Der Rest hatte hoffentlich mindestens lustige, von heidnischen Bräuchen wie Ei-ei-ei durchzogene Feiertage, hat seinen Wohnungstürschlüssel versteckt oder den Heuschnupfen im Scheunenviertel gepflegt. Grüne Grüße im Aprilwetter - mit einer atmosphärisch dichten Installation des Neuköllner Szene-Künstlers M. Ariachi (2009/2012): 

Berliner Stillleben

Freitag, 16. Dezember 2011

Dichtungsring

Dieser Tage spürt Frau Feu den Drang dazu zu dichten.
Ist das genial, mit Stil, au goût? Enttäuscht seid Ihr: Mitnichten!
Allein entspringt's dem hohlen Hirn, das nur sein Echo ehrt.
Sir John von Goethe hat sich schon im Grabe umgekehrt.

Geht's weiter wie bisher, bergab, dann nehm ich an, ach: schwöre,
Steigt er als Zombie bald empor und singt die Thriller-Chöre,
Verfolgt Frau Feu, bis sie verstummt mit Reimen immerdar,
Nur heimlich, leise und vermummt... noch dichtet. Wirklich wahr.

Der Schrecken ist nur halb so schlimm, solange Joeth'n ruht
Und ab und an das Reimgewirr auch Sinn enthalten tut.
Da dies nicht ist, hier der Appell: Helft mir, spinnt es weiter!
Ideenreichtum, strahlend hell, sei dabei Euch Begleiter.

"Morning, Madam, I've come to read your poet."
"Oh, yes - he's in the cupboard under the stairs." 
(Monty Python's Flying Circus)

Mittwoch, 30. November 2011

Zitat der Woche (4)

Aufgeschnappte Bestellung am Nebentisch im indischen Restaurant:
"Einmal das Chicken Curry ohne Chicken."

Dienstag, 17. Mai 2011

Efeuvision Song Contest

Auch dieses Blog muss sich ab und an mit irrelevanter, mainstreamiger Populärkultur befassen (es tut dies natürlich sehr, sehr ungern):

Beim Eurovision Song Contest, besser bekannt immer noch als der Grand Prix de la Dingsda, haben 2011 angeblich einige einiges gezeigt. Die Eurovision hat gezeigt, dass sie tatsächlich ab und zu mehrere hörenswerte und auch stilistisch unterschiedliche Titel hervorbringen kann. Europa hat gezeigt, dass es locker und offen ist, dass es seine Definition nicht so eng sieht und der Ex-Ostblock getrost die EU-Mitgliedschaft beantragen kann, versuchen kann man's ja mal, mit Unterstützung der Nachbarn vielleicht. Außerdem hat Europa gezeigt, dass es null Geschmack hat. Dass gute Musik oder aber partytaugliche Disco schon im Halbfinale zugunsten austauschbaren Matsches rausfliegen (schade z.B. um Belgien, Türkei und Armenien) oder dann in der Schlussrunde keine Mehrheiten finden - mit einzelnen Ausreißern. Aserbaidschan hat gezeigt, dass es weiß, wie Kitschindustrie funktioniert. Deutschland hat gezeigt, dass es Superlative kann. Dass es technisch und organisatorisch fit ist, und zwar nicht nur in der Rüstungsindustrie. Angeblich auch, dass es nicht nur zum Anlass "Fußball" ein Partyvolk ist. Lena hat gezeigt, dass sie singen und Englisch gelernt hat und jetzt Vollprofi ist; womit sie aber die naiv-unbekümmerte, natürliche Bühnenpräsenz verloren hat, die ihren Erfolg begründete. Anke Engelke hat gezeigt, dass es Vorteile hat, mehrsprachig aufzuwachsen. Der NDR hat gezeigt, dass er Multitalente hat. Und RSSR, Rampensau Stefan Raab, hat gezeigt, wann man besser einfach mal die Fresse hält. Und was man aus "Satellite" Gutes, Rockiges machen kann.



Viele sind ja nach dessen Auftritt im Rahmenprogramm der Meinung, wir sollten nächstes Mal Jan Delay zum ESC schicken. Die Autorin steht dem Mann zwiegespalten gegenüber. Der Fischkopp ist sicherlich ein Charakterkopp. Einfach 'ne coole Sau. Er macht gute Musik und Stimmung. Aber das Efeu persönlich hat so Stimmen, die es nicht mag; die von Jan Delay gehört dazu. Das Genäsel nervt einfach, inklusive der Tatsache, dass es irgendwie schade ist, wenn man von guten Texten dann nichts verstehen kann. Andererseits amüsiert die Vorstellung, wie es wohl für die internationalen Gäste war, die lässig groovende Pausenshow zu hören, zu sehen und zu mögen, sich aber, gut ausgestattet mit einem deutschen Wörterbuch oder einem akustischen Vorab-Briefing durch eine Lern-DVD, die ganze Zeit zu fragen: "Welche Sprache is'n das, zum Geier!?" (diese Frage darf im Kopf gern in beliebige europäische Sprachen sowie Russisch, Türkisch, Hebräisch, Arabisch, ... übersetzt werden).

Die Autorin ist vielmehr dafür, 2012 Ina Müller zum ESC zu entsenden. Am besten mit einem Text auf Plattdeutsch, das gäbe auch Folklorepunkte (hier würde sich das Ganze folgerichtig eventuell sogar als Soul-Funk-Duett mit Jan Delay anbieten, Duette gehen immer, q.e.d.). Die Dame als Jury-Präsidentin war ein Grund, die Veranstaltung zu mögen. Und das, obwohl sie auch nicht immer einen treffenden Musikgeschmack hat (leider ebenfalls q.e.d.). Eine andere Variante wäre Stefan Hantel, besser bekannt als Shantel. Internationale, tanzbare gute Laune mit Ohrwurmeffekt – und Punkte gäbe es sicher auch vom Balkan, den ehemaligen SU-Ländern, Israel, Rumänien, Türkei, ...! Ach nein, die Idee wird nichts, mehr als sechs Leute auf der Bühne sind ja nicht erlaubt.

Im Folgenden eine grüne Vorschlägeliste, Pi mal Daumen, wie das Finale diesmal z.B. ausgegangen wäre, wenn die Welt gerecht wäre (Diskussion gern via unten verfügbarer Kommentarfunktion).

Die Top Ten (Geschmacksurteil abgewägt mit Grand-Prix-Stil-Kriterien): 1. Serbien, 2. Italien, 3. Moldau, 4. Deutschland, 5. Estland, 6. Schweiz, 7. Georgien, 8. Irland, 9. Island, 10. Ungarn.

Schleimig-gestrige Boybands und Schnösel sowie Heulbojen bitte nach hinten. Auf die letzten drei Plätze Griechenland für absolut unterirdisch schlechten, unfreiwillig komischen Rap in berechnender Schmalzfolklore-Kombi, Russland für schmierige Retorte und Spanien für komplette Belanglosigkeit.

Samstag, 2. April 2011

Der Schmerz mit dem Scherz

Anders als letztes Jahr (ja, war lahm, na und?) hatte Efeu gestern irgendwie weder Lust auf noch Inspiration für einen Aprilscherz. Revoluzzerhaft aber war dann der Gedanke, mal alles anders zu machen – und die Grünzeuch-LeserInnen in den zweiten April zu schicken! Hm. Abgesehen davon, dass man von gestern überfüttert ist von allerlei wahnsinnig spaßigen Fehlmeldungen in Medien großer und kleiner Art (schön war aber etwa die Ente der taz und die Reaktion der Opfer darauf): Nee, unoriginell. Zu durchsichtig. Vielleicht sollte man Enten am 1. Mai veröffentlichen. Andererseits klingt "Mai, Mai!" dämlich und am 1. Mai liest hier eh keiner, weil – regional unterschiedlich – die einen mit Liebesbäumen und die anderen mit Steineschmeißen beschäftigt sind. "Juni, Juni!" dagegen käme vom hämischen Sprechrhythmus her wieder hin. Oder ein Scherz am 1. Dezember? Mitten rinn in den kitschigen W[zensiert]-Deko-Rausch?
Wie auch immer: Revolte gegen das Establishment! Traditionen sind dazu da, um gebrochen zu werden!
Beschämt, schulterzuckend, sinnfrei und halbherzig entschuldigt sich die Autorin jedenfalls auf das Allergrünste für diesen völlig substanzlosen und überflüssigen Blogeintrag.

Mittwoch, 3. November 2010

Frieda, Freddy & Fifty Fifis

Was genau will diese Schaufensterdekoration in einem Friseur- und Kosmetikladen dem interessierten Kunstfan sagen?
Diese beiden Zuchtrasse-Schoßfifis sind nur 50% Hund?
Der richtige Köter macht schon 50% des Stylings aus?
Eine gute Hundefrisur ist die halbe Miete?
Einkaufstüten jetzt 50% reduziert?
Einkaufstüten in diesem Laden haben zu 50% irgendwelche Hunde drauf?
Alle gebrauchten Einkaufstüten mit Hunden drauf jetzt für die Hälfte?
Alle gebrauchten Einkaufstüten jetzt für die Hälfte, aber nur für Hunde?
Alle Friedas & Freddies sind hundsgemeine falsche Fuffziger?
50% unseres Umsatzes machen wir mit Tüten?
Hunde erhalten dicke Rabatte auf Friseur- und Kosmetikleistungen, aber mehr als 50 Prozent kommen absolut nich inne Tüte?
50% der Hinterlassenschaften von Vierbeinern pro Tag passen in eine Einkaufstüte?
50% aller Auf-dem-Arm-hätschel-Hündchen heißen Frieda oder Freddy und passen in eine Einkaufstüte?
50% der KundInnen dieses Geschäftes tragen die Haarfarbe "Straßenköter" und sind ständig angetütert?
50% in diesem Laden wurden von Friedas und Freddies Hunden bepinkelt?

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Die Eleganz der Fruchtfliegen

Wie sehr doch die Mehrheitsmeinung eigenes Empfinden und Urteilen indoktriniert! Eigentlich sind sie ekelhaft. Widerliche Biester. Lästig. Ein Haushaltsalptraum, wenn auch weniger nachhaltig als beispielsweise Mehlmotten. Man darf sie nicht mögen: Frucht- oder auch Obstfliegen bzw., offiziell-biologisch, Taufliegen (mit dem gedachten Trennstrich nach dem U, nicht nach dem F, Tauf-Liegen empfiehlt sich in geweihten Becken).

Bei näherem Betrachten und Bedenken stellt sich allerdings die Frage, warum. Und ob wir da nicht einem alltäglichen Rassismus aufsitzen, der uns beispielweise eine Hummel knuffig, eine Libelle anmutig und einen Schmetterling hübsch finden lässt - während ebendiese doch, genauer betrachtet (mindestens von ihrer Unterseite her), auch nicht gerade KandidatInnen für Heidi Klum sind und mindestens die beiden Erstgenannten einem auch Schaden zufügen können.

Drosophila melanogaster hingegen sollte uns eine Freundin sein; altvertraut und ans Herz gewachsen, seit wir sie (meist in der 10. Klasse) im Biologieunterricht kreuzen sollten - sei es real oder nur auf dem Papier -, um die Mendelschen Regeln der Genetik bzw. Vererbung zu verstehen und anzuwenden am Beispiel "rotäugig und langflügelig" versus "weißäugig und kümmerflügelig".
 Wer nun ein einziges Mal - aufmerksam, empathisch, offenen Herzens und erkennend - unter dem Mikroskop in ihre in der Gefangenschaft gramgezeichneten und beschämten, vielleicht auch dadurch rotgeweinten Augen geblickt hat, erkennt diesen Ausdruck mit konzentriertem Hinsehen und gut angepassten Kontaktlinsen auch ohne weitere technische Hilfsmittel ein Leben lang stets wieder, wenn er sie irgendwo sitzen sieht: auf dem Obst, dem Gemüse, der Mülltüte, der Wand oder dem Schrank. Diesen tief ins Herz zielenden, von elegantem Pseudowimpernaufschlag begleiteten Blick kann man nicht vergessen, zeigt er doch ihr tiefes Leid gesellschaftlich geschmähter, niederer Existenz, die nur durch Nutzen für die Forschung Bestätigung erfährt, bei gleichzeitig bewundernswerter Genügsamkeit und Anpassungsfähigkeit. Bei manchen soll es Liebe auf den ersten, glasigen Augen-Blick gewesen sein. Keine Liebe, die glücklich verlaufen wird, lebt doch ein Mensch meist deutlich länger. Auch wenn es einem bei der Fruchtfliege gelegentlich nicht so vorkommt.
Ich schau dir in die Augen, Kleines.
Zur Genügsamkeit und Anpassungsfähigkeit gesellen sich bei Drosophila (nach der Schlechtschreibverform nun vielleicht Drosofila - ein lukrativer Werbevertrag für Sportschuhe würde winken, speziell, da es sechs Füße zu bestücken gäbe - hätte sie derer nur nicht so unkompatibel kleine! Aber vielleicht lässt sich da genetisch was machen, Mutation für Fortgeschrittene) noch weitere sehr bewundernswerte Eigenschaften.

Ihr kurzes Leben und ihre gesellschaftliche Ächtung nimmt sie als Schicksal hin und macht das Beste daraus. Begleitet wird dies von einer sogartigen, intensiven und darin ostseegleich schönen Melancholie, die die Erkenntnis der ungeheuer rapiden eigenen Vergänglichkeit mit sich bringt. Der Name "Taufliege" trifft, denn sie vermittelt dieselbe Mischung aus Leichtigkeit, Neuerschaffung und Beschwernis. Die Fruchtfliege leidet nicht. Sie ist. Und isst. Sie stirbt ruhig, wartend, würdevoll; summt nicht dramatisch herum oder zappelt auf dem Rücken, sie sitzt still und hört einfach auf zu leben. Sie erschafft Populationen, ja ganze Staaten, in Windeseile. Gleichsam ignoriert sie ihn, den Wind, und macht auch keinen. Die Schwerkraft hat sie überwunden. Ihre anmutige Geschwindigkeit sowie komplette Geräusch- und Mühelosigkeit, mit der sie scheinbar körperlos aus dem Stand heraus abhebt und in einem rotäugigen Blinzeln eine große Strecke zurücklegt, in ebendiesem Stil auch wieder irgendwo landet, vermittelt fast den Eindruck des Beamens, neppt die menschliche Wahrnehmung und ist nur mit purer Eleganz zu beschreiben. Die Stille, mit der ihr Leben vonstatten geht - sei es im Essen, Lieben oder Sterben -, beeindruckt. Mit ungeheurem Instinkt und lautloser Zielstrebigkeit findet sie alles vermeintlich Essbare und verwandelt es gemeinsam mit ihren Brüdern und Schwestern im Essensprozess kreativ in etwas anderes, führt es in einen neuen Seinszustand über, skulpturiert es. Drosophila macht Kunst und ist immer in Bewegung. Selbst wenn sie stillsitzt. Es bewegen sich dann ihr Geist und ihre karmaseitig hell leuchtende Seele. Das Denkwerk, drosophilosophische Theorie, ist leider nie überliefert worden, da sich niemand die Mühe macht, ihre geräusch- und gebärdenarme Sprache zu lernen, und abstrakt oder telepathisch kein Mensch je ihre Ebene erreichte.

Samstag, 29. Mai 2010

Mediterranes Monster

Bereits im März erhärtete sich ja der Verdacht, dass der Geist Ed Woods sich beharrlich reinkarniert. Offenbar tut er dies multipel, streuend (und doch erreicht niemand das Original). Darüber belehrt hat die letzten Hintermondler und Mustopftieftaucher letzte Nacht der Kulturkanal Arte. Intellektuell wie immer kredenzte dieser den geneigten Zuschauenden, denen ein wegweisendes Werk der 1990er womöglich sträflich entgangen war, seltenerweise weder Deutsches noch Französisches, sondern Griechisches. Und so löste sich zugleich das Rätsel, warum Griechenland pleite ist: Wenn es seine Finanzspritzen in Werke wie "Der Angriff der Riesenmoussaka" steckt (na gut, vielleicht auch nicht, jedenfalls nicht sichtbar), ist dies kein Wunder. Wobei die betont trashige Hommage an diverse B-Movies im Stile von "Attack of the 50 ft. woman", "Plan 9" oder "Angriff der Killertomaten" durchaus unterhaltsam ist; vor allem die bahnbrechende, illusionistische Standards setzende Rausschnippel-und-vergrößer-Tricktechnik des sich durch Athen schiebenden und alles mit heißem Fett vernichtenden Hackfleisch-Auberginen-Schichtauflaufs hat es in sich, während ansonsten lauter schreiende und flüchtende GriechInnen, vom Schnösel über die Junkiebraut bis zur Transe, zu sehen sind. Faszinierend, wie die "Schauspieler" es schafften, dabei ernst zu bleiben. Zwar fehlt dem Ganzen etwas das Tempo, aber: beeindruckendes, total typisch europäisches Kino, anspruchsvoll und im wahrsten Sinne, äh, vielschichtig!

Sonntag, 21. Februar 2010

Zitat der Woche

Nicht immer muss der Dalai Lama herhalten für wohldosierte Alltagsweisheit und Lebensphilosophie. Man hat auch Freunde. Folgende Tiefgründigkeit will ich euch nicht vorenthalten:
"Akkordeon ist wie Soziologie – kein Mensch braucht es."
Auf Nachfrage wurde näher präzisiert: Es ging natürlich um das Akkordeonspielen, nicht gegen das Akkordeon selbst, denn "es ist an sich ja ein schönes Instrument und kann nichts dafür." Oh, na das ist gut zu wissen. Wie es sich damit bei der Soziologie verhält, hat das Orakel allerdings für sich behalten.
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