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Montag, 4. September 2017

Das große Gähnen

Der Politikverdrossenheit huldigt die Autorin normalerweise genauso wenig wie einer generellen Medienschelte. Nicht nur wegen unzulässiger Verallgemeinerungen: Begriffe wie "die Politiker" oder "die Medien" und auch das ganze "Die da oben verarschen uns doch alle nur und es ist eh alles dasselbe"-Gejammer fand sie schon immer Verblödungsbelege, die einer Sachdiskussion oder Ursachenforschung wenig dienlich waren. Denn damit macht man es sich meist zu einfach und hält sich nur vom differenzierten Denken ab, leugnet außerdem seine eigene Rolle und Verantwortung im Diskurs und in der Mediennutzung.
Gestern aber verspürte auch die Grünzeuch-Autorin es: dieses sogartige Gefühl von Nihilismus, Breitband-Resignation, Langeweile, Deprimiertheit und Mit-einer-Soße-übergossen-Werden. Die Soßengarnitur zum Einheitsbrei hat dann auch mal Medienschelte verdient. "Daten, Zahlen, Fakten": Zwei Kanzlerkandidierende, vier Fragende bzw. Moderierende, fünf live übertragende Sender, über 16 Millionen Zuschauende und null Spannung oder Substanz.
Das "TV-Duell" zur Bundestagswahl zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz war kein Duell. Es war unfassbar langweilig und punktlos. Da konnten "Statistiken" aus hektischen Telefon-Zuschauerbefragungen (verschiedene Auftraggeber, verschiedene Institute und Instrumente, verschiedene Ergebnisse – meist lag Merkel vorn) nur erstaunen: Wo sahen die befragten Leute denn da Unterschiede zwischen den beiden? Hatten sie womöglich eine ganz andere Sendung verfolgt? Lebe ich in einer anderen Realität? Beginnt bereits der Wahnsinn?
Lustig hätte es werden können mit einem Bingo-Spiel: Wer jedes Mal, wenn eine/r der beiden Kontrahenten, die keine waren, "Europa", "europäisch", "gemeinsam" oder "ich bin dankbar" sagte, einen Schnaps getrunken hätte, dem hätte sich vielleicht ein lustiger Abend geboten – und inhaltlich wäre ihm in dem Zustand auch nichts entgangen. Tanken beim Danken: Ich bin dankbar für Ihre Frage. Ich bin dankbar, dass ich das sagen kann. Ich bin dankbar, dass Sie das sagen. Prost.

Das Tragische daran ist, dass es nicht nur an den beiden Politpersönlichkeiten lag. Auch, aber eben nicht nur. Die Fragen waren teils so absurd populistisch oder im besten Falle schlicht, dabei aber zugleich so langweilig, unerhellend oder wenig hilfreiche Vorlagen gebend, die vier ProfilneurotikerInnen auf der Journalistenseite so unpointiert, einander ausstechen wollend und dabei doch unobjektiv (allen voran der rechtstendenziöse Strunz, der einfach nicht auf diesen Posten passte) und das Ablaufkonzept war so starr und leblos, dass man sich durchaus fragen muss:
1. Was um alles in der Welt sollte das bringen, und wem?
2. Wie spiegelte das denn das angeblich so große Zuschauerinteresse aller politischen Couleur?
3. Warum musste das vermeintlich seriöse gemeinsame Format von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern denn AfD-Wahlhilfe betreiben?
Denn so wirkte es streckenweise. Dieses Unwohlgefühl wurde immer stärker. Zuallererst und dann ewig lang, weit über ein Drittel der Sendezeit, wurde nur über Flüchtlinge und Zuwanderer gesprochen. Ja, das ist ein wichtiges Thema, aber doch nicht das oberwichtigste und einzige – dieser Auffassung sind wohl nur die Rechten unter den Nicht- oder Protestwählern. Die mögen sich bestätigt gefühlt und die Debatten trotzdem nicht verstanden haben. Zugunsten dieser Priorität fielen etliche wichtige Themen alltäglicher Lebensrealität ganz hinten runter. Eigene Schuld von Merkel und Schulz, findet hinterher Sandra Maischberger, denn die hätten ja kürzer antworten können. Nur, dass sie das niemand im Studio ließ; und die Rückfragen trotzdem weder zur Erhellung noch zur Präzision beitrugen. Menscheln durfte es dabei nicht (iih, das wäre ja spannend gewesen), außer bei den angenommenen Leuten da draußen, die alle natürlich wieder mal "besorgt" waren. Die AfD jubelt.
Sie kriegte auch gleich noch eine neue Antwort, was "deutsche Leitkultur" ist: Geld und Nutzen und ein klares Gut/Böse-Schema. Denn ultrakurz wurde dann noch schnell abgefragt, ob man Homosexuelle wirklich okay findet, ob Trump und Kim und Erdogan ganz doll viel sehr böse sind, ob Familien mehr Geld bekommen, ob man bis "alt" oder bis "sehr alt" arbeiten muss und ob beide mal in der Kirche waren. Mir fehlen die Worte.

Zum Ausgleich gab es danach querbeet auf allen Sendern tiefgreifende Analysen über Überzeugungswerte. So etwa in der ARD-Talkrunde von Anne Will, in der aus völlig unnachvollziehbaren Gründen auch Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas Gottschalk saßen. Was sollte das? Was sollten die dort? Wer hatte etwas davon? Wo war da der Analyse- oder Identifizierungs-Mehrwert? Ach so, ja, klar, Gottschalk ist einfach nur ein unentschlossener Wähler. Hat sich auch in der Vergangenheit sehr als unvoreingenommen gezeigt. Sicher sehr exemplarisch für viele da draußen im Land, quasi repräsentativ. Denn die Deutschen sind ja ein Volk von lauter millionenschweren, berühmten Medienprofis, die den größten Teil der Zeit in den USA leben. Wenn das nicht zu Repräsentanz und Expertise qualifiziert!

Der Verdacht von großangelegter Satire drängt sich auf. Allerdings war es dazu zu wenig unterhaltsam.
Setzen. Sechs.

Samstag, 27. Februar 2016

Leer Zeich(n)en

Manche Schreibfehler sind einfach lustig. Deppenleerzeichen ohnehin oft.
Das hier nennt man wohl "Limited Edition", "begrenztes Angebot" (oder ausgrenzendes? Ach naja, In- und Out-Gesellschaften sind ja grad Topthema), "exklusiv", "nur, solange der Vorrat reicht" oder "für ausgewählte Stammkunden":

Ein Angebot in Mobiltelefonie. Aber nicht für viele Nutzer.

Mittwoch, 21. Januar 2015

Zitat der Woche (35)

Zwei junge Männer, beide mit mutmaßlich türkischem Migrations- bzw. Vorfahrenhintergrund, unterhalten sich. Da fällt der eine dem anderen ins Wort:
"Alter, sag 'ichchch' und nicht 'isch'!"

Mittwoch, 14. Januar 2015

Und sonst so? – Muss ja.

Kleinste gemeinsame Nenner sind wichtig; nicht nur in der Algebra, sondern auch im menschlichen Miteinander. Darum ist es (an alle Dr. Dr. Sheldon Coopers: nota bene!) gesellschaftlicher Konsens, wenn einem entweder sonst nichts einfällt oder aber alle anderen Themen vermintes Gebiet sind, dann über das Wetter zu reden.

In Deutschland hat sich bei diesem Reden das Motzen als grundlegender Ansatz etabliert. Welches Wetter das Werturteil "schön/gut" erhält und welches "eklig/schlecht", ist dabei ganz klar geregelt. Ungeschriebenes Gesetz: Sonne und Wärme supi, alles andere iiiihdoofblöd.
Niemand denkt dabei an die armen Allergiegeplagten, die im Frühling gar nicht solche große Freude haben, und an die hitzeempfindlichen Kreislaufschwachen, die den Sommer fürchten. Aber abgesehen von dieser Randnotiz lauert hier eine gesamtgesellschaftliche Falle: So wird das Smalltalken in der wärmeren Jahreszeit grundlegend erschwert! Denn wenn man nicht motzen kann, wozu dann ein Gespräch? Es sei denn, die Sprechenden einigen sich nonverbal, dass in diesem Ausnahmefall das Reden übers Wetter auch ohne Motzen statthaft ist, ehe man vereinsamt und mitten in der sonneseligen Supi-Zeit plötzlich vereinsamt und womöglich depressiv wird. Dann ist Loben möglich – aber sehr schnell aufgebraucht. Blumige Sprache erreicht beim Loben schneller ihre zeitgenössischen Grenzen als beim Motzen. Dann ist das Gespräch schnell zu Ende. In manchen Fällen hat das seine Vorteile.

So oder so: Freut euch des aktuellen Wetters! Nutzt es, um nach langer Zeit einmal wieder ausgiebig und sinnlos Kommunikation zu treiben! Wichtig: Sprecht dabei gegenüber dem neu entdeckten Wesen, diesem sogenannten Mitmenschen, unbedingt auch an, dass es ja nun wirklich lange genug kalt und bäh war und endlich, endlich, endlich wieder warm werden muss. Dass es erst Mitte Januar und dafür viel zu warm ist und dass bis auf eine Woche richtigen Frosts von "Winter" diesmal eigentlich keine Rede sein kann, dürft ihr keinesfalls erwähnen. Und zwar nicht nur gegenüber Klimakatastrophe-Befürchtenden und anderen vermeintlich viel zu Grünen. Sondern das ist ein schlimmer Verrat an gemeinsamen Werten. Und zwar ein schlimmerer, als sich zum Beispiel zusammenzurotten und irrwitzige "Ich habe nix gegen Ausländer und ich bin auch nicht rassistisch, aber"-Sätze zu sabbern. Muss deshalb auch unbedingt bekämpft werden, dieser Verrat. Statt "Je suis Charlie" mal "Je suis l'eté"!

Dienstag, 6. Januar 2015

Zitat der Woche (34)

In einem Lokal im Kreuzberger Bergmannstraßenkiez plappern zwei Hipstertussis, wie sie dort in der unfreien Wildbahn immer gehäufter vorkommen und sie verderben, über den Beziehungsstatus der einen. Diese erklärt präzise:
"Ich hab grad mega dis komische Gefühl. Davor war ich ja emotional noch voll low und so."

Sonntag, 22. Juni 2014

Zitat der Woche (32)

Those Americans! In der vor dem Fußball-WM-Spiel Deutschland – Ghana rappelvollen S-Bahn erklärt ein etwa zehnjähriges Mädchen seiner ebenfalls englischsprachigen Oma, warum so viele schwarz-rot-gold-gestylte oder -bemalte Leute unterwegs sind:
"Black, red, and yellow or golden are Germany's colors. It's soccer. Today's Germany against Afghanistan."

Samstag, 7. Juni 2014

Zitat der Woche (31)

Und nochmal was Englisches; auf einem Südberliner S-Bahnhof scheitert eine ältliche Amerikanerin an der Aufgabe, wie das mit den Fahrscheinen und dem Entwertungsautomaten funktioniert, und holt sich Hilfe von anderen Fahrgästen:
"My brain hasn't clicked in at all yet."

Mittwoch, 14. Mai 2014

Zitat der Woche (30)

Etwa 30-jähriger Hipster blökt auf der Kreuzberger Bergmannstraße, die inzwischen zu mindestens 90 Prozent durchgentrifiziert ist, laut in sein Smartphone:
"Yeah, you didn't send the original Abmeldebestätigung, right?"

Mittwoch, 28. August 2013

Gudschina Idaljana

Leckere Tagesgerichte bedürfen einer netten Anpreisung. Echte Italiener preisen ihr Werk etwa so an:

Trattoria Italia, Wilmersdorf, Uhlandstraße
Hier war wohl ein echt sächsischer Italiener am Werk: Calomari auf Rugollasalat? Was zum Henker ist das? Kalorienreiche Meeresküche, wobei der Salat oll ist und aus Rügen kommt – oder zum Rügen oll ist? Alles Rug und Trug! Und dann auch noch Warsteiner statt Rotwein.

Dienstag, 23. Juli 2013

Staatisch aufgeladen

Denglisch kann nicht nur Gayle Tufts. Denglisch können auch manche anarchischen Pseudo-Revoluzzer.
Der Umbruch startet auf dem U-Bahnhof Jannowitzbrücke.
Fuck this Staat! Before it fucks umgekehrt you selber!
Vielleicht hätte Sonnenmilch, auch bekannt als "Revo-Lotion", etwas Gutes getan; die schützt das Hirn vor Brandschaden.

Dienstag, 30. April 2013

Nange lacht

Lange Nächte haben in unserem Kulturkreis, zumindest in den Metropolen, inzwischen fast so etwas Ähnliches wie Tradition. Kann man sich zumindest einreden. Wie "lang" so eine Nacht dann wirklich ist und ob sie den Begriff "Nacht" überhaupt verdient, ist im Einzelfall durchaus diskutabel.
Im Fokus der Nächte stehen eigentlich meist Sport und Kultur. Aber heute ist schlichtweg alles ein organisiertes Happening: Berlin bekam nach der Langen Nacht der Museen (seit 1997, sogar 2x pro Jahr), der Langen Nacht des Shoppings (seit 2000, zum Glück dahinsiechend), der Langen Nacht der Wissenschaften (seit 2001),  der Langen Nacht der Opern und Theater (seit 2009) – die dieses Jahr, angeblich wegen "Optimierungsprozessen", ausfällt – und der Langen Nacht der Familie (seit 2011) schließlich letztes Jahr auch noch die Lange Nacht der Industrie dazu. Diese floppte offenbar wider Erwarten nicht; denn für den 15. Mai ist sie wieder angekündigt und wird groß beworben (vielleicht als Ersatz für ausfallende Opern und Theater? Das nennt sich dann "Zeitgeist"). Dass die Energieversorger, Luxusautomobilhersteller, Chemiekonzerne, Druckereien, Brauereien & Co., die sich an der Veranstaltung (Verzeihung: dem Event natürlich!) beteiligen, nur bis spätestens 22:30 Uhr durchhalten wollen und das dann eine durchgemachte, wirklich lange Nacht finden, ist nur eine lustige Randnotiz. Es stellt sich dem Lachenden eher die Frage: Was kommt als Nächstes? Die Lange Nacht der Stadtverwaltung? Der Banken? Der Unternehmensberatung? Der Gerichtsbarkeit? Des Hotelwesens? Der Messeveranstalter? Der Dienstleistung? Des Personennahverkehrs? Oder vielleicht die Lange Nacht der Grundversorgung? Das Grünzeuch bittet um Vorschläge! Ansonsten könnte man glatt denken, statt während einzelner langer Nächte könnte die Stadt sich auch mal während 365 Tagen den Themen widmen.

Freitag, 26. April 2013

Softdrinks, hard food

Weit ist der Blick im Vorarlberg. Auf Alpengipfeln werden schon auch bisweilen Tierzucht-Freigehege eingerichtet. So haben die Viecher die freie, wunderschöne, melancholische Aussicht auf den Bodensee. Man soll aber nicht ausflippen: Wild füttern? Nein, nur sanft, langsam, weich und gesittet. Ist ja Österreich.

Oben auf dem Pfänderberg in Bregenz –
bedrohlich sieht man hier Michael Endes "Nichts".
Das Wild hinunterzuwerfen ist vermutlich auch verboten.

Samstag, 6. April 2013

Zitat der Woche (27)

Mann mittleren Alters mit südländischem Migrationshintergrund strahlt im Laden die Schuhverkäuferin an, die zwar freundlich berät, aber merklich gestresst und abgegessen vom Betriebsalltag ist:
"Is' schön, auch mal zu hören von das andere Geschlecht ..., dass Schuhe nervt."

Montag, 1. April 2013

GRimme all your lovin'

Das Grünzeuch ist für den Grimme Online Award 2013 nominiert! Ein herzliches Dankeschön an die/den unbekannte/n LeserIn, die/der das Onlineformular der Nominierungskommission genutzt hat! Wie auch immer die Ehre zustande kam (wahrscheinlich nur, weil es für das Einreichen von Vorschlägen ein Smartphone zu gewinnen gab) – da leuchtet dieses Blog doch freudig in wetterunabhängigem Neongrün. Nicht, dass die Redaktion sich Hoffnung machen würde, im Mai bei der Bekanntgabe der Favoriten dabei zu sein. Aber dieser Schritt ist doch auch schon schön. Als Nominierung angenommen wurde das chlorophyllhaltige Netzangebot für seinen spezifisch unkrautigen publizistischen Grünblick und insbesondere für die beiden Rubriken mit den Labels "babylonische Sprachverwirrung" und "Zitate". Was denn, endlich findet jemand Klugscheißern, Rumalbern und Lästern über Sprache, Schreibfehler, Zeichenhaftes, Aussagekraft, Un- und Missverständnisse nicht nur öde, obsolet und nervig? Es geschehen noch Zeichen (sic!) und Wunder. Hach. Das Grünzeuch im weiteren Verlauf der Preisfindung noch unterstützen kann man mit diesem Klick. Freudigen Ostermontag der ganzen Leserschaft!

Donnerstag, 24. Januar 2013

Zwei Experimente zum Spracheverschlagen


Personelle Interaktion, Experiment 1

Versuchsaufbau: 
Eine Gruppe aus sechs Versuchspersonen (drei Frauen, drei Männer) mittleren Alters wird nach einem gemeinsamen Kinobesuch für eine Stunde in ein abendliches Café gesetzt. Fünf der Anwesenden (alle Männer, zwei der drei Frauen) sind VolljuristInnen. Alle sitzen an einem Tisch.

Beobachtungen:
(1) Die drei Männer beginnen sofort erhitzte Streitgespräche, die sie "Diskussion" nennen.
(2) Eine der drei Frauen besteht deshalb auf einer Umsetzaktion, nach der alle Frauen an der einen und alle Männer an der anderen Seite des Tisches sitzen. Die Frauen erhalten dafür von einem der Männer den Kommentar, sie könnten sich ja "da in Ruhe über Schminke und Shopping unterhalten".
(3) Die drei Männer – alle Anwälte verschiedener Rechtsgebiete, Arbeitsbereiche und -formen (Ein-Mann-Kanzlei, mittelgroßer Familienbetrieb, Großkanzlei) –, unterhalten sich mit vollem Körpereinsatz, sehr gestenreich, aggressiv und wild durcheinander, vor allem aber extrem laut über Juristisches und ihre konkrete Arbeit. Andere Themen kommen nicht vor. Andere Menschen, etwa die Bedienung, kommen nicht zu Wort. Sie selbst auch nicht wirklich, da sie sich gegenseitig überbrüllen. Die Musik im Café ist zuerst leise, dann ganz aus, und das Café ist leer, die Lautstärke ist also nicht nötig.
(4) Das Café wird schließlich ganz leer.
(5) Die drei Frauen versuchen unterdessen, sich jenseits des Arbeitsalltages über andere Themen (zum Beispiel über den gesehenen Film, tagesaktuelle Nachrichten, Anekdoten, politische Themen oder ihnen bekannte Personen) zu unterhalten, sind dazu allerdings geräuschpegeltechnisch nicht in der Lage. Sie bitten die Männer, wenn sie schon nicht die Themen wechseln könnten, dann wenigstens nicht so zu schreien. Für eine Minute ändert sich die Lautstärke, dann ist alles wie zuvor, aber die Gesten der Männer werden ausladender. Die Frauen versuchen eine Weile weiterhin, ihre Gespräche zu führen. Sie werden nur minimal lauter, schweigen dann und gehen schließlich nach Hause.

Fazit:
Männliche Juristiden in einer Anhäufung sind nicht gesellschaftsfähig – außer untereinander. Artgerechte Käfighaltung mit Schallschutz und Sicherheitsgehege wird empfohlen.


Personelle Interaktion, Experiment 2 (noch nicht realisiert) 

Versuchsaufbau: 
Die Situation aus Experiment 1 wird in einem störfreien und größtmöglich um ablenkende Parameter verringerten Setting forciert und um die akustische Komponente beraubt: Eine Gruppe aus mindestens drei Juristen (vorzugsweise als Anwälte tätig) männlichen Geschlechts wird in einen schallisolierten, rundum durchsichtigen (am besten panzerverglasten) und mit Polsterung versehenen (um Verletzungen vorzubeugen), ansonsten aber völlig leeren Raum gesetzt und sich selbst überlassen.
Für die Analyse des Geschehens ist außerdem ein Beobachtungsteam angedacht, das mit Picknickkorb entspannt davorsitzt, sich in Ruhe und gesittet unterhalten kann, den Probanden ab und zu Nahrung hineinreicht oder deren Toilettenpausen überwacht (wird auf dem WC weiterkommuniziert?) und dabei vor allem Beobachtungen beim Geschehen im Isolationsraum notiert.
Empfohlen wird für die Durchführung etwa die Nutzung des Baby-und-Kleinkinder-Ruheraumes in dem stillgelegten, derzeit wohl noch nicht fertig restaurierten, ehemaligen Berlin-Neuköllner Erlebnisbad namens "Blubb", momentan das nichtöffentliche Hotelprojekt City Resort Berlin/Blub, das ideale Bedingungen bietet. Eventuell, falls die Anlage noch betriebsbereit ist, ließe sich noch das den Glaskäfigen vorgelagerte Babyschwimmbecken mit dem typisch urinwarmen Wasser befüllen, um dem Beobachtungsteam ein entspanntes Fußbad während der vermutlich anstrengenden Observation zu ermöglichen. Zu Redaktionsschluss lag noch keine Information des momentanen Investors vor, ob die Räumlichkeiten hierfür anmiet- oder überhaupt nutzbar sind bzw. ob die isolierten, mit Matten ausgelegten Glaskäfige noch vorhanden sind.

Beobachtungen:
Verifizert werden sollen folgende Annahmen:
(1) Die Anwälte vertiefen sich sofort in eine sogenannte "Diskussion" – trotz des unnatürlichen Umfeldes.
(2) Sie hören damit nicht freiwillig wieder auf, sondern erst, wenn das Experiment für beendet erklärt wird – vorausgesetzt, die Aufnahme und Abführung von Flüssigkeit und Nahrung sind gewährleistet.
(3) Das Schreien ist von außen auch ohne die Akustik zu erkennen, also rein in Gesten, Mimik, allgemeiner Körperhaltung und -sprache.
(4) Die Themen (Rechtswissenschaft, Rechtspraxis, ggf. Politik unter rechtlichen Gesichtspunkten) sind von außen auch ohne die Akustik erkennbar, also rein in Gesten, Mimik, allgemeiner Körperhaltung und -sprache.
(5) Es gibt eine spezifische Art juristischer Freizeitkommunikation, die sich von derjenigen anderer Berufsgruppen in deren Freizeit unterscheidet und auch optisch-nonverbal manifest wird.
Ergänzend sind folgende, offene Spezifizierungsfragen möglich und können, ggf. in einem Folgeexperiment, der Analyse zugrunde liegen:
(6) Gibt es eine spezifische nonverbale Kommunikation, die nur Juristiden (Folgefrage: nur männlichen Juristiden? Ein Gegenversuch mit juristischen Weibchen ist möglich) eigen ist? Ein optischer Vergleich zu anderen Berufsgruppen kann auch der Folgeforschung übergeben werden.
(7) Variation I: Interessant ist auch die Frage, inwiefern es eine spezifische Kommunikation von Anwälten untereinander gibt, wenn nichtjuristische Personen den Käfig betreten und versuchen, sich in das "Gespräch" einzumischen.
(8) Variation II: Außerdem interessiert die Empirie, ob die Kommunikation der Anwälte sich unterscheidet, wenn sie in demselben Käfig sich nicht in ihrer Freizeit über juristische Themen und Fälle austauschen, sondern ihre tatsächlichen Berufstätigkeiten ausüben sollen. Internetstandleitung, Telefon, Bildtelefonie, Fachliteratur etc. wären ein Minimum für die Analyse dieser sehr komplexen Variante.

Das Fazit bleibt selbstverständlich noch offen.

Für das zweite Experiment werden WissenschaftlerInnen gesucht, die sich am Forschungsprojekt beteiligen wollen. Angeraten wird ein interdisziplinäres Team aus Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie, (Sozial-)Pädagogik, Linguistik, Kulturwissenschaft, biologischer Verhaltensforschung und unter Umständen auch Rechtswissenschaft. Interessierte melden sich bitte über das Kontaktformular rechts im Menü dieses Blogs oder über die Kommentarfunktion. Letztere steht außerdem natürlich auch gerne für weitere Anregungen und Anmerkungen zur Verfügung – auch für Angehörige anderer Personenkreise!
Arbeitstitel:
"Nonverbale Kommunikation innerhalb der eigenen Peer-group-Teilöffentlichkeit am Beispiel von Anwälten in ihrer Freizeit: öffentlichkeitswirksame, optisch handlungsaktive oder -suggestive Manifestationen juristischer Gesprächskultur. Gestik, Mimik und allgemeiner Habitus bei mittelalten Männchen. Ein empirisch-analytisches Käfigexperiment unter interdisziplinären Gesichtspunkten."

Samstag, 5. Januar 2013

B-Ware ... of 2013

Vorsicht vor dem bissigen Hund? Nein: Achtung, 2013 ist da! Ein quietschbuntes (für Schwaben: schee bont!) Graffito warnte – zumindest aufmerksame U-Bahn-NutzerInnen – schon zur Jahreswende, dass da womöglich nicht nur Gutes wartet. Wenn man die Fratzen aufmerksam studiert, scheint sogar Adolf Hitler wieder mal zurückzukehren. Ach, papperlapapp. Das Grünzeug wünscht seinen LeserInnen ein gesundes, gutes, zufriedenes und buntes, vor allem chlorophyllgrünes Jahr.
Watch out! Ist für 2013 die Uhr aus oder der Ofen? 
Update 6.1.: Auf vielfachen Wunsch ;-) wird dem visionistischen Graffitikünstler jetzt in besserer Qualität gehuldigt. Draufklicken vergrößert übrigens das Foto.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Wilde Schilde(r) II

Immer wieder mal gibt es interessante Schilderzusammenstellungen. Was will uns dieser Sammelmast sagen? Man beachte dabei vor allem das ungewöhnlich detaillierte Schild in der Mitte.
Vorschläge:
A) Hier nur unbemannte 30-Tonner, Menschen bitte die andere Seite benutzen.
B) Männer mit Hut dürfen maximal 29 Tonnen wiegen, sagen ihre Frau und ihr Kind.
C) 30 Tonnen schwere Männer haben keinen Zutritt – vor allem, wenn sie einen Hut tragen und ungelenk Fußball spielen. Leichtere Frauen und Kinder (ohne Hut, aber auch ohne Füße) dürfen immerhin nach rechts / fühlen sich im Recht.
D) 30.000 Menschen denken, hier sei das Ministry of Silly Walks. Ist aber nebenan.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ö-Eier

Trotz multilateralen Unmuts und Verwirrtseins: Jahr für Jahr beginnt bekanntlich in Kalenderwoche 35, spätestens allerdings am 1. September, in den Märkten das unsägliche W-Fest – das, dessen Name nicht genannt werden darf. Auch wenn die MitarbeiterInnen es oft noch nicht angemessen feiern, so startet zumindest aber, pars pro toto, das große Auftürmen leckerer und weniger leckerer, kitschiger und noch kitschigerer Artikel. So weit, so normal (da "normal" von "Norm" kommt). Dass neuerdings allerdings die Saisonware der üblichen Verdächtigen bereits im Oktober sogar für Ostern feilgeboten wird, ist zumindest verwunderlich. Regelrecht skandalös dagegen – und da war sie wieder, die Norm, die Gleichmacherei – ist, dass der Osterhase sich inzwischen, wenn das Produkt es erfordert, sogar als Nikolaus oder W[zensiert]smann verkleidet! Zumindest sieht er ihm täuschend ähnlich. Schmückt sich da einer mit fremden Rentieren?
Spannung, Spiel, Schokolade und wichtige Feste: All in one und das schon im Herbst!
So wird das Ü-Ei zum O- oder Ö-Ei. Oder auch zum Öh?-Ei.
Abgesehen davon beruhigen uns die vielzitierten, leidigen Deppenleerzeichen, dass der Euro sich nicht entwertet, es hier noch was gibt fürs Geld: für nur 79 Cent Kinder, ein Ü-Ei oder Oster-Anhänger. Na, vom Preis-Leistungs-Verhältnis her würden sich aus dieser Auswahl die meisten wohl eher nicht für die Süßware entscheiden. Oder "und" statt "oder"? Gibt es das alles für 0,79 Euro? Öh, ey?

Sonntag, 16. September 2012

Zitat der Woche (20)

Typ in den Zwanzigern seufzt gelöst und geschmeichelt in sein Handy:
"Also det jeht mir wie Öl, Alter, wa."

Freitag, 17. August 2012

Tunnelblick (13): Geldreligionen, Weltreligionen

Die hitzegebeutelte, stickige, volle S1 besteigen vier Halbwüchsige mit Migrationshintergrund, die sich sehr laut und damit den ganzen Großwaggon unterhalten. Thema sind zunächst Nationalitäten und Hautfarben. Sie beschimpfen sich gegenseitig feixend als "armer Nigger", "viel zu dunkel für 'n Araber" und "Hobby-Afrikaner".
Einer meint plötzlich: "Scheißtag, mir is langweilig, soll ich mal wieder 'Brot für die Welt' machen?" Ein anderer findet das eine gute Idee, aber der dritte und vierte Junge versuchen, ihn von der ominösen Aktion abzuhalten: Er solle "immer alles sparen" und "sein Geld zusammenhalten" und "alles nur für sich selber ausgeben", nur so bringe man es im Leben zu was. "Gib den Asis nie was ab! Die sind doch selber schuld!", findet einer. "Nee, aber doch, ich hab da jetz Bock drauf, bei der Hitze, ich will mal wieder 'Brot für die Welt' machen", insistiert der erste. Was er damit meint, ist: sein Portemonnaie öffnen, Münzen herausholen (alles Mögliche zwischen 1-Cent- und 50-Cent-Stücken), sie mit Schmackes auf den Boden schnipsen und quer durch den ganzen Waggon rollen lassen. Alle vier kichern vor sich hin. Eine sitzende Mama mit Baby fragt: "Kriegt ihr zu viel Taschengeld? Wenn ihr zu viel habt, gebt es ruhig mir, ich nehm es gerne." - "Können Sie sich ja vom Boden aufheben", grinst der edle Brotspender. Sie schüttelt fassungslos den Kopf, der Junge lässt weitere Münzen ihrer Wege rollen und verkündet den Anwesenden: "Hier, wer will, Brot für die Welt, alles für alle, könnt ihr euch aufheben!". Auch auf den Hinweis eines weiteren Fahrgastes, wenn er etwas spenden wolle, könne er es doch bedürftigen Menschen, die oft genug in der Bahn herumkämen und zum Beispiel die Straßenzeitung verkauften, direkt geben, denn diese würden sich sicher freuen, antwortet er erneut arrogant: "Die können es sich vom Boden aufheben!" und fügt diesmal erläuternd hinzu: Ein bisschen "was dafür tun" könnten die schon, sich wenigstens mal bücken, "wenn sie schon nicht arbeiten". Die S-Bahn-Insassen sind wie versteinert. Keiner steht auf.

Das Spiel wird den Jungs zu öde. Irgendwie fangen die fantastischen Vier beim Weiterschnattern an, über Religionen zu fachsimpeln. An dieser Stelle konnte die Verfasserin nicht anders, als nahezu zwanghaft die Tonaufnahme-Funktion ihres Mobiltelefons zu aktivieren. Trotz guten Dialoggedächtnisses erwies sich diese Idee als nützlich, da die kleinen not-so-gentle men sich gegenseitig sehr gerne ins Wort fallen.
Junge 1: "Stimmt es eigentlich, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger geworden is und nich von Jesus?"
- verwirrtes Stutzen der anderen, inklusive "Häh?"-Lauten -
Junge 2: "Joseph!! Du Penner!"
Junge 3: "Ja mann, die war mit Joseph zusammen!"
Junge 4 lacht nur.
Junge 2 lacht mit: "Jeeesus ... mann ... Alter ..."
Junge 1: "Aber hat der Heilige Geist die nu geschwängert oder was?"
- kurze Stille -
Junge 1: "Oder Gott oder so? Jedenfalls war die nich von ihrem Freund schwanger. Wer war'n das dann, war das jetz der Heilige Geist oder wer hat die geschwängert?"
- kurze Stille -
Junge 2: "Nee, du Pfosten! Der Heilige Geist doch nich! - - - - Oder?
Junge 4 (gedehnt): "Der Heilige Geist ..." (lacht weiter)
Junge 3: "Ey nee, das stimmt nich, ich schwöre, frag mal 'n Priester!"
Junge 2: "Nee, frag die Zeugen Jehovas, die erklären dir das. Die wollen einem immer sowas erklären."
Junge 1: "Is Jehova was mit Juden?"
Junge 2: "Nee, das is so ähnlich wie Christen."
Junge 1: "Katholisch oder evangelisch?"
Junge 2: "Mann, Zeugen Jehovas halt, kennste nich? Die stehen überall rum oder klingeln bei dir."
Junge 3: "Zeugen Jehovas sind aber scheiße. Die sind voll dumm."
Junge 2: "Scientology is aber auch scheiße."
Junge 1: "Ja, aber der Name klingt krass! Total cool! Find ich irgendwie krass geil! Voll wie so 'ne Gang oder so!"
Junge 2: "Die sind aber trotzdem auch scheiße und dumm."
Junge 1 (ehrfürchtig): "Sei-enn-tollo-dschie ..." 
Junge 3: "Nee mann, dumm sind die nich, aber scheiße sind die auch."
Junge 4: "Wie scheiße denn?"
Junge 3: "Gefährlich und so. Irgendwie so. Glaub ich."
Junge 4 hört auf zu lachen.
Junge 1: "Klingt aber echt krass!"
An dieser Stelle wartet der Umstieg. Sowohl der des mitschneidenden Handys, das es inklusive seiner Besitzerin leider eilig hat, als auch der der vier Checker, die inzwischen allerdings auch wild durcheinander gröhlen. Nur noch Schlagworte wie "Sekten", "voll so katholisch", "Islam" und "Moslems, Alter!" bahnen sich akustisch ihren Weg. Es wäre sicher noch erhellend weitergegangen.
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