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Mittwoch, 14. Juni 2017

Tunnelblick (16): Elsa, Belle, Arielle, Aladdin, Simba und die anderen

Der trotz Gentrifizierung immer abgeranzter werdende Hermannplatz ist immer wieder für eine Überraschung gut. Aus den Absurditäten des dortigen Mikrokosmos' ober- und vor allem unterirdisch mit seinen aufeinanderprallenden Gegensätzen sei exemplarisch und sehr anschaulich machend folgendes Setting herausgegriffen:

Auf dem U-Bahn-Steig ganz unten, bei der U7, stinkt und klebt es wieder, wie immer. Außerdem schieben sich die zwischen U8 und U7 umsteigenden Menschenmassen teils genervt und hektisch gegeneinander, wie immer. Sie drängeln sich an, in und um viel zu volle Bahnen bei viel zu hoher Temperatur. Gibt es dort eine Menschentraube, ist sonst meist eine Schlägerei oder Gepöbel der Hintergrund; manchmal auch das allseitige Einen-Bogen-Machen um olfaktorisch belastende Verwahrloste; seltenst aber eine der etlichen Musikdarbietungen, die in Bahnen, auf Bahnhöfen und auf Straßen Berlins normalerweise längst keinen Hektiker mehr hinter dem Ofen (oder im Sommer: hinter dem Freibad) hervorlocken.
Anders ist es allerdings, wenn ein schlanker Jüngling, die Klavierbegleitung aus der Konserve neben sich aufgebaut, auf seiner Querflöte(!) extrem hingebungsvoll und herzerweichend Disneys diverse Filmballaden spielt. Die kennen sie alle: die Alten und die Jungen, die Männer und die Frauen, die Hipster und die Coolen, die Geschäftigen und die Arbeitslosen, die alteingesessenen Neuköllner Prolls oder türkischen Mamis und die zugezogenen Studierenden, Kreativen, Geschäftsleute, die Flüchtlinge und die Sozialarbeiter, die Verzweifelten und die Hoffnungsvollen. Da stehen sie alle dicht gedrängt und mauloffen, atmen tief, auch wenn es stinkt, lächeln verklärt, andächtig, summen teils mit: A Whole New World. Geld gibt natürlich keiner, denn hier hat ja keiner welches, aber es gibt tatsächlich Szenenapplaus. Und die lang ersehnte, weil mehrfach ausgefallene, endlich einfahrende U-Bahn wird von vielen ausgelassen und die nächste genommen. Ist ja eh rappelvoll. Und die Musik grad so schön entrückt. Die stressige Realität kann noch einen Song lang warten.

Sonntag, 17. Februar 2013

Tunnelblick (15): Wasndasey?

Eine schnatternde Schulklasse oder Abi-/Kursfahrt (jedenfalls ältere Teenager) mit Mädchenüberschuss bevölkert einen ganzen morgendlichen Waggon auf der Ost-West-Achse der S-Bahn. Dieses eine Mal kriegen bei deren derzeit obligatorischem Auftauchen die zwei Südländer mittleren Alters mit Ghettoblaster, Trompete, Gitarre und sehr dürftigen Instrumental- sowie Sangeskünsten, die seit geraumer Zeit auf jener Strecke mit ihrem allgegenwärtigen, ganztägigen "Nossa! Nossa!" (Jaa, jaa, es heißt "Ai Se Eu Te Pego" ... ein topaktueller Winterhit) immer wieder unfassbar nerven, nicht nur gequält leidende Blicke. Sondern zum einen erhalten sie seltenerweise jede Menge Kleingeld – und zum anderen Begeisterung. Johlen, Applaus, Fingerschnipsen, Rhythmusklatschen und ein weiblicher Mitsing-Chor branden auf. Erstaunt und erfreut sehen die beiden Männer sich daraufhin bei und nach dem Geldeinsammeln erstmalig zu einer Zugabe ermutigt. Jedoch lässt "Oh When The Saints Go Marchin' In" das irritierte Jungpublikum komplett kalt sowie völlig verständnislose Gesichter zurück.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Tunnelblick (14): Last exit: long joke

Ein Greis im Elektrorollstuhl verbietet im Bus laut und wiederholt seiner Frau – mit Rollator unterwegs, aber jünger und rüstiger als er –, sich mit einer anderen Frau zu unterhalten, die auf dem Platz neben ihr sitzt; sie dürfe und müsse ausschließlich mit ihm reden, und zwar die ganze Zeit, denn ihm sei langweilig. Neben seinem E-Rolli-Stellplatz sitzt ein hospitalisiert vor und zurück wippender Teenager und spielt teilnahmslos auf seinem Smartphone herum, wenn er nicht gerade, weiterhin wippend, einsteigende Frauen anglotzt. Weiter hinten produziert sich ein Mensch mit türkischem Migrationshintergrund lautstark in sein dem ureigensten Zwecke (dem Telefonieren) dienendes Handy hinein, er habe "voll krass Weihnachtsstress"; irgend jemandem will er zum Fest der Feste im Übrigen eine Schreckschusspistole schenken. Hinter ihm thront ein beeindruckend klangvoll dauerheulendes Kleinkind in teuren Designer- und Markenklamotten und weiß eigentlich nicht mehr genau, warum es flennt. Muttern versucht es zu beruhigen, indem sie ihm allerlei Geschenke verspricht. Die als Expressbus getarnte Geisterbahn setzt ihren vollbesetzten Weg stets behäbig und verlässlich fort, nachdem der Busfahrer liebevoll an jedem Halt alle Passagiere einmal kollektiv angebrüllt hat, dass sie die Tür versperren. Genügend Omas regen sich darüber auf. Ebenso über den von der Schneewelt draußen hereingetragenen Matsch, der einen beim Laufenwollen in dem Verkehrsmittel "ja umbringt". Lankwitz.

Freitag, 17. August 2012

Tunnelblick (13): Geldreligionen, Weltreligionen

Die hitzegebeutelte, stickige, volle S1 besteigen vier Halbwüchsige mit Migrationshintergrund, die sich sehr laut und damit den ganzen Großwaggon unterhalten. Thema sind zunächst Nationalitäten und Hautfarben. Sie beschimpfen sich gegenseitig feixend als "armer Nigger", "viel zu dunkel für 'n Araber" und "Hobby-Afrikaner".
Einer meint plötzlich: "Scheißtag, mir is langweilig, soll ich mal wieder 'Brot für die Welt' machen?" Ein anderer findet das eine gute Idee, aber der dritte und vierte Junge versuchen, ihn von der ominösen Aktion abzuhalten: Er solle "immer alles sparen" und "sein Geld zusammenhalten" und "alles nur für sich selber ausgeben", nur so bringe man es im Leben zu was. "Gib den Asis nie was ab! Die sind doch selber schuld!", findet einer. "Nee, aber doch, ich hab da jetz Bock drauf, bei der Hitze, ich will mal wieder 'Brot für die Welt' machen", insistiert der erste. Was er damit meint, ist: sein Portemonnaie öffnen, Münzen herausholen (alles Mögliche zwischen 1-Cent- und 50-Cent-Stücken), sie mit Schmackes auf den Boden schnipsen und quer durch den ganzen Waggon rollen lassen. Alle vier kichern vor sich hin. Eine sitzende Mama mit Baby fragt: "Kriegt ihr zu viel Taschengeld? Wenn ihr zu viel habt, gebt es ruhig mir, ich nehm es gerne." - "Können Sie sich ja vom Boden aufheben", grinst der edle Brotspender. Sie schüttelt fassungslos den Kopf, der Junge lässt weitere Münzen ihrer Wege rollen und verkündet den Anwesenden: "Hier, wer will, Brot für die Welt, alles für alle, könnt ihr euch aufheben!". Auch auf den Hinweis eines weiteren Fahrgastes, wenn er etwas spenden wolle, könne er es doch bedürftigen Menschen, die oft genug in der Bahn herumkämen und zum Beispiel die Straßenzeitung verkauften, direkt geben, denn diese würden sich sicher freuen, antwortet er erneut arrogant: "Die können es sich vom Boden aufheben!" und fügt diesmal erläuternd hinzu: Ein bisschen "was dafür tun" könnten die schon, sich wenigstens mal bücken, "wenn sie schon nicht arbeiten". Die S-Bahn-Insassen sind wie versteinert. Keiner steht auf.

Das Spiel wird den Jungs zu öde. Irgendwie fangen die fantastischen Vier beim Weiterschnattern an, über Religionen zu fachsimpeln. An dieser Stelle konnte die Verfasserin nicht anders, als nahezu zwanghaft die Tonaufnahme-Funktion ihres Mobiltelefons zu aktivieren. Trotz guten Dialoggedächtnisses erwies sich diese Idee als nützlich, da die kleinen not-so-gentle men sich gegenseitig sehr gerne ins Wort fallen.
Junge 1: "Stimmt es eigentlich, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger geworden is und nich von Jesus?"
- verwirrtes Stutzen der anderen, inklusive "Häh?"-Lauten -
Junge 2: "Joseph!! Du Penner!"
Junge 3: "Ja mann, die war mit Joseph zusammen!"
Junge 4 lacht nur.
Junge 2 lacht mit: "Jeeesus ... mann ... Alter ..."
Junge 1: "Aber hat der Heilige Geist die nu geschwängert oder was?"
- kurze Stille -
Junge 1: "Oder Gott oder so? Jedenfalls war die nich von ihrem Freund schwanger. Wer war'n das dann, war das jetz der Heilige Geist oder wer hat die geschwängert?"
- kurze Stille -
Junge 2: "Nee, du Pfosten! Der Heilige Geist doch nich! - - - - Oder?
Junge 4 (gedehnt): "Der Heilige Geist ..." (lacht weiter)
Junge 3: "Ey nee, das stimmt nich, ich schwöre, frag mal 'n Priester!"
Junge 2: "Nee, frag die Zeugen Jehovas, die erklären dir das. Die wollen einem immer sowas erklären."
Junge 1: "Is Jehova was mit Juden?"
Junge 2: "Nee, das is so ähnlich wie Christen."
Junge 1: "Katholisch oder evangelisch?"
Junge 2: "Mann, Zeugen Jehovas halt, kennste nich? Die stehen überall rum oder klingeln bei dir."
Junge 3: "Zeugen Jehovas sind aber scheiße. Die sind voll dumm."
Junge 2: "Scientology is aber auch scheiße."
Junge 1: "Ja, aber der Name klingt krass! Total cool! Find ich irgendwie krass geil! Voll wie so 'ne Gang oder so!"
Junge 2: "Die sind aber trotzdem auch scheiße und dumm."
Junge 1 (ehrfürchtig): "Sei-enn-tollo-dschie ..." 
Junge 3: "Nee mann, dumm sind die nich, aber scheiße sind die auch."
Junge 4: "Wie scheiße denn?"
Junge 3: "Gefährlich und so. Irgendwie so. Glaub ich."
Junge 4 hört auf zu lachen.
Junge 1: "Klingt aber echt krass!"
An dieser Stelle wartet der Umstieg. Sowohl der des mitschneidenden Handys, das es inklusive seiner Besitzerin leider eilig hat, als auch der der vier Checker, die inzwischen allerdings auch wild durcheinander gröhlen. Nur noch Schlagworte wie "Sekten", "voll so katholisch", "Islam" und "Moslems, Alter!" bahnen sich akustisch ihren Weg. Es wäre sicher noch erhellend weitergegangen.

Donnerstag, 10. Mai 2012

Tunnelblick (12): Schwätzen und grabbeln

Drei very short stories aus dem Berliner ÖPNV, alle vom selben Tag:

(1)
In der U7 treibt wieder einmal ein stadtbekannter U-Bahn-Musiker sein Unwesen, dessen hoher Wiedererkennungswert darin liegt, dass er nicht nur zur Schrammelgitarre sonor dahernuschelt, sondern ein merkwürdiges Denglisch spricht und mitten im hektischsten Berufsverkehr ständig versucht, die Fahrgäste mit seiner ostentativ gutgelaunten, pseudodynamischen Art anzustecken – mindestens aber, sie um seinen "Auftritt" herum vollzuquatschen, zu nerven und zu fragen, warum sie alle eine Fresse ziehen. Nach seiner Darbietung geht er mit dem obligatorischen Becher herum. Ein sitzendes Pärchen wühlt, kramt, grabscht sehr angestrengt ewig im Kleingeld herum; er bleibt wartend stehen. Die beiden entscheiden sich doch anders: Mit entschuldigendem Dackelblick schütteln sie den Kopf. Der Quasselgitarrist flachst flapsig im Weitergehen und Waggonverlassen, vergnügt und natürlich mit englischem Akzent: "Schwabe? No problem."

(2)
Tatsächlich schwäbisch zu sein scheinen am frühen Abend auf der S-Bahn-Hauptachse die drei jungen Mädchen, die in modernisiertem Dialekt aufgeregt durcheinanderschnattern. Wenn Schätze schwätze: Hauptsächlich tauscht sich das Trio überdreht darüber aus, dass eine von ihnen sogar schonmal Justin Bieber "so an die Eier gegriffen" hat.

(3)
Der Frühling scheint nun (spät, aber doch) nicht nur bei jungen Schwäbinnen, sondern auch bei nicht mehr ganz so jungen BerlinerInnen ausgebrochen zu sein. Dieselbe, inzwischen erschöpft stille S-Bahn betritt nur kurz nach dem Aussteigen von Justins Spätzlegreifern ein beeindruckend dickes, gepierctes, sonst aber bieder wirkendes Paar um die 30. Der weibliche Part sagt laut, aber eher beiläufig zum männlichen: "Wennwa nach Hause komm', lass uns erstma' auffe Madradse 'n bisschen rumturn'."

Donnerstag, 5. April 2012

Tunnelblick (11): Rocken & Rollen

An der Treppe des U-Bahnhofs Jannowitzbrücke sitzt zwischen jungen Szenejunkies – die mutmaßlich aus dem nahe gelegenen, halblegalen Techno-Drogen-Schuppen an der Dircksenstraße kommen, in welchem ganzwöchentlich ganztägige Nacht herrscht – ein alter, nicht mehr ganz ansprechbarer, verwahrloster Obdachloser. Nicht mehr ansprechbar? Verwahrlost? Nein, er brodelt, er rockt. Denn in seinen Ohren klemmen Stöpsel. Weiße. Um seinen Hals hängt ein iPod Touch, die Beats halten ihn am Leben, sein Fuß wippt kaum merklich. Die Apple-Sekte macht selbst vor dem Anfixen Hilfsbedürftiger nicht Halt. Und kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.
Die U8 rollt an, am Hermannplatz dann auch die U7. Zwei betont lässige, coole Männer um die 30 steigen ein, mit Schirmmützen und Anmutung großer Welt- und Lebenskenntnis. "Hey, yeah!", ruft einer flapsig in Rockerattitüde ins Abteil; ein ganzer Kerl dank Chappi. Die beiden zücken ihre Instrumente: Gitarre, Klarinette sowie Beat-Begleitung von der Konserve. Die Mimik dazu könnte von Billy Idol stammen. Dann spielen sie mit Hingabe "Nothing's Gonna Change My Love For You" von Glenn Medeiros.

Donnerstag, 29. März 2012

Tunnelblick (10): Projektionsfläche

Ein Bonmot aus der letzten Woche gibt es noch zu berichten:
Rund um den U-Bahnhof Deutsche Oper macht sich eine große Filmproduktion breit. Hier dreht "barfuss productions", Til Schweigers Produktionsfirma, noch an ihrem aktuellen Thriller "Schutzengel" herum, wie man den entschuldigenden Aushängen an den Türen der Anliegergebäude entnehmen kann. Nahe der Kreuzung verheddern sich neben der Wagen-und-Technikkisten-Burg zig Kabel und die Wege der geschäftigen Wuseler. Die Stofflehnen zweier klassischer Set-Klappstühle sind artig mit H. Knaup und L. Schweiger beschriftet. Gedreht wurde oder wird wohl (auch) direkt unten im U-Bahnhof. Denn dort stehen, abends gespenstisch verwaist, imposante Lichtaufbauten umher und ganze Kolonnen riesiger weißer und schwarzer Segel, die für Verstärkungseffekte von Licht und Schatten sorgen sollen. Weniger reflektierend ist allerdings ein spätabendlicher Fahrgast. Er schüttelt den Kopf, während er den Bahnsteig entlangschlendert, auf die U2 wartend, und spricht mit sich selbst: "Watt soll dett denn nu wieder? Watt machense denn jetzt wieder? Is doch noch jaanich lange her, die letzte Umbauerei. Und denn so scheiß Kunst! Also die BVG hat wohl zu viel Jeld!" - Ja, als Fahrgast drängt sich wohl die Frage auf, was für interessante Innendekorationskonzepte da von den zähneknirschend gelöhnten Penunzen für die Fahrscheine verwirklicht werden. Ob die vielen Menschen, Kabel, Schläuche und Maschinen oberirdisch auch zur Installation gehören und dauerhaft dort bleiben? Herbert Knaup als Designobjekt der BVG, welch Hauptstadtverkehr!

Montag, 15. August 2011

Tunnelblick (9): Einen sitzen haben

Der letzte Tunnelblick ist ja schon eine ganze Weile her. Für die neu dazugekommenen LeserInnen auch ohnehin noch einmal die Erläuterung, was das Ganze soll: Die Rubrik Tunnelblick skizziert den Umstand, dass man in und an den öffentlichen Verkehrsmitteln und deren Wartevorrichtungen (meist, aber nicht immer, ist es seltsamerweise die U-Bahn) hervorragend was erleben oder beobachten kann: Skurrilitäten, Witzigkeiten, Dramen, Momentaufnahmen, Studienobjekte, bezeichnende Verhaltensweisen, Originale, böse Szenen, seltsame Szenen, auch mal Trauriges, Gespräche, Geschichten, Gesellschaftsexzerpte oder anderes Bemerkenswertes. Der Tunnelblick sammelt diese Anekdötchen. Lange gab es keine Skizze mehr - wohl weniger, weil nichts passiert ist; sondern eher, weil die Redaktion zu faul zum Aufschreiben war. Aber jetzt:

Teenager sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Sie werden zunehmend rätselhaft. Ein Samstagabend im Niemandsland zwischen Kreuzberg und Tempelhof, keine hippe Ausgehgegend also, spät nachts ist es auch noch nicht: Eine öde Bushaltestelle wird von zwei Mädels angesteuert, die schätzungsweise 16 Jahre alt sind. Es scheint sich um beste Freundinnen zu handeln, Indiz: Heuer hungert man gemeinsam. Denn neben betontem Sexy-Styling und viel verschmiertem Schminkkleister fällt vor allem der dramatische Magergrad der beiden auf. Ganz nüchtern sind sie auch nicht mehr, dafür ordentlich überdreht, und sie scheinen trotz des noch nicht sehr fortgeschrittenen Abends nach Hause zu wollen.
Was in diesem Zustand offenbar spießig bis zum Gehtnichtmehr ist, sind Sitzbänke. Vor allem solche an Bushaltestellen. Es nieselt (welch Überraschung in diesen Tagen!) und das Wartehäuschen böte saubere, überdachte Sitze, leer ist es auch. "Nee, is' doch scheiße, lass ma' besser unten hinsetzen!", fordert die eine Freundin. Sie entfleucht dem Häuschen und pflanzt sich demonstrativ davor nieder: auf dem schmutzigen, nassen, hundekotslalomigen Gehweg; im Schneidersitz, versteht sich, damit das Miniröckchen auch schön spannt. Die andere Freundin mosert: "Mann, nee, das is' grad so schwer für mich, ich komm nich gut runter, wenn meine Füße schon taub sind!" - ein bekanntes Problem unter Magersüchtigen, die nicht einmal mehr an der Fußsohle Fett oder Muskeln haben (denn vom erstaunlich bequem anmutenden, eher flachen Schuhwerk kann es nicht kommen). Sie fachsimpeln einen Moment lang über das Taube-Füße-Problem, das für sie eher interessant als tragisch zu sein scheint, schließlich sitzt die Zweite ächzend und mühsam. Kaum haben sie sich niedergelassen, wird zuerst eine Pulle Wodka herausgekramt und geköpft, dann folgen zwei Beutelchen mit Pulver, dem sie sich unbeholfen, aber demonstrativ widmen (vielleicht Coffaina?). Schließlich beginnen sie - kichernd, johlend und eingeleitet durch erstaunlich unpassenden und ungelenken Rapper-Sprech ("Yo, was geht bei euch, Digga, Mann?") -, eine Gruppe harmloser Jungs mutmaßlich arabischer oder türkischer Herkunft, die auf der gegenüberliegenden Seite auf den Bus warten, quer über die Straße aus dem Sitzen heraus anzupöbeln. Die wundern sich, bleiben aber cool und lassen sich nicht provozieren. Als der Bus kommt, sind die beiden Ladies so mit sich, ihrem Rausch und ihrem Auftritt beschäftigt, dass sie aus dem Sitzen kaum wieder hochkommen und der Busfahrer sie zuerst nicht mitnehmen möchte. "Die Flasche bleibt draußen! Weiß eure Mama eigentlich davon?", kommt endlich süffisant von ihm, als die Grazien stolpernd einsteigen. Pülverchen scheinen ihn aber nicht zu stören - versauen die Sitze vielleicht weniger. Busfahrer sind manchmal großartig.

Dienstag, 12. April 2011

Tunnelblick (8): Fit bleiben im Alter

Irgendwo im wochenendlichen S-Bahn-Nirvana stellte sich wieder einmal die philosophische Frage, es ob es sehr spät oder sehr früh war. Auch zwei einander gegenüber sitzende, lässig-coole Jungs, deren Alter vermutlich noch eine Eins vorne trug und deren IQ es eventuell ins Dreistellige geschafft hatte, bemühten sich eifrig, diese Frage zu klären. Ferner waren sie lautstark debattierend damit beschäftigt, sich selbst dafür zu loben, dass sie erstens ausnahmweise nüchtern und zweitens zum ersten Mal um diese Zeit schon statt noch unterwegs waren. Sie waren deshalb ziemlich aufgeregt. Das Gedächtnisprotokoll erlaubt folgende Paraphrasierung eines besonders erhellenden Diskussionsabschnitts:

Typ 1: "Also man würde doch denken, zwei so Typen wie wir, voll jung und gut drauf und so, Samstagnacht in der S-Bahn, die sind besoffen und kommen vom Feiern."
Typ 2: "Ja, Mann. Das denken ja immer alle die anderen. Und sind jetz voll genervt. Dabei sind wir grad echt nüchtern."
Typ 1: "Jetzt fällt einem das mal so auf."
------ Denkpause ------
Typ 1: "Ich find das auch krass, wie viele Ältere so um die Uhrzeit immer unterwegs sind! So voll normale Leute und so. Musst du dir mal vorstellen, die fahren jetzt alle zur Arbeit wie jeden Tag und so! Und wir sonst ja nich, auch nich zum Bahnhof, Alter! Sondern wir kommen sonst ja vom Feiern und gehen schlafen. Krass!"
------ Denkpause ------
Typ 2: "Die arbeiten aber vielleicht auch nich alle, die jetz hier so rumsitzen. Is doch Wochenende."
Typ 1: "Na mann ey, es gibt auch Jobs, da musst du auch am Wochenende arbeiten. Also auch richtige Jobs, nich nur Werbung verteilen und so."
Typ 2: "Ja aber... die könnten doch auch vom Feiern kommen!?"
Typ 1: "Na nee, ich mein' ja so die Normalen. Die Älteren. Die schon 30 sind oder so."
------ Denkpause ------
Typ 2: "Ältere mit 30 können auch feiern gehen."
Typ 1: "Echt?"

Freitag, 11. Februar 2011

Tunnelblick (7): Nase voll

Wie sie alle jammern über ihren Schnupfen! Schnupfen, der "gerade rumgeht". Statt sich zu freuen, dass keine schlimmeren Dinge, etwa die Nachfahren von H1N1, sie erwischt haben. Und statt sich an des Schnupfens Gnade zu ergötzen; jedenfalls, wenn es sich nicht um fließende Ware, sondern eher um stopfende handelt. Denn manches bleibt einem doch erspart auf diese Weise.

Manch einer staunt da noch. Auch und gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln, auch denen des Personenfern-, nicht nur denen des -nahverkehrs. Und doch gehören die vielgerühmten olfaktorischen Belastungen zum Alltag. So sehr, dass Efeu sich eigentlich nur noch über wenig wundert. Alles kennt sie - kennen alle Fahrgäste - aus der U-Bahn: Schweiß. Hähnchen. McDoof-Plastikaroma. Döner. Anderweitig Knoblauch oder Zwiebel. Billiges Bier. Urin. Kotze. Alkfahne. Zu viel Parfum (oder das falsche). Erkältet. Diffus ungewaschen. Nasser Hund. Furz. Auch Kombinationen, etwa Furz von nassem Hund in Symbiose mit Alkfahne von schwitzendem Herrchen.
Jüngst aber etwas anderes, das schockte, weil es so unerwartet kam, so selten ist. Im Vorbeigehen, huch, da war es! Starker, unverkennbarer, stechender Geruch nach ... Eiter. Bzw. im stevejobsenden Hype angekommen heißt das Zeug nun vermutlich iTer. Heftig, bohrend, scharf, aufdringlich, intensiv und beängstigend. Das Irritierende war in diesem Fall, neben dem Ekel, dass dieser Geruch nicht von jemandem ausging, der schon auf die ersten, optischen, gut gepflegten Wahrnehmungsvorurteile hin ganz offenkundig verwahrlost war oder krank oder hilfebedürftig. Sondern von dem, was gerüchtehalber manche selbsternannten Szenemenschen mit "Stino" (von "stinknormal") bezeichnen; von einem Stino, der sich augenscheinlich zudem recht wohlfühlte. Gemütlich stieg er ein und setzte sich; ein durchschnittlicher Mann, offenbar auf dem Weg zur Arbeit, Hemdkragen unter dem Pulli, Aktentasche auf dem Schoß ablegend - las sodann friedlich eine Zeitung (ok, das ist heutzutage nicht mehr normal. Für die, die sich nicht mehr erinnern oder es nicht mehr selbst erlebt haben: Das sind diese raschelnden, meist etwas unhandlichen Dinger aus Papier mit Informationen darin, die der Bildung, teils auch dem Sensationsheischen, in gewissen Fällen auch der Meinungsmache dienen, in diesem Falle war es ein Exemplar von der Bildungsfront). Er wirkte friedlich, schmerzfrei und sich nicht im Mindesten bewusst, wie er roch und dass er offenbar ein massives gesundheitliches (und gesellschaftliches) Problem hatte.

Der Tunnelblick gilt also diesmal dem eigenen Leiden, Ekeln, Sich-für-eigene-Vorurteile-Schämen, Wundern (es gab Gerüche, die man noch nicht gewohnt war!?), ... und nebenbei auch dem Ratlos-Sein. Denn wie verhält man sich? Sollte man denjenigen auf die drohende Gefahr hinweisen? Aber was sagt man da? Vorschläge: "Entschuldigen Sie, es geht mich zwar nix an, aber eventuell sollten Sie dringend einen Arzt Ihres Vertrauens aufsuchen"? Missverständlicher: "Ey, bissu krank, Alter"? Oder gar, egozentrischer: "Dein Geruch macht mich krank"? Oder schlicht beschreibend: "Ich hab sowas von die Nase gestrichen voll"? - Bei Letzterem wäre, je nach Bedeutungs- und Naseninhalt, noch über die wertenden Zusätze "leider" respektive "zum Glück" nachzudenken.

Sonntag, 21. November 2010

Tunnelblick (6): Bimmel-Bammel-Bahn

Die Großstadtgesellschaft ist nicht prüde. Fast schon Alltag ist es, dass Mütter gelegentlich in der Öffentlichkeit ihr Kind stillen. Weniger üblich ist es allerdings auch in Berlin, das nicht beiläufig und sachbezogen zu tun, sondern ostentativ. Eine, um alle Vorurteile zu zerstreuen, nicht gerade dem Ökomutter-Klischee entsprechende Frau - sehr hochgewachsen, mit blonder Mähne und High Heels, geschminkt, durchgestylt und betont hip und sexy gekleidet - findet es in der vollbesetzten, stickigen U8 offenbar estrebenswert, sich in aller schneckenartigen Seelenruhe zu entblößen und ihre geschwollene Brust erst noch umständlich herumzuzeigen, ehe sie sie ihrem auffallend niedlichen Baby in den Mund stopft. Einem Baby wohlgemerkt, das zuvor nicht gerade den Eindruck erweckte, akut hungrig oder sonstwie unleidlich zu sein, sondern das glücklich gluckst. Entsprechend ist der Kleine auch reichlich schnell abzulenken: Seine Faszination, rückenliegend den Blick aufwärts gerichtet, gilt bald den über ihm baumelnden Haltegriff-Schlaufen, die angesichts des rasanten Fahrstils der Bahn und der formeleinsartigen Kurvenlage wild schaukeln. Er quiekt vor Begeisterung und zeigt darauf. Der Bengel kriegt offenbar immer sofort, was er will; jedenfalls steht Mama umgehend auf und hebt ihn zu den lustig pendelnden Schlaufen empor, auf dass der Zwerg ekstatisch quietschend danach greife. Da sie es nicht für nötig hält, vorher wenigstens noch ihren Busen wieder einzupacken, hängt dieser derweil vor den dicht gedrängt umstehenden Männern herum. Die anständigerweise nicht ekstatisch quietschend danach greifen.

Samstag, 4. September 2010

Tunnelblick (5): Das Beste aus sich herausholen

Die Welt unter Tage ist eine Welt über Grenzen. Im Untergrund sind die Menschen eine große Familie: offen, locker, zutraulich. Sie haben keinerlei falsche Scham voreinander. Auch keine natürliche (soweit in der Zivilisation noch irgendwas natürlich ist) - wie die folgenden beiden Begebenheiten aus den vergangenen heißeren Tagen zeigen.

(1)
Am Hermannplatz tummeln sich ja immer verschiedenartigste Existenzen, tobt stets das pralle Leben, positiv wie negativ; die einen Existenzen praller, die anderen nüchterner, wieder andere lebender. Auf dem Bahnsteig der U8 ist es heuer besonders voll, denn es herrscht "unregelmäßiger Zugverkehr" - und das zur morgendlichen Rush Hour. Dicht an dicht stehen in der Sommerhitze die Körper der Wartenden, während ihre Geister sich gerade mit sonstwas beschäftigen - Hauptsache ablenken von der Zeitbedrängnis, der Hitze, der schlechten Luft, dem Körper. Manche schlängeln sich durch, um nervös auf und ab zu gehen. Die meisten stehen still und atmen einfach nur schwer. Mitten hinein in diese Meute stellt sich einer, um die 40, der dem Begriff "Überhöhung" eine neue Pointe gibt. Er ist offenbar deutlich über zwei Meter groß, alle Umstehenden überragt er um mindestens einen Kopf. Das Begafftwerden und Herausragen unterstreicht er aber selbstbewusst mit einem knallroten T-Shirt, das neonfarbene Musterungen im 80er-Jahre-Stil trägt und die betont seriöse Aktentasche in seiner rechten Hand zu persiflieren scheint. Leuchtend thront die Erscheinung über dem sonstigen Menschenbrei. Der Mann ist wie eine menschliche Boje, ein Leuchtturm, ein Treffpunkt, falls jemand im Gewühl seine Kinder verlieren sollte oder seine morgendliche Weggefährten-Verabredung nicht findet. Auch für Wandertage, Ausflügler und pauschalreisende Touristengruppen eignet er sich: "Wir sammeln uns an dem großen Mann mit dem Signal-Shirt."
Plötzlich fährt dieser Blickfang, gänzlich gelassen bleibend, die nicht mit Aktentaschetragen beschäftigte, freie Hand aus - und führt den Zeigefinger zum Gesicht. Ah, der Leuchtturm wird gereinigt. Genüsslich, minutenlang, freimütig, ausgiebig, unbeirrt und vor allem beeindruckend tief bohrt er mit einer ungeheuren Selbstverständlichkeit in der Nase, hoch über den Häuptern, tiefgründig mal morgendlich in sich gehend - bis die U-Bahn endlich kommt. Seltsam: Die Meute drängelt zu den Türen, doch nur wenige Menschen steigen an derselben Tür ein, die der dieser anonymen Masse endlich eine Orientierung gebende menschliche Treffpunkt mit seiner linken Hand öffnet.

(2)
Probleme mit Öffentlichkeit hat auch der junge Mann nicht, der am frühen Abend U2 fährt und sich ebenfalls sehr selbstbewusst mit seiner Körperlichkeit auseinandersetzt. Ein gutes Feeling hat er dabei aber offenbar nicht so sehr, vielmehr Probleme mit seiner Hülle. Er fühlt sich sichtlich nicht wohl in seiner Haut. Extrem breitbeinig sitzt er da und belegt damit zwei Plätze, ein eigentlich ebenso häufiger wie nervtötender Macho-Habitus auf öffentlichen Sitzgelegenheiten. Über viele Minuten hinweg zupft und kratzt und sortiert er jedoch unglücklich in seinem Schritt umher, Gesichtsausdruck: irgendwo zwischen schmerzhaft, prüfend, zweifelnd, unsicher, herzeigend und stolz. Die Hose hängt tief, die Hose hängt weit - aber einengen kann sie offenbar dennoch. Oder der Sitz der Kronjuwelen ist an sich und von Natur aus einfach ständig unzufriedenstellend. Oder nur deren angemessene Präsentation? Nach geschätzt vier Stationen des verschiedentlichen, ungenierten Sortierens und Umordnens - vermutlich hat er längst Seemannsknoten fabriziert - entscheidet er sich für den Frontalangriff: Nur kurz sieht er sich um, prüft die Mitreisenden mit knappen Blicken (was war Gegenstand des Prüfens? Anzahl, Gefahr, Gaff-Faktor, Attraktivitätsgrad, Fernsehkamerapräsenz?), befindet offenbar die immerhin mittelmäßig gefüllte Bahn für angemessen unpeinlich - und knöpft kurzerhand die Jeans auf. Nach diesmal nur einer Station erfährt er Genugtuung und kann das Kratzen und Ordnen einstellen. In medias res sortiert es sich einfach effektiver. Danach guckt er auch viel entspannter für den Rest der Fahrt. Seine Boxershorts sind fliederlila und zeigen das Lächeln der Mona Lisa, nein, es ist Marge Simpson.

Mittwoch, 1. September 2010

Tunnelblick (4): Aufpassen statt anpassen!

(1)
Spät, dunkel, klebrig und ziemlich tempelhof ist es im strömenden Regen. An der Nachtbushaltestelle am Platz der Luftbrücke lassen sich zwei aufgekratzte Provinzmädels von einem ordentlich auftrumpfenden, betont lässigen Coolio um die 20 volllabern. Aus dem laut geführten Flirtgespräch ergibt sich, selbst wenn man nicht lauschen will, dass mindestens eine davon aus Bielefeld auf Berlinbesuch ist. Der Kontrast ist groß. Ihre Freundin hüpft eher tussig und overstyled in einem roten Kleid, Feinstrümpfen und Pumps durch die Gegend, sie selbst jedoch macht auf öko, alternativ, Protest und Rastafarian: Dreadlocks, Schlabberklamotten, Piercings - und barfuß. Vielleicht machen das in Bielefeld die jungen Hipsters so. Kann sein, dass es da weder Pfützen noch Dreck noch Hundescheiße auf öffentlichen Straßen gibt. Während ihre Zehen anmutig mit Matsch, Rotz, aufgeweichten Zigarettenkippen und Brackwasser spielen, gibt der Berliner ihr ganz weltmännisch Ausgeh- und Chilltipps. Als der Bus kommt, glotzt ihr nicht nur der Busfahrer hypnotisiert auf die Füße (verkneift sich aber, sehr untypisch für diese Spezies, sichtlich mühsam jeden Kommentar), sondern steigt sie nach minutenlangem, angeregtem Gespräch ohne jede Verabschiedung vom flirtenden Coolio ein. Kein Wort des Grußes und kein Blick; sein "Viel Spaß noch!" geht ins Leere. Falls Bielefeld entgegen allen Verschwörungstheorien doch existiert, dann tragen die Menschen dort leidvolle psychische Folgen ihrer ständigen Infragestellung davon.

(2)
Auf dem abendlichen, dennoch sehr schwülen Bahnsteig der U9 am Zoo muss man sich von der Masse absetzen. Die junge Frau mit dem perfekten Make-up und den Vorzeige-Boutiqueklamotten beherrscht das: Sie konterkariert ihr am Oberkörper betont businesshaftes, hochgeschlossenes Outfit (weiße Bluse, Strickweste, Blazer) mit Highheels-Sandaletten mit 10-cm-Absatz und Plateau, durch die knallrot lackierte Zehnägel blitzen und über denen sie die zu eng sitzende Stretch-Jeansleggings umgekrempelt hat, damit man auch sieht, dass das exzentrische Schuhwerk bis über die Knöchel hochreicht. Sexy. Neben einer normalen Umhängetasche trägt sie das bekannte, sehr dicke, rote Kompaktbuch (mit bunten Post-its in den lesenswerten Seiten markiert) mit sich herum, das man so schön mit Ergänzungslieferungen seitenweise nachbeheften kann - damit auch jeder weiß und sieht, dass sie Jura studiert. Die Aufschrift "Schönfelder, Deutsche Gesetze, Textsammlung" kann man allerdings nicht lesen, sondern nur wissen, denn sie ist kreativ: Von außen hat sie das Buch beklebt, eingeschlagen mit einem Stoffeinband im gleichen Rot mit selbstgebastelten Henkeln: So kann sie es - die mit Lesezeichen versehene Seitenkante nach oben - stylish als Handtasche herumtragen. In der Bahn schlägt sie das rote Täschchen auch demonstrativ auf und beginnt, mit wichtigem Gesichtsausdruck darin herumzublättern. Das Abheben von der Masse funktioniert: Die Umsitzenden bieten die ganze Belustigungs-Bandbreite von dezent schmunzelnd bis sich gegenseitig breit anfeixend; wirkt die Dame doch ebenso sehr einem Möchtegern-"Sex and the city"-Set entlaufen wie deplaziert an dieser Stelle.
Antipodisch besteigt an der nächsten Station ein Punk die U-Bahn. Kein Teenie-Modepunk, sondern ein seltener echter, ranziger, etwas in die Jahre gekommener; einer mit (natürlich!) Hund im Schlepptau, grünlich ausgewaschenem Irokesenschnitt, ausgedienten Feuerzeugköpfen als Nieten am Revers der zerfledderten Jeansweste und sowas wie politischen Einstellungen, die er mit Anarcho- bzw. Anti-Nazi-Aufnähern zur Schau trägt. Auch wenn die Bahn nicht voll ist: Sitzbänke sind ihm zu spießig. Sein Wuffi und er nehmen bequem im Gang auf dem Fußboden Platz, gegenüber der Jurastudentin, die prompt angewidert von ihrem Schönfelder aufschaut. Doch auch er hat Lektüre dabei: intellektuell, politisch, gesellschafts- und konsumkritisch! Aus seinem abgegrabbelten und mit wichtigen Statements bemalten Armeerucksack zaubert er ein zerfleddertes "Disney's Lustiges Taschenbuch" hervor, in das er sich ebenso angestrengt wie fasziniert vertieft. Faust hoch gegen das System! Mittelfinger den Spießern und Nichtdenkern!

Mittwoch, 11. August 2010

Tunnelblick (3): Pretty in pink

Lange Zeit dachte ich, die meisten Freaks treffe man in der U8, U9 oder U1. Doch auch die U7 ist wirklich nicht zu verachten. Teils sind die Kaputten dort nur anders kaputt. Ich weiß nun zum Beispiel: Barbie ist ein Mensch aus Fleisch und Blut - und vielleicht etwas Silikon. Sie zerbricht an ihrem Jugendwahn und an der Gesellschaft, die ihre pastellene Gutwelt-Luxus-Lebensfantasie schmäht und verhöhnt. Und Barbie fährt U7.

Irgendwo in Schöneberg stieg sie ein: kein um Originalität und Auffallen um jeden Preis bemühter Teenager, sondern eine erwachsene Frau, vermutlich um die 30, aber Make-up kann sowohl täuschen als auch Spuren fürs Leben hinterlassen; ebenso wie Diätwahn oder Hungern, vielleicht auch wie das Leben selbst. Sie trug Träume in hellrosa: komplett, bis auf die weißen, grobmaschigen Häkellook-Kniestrümpfe, die vielleicht Overknees sein sollten und an den spindeldürren Beinen nur hinabgerutscht waren, sowie bis auf eine weiße Armkette und die wasserstoffblondierten, überlangen Haare mit Stirnpony. Das Röckchen, das Blüslein, das Top darunter, die High Heels, die Armbanduhr, die Nägel, die Lippen, das Rouge, das strassbesetzte Handy, auf dem sie, kaum sitzend, sofort wild herumzutippen beginnen würde: Alles strahlte im Klischeemädchen-Paradies-Farbton. Auf den Fingernägeln prangten zusätzlich bunte Glitzerpartikel und in bestem French-Nails-Stil rosa Blumen und Schleifen. Selbige trug sie auch im Haar - und zwar auf einem pinken Plastikhaarreif. Sie hätte eine in ihre Kindheit Zurückversprengte sein können; wenn da nicht die Gesichtszüge gewesen wären und die auffallend überdimensionierten Brüste an dem dürren, hochgewachsenen Körper. Und der Kinderwagen. Sie schob ein gerafftes Ungetüm mit Faltpagodendach und miniaturhumanoidem Inhalt mit sich herum, das sie vor meinen Füßen parkte, als sie Platz nahm; natürlich in rosa, etwas dunkler als sie selbst, ein pinkfarbener Babywagen mit Einlage: rosa, nuckelnd, glucksend. In Barbies Detailverliebtheit war auch an dem Kind alles pink, vom Strampler über die Rasseln, das Kuscheltierspielzeug und das Trinkfläschchen im leuchtpinken Wagennetz bis hin zum Windelvorratspack im Wagenkorb. Vermutlich kauft Barbie rosa Waschmittel und Klopapier - sowie auch die Lebensmittel streng nach Farbe.

Hermannplatz, ich musste aussteigen. Nein, Barbie blieb sitzen. Mit den üblichen Gescheiterten und Gehetzten an diesem Ort hatte ihre blassrosa bis freudigpinke Welt nichts gemein. Da der Kinderwagen quer vor mir stand, konnte ich nicht aufstehen und machte eine Aufbruchs-Geste, während ich "Entschuldigung?" gen rosa Elfenstaub hauchte. Statt einfach das Babyvehikel ein Stück abzurücken, sprang Barbie selbst erschrocken auf, knickte dabei mit einem ihrer viel zu hohen Pumps um vor lauter bemühter, übertrieben höflicher Hektik. Vermutlich bewirkte mein Umstiegswunsch die nächste Lebenskrise (oder Stress mit Ken), denn Barbie gab den Weg frei mit den absolut unerwarteten, schüchtern geflüsterten Worten: "Oh, Entschuldigung, ich weiß, ich weiß, ich bin wieder viel zu fett!"

Donnerstag, 5. August 2010

Tunnelblick (2): R-Ente

Viel zu lange vernachlässigt wurde die noch neugeborene Rubrik Tunnelblick. Reine Schusseligkeit, denn eigentlich vergeht selten ein Tag ohne Merkenswertes aus ÖPNVhausen und den Anrainerorten. Exemplarisch dafür steht die folgende Szene.

In den frühen Abendstunden in der U7 gen Spandau lassen sich zwei ältliche Damen mir gegenüber nieder. Sie sind bereits mitten in einem ökonomischen Fachgespräch, das ich schnell paraphrasierend gedächtnisprotokollieren möchte, ehe ich den möglichst nahen Wortlaut vergesse.
"Ja, das ist ja klar", meint die eine, "wir haben ja auch unser Leben lang hart und aufrichtig gearbeitet und jetzt dürfen wir uns eben ausruhen und kriegen unsere Rente. Aber die Jungen heute, ganz ehrlich... warum sollten die mal irgendwas kriegen, die Jungen arbeiten doch kaum. Die wissen gar nicht, wie das geht. Fangen erst so spät an oder einfach nie, und zahlt von denen ja auch keiner irgendwo ein. Und richtige Arbeit ist das ja auch nicht, was die so machen. Die sitzen ja nur an Computern. Oder warten auf ihre Rente." Die andere wendet ein: "Na die behaupten ja immer, sie kriegen keine Arbeit. Grad gibt's ja wohl auch wirklich nicht viel. Die tun mir schon leid, die jungen Leute, warum sollen die sich noch bemühen." Die erste Dame zuckt zunächst mit den Schultern, dann schüttelt sie mit dem Kopf: "Nee, weißte, das glaub ich gar nicht. Das senden die nur so im Fernsehen. Guck mal, nach dem Krieg hatten wir nix, gar nix gab es da sonst von irgendwas - aber Arbeit, die gab's ja selbst da!"

Dienstag, 11. Mai 2010

Tunnelblick: Körperschmuck und Retrolook

Da man in öffentlichen Verkehrsmitteln (vorrangig, aber nicht nur, im U-Bahn-Schacht) und an deren Wartevorrichtungen immer wieder lustige, absurde, abartige, nette, skurrile, böse oder einfach irgendwie bemerkenswerte kleine Momente, Dialoge und Geschichten miterlebt, die man leider schnell wieder zu vergessen droht, wird es in Zukunft beim Grünzeuch die Rubrik "Tunnelblick" geben. Hier darf jede Anekdote aus diesem Bereich ihren Platz finden, die es vermeintlich wert ist. Damit auch die Urenkel noch was davon haben.

Den Anfang machen diese beiden aus den letzten Tagen:

1.
In der U8 im (natürlich!) Neuköllner Umfeld stehen zwei junge Türkisch- oder Arabischstämmige (Asche auf mein Haupt für diese Nichtunterscheidung!) und sind an und für sich sehr mit dem üblichen Coolsein beschäftigt, während sie sich unterhalten. Eine betont stylish und hip aussehende Frau steigt ein. Man merkt schon, dass der eine Cool-Macker dem anderen nicht mehr richtig zuhört und die ganze Zeit die Frau anstarrt. Plötzlich quatscht er sie an.
"Ey, schuldigung? Tut dis eigentlisch weh? Tut dis weh?"
Erst nach mehrfachem Fragen reagiert sie: "Häh, was denn?"
"Na dis da!" Er deutet in seinem Gesicht auf den Mund; der Groschen fällt: Die Dame trägt Piercing(s).
"Ey tut dis escht nisch voll weh und so? Diss muss doch krass weh tun! Frag isch misch so."
Sie verneint lässig, diese Lügnerin.
Darauf er: "Also sieht ja gut aus und so. Aber mir wird schon vom Angucken schlescht, Alter!"
Und nö, ein Anbaggern war es nicht, denn in diesem Moment hält die U-Bahn und sein Kumpel und er steigen aus und wünschen ihr freundlich, aber gegruselt "Schöntachnoch, wa".

2.
Ein halbstarker Coolio, Typ schmierig bis überstylt, und seine in absolut atemberaubendem Maße tussige, sehr junge Freundin sitzen in der proppevollen U-Bahn und "unterhalten" sich, d.h. sie quatscht ihn mit belanglosem Scheiß voll. Unverwandt (und offenkundig grübelnd) mustert der Coolio plötzlich eine Weile einen jungen Mann mit langen, blonden Rastazöpfen, Chucks, Schlabberpulli und Schlagjeans, der friedlich und lässig im wuseligen Türbereich lehnt. Schließlich steht er auf, geht gezielt auf den Retrolooker zu (seine Tuss, leicht panisch: "Eeey! Wasn jetzt? Wir müssen noch nich raus, mann! Hallo??") - und bietet ihm diverse Drogen an.
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