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Mittwoch, 14. Juni 2017

Tunnelblick (16): Elsa, Belle, Arielle, Aladdin, Simba und die anderen

Der trotz Gentrifizierung immer abgeranzter werdende Hermannplatz ist immer wieder für eine Überraschung gut. Aus den Absurditäten des dortigen Mikrokosmos' ober- und vor allem unterirdisch mit seinen aufeinanderprallenden Gegensätzen sei exemplarisch und sehr anschaulich machend folgendes Setting herausgegriffen:

Auf dem U-Bahn-Steig ganz unten, bei der U7, stinkt und klebt es wieder, wie immer. Außerdem schieben sich die zwischen U8 und U7 umsteigenden Menschenmassen teils genervt und hektisch gegeneinander, wie immer. Sie drängeln sich an, in und um viel zu volle Bahnen bei viel zu hoher Temperatur. Gibt es dort eine Menschentraube, ist sonst meist eine Schlägerei oder Gepöbel der Hintergrund; manchmal auch das allseitige Einen-Bogen-Machen um olfaktorisch belastende Verwahrloste; seltenst aber eine der etlichen Musikdarbietungen, die in Bahnen, auf Bahnhöfen und auf Straßen Berlins normalerweise längst keinen Hektiker mehr hinter dem Ofen (oder im Sommer: hinter dem Freibad) hervorlocken.
Anders ist es allerdings, wenn ein schlanker Jüngling, die Klavierbegleitung aus der Konserve neben sich aufgebaut, auf seiner Querflöte(!) extrem hingebungsvoll und herzerweichend Disneys diverse Filmballaden spielt. Die kennen sie alle: die Alten und die Jungen, die Männer und die Frauen, die Hipster und die Coolen, die Geschäftigen und die Arbeitslosen, die alteingesessenen Neuköllner Prolls oder türkischen Mamis und die zugezogenen Studierenden, Kreativen, Geschäftsleute, die Flüchtlinge und die Sozialarbeiter, die Verzweifelten und die Hoffnungsvollen. Da stehen sie alle dicht gedrängt und mauloffen, atmen tief, auch wenn es stinkt, lächeln verklärt, andächtig, summen teils mit: A Whole New World. Geld gibt natürlich keiner, denn hier hat ja keiner welches, aber es gibt tatsächlich Szenenapplaus. Und die lang ersehnte, weil mehrfach ausgefallene, endlich einfahrende U-Bahn wird von vielen ausgelassen und die nächste genommen. Ist ja eh rappelvoll. Und die Musik grad so schön entrückt. Die stressige Realität kann noch einen Song lang warten.

Sonntag, 22. Juni 2014

Zitat der Woche (32)

Those Americans! In der vor dem Fußball-WM-Spiel Deutschland – Ghana rappelvollen S-Bahn erklärt ein etwa zehnjähriges Mädchen seiner ebenfalls englischsprachigen Oma, warum so viele schwarz-rot-gold-gestylte oder -bemalte Leute unterwegs sind:
"Black, red, and yellow or golden are Germany's colors. It's soccer. Today's Germany against Afghanistan."

Samstag, 7. Juni 2014

Zitat der Woche (31)

Und nochmal was Englisches; auf einem Südberliner S-Bahnhof scheitert eine ältliche Amerikanerin an der Aufgabe, wie das mit den Fahrscheinen und dem Entwertungsautomaten funktioniert, und holt sich Hilfe von anderen Fahrgästen:
"My brain hasn't clicked in at all yet."

Dienstag, 23. Juli 2013

Staatisch aufgeladen

Denglisch kann nicht nur Gayle Tufts. Denglisch können auch manche anarchischen Pseudo-Revoluzzer.
Der Umbruch startet auf dem U-Bahnhof Jannowitzbrücke.
Fuck this Staat! Before it fucks umgekehrt you selber!
Vielleicht hätte Sonnenmilch, auch bekannt als "Revo-Lotion", etwas Gutes getan; die schützt das Hirn vor Brandschaden.

Mittwoch, 13. März 2013

Zitat(e) der Woche (26)

Im Rennen um das Zitat der Woche sind schon zur Wochenmitte diesmal zwei Zitate, die beide durch das plötzliche Wiederauftreten von Schneemassen hervorgerufen wurden und daher hervorragend zusammenpassen. Der Redaktion war es unmöglich zu entscheiden, welches ihr Favorit ist.

(a)
Freundin der Protokollantin, frisch von München wieder nach Berlin gezogen:
"Die spinnen, die Neuköllner: in Langlaufskiern auf der Buschkrugallee unterwegs."

(b)
Biologisch einleuchtende, erklärende Warn-E-Mail eines weiteren Freundes an die Protokollantin, die bekanntlich ein gewisses, großes, wiederkehrendes Fest, das mit W beginnt (das, dessen Name nicht genannt werden darf), immer sehr fürchtet:
"Falls Du derzeit am Alexanderplatz vorbei fährst, nicht erschrecken. Durch den Wintereinbruch nach den frühen Sonnentagen hat es offenbar eine Verwirrung in der Natur gegeben. Gestern sah ich dort die Arbeiten Verwirrter, die einen Markt aufbauten. Dabei kann es sich nur um einen deutlich verfrüht aufgebauten W-Markt handeln. Vermutlich wurden die Erbauer durch den erneuten Frosteinbruch aus ihren Sommerhöhlen gelockt und begannen mit ihrer natürlichen Wintertätigkeit."

Samstag, 5. Januar 2013

B-Ware ... of 2013

Vorsicht vor dem bissigen Hund? Nein: Achtung, 2013 ist da! Ein quietschbuntes (für Schwaben: schee bont!) Graffito warnte – zumindest aufmerksame U-Bahn-NutzerInnen – schon zur Jahreswende, dass da womöglich nicht nur Gutes wartet. Wenn man die Fratzen aufmerksam studiert, scheint sogar Adolf Hitler wieder mal zurückzukehren. Ach, papperlapapp. Das Grünzeug wünscht seinen LeserInnen ein gesundes, gutes, zufriedenes und buntes, vor allem chlorophyllgrünes Jahr.
Watch out! Ist für 2013 die Uhr aus oder der Ofen? 
Update 6.1.: Auf vielfachen Wunsch ;-) wird dem visionistischen Graffitikünstler jetzt in besserer Qualität gehuldigt. Draufklicken vergrößert übrigens das Foto.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Tunnelblick (14): Last exit: long joke

Ein Greis im Elektrorollstuhl verbietet im Bus laut und wiederholt seiner Frau – mit Rollator unterwegs, aber jünger und rüstiger als er –, sich mit einer anderen Frau zu unterhalten, die auf dem Platz neben ihr sitzt; sie dürfe und müsse ausschließlich mit ihm reden, und zwar die ganze Zeit, denn ihm sei langweilig. Neben seinem E-Rolli-Stellplatz sitzt ein hospitalisiert vor und zurück wippender Teenager und spielt teilnahmslos auf seinem Smartphone herum, wenn er nicht gerade, weiterhin wippend, einsteigende Frauen anglotzt. Weiter hinten produziert sich ein Mensch mit türkischem Migrationshintergrund lautstark in sein dem ureigensten Zwecke (dem Telefonieren) dienendes Handy hinein, er habe "voll krass Weihnachtsstress"; irgend jemandem will er zum Fest der Feste im Übrigen eine Schreckschusspistole schenken. Hinter ihm thront ein beeindruckend klangvoll dauerheulendes Kleinkind in teuren Designer- und Markenklamotten und weiß eigentlich nicht mehr genau, warum es flennt. Muttern versucht es zu beruhigen, indem sie ihm allerlei Geschenke verspricht. Die als Expressbus getarnte Geisterbahn setzt ihren vollbesetzten Weg stets behäbig und verlässlich fort, nachdem der Busfahrer liebevoll an jedem Halt alle Passagiere einmal kollektiv angebrüllt hat, dass sie die Tür versperren. Genügend Omas regen sich darüber auf. Ebenso über den von der Schneewelt draußen hereingetragenen Matsch, der einen beim Laufenwollen in dem Verkehrsmittel "ja umbringt". Lankwitz.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Wilde Schilde(r) II

Immer wieder mal gibt es interessante Schilderzusammenstellungen. Was will uns dieser Sammelmast sagen? Man beachte dabei vor allem das ungewöhnlich detaillierte Schild in der Mitte.
Vorschläge:
A) Hier nur unbemannte 30-Tonner, Menschen bitte die andere Seite benutzen.
B) Männer mit Hut dürfen maximal 29 Tonnen wiegen, sagen ihre Frau und ihr Kind.
C) 30 Tonnen schwere Männer haben keinen Zutritt – vor allem, wenn sie einen Hut tragen und ungelenk Fußball spielen. Leichtere Frauen und Kinder (ohne Hut, aber auch ohne Füße) dürfen immerhin nach rechts / fühlen sich im Recht.
D) 30.000 Menschen denken, hier sei das Ministry of Silly Walks. Ist aber nebenan.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Zitat der Woche (24)

Lautsprecherdurchsage der Zugabfertigerin auf einem S-Bahnhof, ohne Einleitung und ganz erfüllt von menschelnder Sorge warmherzig herausgebrüllt:
"Jetz reicht's mir aba! Raus aus de Gleise, aba janz schnell!"

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Sturm, Steine, Sand und Sinn

Ähnlich wie localhost möchte ich normalerweise solch private Einblicke nicht in meinem Blog haben, aber es gibt Träume, die einfach einer Diskussion bedürfen. Rätsel gibt mir dabei v. a. die Frage auf, warum ich so einen Mist träume:

Nachdem ich auf einer rauschenden Hochzeit zu Gast gewesen war, die open air stattfand und in Regen, Sturm und Unwetter versank, wurde ich auf einer steinigen, staubigen Landstraße ausgesetzt, auf der ich nun in Festmode entlangschlurfe. Die Straße, die diese Bezeichnung kaum verdient, ist so staubig, dass es dort erstens wohl nie verkehrstechnische Modernisierungen (auch "Asphaltierung" genannt) gegeben und zweitens noch nie geregnet hat. Drumherum gibt es das große Nichts, allerdings ist ein verlassenes ostdeutsches Nest ausgeschildert. Ein Auto rauscht vorbei, im Inneren streiten Männer in Anzügen, etwas fliegt versehentlich aus dem Fenster. Am Rand der Straße finde ich es: Es ist das Handy von Peer Steinbrück. Der SPD-Kanzlerkandidat nutzt übrigens das ganz alte, klassische Nokia aus den 1990ern (hieß das Modell 3310?) in schmuckem, charakterstarkem Mausgrau. Während ich noch überlege, was ich damit nun mache, wie ich es ihm wieder zukommen lasse oder ob sich das erstmal auf irgendeine Weise journalistisch verwerten lässt, klingelt es. Nach kurzem Zögern nehme ich ab. Helmut Kohl ist dran. Er herrscht mich wütend und wirr an, wer ich sei, er wolle doch "den Steinbrück noch was fragen", und legt wieder auf.

Ah, ja. Mir drängt sich die Vermutung auf, mit manchen Träumen wollen mir mein Un- und Unterbewusstsein absolut rein gar nichts sagen. Die sollen auch keine Probleme lösen. Sondern die sind schlicht von vorne bis hinten Müll. Oder wurde an mir schon eine neue Wahlkampfform ausprobiert?

Dienstag, 7. August 2012

Würgaholic

Im gähnend leeren Nachtbus lässt sich bisweilen Interessantes finden. Quasi vorwärts rollende Gesellschaftskritik, in welcher sich der Frust verunsicherter, existenzbedrohter Underdogs lyrisch Bahn bzw. Bus bricht.
Appell zum Abkotzen
Das mitschwingende Mitleid, zumindest Mitgefühl, für die armen Reichen kompromittiert nicht. Solidarität einer sozialen Gesellschaft ist alles! Sei auch du dabei!

Mittwoch, 13. Juni 2012

Crossroller

Wenn das mal keine Idee ist: Endlich lassen sich Fortbewegung und Ganzkörpertraining verbinden! Wer sich im Fitnesstudio schon immer geärgert hat, dass man dort Stunden vergeudet, ohne vom Fleck zu kommen, bekommt hier – für ein Vermögen, versteht sich – die Lösung. Eine Kreuzung aus Roller, Fahrrad, Stepper und Crosstrainer sieht so aus: 
All in one an der Bundesallee: sportives Crossrollerdreirad.
Fit für die Straße? Oder zumindest den Radweg? Ok, denkbar ist, dass man bei der Nutzung ein ganz kleines bisschen bescheuert angeglotzt wird und es minimal peinlich wirkt. Aber wen kümmert das, wenn es um Schönheit, Kraft und Ausdauer kombiniert mit maximalem, profanem Alltagsnutzen und Umweltverträglichkeit geht? Die formale Verkehrssicherheit mit Beleuchtung etc. ist der Autorin im Übrigen ebenso unklar wie die Frage, wie man mit den beim Crosstrainer entlehnten Armhebeln nicht nur schwenkt, sondern auch lenkt. Aber irgendwas ist ja immer.

Für das schlechte Foto durch eine Glasscheibe hindurch entschuldigt sich die radelnde Reporterin übrigens; aber die Inhaber oder Angestellten des teuren Designer-Lifestyle-Ladens mussten nicht unbedingt mitbekommen, dass ihre "Auslage" amüsiert abgelichtet wurde. Schon allein, um Marketingstreits oder gar ein Verkaufsgespräch zu vermeiden. Außerdem soll man ja nicht bremsen, was einmal ins Rollen gekommen ist.

Mittwoch, 16. Mai 2012

Wilde Schilde(r)


Gute Chancen beim Strafzettel-Anfechten?
Wer mir beim Draufblicken auf diesen Schilderwald (Versuchszeitraum: ein durchschnittlicher Vorbeifahr-Moment) auf Anhieb sagen kann, ob er hier parken, halten usw. darf, erhält das Verkehrsefeublatt am Band, den grünen Schnellrafferorden und die biologisch abbaubare Durchblickfaser erster Ranke.

Anzunehmen ist: Dies ist eine Umweltmaßnahme. Wer das sieht, fährt nur noch Fahrrad. Wahrscheinlich stecken Die Grünen dahinter. Abgefeimt.

Sonntag, 25. März 2012

Multikullern

Am ersten wirklich warmen Sonntag des Jahres zeigte Berlins städtischer Ex-Flughafen, der sich immer noch unentschlossen Tempelhofer Park nennen soll, die Stadt von ihrer besten Seite; wenngleich auch noch nach knapp zwei Jahren kein wirkliches Parkflair aufkommen will, weil nach wie vor in der wilden, wüsten Weite ein wenig die Bäume fehlen. Doch huch, da krochen sie mit den Sonnenstrahlen alle aus ihren Löchern: die Alten und die Jungen, Pärchen, Kinder, Familien, Einzelgänger.

Kleinkinder überschreien einander, größere Kinder überfahren sich gegenseitig mit allem, was so da ist - von Laufrädern zum Fahrenlernen über richtige Fahrräder bis zum Skateboard, Snakeboard, Waveboard und wie sie alle heißen. Sehr präsent sind Jogger, Radfahrer und Inlineskater. Wo früher die Boeing anhob, schubsen einander jetzt allerlei Rollen und Füße mit boing und rrrrrssssst voran. Alles rollt. Manchmal auch Tränen. Neben dem Rollfeld, das Kinder mit bunter Straßenkreide bemalen und in Hüpffelder oder Kunstwerke verwandeln, wird gepicknickt, türkische Großfamilien grillen um die Wette. Junge Muttis mit und ohne Kopftuch schaufeln schwitzend auf Inlineskates ihre Sportkinderwagen vor sich her und versuchen hechelnd, sich dabei noch in wildem Sprachengemisch miteinander zu unterhalten. Ein kleiner, dicker, türkischer Junge, der selbst wenig nach Sport aussieht, trägt stolz das schwarze Ersatztrikot der deutschen Fußballnationalmannschaft spazieren - auf dem Rücken steht schließlich "Özil". Wenn die Füße nicht Rollen darunter haben, dann rollt sowieso wenigstens ein Fußball. Eine Gruppe sämtlich übergewichtiger Teenie- und Twen-Mädels entschließt sich auch tapfer zum Ballspielen; auf dem Weg statt auf der Wiese und immerhin 3 Minuten lang, ehe sie alle außer Atem aufhören und lieber weiter essen und trinken. Hauptsache, alles ist im Rollen, notfalls der Braten in den Magen.

Zwischen allem Gewusel gastiert der Zirkus Williams mit ein wenig Tierquälerei; die auf engstem Raum eingesperrten oder eingezäunten Tiger, Kamele oder Zebras faszinieren die versammelten Sprösslinge aber halb so wenig wie etwa eine auf dem Weg laufende Kellerassel, mit der man so schön das klassische Anstupsen-und-Zusammenrollen spielen kann. Auch als Assel kriegt man wechselweise den Koller oder das Kullern.

Gesetztere, Bequeme oder Spontis sitzen im örtlichen Biergarten oder hängen im Liegestuhl. Studis spielen Frisbee, Hunde auch. Über von erwachsenen Männern ferngesteuerten Autos - rrrrr, ssssst - ziehen Lenkdrachen ihre Kreise. Eine dunkelhäutige Rhythmusgruppe trommelt zusammenhanglos, aber mit Spaß. Rentner laufen händchenhaltend spazieren. Rollenspiel-Nerds hauen sich mit Gummiwaffen. Autarke Künstler basteln ganze Dörfer aus Holzbrettern, Benzinkanistern und was sonst noch kompostierbar ist. Ein blondgelockter, barfüßiger Freigeist hat zwei der raren Bäume okkupiert und dazwischen seine Slackline aufgespannt, auf der die Schritte bereits federnd und beschwingt voreinander gesetzt werden. Eine Baumanordnung weiter versucht ein kleines Grüppchen arabisch- oder türkischstämmiger kleiner Mädchen, es dem Tanzwesen gleichzutun; himmelblau ist das gespannte Band, beherrscht wird es noch nicht so gut, aber der Ehrgeiz ist spürbar. Die 80er-Jahre sind nicht nur modisch (leider) zurück, sondern auch freizeitsportlich: Zwischen die vielen Inlineskate-SportlerInnen mischen sich immer wieder Menschen verschiedenen Alters auf Roller Skates oder echten Rollschuhen. Eine gemischte Truppe von ca. 5 bis ca. 50 Jahren fährt damit Slalom um kleine Hütchen und tanzt halbsynchron Pirouetten und Rollschuh-Discofox zu "Miss You" von den Rolling Stones aus dem Jahr 1978, das mutmaßlich aus einem Kassettenrekorder dudelt.

Während die Grünen im Saarland Klimmzüge an der Fünf-Prozent-Hürde machen, funktioniert in Berlin manchmal echte Form von Multikulti: dann, wenn die Sonne über der Grünfläche Klimmzüge macht, dort, wo keine Häuser im Weg stehen und Wiese wie Asphalt geteilt werden.

Donnerstag, 22. Juli 2010

M'Air Berlin

Die Pannen-Notlandung eines Spaßpiloten auf dem Ex-Flughafen Tempelhof Ende Juni kostete 2000 Eumel - und den Irrflieger eine Ladung Mecker, die sich auch auf andere Notleidende, äh, Notlandende auswirken wird, sowie 8.000 Eumel Quasi-Strafe (ich bitte um Entschuldigung für das vermehrte Verlinken fragwürdiger Presseorgane). Mehr davon! Und die Sünder nicht auf eigene Organisation ausweichen lassen, sondern öffentlichen Aufschlag kassieren! So kann man auch das Königreich der Lüfte gegenfinanzieren und nicht nur den teuren Unterhalt von Gebäude und Gelände.
Es drängt sich aber auch eine andere Vermutung auf. Es könnte sich um eine PR-Aktion gehandelt haben! Nämlich um eine aus der altbekannten und beliebten Rubrik: "Was macht eigentlich...?" - Hierfür als aktuelle Ausgabe hoch gehandelt: die Initiative für den Erhalt des Flughafens als solchen. Nach dem Motto: "Flugbetrieb, na bitte, geht doch, und 'das Volk' will ihn auch! Einer hat's wieder vorgemacht!" Und ehrlich gesagt machte man sich ja schon Sorgen, wie's dem Verein so geht. Es hat ja schon unfassbar lange kein Volksbegehren mehr hierzu gegeben. Aber es besteht neue "Hoffnung", dass denen nicht langweilig wird, auch wenn sie die Forderungen inzwischen modifizieren. Unser jährlich Blöd gib uns heute!

Freitag, 16. Juli 2010

Meer Berlin

Fiese Fata Morgana flimmert Millimeter über dem dampfenden Asphalt: Nicht einmal nachts kühlt es merklich ab in der Stadt. Das schlägt bei manchen in Übermut um, bei anderen auf die Laune, bei wieder anderen aufs Gehirn. Sicher ist, Berlin im Sommer ist skurril.
Bereits morgens ist es für Sommerjunkies das Paradies, aber für Sommerhasser nirgends auszuhalten, man fühlt sich elend - und doch sind um einen herum immer noch Menschen, dank derer man sich noch elender fühlt, weil sie noch mehr schwitzen, schnaufen und dünsten als man selbst und ihr Geruch den Kreislauf schwindlig schüttelt. Aggressiv pflügen sich ächzende Radfahrer durch den Verkehr und überheizte Autofahrer vergessen alle Verkehrsregeln, die Hupe aber finden sie immer. Ventilatoren sind schon länger ausverkauft, wie damals 2003, beim letzten Rekordtemperaturen-Sommer. Ämter und Behörden sollen sich diesmal ganze Ladungen davon direkt ab Wareneingang gesichert haben. Der öffentlich-rechtliche Sender rbb gibt Mitarbeitern gegen Unterschrift Schüsseln aus, damit sie sich kalte Fußbäder unter ihren Arbeitsplatz stellen können.
Die Damen(?)-Sommermode suggeriert nicht nur, die Stadt sei ein einziges, großes Strandbad, sondern ist eine harte optische, nervliche und geschmackliche Prüfung. Zu viele Mädchen und Frauen haben offenbar vergessen, eine Hose anzuziehen; aber man will nicht so unhöflich sein, sie darauf hinzuweisen. Formlos-schlabberige, dafür aber transparente Hängerchen baumeln über Bikinis. Dazu klatschen Flipflops den typischen, schlurfigen Beifall auf dem heißen Boden. Auch wer nur zur Arbeit fährt, will aussehen, als sei er im Urlaub. Vielleicht fühlt man sich dann auch, als sei man dort, oder als liege Berlin am Meer. Auf der Spree schippern allerdings nur Touristen und die vielen Badeseen liegen zu weit außerhalb.
Unter Tage hält sich die aufgeheizte Schlechtluftmasse teils noch beharrlicher als oberirdisch. Auf dem nächtlichen U-Bahnhof Kaiserdamm ist es so heiß und stickig, dass das Warten nicht auszuhalten ist: 13 Minuten in der tiefergelegten Sauna, das geht nicht, also so lange lieber wieder nach oben gehen. Die tagsüber so frequentierte Kreuzung ist verkehrsleer, aber Fußgänger irren umher, teils Gassi gehend mit luftweghechelnden Hunden. Irgendwo hier im Nightlife-Niemandsland muss ein Abiball gewesen sein oder ein Abschlussball einer Tanzschule oder ein Casting für Komparsen, denn es wimmelt von auffallend jungen Menschen in auffallend festlicher Garderobe, die sich nur teilweise untereinander zu kennen scheinen. In ihren nicht immer geschmackssicheren Partymode-Abendkleidchen stolpern Mädels umher, die Fränkisch sprechen oder Hessisch. Vielleicht doch kein Abiball. Eine Frau mittleren Alters mischt sich darunter, im schulterfreien Petticoatkleid mit paillettenbesetzter Schmetterlingscorsage, ihr Körper ist über und über tätowiert mit Monstern und Fantasy-Figuren, die unter dem möchtegerneleganten Geglitzer hervorlugen, und sie quatscht die Teenager haltlos und lautstark voll. Die "Bread & Butter" kann an all dem nicht mehr schuld sein, denn die Messe ist vorbei.
In der Bahn zollt mein Hirn der Uhrzeit, dem vollgestopften Tag und der zermürbenden Hitze Tribut: Ich vergesse umzusteigen. Da aber alle Wege über Rom führen und es in Berlin ein paar Roms gibt, steige ich an einem davon aus. Der Anschluss ist weg, also erstmal draußen Luft schnappen. Auf der Ecke vor dem Bahnhof Zoo spricht mich unsicher und leise ein bayrischer Früh-Twen im adretten, schwarzen, damenhaft wirken sollenden, kurzen Kleid an: Wo es denn Richtung Hauptbahnhof gehe? Ob so spät überhaupt noch irgendwas fahre? Ob von den Bussen einer dorthin kurve? Und ob denn in dem Bahnhofsgebäude dort noch irgendwas sei oder weiter hinten noch etwas komme, nun ja, sie fahre wohl besser Taxi? Meine Erläuterungen zur S-Bahn will sie lieber nicht hören, nein, wirklich, lieber Taxi; jetzt beginnt sie herumzudrucksen, eigentlich traue sie sich da nicht hinein in das Gebäude. Was sie wohl in Wahrheit sagen will, ist: Sie traut sich nicht an den Menschen vor dem Gebäude vorbei - und fürchtet, innen könnten noch viel mehr davon, dafür aber keine Züge sein. Ich biete ihr an mitzukommen, bringe sie hinein, vorbei an den ganz ganz sinistren, gefährlichen Obdachlosen, Strichern und Drogensüchtigen, vor denen sie zurückzuckt, durchquere mit ihr die Bahnhofshalle, während sie sich ängstlich umschaut, und begleite sie noch bis hin zum richtigen Gleis, das voll von Menschen wie ihr ist, nur lachend und laut. Der nächste Zug gen Hauptbahnhof wird für nur zwei Minuten später angezeigt. Sie strahlt und bedankt sich tausendmal. Es wimmelt von Berlin-Einsteigern und -Umsteigern.

Montag, 7. Dezember 2009

Hupkonzert

Kürzlich in der Innenstadt, auch Kreuzberg genannt, zur Zeit der sog. Rush Hour: Der Verkehr staute sich, an der roten Ampel zerriss die gefräßige Autoschlange plötzlich ein wimmerndes, scheinbar wütendes, irgendwie seltsames Staccato-Hupen. Irritiertes Umherschauen, wer sich denn da wohl gerade derart abgehackt aufregte und worüber (denn trotz der Verkehrsdichte schien alles friedlich zu sein, nichts bewegte sich, aber es "pennte" auch keiner, was das Umschalten der Ampel anging oder Ähnliches), ergab die Ursache oder auch den Urheber. Dieser vereinte amüsanterweise sämtliche Klischees in sich - auch, weil es Kreuzberg war - und brach sie zugleich wieder: Der Grund für das Hupgequake war ein alter, dicker Türke mit Schnauzbart in einem alten, dicken Benz (ohne Schnauzbart). Er schien gerade zur Musik, die er vergnügt hörte, ordentlich abzugehen wie Schmidts Katze und veranstaltete auf Armaturenbrett und fatalerweise auch Lenkrad ein Schlagzeug-Solo. Von seinem Livekonzert und der Wirkung aufs Umfeld bekam er offenbar nichts mit. Muss 1A Mucke gewesen sein. Man, that rocked!
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