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Montag, 4. September 2017

Das große Gähnen

Der Politikverdrossenheit huldigt die Autorin normalerweise genauso wenig wie einer generellen Medienschelte. Nicht nur wegen unzulässiger Verallgemeinerungen: Begriffe wie "die Politiker" oder "die Medien" und auch das ganze "Die da oben verarschen uns doch alle nur und es ist eh alles dasselbe"-Gejammer fand sie schon immer Verblödungsbelege, die einer Sachdiskussion oder Ursachenforschung wenig dienlich waren. Denn damit macht man es sich meist zu einfach und hält sich nur vom differenzierten Denken ab, leugnet außerdem seine eigene Rolle und Verantwortung im Diskurs und in der Mediennutzung.
Gestern aber verspürte auch die Grünzeuch-Autorin es: dieses sogartige Gefühl von Nihilismus, Breitband-Resignation, Langeweile, Deprimiertheit und Mit-einer-Soße-übergossen-Werden. Die Soßengarnitur zum Einheitsbrei hat dann auch mal Medienschelte verdient. "Daten, Zahlen, Fakten": Zwei Kanzlerkandidierende, vier Fragende bzw. Moderierende, fünf live übertragende Sender, über 16 Millionen Zuschauende und null Spannung oder Substanz.
Das "TV-Duell" zur Bundestagswahl zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz war kein Duell. Es war unfassbar langweilig und punktlos. Da konnten "Statistiken" aus hektischen Telefon-Zuschauerbefragungen (verschiedene Auftraggeber, verschiedene Institute und Instrumente, verschiedene Ergebnisse – meist lag Merkel vorn) nur erstaunen: Wo sahen die befragten Leute denn da Unterschiede zwischen den beiden? Hatten sie womöglich eine ganz andere Sendung verfolgt? Lebe ich in einer anderen Realität? Beginnt bereits der Wahnsinn?
Lustig hätte es werden können mit einem Bingo-Spiel: Wer jedes Mal, wenn eine/r der beiden Kontrahenten, die keine waren, "Europa", "europäisch", "gemeinsam" oder "ich bin dankbar" sagte, einen Schnaps getrunken hätte, dem hätte sich vielleicht ein lustiger Abend geboten – und inhaltlich wäre ihm in dem Zustand auch nichts entgangen. Tanken beim Danken: Ich bin dankbar für Ihre Frage. Ich bin dankbar, dass ich das sagen kann. Ich bin dankbar, dass Sie das sagen. Prost.

Das Tragische daran ist, dass es nicht nur an den beiden Politpersönlichkeiten lag. Auch, aber eben nicht nur. Die Fragen waren teils so absurd populistisch oder im besten Falle schlicht, dabei aber zugleich so langweilig, unerhellend oder wenig hilfreiche Vorlagen gebend, die vier ProfilneurotikerInnen auf der Journalistenseite so unpointiert, einander ausstechen wollend und dabei doch unobjektiv (allen voran der rechtstendenziöse Strunz, der einfach nicht auf diesen Posten passte) und das Ablaufkonzept war so starr und leblos, dass man sich durchaus fragen muss:
1. Was um alles in der Welt sollte das bringen, und wem?
2. Wie spiegelte das denn das angeblich so große Zuschauerinteresse aller politischen Couleur?
3. Warum musste das vermeintlich seriöse gemeinsame Format von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern denn AfD-Wahlhilfe betreiben?
Denn so wirkte es streckenweise. Dieses Unwohlgefühl wurde immer stärker. Zuallererst und dann ewig lang, weit über ein Drittel der Sendezeit, wurde nur über Flüchtlinge und Zuwanderer gesprochen. Ja, das ist ein wichtiges Thema, aber doch nicht das oberwichtigste und einzige – dieser Auffassung sind wohl nur die Rechten unter den Nicht- oder Protestwählern. Die mögen sich bestätigt gefühlt und die Debatten trotzdem nicht verstanden haben. Zugunsten dieser Priorität fielen etliche wichtige Themen alltäglicher Lebensrealität ganz hinten runter. Eigene Schuld von Merkel und Schulz, findet hinterher Sandra Maischberger, denn die hätten ja kürzer antworten können. Nur, dass sie das niemand im Studio ließ; und die Rückfragen trotzdem weder zur Erhellung noch zur Präzision beitrugen. Menscheln durfte es dabei nicht (iih, das wäre ja spannend gewesen), außer bei den angenommenen Leuten da draußen, die alle natürlich wieder mal "besorgt" waren. Die AfD jubelt.
Sie kriegte auch gleich noch eine neue Antwort, was "deutsche Leitkultur" ist: Geld und Nutzen und ein klares Gut/Böse-Schema. Denn ultrakurz wurde dann noch schnell abgefragt, ob man Homosexuelle wirklich okay findet, ob Trump und Kim und Erdogan ganz doll viel sehr böse sind, ob Familien mehr Geld bekommen, ob man bis "alt" oder bis "sehr alt" arbeiten muss und ob beide mal in der Kirche waren. Mir fehlen die Worte.

Zum Ausgleich gab es danach querbeet auf allen Sendern tiefgreifende Analysen über Überzeugungswerte. So etwa in der ARD-Talkrunde von Anne Will, in der aus völlig unnachvollziehbaren Gründen auch Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas Gottschalk saßen. Was sollte das? Was sollten die dort? Wer hatte etwas davon? Wo war da der Analyse- oder Identifizierungs-Mehrwert? Ach so, ja, klar, Gottschalk ist einfach nur ein unentschlossener Wähler. Hat sich auch in der Vergangenheit sehr als unvoreingenommen gezeigt. Sicher sehr exemplarisch für viele da draußen im Land, quasi repräsentativ. Denn die Deutschen sind ja ein Volk von lauter millionenschweren, berühmten Medienprofis, die den größten Teil der Zeit in den USA leben. Wenn das nicht zu Repräsentanz und Expertise qualifiziert!

Der Verdacht von großangelegter Satire drängt sich auf. Allerdings war es dazu zu wenig unterhaltsam.
Setzen. Sechs.

Freitag, 25. August 2017

Rauch kann ich auch

In einer Stadt wie Berlin gibt es nichts, was es nicht gibt. Selber brauen, selber nähen, selber fotografieren, selber alles, aber bitte immer mit fachlicher Anleitung und zertifiziert! Den Trend zum identitätsstiftenden, kreativen, pseudo-ökologischen, back-to-the-roots-mäßigen, hipstertauglichen, Hobbies-machen-glücklich-schreienden, "handgemacht ist immer qualitativ besser"-Grundsatz-gläubigen Selbstverwirklichungs-Workshop hat nun auch die Quarzerei-Branche erkannt. Ob "Namen sind Schall und Rauch" oder "Hans Dampf in allen Gassen", es geht um Expertenstandard und Fachwissen. Trotz High Tech und trotz strengerer Nichtraucherschutzgesetze: Nach Craft Beer kommen jetzt Craft Cigarettes! Und das ausgerechnet in einem Laden für E-Zigaretten:
Selbstwickel-Kurs: gesehen im Neuköllner Kindl-Boulevard
Beim "Selbstwickel-Kurs" geht es mutmaßlich nicht um Babies. Aber wer weiß.

Gewusst wie! Da nicht jeder alles weiß und manches wohl nicht (mehr) intuitiv zu sein scheint, sondern von Profis beigebracht werden und mit Zeitaufwand erlernt werden will, muss es Anleitungen für alles geben – ob auf Youtube oder in dem, was manche "das echte Leben" nennen.
Demnächst an einer Universität, Fachhochschule, Volkshochschule oder sonstigen Bildungseinrichtung Ihrer Wahl: "Einführung in die Rauchwissenschaft I: Zigaretten selbst wickeln – Geschichte, Theorie, Materialentwicklung, heutige Lebenspraxis und Forschungsstand". Tutorien und Praxisseminare sind in Planung. In einem dritten Modul gibt es dann: "Rauchen ja, aber bitte mit Öko-Siegel!", für das allerdings keine Leistungsnachweise angeboten werden. Und berufsbegleitend kann man (dank VHS und dank freikirchlichgeistiger Gurus wie dem vom oben abgebildeten Handel unterstützten) natürlich auch noch in höherem Alter einsteigen. Wenn die Lunge danach verlangt. Und man sonst kein Hobby hat.

Freitag, 16. Juni 2017

Müll, Geröll, Gebell

Es ist nicht neu: Berlin ist nicht nur cool, Berlin ist auch schmutzig. Hundekot, Abfall, Sperrmüll und Schmutz beschämen oft das Stadtbild, beißen sich mit den Hochglanzprojekten und Schnöselarealen, verderben so manchem die Freude an der bunten Metropole. Dreck, Essensreste, Fallengelassenes, Einweggeschirr, alte Möbel, ausrangierte Technik & Co. finden sich an Straßen, in Parks, an Seen. Nichts scheint gegen illegalen Sperrmüll zu helfen, auch nicht gegen Party-People-Hinterlassenschaften. Irgendwie meint man, andere Großstädte bekämen das besser hin, hätten die besseren Maßnahmen, die besseren Tierhalter, die besseren Bewohner, die besseren Besucher. Und das gilt in den Stadtrandbezirken teils ebenso wie in der von "Durchgangsverkehr" gebeutelten Innenstadt.

Wenn das Maß voll ist:
gewissenhafter Müllabwurf
 in Griffweite des überquellenden Eimers
gestapelt, beim KdK, Pfingsten 2017.
Gegenmaßnahmen? Die Stadtreinigung BSR, dank gewiefter Werbeagentur Meisterin der lustigen Wortspiele, stellt bei ihrer Aktion "Kehrenbürger" sogenannte "Kehrpakete" zur Verfügung (Warnwesten, Besen, Greifzangen, Handschuhe und Mülltüten) und entsorgt später die Sammlungen, wenn Hobbyschwaben und Schöner-Wohnen-Sehnsüchtler mit Kind und Kegel ihren Kiez selbst säubern wollen. Um Ökologie geht es dabei nicht, nur um Wegräumen. Gegen Wauwaus Kacke wurde letzten Sommer im Berliner Hundegesetz eine Beutelpflicht eingeführt, die mit Bußgeld droht, aber nicht greift: Solange nicht kontrolliert wird, das Personal fehlt, wirkt sich das Beutel-mitführen-Müssen ebensowenig aus wie das Kot-beseitigen-Müssen, auf dessen Missachtung es schon lange Bußgelder gibt. Und Müllabwurf-Rekordhalter Neukölln listet, beinahe prahlerisch, seine "15 Hotspots der Vermüllung" (sollen es Tipps sein? Oder Stationen zum Sightseeing?) als Galerie der größten Gemeinheiten: Gut die Hälfte der per App gemeldeten Ordnungswidrigkeiten im Bezirk seien illegale öffentliche Müllvergehen, so Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), und oft handele es sich um den "Hausrat von Menschen, die in Berlin nur auf der Durchreise sind". Da lacht das berlinische Herz: Also wir sind dett ja nich, dett sind ümma die anderen, die blöden Touris und so, siehste. Nur doof, dass weder Fahndungen noch Patrouillen noch höhere Bußgelder noch Imagekampagnen das Bewusstsein ändern. Ob es hilft, sich den Dreck auf der IGA mit einer "begehbaren Müllskulptur" zu euphemisieren? Oder sich spießbürgerlich zu echauffieren?

Schön zu wissen allerdings ist: Zumindest auf einem der größten regelmäßigen Müll bzw. Wegwerfgeschirr produzierenden Events, dem Karneval der Kulturen, herrscht Plan im Chaos und eine gewisse Gewissenhaftigkeit bei manchen, wie das obige Rückblickfoto belegt. Kreuzberg weiß eben noch, wie man ökologisch nachhaltig Müll produziert und entsorgt – und den Reinigungskräften wenigstens die Arbeit erleichtert, wenn schon der Eimer belegt (oder das Fass zum Überlaufen voll) ist. Hach! Die Welt ist gut!

Samstag, 31. Dezember 2016

Bilanz, Popanz und null Substanz

Es hätten sich für die Überschrift noch andere inhaltlich wunderbar passende Bilanzreime gefunden. Trauerkranz zum Beispiel. Oder Resonanz, Ignoranz und Toleranz. Oder Eiertanz. Welcher dann nicht nur die Neujahrsansprache von Angela Merkel meint – auf die die ARD die geforderten gemeinsamen Werte der Deutschen auf dem Fuße folgen lässt: in Form eines "Silvesterstadls". Wahrscheinlich ist das Worst-case-Szenario, das Grauen des Bösen für 2017, noch nicht düster genug skizziert, wahrscheinlich heißt die nächste Bundeskanzlerin nicht Frauke Petry, sondern Helene Fischer, und nächster Außenminister ist Jörg Palaver Pilawa. Die Massenmedien jubeln, endlich wieder Niveau.

Schweigen im Walde hier, sehr lange, wie wahr! Warum?

Was soll man schreiben – erst recht in einem privaten Hobby-Spaß-Blog –, wenn eigentlich "Schluss mit lustig" (und zwar nicht nur mit Peter) ist? Wenn es einem unpassend vorkommt, das Große auszublenden und weiter nur das Kleine aufzuspießen, während aber genau dies nur alles sein kann, was in diesem Rahmen zu leisten und passend ist, woran man nicht scheitert; und wenn es einem zugleich aber ebenso unpassend, weil unzulänglich, vorkommt, stattdessen das Große einzubinden und zu verwenden?
Oder anders formuliert: Was soll in einem den Rahmen nicht sprengenden Stil geschrieben werden, das nicht trivial ist, wenn a) die politische, gesellschaftliche, aber auch mediale Dummheit weltweit zunimmt und b) dazu eigentlich schon an vielen Stellen viel (oder gar zu viel, oder gar alles, in irgendeiner Form, irgendwo) geschrieben wurde?

Das waren durchaus Fragen, die sich das Grünzeuch 2016 stellte. Und das waren auch einige Gründe, warum hier nicht wirklich was kam. Das Jahr frustete, schockte, erstaunte, panikte, dummelte, betäubte, nervte, überforderte, langweilte, ekelte, machte sich lächerlich, wurde gefährlich, wurde übertrieben, litt an Hysterie, löste nichts, warf alles auf, ärgerte, ängstigte, amüsierte mit bitterem Beigeschmack, machte medien- und menschenmüde, war für ein Mini-Blog zu viel und doch zu wenig.

Da befindet sich die halbe Welt im Elend und Hunger, ein Großteil davon auch in Angst und Schrecken, Terror, in Regimekonflikten und Unsicherheit; im Bürger-, Banden-, Barrikaden-, sonstigen Binnen- oder gar im offiziellen und internationalen Krieg. Und die andere Hälfte der Welt hat darauf nicht nur keine Antworten, sondern auch keine Fragen. Hat kein Interesse dafür, will, dass es sie einfach nichts angeht. Diese andere halbe Welt hat vor nichts so sehr Angst wie davor, dass Menschen der ersten Hälfte vor obigen Umständen fliehen und zu ihr kommen. Denn das könnte sich in irgendeiner Form ja auf sie auswirken (sic!), sodass sie sich selbst deshalb etwas umstellen oder sich einfach auch mal mit jener Hälfte der Welt auseinandersetzen, diese und deren Probleme einfach sehen müsste (statt nur Castingshows, Fußball und Werbeclips sowie das Etikett der Bierflasche vor der Nase). Vorgeschoben bei der Angst, dann selbst künftig zu kurz zu kommen und plattgetrampelt zu werden (unberechtigt), auch bei der Angst, sich mit einer sich ändernden Gesellschaft und eventuell auch Wohlstandslage arrangieren zu müssen (womöglich berechtigt, aber global unausweichlich), und bei der Angst vor dem Betrachten – was gefühlt einem Selber-haben-Müssen gleichzukommen scheint – einer anderen Alltagskultur und Optik (uhhh, da sind Menschen mit dunkler Haut! Und ein Kopftuch! Gruselgrusel!! Es möge sich jeder selbst ein Bild machen, wie berechtigt – und wie neu – diese Angst ist...), vorgeschoben bei all dieser Angst vor allem und allen also wird dann der kleine, in der Tat gefährliche Prozentsatz von Kriminellen, Psychopathen, Gestörten, Menschenfeinden, Radikalen, Gewaltbereiten, organisierten Terroristen und allgemein Explosiven und Bedrohlichen, der auch ohne "die Flüchtlingskrise" (was ist da eigentlich die Krise? Der Flüchtling oder seine Flucht oder sein Geflohen-und-hier-Sein oder das, dem er ausgesetzt war oder nun ist, oder oder oder ...? Sind die Flüchtlinge eine Krise oder sind sie in der Krise?) im Land gewesen oder ins Land gekommen wäre, wenn er gewollt hätte: Wo ein Wille ist, ist ein Weg; und wo einer gut vernetzt und kriminell ist und will, ist einer weg. Dass Nicht-Asyl keine Anschläge verhindert, hat sich immer wieder schrecklich belegt, gerade auch dieses Jahr. Aber was sich prima zusammenwerfen lässt, passt sich schon irgendwie ineinander. Et voilà, juhu, da waren sie, diejenigen, die 2016 ebenso dominierten:

Huiiii, schwupps, da waren und sind die Demagogen und Diffamierer, die Rechten und Schlechten, die Populisten und Opportunisten, die Stammtischler und Wegwischler. Da kriechen AfD, FPÖ, SVP, PVV, Lega Nord, UKIP, Front National & Co. einmal mehr aus den Löchern und vorwärts (Polen, Ungarn & Co. braucht man schon nicht mehr als neu zu erwähnen). Passend fügen sich in dieses Portfolio auch alle Irrungen und Wirrungen von Brexit bis Donald Trump (der personifizierte Antipolitiker im Kampf gegen das Polit-Establishment und die Polit-Elite: welch Treppenwitz der Geschichte, immerhin ist er Establishment und Elite in Personifizierung, qua Finanzen zwar, jedoch ...). Da kommt das "Postfaktische" (völlig zu Recht das Wort des Jahres) zur "Emotionalisierung der Politik", dazu gesellen sich das "gefühlte Wissen", die "ernst zu nehmenden Sorgen", das Ausspielen verschiedener Gruppen von Schwachen und Verlierern gegeneinander und noch ein paar andere Erklärungen der folgenden, eigentlich ganz simplen Entwicklung: In einer Phase des (anscheinend) weltweiten Umbruchsszenarios reagieren viele Menschen mit Aggression, Hysterie, Zusammenrotten in Wir-Kontexten und Radfahrerprinzip, vor allem aber mit Selbst- und Fremdverdummung. Diese Verdummung schreien sie dann aber dafür, um sich ihrer Sache selbst sicherer zu sein und sich weniger blöd zu fühlen, möglichst laut und aggressiv hinaus. Und für die komplexbeladene Selbsterhöhung ist es dabei auch wichtig, sich einer Verschwörungstheorie von ominöser Unterdrückung durch herrschende Eliten zu versichern und, ganz wichtig, bei all der Paranoia auch noch ständig zu spötteln über vermeintlich viel Dümmere, die natürlich alles verantworten mit ihrer Dummheit: Wichtig ist das Spotten über und Fingerzeigen auf naive "Gutmenschen" – nein, halt, wichtiges Attribut, unbedingt immer in dieser festen Fügung verwenden: "linksgrünversiffte Gutmenschen"! Sonst ist es nicht komplett! – als verblendete Wirklichkeitsverweigerer und die wahren Doofen. Denn doof ist, wer ein guter Mensch ist. All dies am besten im Internet. Da fürchtet, hasst, spottet, entwertet, entmenschlicht, verallgemeinert, feindbildet, paranoiat und panikt es sich so richtig schön ungeniert.

Wichtig auch: Natürlich wurde an allen Ecken und Enden sabbernd mit auf den Zug gesprungen, weil vom großen Populismuskuchen und dem Geschäft mit der Angst auch die kleinste Kuchengabel was abhaben will. So überholt hierzulande die CSU fast die AfD auf der rechten Spur, aber blinkt dabei wenigstens heftig. Sie meint, damit den guten, aufrechten, moralisch integeren Deutschen – naja, gut: Bayern – in ein(em) Sicherheitsgefühl über die Flüchtlingskrise zu retten. Und nein, es ist nicht nur der Seehofer, a Depp, a g'scheiter. Sein ganzes Gefolge. "Und wenn du denkst, es geht nicht blöder, kommt ein Tweet von Markus Söder" [u. a. Urban Priol, 20.12.2016, der wunderbare Spruch grassierte aber schon seit 2015 im Internet]. Und natürlich zieht sich das aus der rechten Ecke hinaus; bis in die SPD und Linke hinein. Nicht, dass womöglich von den Krümeln ein anderer fett wird! Auch wenn der Kuchen noch so oll und schimmelig war.

Ausgehend von der Theorie vom "Oberbösewicht im Wandschrank", den man laut Kabarettist Volker Pispers jederzeit bereithalten sollte, um sein Tun zu rechtfertigen, zu kanalisieren und zu erklären, wusste man aber nun 2016 auch wahrlich nicht, wo man hinschauen sollte! Dieses Dilemma ist durchaus zu beklagen und anzurechnen. Jenseits von Attentätern, Terrornetzwerke(r)n, Anführern, Youtube-Hetzern, aber eben auch von Kim Jong-il, Viktor Orbán, Baschar al-Assad, Wladimir Putin, Donald Trump oder wie der persönliche jeweilige Bösewichtliebling individuell heißen mag, gab es hierfür ja zum Beispiel auch noch eine Türkei, die sich schockwandelte, weil Sultan Erdogan jenseits von Satire-Prozessen und -Krisen nach dem Putschversuch (ein Schuft, wer Böses dabei denkt) sein wahres Gesicht immer mehr zeigte, nach innen wie außen. Seltsam, dabei passt der damit doch eigentlich ganz gut in die derzeitige "westliche Welt". Bei dem, was in Deutschland und Europa (sowie auch den USA) momentan so allgemein, öffentlich, privat, politisch, diplomatisch und undiplomatisch dahergelabert wird, kann man die Türkei – gerade jetzt – eigentlich getrost in die EU aufnehmen. Und immerhin: Die sorgen für ihre vielen Flüchtlinge. Und nicht einmal schlecht, behaupten manche.

Und: "Es gab so viele Tote." Das war wohl in der öffentlichen Wahrnehmung das Jahr 2016. Ja, ja.
Gemeint sind damit aber irritierenderweise oft nicht die Hirntoten am rechten Rand.
Auch nur zum Teil die vielen anonymen oder privaten Toten in Massen. Das große Thema "Der Tod lauert im Mittelmeer", gerne betrachtet unter dem Stichwort "Schlauchboot", wurde nicht plötzlich ab Spätsommer 2015 inaktuell, nur weil Ungarn, Bulgarien, Spanien etc. Zäune hochzogen, EU-interne Grenzkontrollen losgingen, Beatrix von Storch notfalls mit ihrer Maus auf Flüchtlinge schießen wollte und es den Rückhalte-Deal der Bundesrepublik mit der Türkei gab. Es tönte nur leiser. Aber: aus den Augen, aus dem Sinn.
Auch nur am Rande passten da die Toten durch Terroranschläge immerhin ins Betroffenheits- und Bewegtheitsbild. (Angemessene Trauer allerdings zeichnete sich in der sofortigen Nutzbarmachung dieser Toten aus der populistischen Ecke nicht ab.)
Nein, all das ist meist nicht gemeint. Lieber sabberten beim Thema "viele Tote" die Verschwörungstheoretiker über das schlechte Karma des Jahres, das sich an viel zu vielen toten Prominenten zeige, die jung, unerwartet oder alt gestorben seien: Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, andere Kulturschaffende, Sportler, Wissenschaftler, Zeitzeugen, Könige, Politiker (darunter die halbe FDP), Fernsehleute, Ikonen etc. Ach so. Ja, das ist wichtig. Und natürlich an der Fußball-EM, da zeigte es sich auch. Alles schiefgelaufen und alles Schiebung. (Vermutlich, weil Boateng einen Nachbarn verschreckt hat.) Schiebung natürlich war nicht das, was währenddessen auf der Polit- und Weltbühne unbehelligt weiterlief. Oder was derweil mit den Freihandelsabkommen wurde und wird. Zum Glück gab es wenigstens auch noch Olympia. Hach. Die Welt dehnt sich sehr an ihren Fugen. (Ehe es untergeht: Ja, auch ich finde es tragisch, dass manche Größen gestorben sind, teils Persönlichkeiten, die eine Ära geprägt haben. Aber das eine gegen das andere aufwiegen? Und das Prominente dann wichtiger finden als das Allgegenwärtige? Und je massenprominenter die Einzelnen, desto stärker der "2016 kriegt sie alle!"-Hype.)

Aber nu isses ja vorbei. Kann also weitergehen.
Kommt gut in die Zukunft!

Ach ja, richtig, verdammt, nicht nachgedacht: Hier fehlen noch die Schlagworte Terrorismus, Islamismus, Anschlag/Anschläge, Bomben, Selbstmordattentat, Muslime, Moslems, Scharia, Syrien/Syrer, Asylbewerber, Extremismus, IS, Milizen, Gewalt, Lügenpresse, Regierungsmedien, Systemmedien, regimetreu, Mehrheit, besorgte Bürger, Kanzlerin, Kultur, anpassen, integrieren, Gesetze, Gewalt, Köln und Silvesternacht, damit das hier dann irgend jemand bei Google findet und womöglich liest. Prost.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Und sonst so? – Muss ja.

Kleinste gemeinsame Nenner sind wichtig; nicht nur in der Algebra, sondern auch im menschlichen Miteinander. Darum ist es (an alle Dr. Dr. Sheldon Coopers: nota bene!) gesellschaftlicher Konsens, wenn einem entweder sonst nichts einfällt oder aber alle anderen Themen vermintes Gebiet sind, dann über das Wetter zu reden.

In Deutschland hat sich bei diesem Reden das Motzen als grundlegender Ansatz etabliert. Welches Wetter das Werturteil "schön/gut" erhält und welches "eklig/schlecht", ist dabei ganz klar geregelt. Ungeschriebenes Gesetz: Sonne und Wärme supi, alles andere iiiihdoofblöd.
Niemand denkt dabei an die armen Allergiegeplagten, die im Frühling gar nicht solche große Freude haben, und an die hitzeempfindlichen Kreislaufschwachen, die den Sommer fürchten. Aber abgesehen von dieser Randnotiz lauert hier eine gesamtgesellschaftliche Falle: So wird das Smalltalken in der wärmeren Jahreszeit grundlegend erschwert! Denn wenn man nicht motzen kann, wozu dann ein Gespräch? Es sei denn, die Sprechenden einigen sich nonverbal, dass in diesem Ausnahmefall das Reden übers Wetter auch ohne Motzen statthaft ist, ehe man vereinsamt und mitten in der sonneseligen Supi-Zeit plötzlich vereinsamt und womöglich depressiv wird. Dann ist Loben möglich – aber sehr schnell aufgebraucht. Blumige Sprache erreicht beim Loben schneller ihre zeitgenössischen Grenzen als beim Motzen. Dann ist das Gespräch schnell zu Ende. In manchen Fällen hat das seine Vorteile.

So oder so: Freut euch des aktuellen Wetters! Nutzt es, um nach langer Zeit einmal wieder ausgiebig und sinnlos Kommunikation zu treiben! Wichtig: Sprecht dabei gegenüber dem neu entdeckten Wesen, diesem sogenannten Mitmenschen, unbedingt auch an, dass es ja nun wirklich lange genug kalt und bäh war und endlich, endlich, endlich wieder warm werden muss. Dass es erst Mitte Januar und dafür viel zu warm ist und dass bis auf eine Woche richtigen Frosts von "Winter" diesmal eigentlich keine Rede sein kann, dürft ihr keinesfalls erwähnen. Und zwar nicht nur gegenüber Klimakatastrophe-Befürchtenden und anderen vermeintlich viel zu Grünen. Sondern das ist ein schlimmer Verrat an gemeinsamen Werten. Und zwar ein schlimmerer, als sich zum Beispiel zusammenzurotten und irrwitzige "Ich habe nix gegen Ausländer und ich bin auch nicht rassistisch, aber"-Sätze zu sabbern. Muss deshalb auch unbedingt bekämpft werden, dieser Verrat. Statt "Je suis Charlie" mal "Je suis l'eté"!

Dienstag, 6. Januar 2015

Zitat der Woche (34)

In einem Lokal im Kreuzberger Bergmannstraßenkiez plappern zwei Hipstertussis, wie sie dort in der unfreien Wildbahn immer gehäufter vorkommen und sie verderben, über den Beziehungsstatus der einen. Diese erklärt präzise:
"Ich hab grad mega dis komische Gefühl. Davor war ich ja emotional noch voll low und so."

Sonntag, 22. Juni 2014

Zitat der Woche (32)

Those Americans! In der vor dem Fußball-WM-Spiel Deutschland – Ghana rappelvollen S-Bahn erklärt ein etwa zehnjähriges Mädchen seiner ebenfalls englischsprachigen Oma, warum so viele schwarz-rot-gold-gestylte oder -bemalte Leute unterwegs sind:
"Black, red, and yellow or golden are Germany's colors. It's soccer. Today's Germany against Afghanistan."

Dienstag, 23. Juli 2013

Staatisch aufgeladen

Denglisch kann nicht nur Gayle Tufts. Denglisch können auch manche anarchischen Pseudo-Revoluzzer.
Der Umbruch startet auf dem U-Bahnhof Jannowitzbrücke.
Fuck this Staat! Before it fucks umgekehrt you selber!
Vielleicht hätte Sonnenmilch, auch bekannt als "Revo-Lotion", etwas Gutes getan; die schützt das Hirn vor Brandschaden.

Sonntag, 17. Februar 2013

Tunnelblick (15): Wasndasey?

Eine schnatternde Schulklasse oder Abi-/Kursfahrt (jedenfalls ältere Teenager) mit Mädchenüberschuss bevölkert einen ganzen morgendlichen Waggon auf der Ost-West-Achse der S-Bahn. Dieses eine Mal kriegen bei deren derzeit obligatorischem Auftauchen die zwei Südländer mittleren Alters mit Ghettoblaster, Trompete, Gitarre und sehr dürftigen Instrumental- sowie Sangeskünsten, die seit geraumer Zeit auf jener Strecke mit ihrem allgegenwärtigen, ganztägigen "Nossa! Nossa!" (Jaa, jaa, es heißt "Ai Se Eu Te Pego" ... ein topaktueller Winterhit) immer wieder unfassbar nerven, nicht nur gequält leidende Blicke. Sondern zum einen erhalten sie seltenerweise jede Menge Kleingeld – und zum anderen Begeisterung. Johlen, Applaus, Fingerschnipsen, Rhythmusklatschen und ein weiblicher Mitsing-Chor branden auf. Erstaunt und erfreut sehen die beiden Männer sich daraufhin bei und nach dem Geldeinsammeln erstmalig zu einer Zugabe ermutigt. Jedoch lässt "Oh When The Saints Go Marchin' In" das irritierte Jungpublikum komplett kalt sowie völlig verständnislose Gesichter zurück.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ö-Eier

Trotz multilateralen Unmuts und Verwirrtseins: Jahr für Jahr beginnt bekanntlich in Kalenderwoche 35, spätestens allerdings am 1. September, in den Märkten das unsägliche W-Fest – das, dessen Name nicht genannt werden darf. Auch wenn die MitarbeiterInnen es oft noch nicht angemessen feiern, so startet zumindest aber, pars pro toto, das große Auftürmen leckerer und weniger leckerer, kitschiger und noch kitschigerer Artikel. So weit, so normal (da "normal" von "Norm" kommt). Dass neuerdings allerdings die Saisonware der üblichen Verdächtigen bereits im Oktober sogar für Ostern feilgeboten wird, ist zumindest verwunderlich. Regelrecht skandalös dagegen – und da war sie wieder, die Norm, die Gleichmacherei – ist, dass der Osterhase sich inzwischen, wenn das Produkt es erfordert, sogar als Nikolaus oder W[zensiert]smann verkleidet! Zumindest sieht er ihm täuschend ähnlich. Schmückt sich da einer mit fremden Rentieren?
Spannung, Spiel, Schokolade und wichtige Feste: All in one und das schon im Herbst!
So wird das Ü-Ei zum O- oder Ö-Ei. Oder auch zum Öh?-Ei.
Abgesehen davon beruhigen uns die vielzitierten, leidigen Deppenleerzeichen, dass der Euro sich nicht entwertet, es hier noch was gibt fürs Geld: für nur 79 Cent Kinder, ein Ü-Ei oder Oster-Anhänger. Na, vom Preis-Leistungs-Verhältnis her würden sich aus dieser Auswahl die meisten wohl eher nicht für die Süßware entscheiden. Oder "und" statt "oder"? Gibt es das alles für 0,79 Euro? Öh, ey?

Sonntag, 16. September 2012

Zitat der Woche (20)

Typ in den Zwanzigern seufzt gelöst und geschmeichelt in sein Handy:
"Also det jeht mir wie Öl, Alter, wa."

Freitag, 17. August 2012

Tunnelblick (13): Geldreligionen, Weltreligionen

Die hitzegebeutelte, stickige, volle S1 besteigen vier Halbwüchsige mit Migrationshintergrund, die sich sehr laut und damit den ganzen Großwaggon unterhalten. Thema sind zunächst Nationalitäten und Hautfarben. Sie beschimpfen sich gegenseitig feixend als "armer Nigger", "viel zu dunkel für 'n Araber" und "Hobby-Afrikaner".
Einer meint plötzlich: "Scheißtag, mir is langweilig, soll ich mal wieder 'Brot für die Welt' machen?" Ein anderer findet das eine gute Idee, aber der dritte und vierte Junge versuchen, ihn von der ominösen Aktion abzuhalten: Er solle "immer alles sparen" und "sein Geld zusammenhalten" und "alles nur für sich selber ausgeben", nur so bringe man es im Leben zu was. "Gib den Asis nie was ab! Die sind doch selber schuld!", findet einer. "Nee, aber doch, ich hab da jetz Bock drauf, bei der Hitze, ich will mal wieder 'Brot für die Welt' machen", insistiert der erste. Was er damit meint, ist: sein Portemonnaie öffnen, Münzen herausholen (alles Mögliche zwischen 1-Cent- und 50-Cent-Stücken), sie mit Schmackes auf den Boden schnipsen und quer durch den ganzen Waggon rollen lassen. Alle vier kichern vor sich hin. Eine sitzende Mama mit Baby fragt: "Kriegt ihr zu viel Taschengeld? Wenn ihr zu viel habt, gebt es ruhig mir, ich nehm es gerne." - "Können Sie sich ja vom Boden aufheben", grinst der edle Brotspender. Sie schüttelt fassungslos den Kopf, der Junge lässt weitere Münzen ihrer Wege rollen und verkündet den Anwesenden: "Hier, wer will, Brot für die Welt, alles für alle, könnt ihr euch aufheben!". Auch auf den Hinweis eines weiteren Fahrgastes, wenn er etwas spenden wolle, könne er es doch bedürftigen Menschen, die oft genug in der Bahn herumkämen und zum Beispiel die Straßenzeitung verkauften, direkt geben, denn diese würden sich sicher freuen, antwortet er erneut arrogant: "Die können es sich vom Boden aufheben!" und fügt diesmal erläuternd hinzu: Ein bisschen "was dafür tun" könnten die schon, sich wenigstens mal bücken, "wenn sie schon nicht arbeiten". Die S-Bahn-Insassen sind wie versteinert. Keiner steht auf.

Das Spiel wird den Jungs zu öde. Irgendwie fangen die fantastischen Vier beim Weiterschnattern an, über Religionen zu fachsimpeln. An dieser Stelle konnte die Verfasserin nicht anders, als nahezu zwanghaft die Tonaufnahme-Funktion ihres Mobiltelefons zu aktivieren. Trotz guten Dialoggedächtnisses erwies sich diese Idee als nützlich, da die kleinen not-so-gentle men sich gegenseitig sehr gerne ins Wort fallen.
Junge 1: "Stimmt es eigentlich, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger geworden is und nich von Jesus?"
- verwirrtes Stutzen der anderen, inklusive "Häh?"-Lauten -
Junge 2: "Joseph!! Du Penner!"
Junge 3: "Ja mann, die war mit Joseph zusammen!"
Junge 4 lacht nur.
Junge 2 lacht mit: "Jeeesus ... mann ... Alter ..."
Junge 1: "Aber hat der Heilige Geist die nu geschwängert oder was?"
- kurze Stille -
Junge 1: "Oder Gott oder so? Jedenfalls war die nich von ihrem Freund schwanger. Wer war'n das dann, war das jetz der Heilige Geist oder wer hat die geschwängert?"
- kurze Stille -
Junge 2: "Nee, du Pfosten! Der Heilige Geist doch nich! - - - - Oder?" 
Junge 4 (gedehnt): "Der Heilige Geist ..." (lacht weiter)
Junge 3: "Ey nee, das stimmt nich, ich schwöre, frag mal 'n Priester!"
Junge 2: "Nee, frag die Zeugen Jehovas, die erklären dir das. Die wollen einem immer sowas erklären."
Junge 1: "Is Jehova was mit Juden?"
Junge 2: "Nee, das is so ähnlich wie Christen."
Junge 1: "Katholisch oder evangelisch?"
Junge 2: "Mann, Zeugen Jehovas halt, kennste nich? Die stehen überall rum oder klingeln bei dir."
Junge 3: "Zeugen Jehovas sind aber scheiße. Die sind voll dumm."
Junge 2: "Scientology is aber auch scheiße."
Junge 1: "Ja, aber der Name klingt krass! Total cool! Find ich irgendwie krass geil! Voll wie so 'ne Gang oder so!"
Junge 2: "Die sind aber trotzdem auch scheiße und dumm."
Junge 1 (ehrfürchtig): "Sei-enn-tollo-dschie ..." 
Junge 3: "Nee mann, dumm sind die nich, aber scheiße sind die auch."
Junge 4: "Wie scheiße denn?"
Junge 3: "Gefährlich und so. Irgendwie so. Glaub ich."
Junge 4 hört auf zu lachen.
Junge 1: "Klingt aber echt krass!"
An dieser Stelle wartet der Umstieg. Sowohl der des mitschneidenden Handys, das es inklusive seiner Besitzerin leider eilig hat, als auch der der vier Checker, die inzwischen allerdings auch wild durcheinander gröhlen. Nur noch Schlagworte wie "Sekten", "voll so katholisch", "Islam" und "Moslems, Alter!" bahnen sich akustisch ihren Weg. Es wäre sicher noch erhellend weitergegangen.

Montag, 23. Juli 2012

Zitat der Woche (17)

Noch nachgereicht werden muss dringend ein Zitat der letzten Woche. Es hätte auch für einen Tunnelblick getaugt, ist aber verbal zu eindringlich. Junge Menschen bandeln an, Berlin 2012, Lektion 1: Sprachreduzierung. Eine Gruppe von Teenagern, geschätzt zwischen 16 und 19, die sich an dem Abend erst kennengelernt zu haben scheinen, nähern sich im Nachtbus an. Ein Männchen (und zwar eines ohne erkennbaren Migrationshintergrund) schlägt den Weibchen weitere gemeinsame Aktivitäten vor:
"Geht ihr morgen Sushi? Lass aber mal nich so spät. Zusammen, ey, ey, zusammen? Geb mir mal Handy, ich schreib Name."

Sonntag, 22. April 2012

Zitat der Woche (10)

Entsetzter Ausstoß eines befreundeten frischgebackenen Promovierten (also eines als zur Bildungselite und zum Wertekonsens zugehörig Zertifizierten) nach einer, wie üblich, wahnsinnig niveauvollen Äußerung der protokollierenden Autorin:
"Oh nein! Ich kenne sie schon zu lange! Ich lache über ihre Witze! Nach einer Weile fängt man an, das lustig zu finden?? Verdammt." 

Donnerstag, 12. Januar 2012

Hände weg!

Schlagzeilenmix ist was Schönes. Einen besonders aufsehenerregenden Fall von Do-it-yourself-Körperstyling deckte BILD Berlin auf:
Plastische Chirurgie und Hormontherapie können einpacken! Schönheits-OPs? Das war gestern! Heute klappt sie endlich: die Brustvergrößerung und/oder -straffung durch Handauflegen. In diesem Fall wird die Hand einfach ab- und dann separat aufgelegt. Ist der ganz, ganz sichere Weg.
Also: Unglücklich im eigenen Körper? Dann weg mit der Flosse! Eine ist bestimmt verzichtbar - man muss Prioritäten setzen und ein bisschen Schwund ist immer -, das gibt schöne Titten; Geschlechtsumwandlung gleich inklusive (die Frage allerdings bleibt, ob eine Hand für zwei Brüste reicht oder es dann nur einen Traumbusen gibt. Im Zweifel beide zu opfern, das müsste doch überdacht werden). Die Kosten? Ach, peanuts. Was so'n Silvesterböller aus Polen eben so kostet.
Hand aufs Herz (also in etwa auf den Traumbusen): Wenn das kein Knaller ist!

Dienstag, 6. Dezember 2011

Nichts "einschmeißen"!

Und nochmal Kladow: Ob diese Bewohner einer lauschigen, ruhigen Einfamilienvilla Werbung wollen oder nicht, bleibt im (weit verbreiteten!) Anführungszeichen-Wahn etwas offen.

Es liest sich wie ein Code, eine versteckte Botschaft unter Insidern: "Wir wollen ,keine' Werbung, na Sie wissen schon: echt ,keine'! <zwinkerzwinker>" - Heißt übersetzt: "Schmeißen Sie uns mit dem Zeug voll! Immer her damit!" Oder ist's ein diskreter Hinweis auf eine bestimmte Art von Werbung, die man nur will? Immer rinn mit den Sexkatalogen! Oder den Preislisten örtlicher Koksdealer!
Oder einfach nur: Ironie ist dein Feind, wenn sie sich anschleicht.

Liebe Kinder: Hände weg von den Gänsefüßchen! Es sei denn, ihr beherrscht sie.

Mittwoch, 30. November 2011

Zitat der Woche (4)

Aufgeschnappte Bestellung am Nebentisch im indischen Restaurant:
"Einmal das Chicken Curry ohne Chicken."

Mittwoch, 21. September 2011

FDP - nee!

Grünzeuch-LeserInnen wissen mehr! Als Nachlese zur Berlinwahl decken wir auf: Enthüllt wird der wahre Grund, warum die FDP glorios unterging.

Neben den üblichen Peinlichkeiten auf Bundes-, aber auch Landesebene, dem Nichterreichen des Mindestalters, genereller Überflüssigkeit und Unpassendheit in der Hauptstadt sowie einem insgesamt bodenniveauigen Populismus-Wahlkampf voller Dummheiten (der sogar die Stammzielgruppe verfehlt haben dürfte, die sich für gebildet und geistreich hält) war vor allem ein bestimmtes Plakat schuld. Es belegte nämlich komplette Hirnlosigkeit.

Und zwar handelt es sich um dieses:


Sechs, setzen! Wenn ein kleiner FDPler von Mami mal wieder zum Bäcker geschickt wird, sollte ihm vorher jemand erklären, dass es einen Unterschied gibt zwischen verschiedenen Backwaren. Und dass man auch in Berlin nicht Croissants bekommt, wenn man Schrippen bestellt.
Wer nicht einmal den Einkauf von Lebensmitteln des täglichen Bedarfs zu bewältigen vermag, dem wird wohl kaum jemand zutrauen, dass er die komplexen Probleme einer Großstadt versteht und gar löst. Darum müssen die fatalen, banalen Qualen-Liberalen nachsitzen und zunächst kleinere Brötchen backen.

Donnerstag, 4. August 2011

Die Wahl der Qual

Massiv umhergeklebte Wahlplakate stimulieren schon wieder glamourös den Würgereiz. Im bekannten Overkill-Stil ereilte ab Startschuss binnen 24 Stunden die zahlenmäßig rekordverdächtige Frontaloffensive sämtliche Berliner Laternenmasten. Und das nicht nur frontal, sondern auch, äh, rektal. Auf jeden Fall offensiv.

Unverständlich bleibt, warum Wahlwerbung immer so phantasielos sein und oft auch so dilettantisch aussehen muss. An der Stelle der diversen Parteien würde das Grünzeuch die eine oder andere Werbeagentur ja nicht nur nicht entlohnen, sondern am besten gleich verklagen. Zum Beispiel für verschlimmbesserndes In-Szene-Setzen ohnehin schon schrecklicher Fratzen oder für dumme, respektive unfreiwillig komische, Slogans. Ganz weit vorne war bisher ja die CDU mit dem inzwischen nachgebesserten Plakat, das sich las wie: "Die 100 Probleme von Berlin – [sind] Frank Henkel."

Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels!
Bisheriger Favorit auf den - tatsächlich! - Originalitätspreis:
Die Zielgruppe ist klar. Hauptsache, sie lacht.

Dienstag, 3. Mai 2011

Friede, Freude, Eiersuchen

Westlich-abendländische Welt, in einem aber mal sowas von freien Land, abends im Mai, Tag zwei nach X. Alles ist anders. Alles ist neu. Es ist vollbracht. Das Suchen hat ein Ende. Je mehr sich die Nachricht setzt, desto mehr wachsen Gewissheit, Zufriedenheit, Erleichterung und Wohlgefühl: Endlich! Die Freiheit ist gerettätätä! Das Monster wurde in seiner Höhle aufgespürt und hingerichtet. Na dann ist ja alles in Butter. Frieden, Demokratie, Fortschritt, Rechtsstaatlichkeit, Christentum, Moral, Moderne, Zivilisation und Menschenverstand, überhaupt: die aufgeklärte Gesellschaft, haben gesiegt. Und ihre methodische und stilistische, vor allem aber ethische Überlegenheit bewiesen. Wir dürfen wieder leben. Die Welt ist gut. Auf die Straßen und jubeln!

Gerichtsprozesse sind ja auch was für Anfänger. Was soll das ganze Be- und Verhandeln? Rache muss schnell geübt werden und effektiv. Und am besten auf Unbewaffnete und in einem Land, das weder eigener Abknallhoheit entspricht noch fremde Zeigefinger verheißt.

Es reicht auch im Übrigen nicht, wenn ein Herr Obama versucht, seine nächste Präsidentschaft zu retten. Das befreundete Ausland ist auch erleichtert. Man kann ja jetzt endlich wieder auf die Straße gehen. Oder auf einen Flughafen. Unter Leute. Da darf sich dann das Ding, das so tut, als sei es ein Außenminister, hinstellen und den Amis gratulieren und noch jubeln, das sei "eine gute Nachricht für alle friedliebenden und freiheitlich denkenden Menschen". Sic! Ah, für die! Man wusste ja nicht so genau. Doch nicht nur das Guido langt wieder voll zu, Tante Trude im Hosenanzug will auch mal: Merkel "freut sich", dass es "gelungen ist, Bin Laden zu töten".

Manch einer wundert sich ein bisschen. Auch über den ausbleibenden Aufschrei. Warum der so leise ausfällt, ist klar: Kritiker des Modus leugnen wohl den Malus? Die verharmlosen einen Terroristen!
Und was machen Al Qaida und andere Terrornetzwerke? Is' klar, es greift der gute alte Witz: "Bin nicht zu sprechen. Bin Laden (und dann abdrücken)." Wirklich schlau, den Fanatikern auch noch einen unbewaffneten Märtyrer zu schenken. Erst Ground Zero, nun Found Hero.

Ich stimme selten dem Papst zu, wozu auch, aber einmal hat er recht gehabt: Ein Christ, der sich über eine Tötung freut, ist doch ein seltsamer solcher. Übrigens auch ein Nichtchrist; der ist entsprechend ein seltsamer vermeintlich zivilisierter und friedlicher Mensch.
Ach so, ganz christlich wurde nur Gleiches mit Gleichem vergolten? Na, da wurde aber mal wirklich haushohe geistig-moralische Überlegenheit eines Systems gezeigt, das für andere Werte steht als für die des Getöteten. 

Die archaische Lynchjustiz war mehr dies: Uga uga!
"I mourn the loss of thousands of precious lives, but I will not rejoice in the death of one, not even an enemy."
(Martin Luther King, Jr., Strength To Love, 1963)
"Zivilisierte Staaten haben einst das Völkerrecht erfunden."
(Jörg Schönenborn, ARD-Tagesthemen, 2011)
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