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Montag, 28. August 2017

Socken rocken

Musikalisch stand Rudi Carrell Pate. Da stöhnen sie wieder alle und jammern: "Wann wird es mal wieder richtig Sommer?". Nur, weil es manchmal ein bisschen wechselhaft und Berlin entweder düster oder eine Dampfsauna war. Heulsusen! Einige sind da aber auch stur: "Wenn es eigentlich zu kalt is', trag' ich eben trotzdem Sommersachen und modifizier' sie etwas." Das Klischee lebt: Für eine solche Trotz-Garderobe wird man vermutlich nur in Deutschland (und hier am besten in der Hauptstadt der bizarr Gekleideten) fündig.
Kein Tourist (es fehlt die Jack-Wolfskin-Jacke).
Ein Berliner auf dem Weg zur Arbeit.
Feinster Businesslook in der S-Bahn.


Berlin kennt sich mit Mode eben aus.

Vielleicht sollte man bei der Musik eher Ina Müller heranziehen. Der kann man für ihren legendären Songtextreim "Nordrhein-Westfalen in Sommersandalen" ("Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei / dann tragen sie Socken / bis Ende Mai") stolz entgegenschmettern: Sch*** auf NRW und auch auf Schleswig-Holstein und Hamburg: In Berlin leben die totalen Styler, hier tragen sie immer Socken, auch zu Sommersandalen!

Mittwoch, 14. Juni 2017

Tunnelblick (16): Elsa, Belle, Arielle, Aladdin, Simba und die anderen

Der trotz Gentrifizierung immer abgeranzter werdende Hermannplatz ist immer wieder für eine Überraschung gut. Aus den Absurditäten des dortigen Mikrokosmos' ober- und vor allem unterirdisch mit seinen aufeinanderprallenden Gegensätzen sei exemplarisch und sehr anschaulich machend folgendes Setting herausgegriffen:

Auf dem U-Bahn-Steig ganz unten, bei der U7, stinkt und klebt es wieder, wie immer. Außerdem schieben sich die zwischen U8 und U7 umsteigenden Menschenmassen teils genervt und hektisch gegeneinander, wie immer. Sie drängeln sich an, in und um viel zu volle Bahnen bei viel zu hoher Temperatur. Gibt es dort eine Menschentraube, ist sonst meist eine Schlägerei oder Gepöbel der Hintergrund; manchmal auch das allseitige Einen-Bogen-Machen um olfaktorisch belastende Verwahrloste; seltenst aber eine der etlichen Musikdarbietungen, die in Bahnen, auf Bahnhöfen und auf Straßen Berlins normalerweise längst keinen Hektiker mehr hinter dem Ofen (oder im Sommer: hinter dem Freibad) hervorlocken.
Anders ist es allerdings, wenn ein schlanker Jüngling, die Klavierbegleitung aus der Konserve neben sich aufgebaut, auf seiner Querflöte(!) extrem hingebungsvoll und herzerweichend Disneys diverse Filmballaden spielt. Die kennen sie alle: die Alten und die Jungen, die Männer und die Frauen, die Hipster und die Coolen, die Geschäftigen und die Arbeitslosen, die alteingesessenen Neuköllner Prolls oder türkischen Mamis und die zugezogenen Studierenden, Kreativen, Geschäftsleute, die Flüchtlinge und die Sozialarbeiter, die Verzweifelten und die Hoffnungsvollen. Da stehen sie alle dicht gedrängt und mauloffen, atmen tief, auch wenn es stinkt, lächeln verklärt, andächtig, summen teils mit: A Whole New World. Geld gibt natürlich keiner, denn hier hat ja keiner welches, aber es gibt tatsächlich Szenenapplaus. Und die lang ersehnte, weil mehrfach ausgefallene, endlich einfahrende U-Bahn wird von vielen ausgelassen und die nächste genommen. Ist ja eh rappelvoll. Und die Musik grad so schön entrückt. Die stressige Realität kann noch einen Song lang warten.

Dienstag, 17. Februar 2015

Zitat der Woche (37)

Unbedingt nachzureichen ist noch das Zitat der letzten Woche: Eine junge Japanerin erläutert ihre Pläne, die Berliner Lindy-Hop-Tanzszene gründlich kennenzulernen, zu kopieren und das Swing-Revival nach Osaka zu exportieren. Ihr kommen Bedenken:
"But I think it will be difficult. I think that Japanese society is very narrow-minded. Sometimes I want to throw an atom bomb!"

Donnerstag, 29. Januar 2015

Zitat der Woche (36)

Tanzlehrerin erklärt eine neue Figur bzw. Technik:
"There are two problems. One is the leader and one is the follower."

Mittwoch, 16. Juli 2014

Zitat der Woche (33)

Später am Tag des Nationalmannschaft-Empfangs zum Sieg der Fußball-WM tanzt ein versprengter, später, schwarz-rot-golden dekorierter Fan über den Mehringdamm und singt zur Melodie des "Schunder-Songs" von den "Ärzten":
"Immer mitten in den Messi rein ...!"

Sonntag, 17. Februar 2013

Tunnelblick (15): Wasndasey?

Eine schnatternde Schulklasse oder Abi-/Kursfahrt (jedenfalls ältere Teenager) mit Mädchenüberschuss bevölkert einen ganzen morgendlichen Waggon auf der Ost-West-Achse der S-Bahn. Dieses eine Mal kriegen bei deren derzeit obligatorischem Auftauchen die zwei Südländer mittleren Alters mit Ghettoblaster, Trompete, Gitarre und sehr dürftigen Instrumental- sowie Sangeskünsten, die seit geraumer Zeit auf jener Strecke mit ihrem allgegenwärtigen, ganztägigen "Nossa! Nossa!" (Jaa, jaa, es heißt "Ai Se Eu Te Pego" ... ein topaktueller Winterhit) immer wieder unfassbar nerven, nicht nur gequält leidende Blicke. Sondern zum einen erhalten sie seltenerweise jede Menge Kleingeld – und zum anderen Begeisterung. Johlen, Applaus, Fingerschnipsen, Rhythmusklatschen und ein weiblicher Mitsing-Chor branden auf. Erstaunt und erfreut sehen die beiden Männer sich daraufhin bei und nach dem Geldeinsammeln erstmalig zu einer Zugabe ermutigt. Jedoch lässt "Oh When The Saints Go Marchin' In" das irritierte Jungpublikum komplett kalt sowie völlig verständnislose Gesichter zurück.

Sonntag, 15. Juli 2012

Zitat der Woche (16)

Familienmitglied der Protokollantin, frisch heimgekehrt und begeistert vom Hip-Hop-Festival "Splash":
"Derbe Kacke Alter, der Shit rockt tight!"

Donnerstag, 5. Juli 2012

Grüner hören

In eigener Sache weise ich auf Folgendes hin: Auf der Musikseite Last.fm (für die ich an dieser Stelle aber absolut keine Werbung machen möchte, ich distanziere mich selbstverständlich auch von allen dortigen Inhalten außer von meinen höchst eigenen, etc. pp. ff. blabla!) bloggt dit Feu seit einiger Zeit ab und zu auch über ausgewählte besuchte Konzerte. Warum ein grünes Spin-Off und warum dort? Da auf besagter Seite automatisch der Link zur jeweiligen Veranstaltung, teils mit Infos dazu, gesetzt wird, schien es leichter, das dort zu tun. Außerdem passen die Musikkritiken hier ins restliche "wuchernde Unkraut" des Grünzeuchs nicht so recht hinein.
Bisher besprochen wurden: Bobo in white wooden houses, Watcha Clan, Max Raabe & das Palast Orchester, Camille O'Sullivan, Katzenjammer, The Red Hot Chili Peppers, Poutrelles Fever, Malediva, Ganz Schön Feist, Shantel und Metric. Fortsetzung folgt, einfach ab und zu mal schauen. Klassikkonzerte bleiben aus verschiedenen Gründen wohl weiterhin eher ausgeklammert; aber mal sehen.
Das grünliche Gedudel findet ihr bei Interesse mit diesem Klick oder da---->
am rechten Rand im Menü, unten, verlinkt unter "andere nette Gewächse" (auch wenn es zugegebenermaßen eigentlich kein anderes ist; oder zumindest kein nettes; aber dafür wenigstens ein Gewächs). Zumindest dann, wenn die Roll-L(e)iste seltenerweise nicht bockig ist und mal schlichtweg funktioniert. Das soll es geben. Manchmal. Gerüchtehalber.
Warnung: In Efeus Konzertblog warten (natürlich ganz subjektive) Berichte auf euch, keine Konzertfoto-Kolonnen! Denn - nota bene! - knipsen können andere besser und Frau Feu genießt lieber den Moment, als sich diesen durch dauerndes, wahnhaftes Alles-in-Bild-und-Ton-festhalten-Müssen zu zerstören. Viel Spaß! Oder aber Entschuldigung.

Nachtrag: Kommentare sind übrigens nicht nur hier, sondern auch dort gern gesehen.

Samstag, 2. Juni 2012

Leer gut

Nötig ist doch noch ein Nachtrag zum Pfingstwochenende: Zwei wunderbare, professionelle, vor allem aber atmosphärisch dichte Schnappschüsse Fotografien vom 2012er "KdK" (Karneval der Kulturen) dürfen der interessierten Weltöffentlichkeit nicht länger vorenthalten werden, wie die Redaktion nun feststellte. Die Bilder fangen die schöne Stimmung und den Geist der Berliner Kulturveranstaltung inklusive seiner kulinarischen, gesellschaftlichen und stilistischen Vielfalt und seines ökologischen Ansatzes gut ein.

 Karneval der Trinkkulturen (vor allem der Pils- und Pilzkulturen):
Was passiert mit Leergut, wenn die Tonne voll ist und abgeschlossen wird?

"Sie standen an den Hängen und Pisten."
Hier traf es das Bezirksamt Kreuzberg. Aber jeder nur einen Busch!

Sonntag, 20. Mai 2012

Zitat der Woche (11)

Klampfender und dazu englische, vermutlich selbstgeschriebene Texte sehr laut singender Gehsteig-Gitarrist ruft zwischen zwei Versen den PassantInnen (speziell einer schmerzverzerrt guckenden, vorbeieilenden Seniorin) hinterher:
"Na? Is doch viel besser als eure ganze Fernsehscheiße, oder nich?"

Donnerstag, 5. April 2012

Tunnelblick (11): Rocken & Rollen

An der Treppe des U-Bahnhofs Jannowitzbrücke sitzt zwischen jungen Szenejunkies – die mutmaßlich aus dem nahe gelegenen, halblegalen Techno-Drogen-Schuppen an der Dircksenstraße kommen, in welchem ganzwöchentlich ganztägige Nacht herrscht – ein alter, nicht mehr ganz ansprechbarer, verwahrloster Obdachloser. Nicht mehr ansprechbar? Verwahrlost? Nein, er brodelt, er rockt. Denn in seinen Ohren klemmen Stöpsel. Weiße. Um seinen Hals hängt ein iPod Touch, die Beats halten ihn am Leben, sein Fuß wippt kaum merklich. Die Apple-Sekte macht selbst vor dem Anfixen Hilfsbedürftiger nicht Halt. Und kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.
Die U8 rollt an, am Hermannplatz dann auch die U7. Zwei betont lässige, coole Männer um die 30 steigen ein, mit Schirmmützen und Anmutung großer Welt- und Lebenskenntnis. "Hey, yeah!", ruft einer flapsig in Rockerattitüde ins Abteil; ein ganzer Kerl dank Chappi. Die beiden zücken ihre Instrumente: Gitarre, Klarinette sowie Beat-Begleitung von der Konserve. Die Mimik dazu könnte von Billy Idol stammen. Dann spielen sie mit Hingabe "Nothing's Gonna Change My Love For You" von Glenn Medeiros.

Samstag, 26. November 2011

Zitat der Woche (3)

Berliner Kulturbohèmiennes - eloquent, analytisch, kritisch! Eine Ballettbesucherin beim Verlassen der Deutschen Oper zu ihrer Begleiterin:
"Irgendwie war die Musik gar keine richtige Musik! Oder? Mehr so 'ding, ding' ."

Dienstag, 17. Mai 2011

Efeuvision Song Contest

Auch dieses Blog muss sich ab und an mit irrelevanter, mainstreamiger Populärkultur befassen (es tut dies natürlich sehr, sehr ungern):

Beim Eurovision Song Contest, besser bekannt immer noch als der Grand Prix de la Dingsda, haben 2011 angeblich einige einiges gezeigt. Die Eurovision hat gezeigt, dass sie tatsächlich ab und zu mehrere hörenswerte und auch stilistisch unterschiedliche Titel hervorbringen kann. Europa hat gezeigt, dass es locker und offen ist, dass es seine Definition nicht so eng sieht und der Ex-Ostblock getrost die EU-Mitgliedschaft beantragen kann, versuchen kann man's ja mal, mit Unterstützung der Nachbarn vielleicht. Außerdem hat Europa gezeigt, dass es null Geschmack hat. Dass gute Musik oder aber partytaugliche Disco schon im Halbfinale zugunsten austauschbaren Matsches rausfliegen (schade z.B. um Belgien, Türkei und Armenien) oder dann in der Schlussrunde keine Mehrheiten finden - mit einzelnen Ausreißern. Aserbaidschan hat gezeigt, dass es weiß, wie Kitschindustrie funktioniert. Deutschland hat gezeigt, dass es Superlative kann. Dass es technisch und organisatorisch fit ist, und zwar nicht nur in der Rüstungsindustrie. Angeblich auch, dass es nicht nur zum Anlass "Fußball" ein Partyvolk ist. Lena hat gezeigt, dass sie singen und Englisch gelernt hat und jetzt Vollprofi ist; womit sie aber die naiv-unbekümmerte, natürliche Bühnenpräsenz verloren hat, die ihren Erfolg begründete. Anke Engelke hat gezeigt, dass es Vorteile hat, mehrsprachig aufzuwachsen. Der NDR hat gezeigt, dass er Multitalente hat. Und RSSR, Rampensau Stefan Raab, hat gezeigt, wann man besser einfach mal die Fresse hält. Und was man aus "Satellite" Gutes, Rockiges machen kann.



Viele sind ja nach dessen Auftritt im Rahmenprogramm der Meinung, wir sollten nächstes Mal Jan Delay zum ESC schicken. Die Autorin steht dem Mann zwiegespalten gegenüber. Der Fischkopp ist sicherlich ein Charakterkopp. Einfach 'ne coole Sau. Er macht gute Musik und Stimmung. Aber das Efeu persönlich hat so Stimmen, die es nicht mag; die von Jan Delay gehört dazu. Das Genäsel nervt einfach, inklusive der Tatsache, dass es irgendwie schade ist, wenn man von guten Texten dann nichts verstehen kann. Andererseits amüsiert die Vorstellung, wie es wohl für die internationalen Gäste war, die lässig groovende Pausenshow zu hören, zu sehen und zu mögen, sich aber, gut ausgestattet mit einem deutschen Wörterbuch oder einem akustischen Vorab-Briefing durch eine Lern-DVD, die ganze Zeit zu fragen: "Welche Sprache is'n das, zum Geier!?" (diese Frage darf im Kopf gern in beliebige europäische Sprachen sowie Russisch, Türkisch, Hebräisch, Arabisch, ... übersetzt werden).

Die Autorin ist vielmehr dafür, 2012 Ina Müller zum ESC zu entsenden. Am besten mit einem Text auf Plattdeutsch, das gäbe auch Folklorepunkte (hier würde sich das Ganze folgerichtig eventuell sogar als Soul-Funk-Duett mit Jan Delay anbieten, Duette gehen immer, q.e.d.). Die Dame als Jury-Präsidentin war ein Grund, die Veranstaltung zu mögen. Und das, obwohl sie auch nicht immer einen treffenden Musikgeschmack hat (leider ebenfalls q.e.d.). Eine andere Variante wäre Stefan Hantel, besser bekannt als Shantel. Internationale, tanzbare gute Laune mit Ohrwurmeffekt – und Punkte gäbe es sicher auch vom Balkan, den ehemaligen SU-Ländern, Israel, Rumänien, Türkei, ...! Ach nein, die Idee wird nichts, mehr als sechs Leute auf der Bühne sind ja nicht erlaubt.

Im Folgenden eine grüne Vorschlägeliste, Pi mal Daumen, wie das Finale diesmal z.B. ausgegangen wäre, wenn die Welt gerecht wäre (Diskussion gern via unten verfügbarer Kommentarfunktion).

Die Top Ten (Geschmacksurteil abgewägt mit Grand-Prix-Stil-Kriterien): 1. Serbien, 2. Italien, 3. Moldau, 4. Deutschland, 5. Estland, 6. Schweiz, 7. Georgien, 8. Irland, 9. Island, 10. Ungarn.

Schleimig-gestrige Boybands und Schnösel sowie Heulbojen bitte nach hinten. Auf die letzten drei Plätze Griechenland für absolut unterirdisch schlechten, unfreiwillig komischen Rap in berechnender Schmalzfolklore-Kombi, Russland für schmierige Retorte und Spanien für komplette Belanglosigkeit.

Dienstag, 28. Dezember 2010

Casus knaacktus

Zeichen der viel beschrienen Gentrifizierung zeigt das sich rapide wandelnde Berlin immer mehr. Die ehemals alternative, entspannte Hauptstadt der Sub-, Super-, Anti- und Unkultur und der Leben-und-leben-lassen-Atmosphäre gemäß dem Motto "Jedem Tierchen sein Pläsierchen" ist auf dem beeindruckenden Weg dahin, München in Sachen Schickimicki-Einheitsbrei-Sauberimage einen langweiligen Konkurrenzkampf zu liefern; bei rasant steigenden Eintrittspreisen für das sportliche Kräftemessen, versteht sich. Aber Dabeisein ist alles!

Wer mal wieder ein Beispiel der schillernden Art sucht, der sei an den traurigen Fall (in zweierlei Wortsinn) des Knaack-Klubs verwiesen. Nachdem in der Umgebung schon andere Stätten des Nachtlebens weichen mussten, weil zu viele Neuansässige sich über Lärm aufgeregt oder das Jungvolk effektvoll vertrieben hatten, muss nun zum Jahresende auch "das Knaack" schließen. Es tut dies atemlos: nach langem juristischem und verwalterischem Kampf und qualvollem Sterben nach Dahinsiech-Art in einer Farce aus Fristen, Kräftemessen, Fingerzeigen, technischem und baulichem Nachrüsten (natürlich nur auf Club-Seite) und starren, vernichtenden "Lärmschutz"-Auflagen [23-Uhr-Stichkontrollen und Dezibelmesser zur Zimmerlautstärke (sic!) von maximal 25 dB auf dem Tresen, etwa in kleiner Karaoke-Runde, stammten aus keiner Versteckte-Kamera-Aktion, sondern waren Realität]. Damit muss nun aber nicht ein x-beliebiger angeblicher "Szeneclub" aus der schnelllebigen, neueren Prenzl'berger Partyszene weichen, sondern eine regelrechte Traditionsstätte der städtischen Jugendkultur und ein einendes Element Berlins. Es trifft diesmal einen Club, der seit fast 60 Jahren bestand und damit trotz seiner Unspektakularität etwas Besonderes war; einen, der schon die DDR kritisiert und überlebt und Ostberliner Teenagern mit Sport, Musik und mehr eine Anlaufstelle geboten hat ("Jugendheim Ernst Knaack") und der danach dem Gesamtberliner Jungvolk sowie, generös, auch Touri-Amüsierwütigen eine bezahlbare, alternative, unkomplizierte, dresscodefreie Großdisko mit mehreren Ebenen und Stilen sowie Livekonzerte bereithielt. Der Opa unter den Jugendclubs muss dem Platz machen, was sich hinter modernen Neubaufenstern nebenan in der Heinrich-Roller-Straße verbirgt und von dort voll Abscheu hinüberlauscht: Kleingeist, Kurzsichtigkeit und Doppelmoral. Diese Geisteshaltungen wohnen gemütlich und urig in den Stirnen einer zuziehenden oder zumachenden Yuppie-Neuanwohnerschaft, die sich per Reißbrett-Empfehlung schicke Eigentumswohnungen kauft, welche in ein Amüsierviertel hineingebaut werden, direkt an eine große Disko und Konzerthalle - weil es in der Gegend ja so lebendig und aufregend und "total Berlin" ist -, und die sich dann paradoxerweise erschreckt und aufregt, dass da, huch, ein Amüsierviertel, eine große Disko und Konzerthalle, eine lebendige und aufregende Gegend und total viel Berlin sind. Dagegen muss man nach dem Erschrecken und Wundern doch irgendwas tun!

Absurderweise hatte das Ganze Erfolg. Langgezogene Kampfhandlungen, Versuche, Diskussionen, Aufregungen, Trotz oder Appelle an den gesunden Menschenverstand oder an ein zu führendes stadtteilkulturerhaltendes Kiez-Quartiersmanagement brachten nichts: Der Knaack-Fall wurde zum Kack-Fall. Ein neuer Standort konnte nicht gefunden werden. Es wäre vermutlich auch nicht mehr dasselbe.

Rest in peace! Spätzle und Rotwein, Blutwurst und Kölsch oder einfach blauweiße Karos und Alpenglühen für alle - und eine gediegene, familienfreundliche 17-Uhr-Dinnerparty mit Pianist an der Greifswalder Straße!
..., die hoffentlich bald für den Durchfahrtverkehr gesperrt wird. Ist nämlich ekelhaft laut, wie einigen neueren Anwohnern aufgefallen ist. Gerüchtehalber soll das daran liegen, dass dort sogar Autos durchfahren dürfen. Ein Unding, und das auf so einer breiten Straße! Da auch die lästigen, hässlichen, rot-gelb-grünen Lichtzeichenwechselanlagen den Schlaf, die Ästhetik und die Küsse anwesender Musen stören, muss an diesem Um- und dem allgemeinen Zustand ohnehin früher oder später etwas geändert werden.

Dienstag, 24. August 2010

Vom Feuern und Feiern

Es sollte das letzte open-air-taugliche Berliner Wochenende werden. Ob das stimmt, warten wir erstmal ab; der durchschnittliche Wetterfrosch kann sich schließlich nicht mit Oktopus Paul messen. Auf jeden Fall wurde es meinerseits desbezüglich genutzt - und hätte darin kontrastreicher nicht sein können.

Bereits zum 12. Mal gab es im Britzer Garten, den der echte (West-)Berliner auch nach 25 Jahren immer noch stoisch "das Buga-Gelände" oder kurz "die Buga" nennt, am Samstag das Feuerblumen und Klassik Open Air. Was ich nicht verstehe, ist, wieso jemand bei einer solchen Veranstaltung Stuhlreihen-Platzkarten kauft, wo doch der Reiz im Picknicken und Wiesesitzen liegt und die reine Akustik sowie der Sitzkomfort, falls es um dies beides geht, sicher in einem Konzertsaal besser wären. So unterteilte sich das Publikum gestrenge und abgesperrt in gemütliches Parkvolk (oder Packvolk?) mit den günstigeren Wiesenkarten einerseits und die selbsternannten oberen Zehntausend andererseits (bitte die Eingezäunten nicht füttern!) - die garantiert weniger Spaß hatten. Von der ursprünglich, man merkt's, eher auf Sport spezialisierten radioBerlin-88,8-Moderateuse Marion Pinkpank (ist das eigentlich ein Künstlername?) wurde die Zwei-Klassen-Gesellschaft noch unterstrichen: In ihren ebenso bemüht wie erfolglos auf locker-lustig getrimmten Moderationen wurden die in die Bestuhlung vor der Bühne Gedrückten als "verehrte Damen und Herren" gesiezt, die WiesensitzerInnen dagegen mit "Habt ihr Spaß da hinten? Ihr seht so toll aus!" geduzt, egal, ob auch hier das Durchschnittsalter recht hoch und mehrfach Omi und Opi mit Campingzubehör oder Picknickkorb angerückt waren. Man erliegt eben gerne Klischees und biedert sich dann an, um das Senderimage zu verjüngen. Da sowohl Jazzradio als auch Klassikradio pleite sind, erklärt sich wohl auch, warum nicht Letzteres das Event sponserte und präsentierte. Na gut: dadurch sowie anhand der Frage "Öffentlich-rechtlich oder privat?" - angesichts einer Stadtparkveranstaltung.
So oder so: 12.000 BesucherInnen können nicht irren, Charme hat das Konzept. Schon vom Namen her, schließlich veranstaltet hier immer die "Grün Berlin GmbH", da müsste ich eigentlich mitwirken (ha, Brüller). Auch wenn die Musikauswahl bei der "St. Petersburger Nacht" nicht nur meine allererste Lieblingsklassik war. Inmitten all des Grünzeuges brutzelte dabei die Augustsonne in einem womöglich letzten Aufbäumen erbarmungslos vom Himmel, so dass sich unser erlauchter Kreis während der Nachmittagshitze unvereinbar in Sonnenanbeter und Schattensitzfans teilte. Als sich die befreundeten Splittergruppen am frühen Abend auf der inzwischen brechend vollen Hügellandschaft wieder zusammenschmissen, ergab dies nicht nur nasse Rückseiten vom Senke-Sitzen (da war doch die Tage davor irgendwas mit Regen gewesen? Wie war das doch mit der Physik und dem Lauf des Wassers, so rein unterirdisch betrachtet?), sondern man hatte die Musik auch mehrheitlich schon den ganzen Tag gehört; schließlich war vor Beginn des offiziellen Konzertteils stundenlang öffentlich geprobt worden. So war das Ganze ein gefällig untermaltes, gemütliches, stundenlanges Picknick. Mein spezielles Highlight war darin einmal mehr menschliches Verhalten: und zwar von Spinnern, die ihr halbes Wohnzimmermobiliar inklusive Stand-Kerzenleuchter mitgebracht hatten, bis hin zu einem der Unsrigen, der den ganzen Tag nörgelte, er warte so sehr auf das nächtliche Feuerwerk - um dann, als dieses endlich (natürlich zu Händels "Feuerwerksmusik") grandios inszeniert und choreografiert den Himmel illuminierte, die ganze Zeit die Augen zu schließen und den Kopf gen Boden zu senken: Das sei ihm "zu grell". Höchst amüsierte Grüße an dieser Stelle nach Provinzlauer Berg. Duuu nenn andere nochmal "Weichei"!
Gegen 23 Uhr glich der sonst so familienidyllische Großgarten mit den sich wegwälzenden Horden jedenfalls dem Olympiastadion beim Abzug von Fußballfans. Da soll noch einer sagen, in der Peripherie sei nix los und Klassik ein totes Genre. Wie irreführend der Begriff "E-Musik" ist, zeigte sich auch einmal mehr. Ein besserer fällt mir allerdings auch nicht ein.
"Volles Haus"...
...geht auch ohne Haus.
Bessere Gesellschaft und Wiesensitzer, Klang und Licht:
"Feuerblumen & Klassik Open Air" im Britzer Garten.
Jenen beschaulichen Unterbezirk Britz nennt der klassische Proll übrigens stänkernd "das Hollywood von Neukölln", wie am Sonntag bestätigt wurde. Auch wenn der klassische Proll in diesem Fall erstens eine Prollette, zweitens dann doch wieder keine und drittens gar nicht so klassisch war. In der "Kurmuschel von Bad Neukölln - wir sind ja jetz Kurort, in Juttas Kneipe wurde 'ne Futschi-Quelle entdeckt", auch Freiluftkino Hasenheide genannt, gastierte zum 4. Mal die Trash-Klamauk-Combo um Ades Zabel alias Edith Schröder. Was könnte russische Klassik, Barock und Mozarts seichtere Werke besser kontrastieren als konsequent schlechte und genau dadurch gute Travestie mit boshafter Prekariatsattitüde? Ediths Sommernachtstraum war wohl ein recht alkoholisierter Traum - diesmal nicht nur gespielt betankt, sondern zu "echt" wirkend von Stolpern, Textvergessen und Konfusion begleitet. So viel Unterhaltungswert hatte selten etwas so Konzeptloses. Dabei wurden kostenlos Zitty-Hefte verteilt, da Hochwürden auf dem aktuellen Titel prangt, und den Besuchern als Geschenk Rostbratwürste aufgedrängt. Schade, dett dit Jrünzeuch keen Fleesch frisst. Anderen dagegen reicht ja schon das reine Wort "Wurst" zur ekstatischen Begeisterung, und zwar öfter mal.
Wie immer gab es auch Randale light (zwecks besserer Sicht an den Seiten rupfte Edith vor der Bühne ganze Büsche aus, "wenn dett mal nich Ärger gibt mit so'ner Kampflesbe vom Grünflächenamt!") sowie, ganz im Handke'schen Sinne, beste Publikumsbeschimpfung: Sei es beim Verschachern von letzten Grillwürsten (von "Wenn ick dich so ankieke... na macht nix. Ick hatte ooch schon zu viele Würste!" bis hin zu "Wer hat sich jetz zuerst jemeldet? Hier, die da hinten, die mit den Möpsen, den kleenen! Aber dafür janz schön dicker Bauch! Is da watt drinne? Haste 'n Braten inna Röhre, ja?") oder Regenschirmen ("Ihr seid doch nich aus Zucker! Obwohl - hier wohl mehr als woandas. Ick werf mal Schürme. Siehste, dit is der Beweis, ooch Schwule können fangen.") oder bei Verkupplungsversuchen ("Biste etwa hetero? Ach so, er weeß noch nich, er überlegt noch!").
Als im Laufe des Abends die unfasslich drückende Hitze durch das abgelöst wurde, was ich mir leichtsinnigerweise im letzten Blogeintrag gewünscht hatte, erteilten sowohl Bühnenvolk als auch Publikum den gediegeneren und runderen Veranstaltungen ein Lehrstück in Sachen "feiern". Tapfer blieben fast alle, ob unter Bäumen am Rand Schutz suchend, in Regenkleidung oder Schirme geduckt oder einfach schulterzuckend, vor Ort und johlten eher lauter als leiser - und ließen auch die Darsteller nicht allzu vorzeitig gehen. Auch wenn diese ebensowenig ein Dach über sich hatten und das Programm(?) erst stärker abkürzen wollten, dann aber im Wolkenbruch alle Fünfe gerade sein ließen. Für die wild zusammenimprovisierte Finale-Party bei offenen Schleusen und ohne elektrischen Schlag, dafür aber mit noch gegenseitig übereinander ausgeleerten Gießkannen und Wassereimern, gebührt sowohl Edith als auch Biggy, Jutta, Kevin-Adriano, Adriano-Kevin und dem restlichen Edith-Universum massiver Respekt. Nur gut, dass Lady Gaga und Hürriyet Lachmann (welcher Deutschtürke nennt eigentlich seine Tochter "Freiheit"?) da schon von der Bühne waren. Die hätten sicher gezickt.

Sonntag, 13. Juni 2010

Flagge zeigen, Meinung geigen

Nein, es liegt nicht an guter Taktik, Fitness, Motivation, Ausbildung, Talentierung oder sowas, dass Deutschland so schön gewonnen hat in seinem ersten Spiel der Fußball-WM. Sondern es liegt, und zwar natürlich nur, an solchen Übertreibern peinlichen Spinnern Degenierten Patrioten auf vier Rädern:


Außerdem:

1. Danke, Olli Kahn! Du wurdest mir erstmals sympathisch. Weil auch du dir das Wort Vuvuzela nicht bzw. nur über Eselsbrücke/Verhören merken kannst, und zwar mittels selber Eselsbrücke bzw. selbem Verhören wie ich. Auch ich verstehe bzw. denke immer Uwe Seeler, klingt genauso.

2. "Wir ham im Training schon viel trainiert!" – Der Grünzeuch-Appell an Poldi, zur WM noch 'ne Schippe Unterhaltung draufzulegen, wird offenbar brav befolgt, wie schön. Dennoch bleibe ich dabei: Das geht noch besser. Dass da diesmal nicht noch mehr kam, liegt aber vielleicht daran, dass dem besagten Mann, der nun mehr Länderspieltore als IQ-Punkte oder Vokabeln hat, nach dem einen Satz schon das Wort abgeschnitten wurde. Nach dem Motto: Ok, reicht, den Brüller ham wir im Kasten, danke. Und auf die Trefferquote "ein Satz – ein Brüller" kann man sich ja auch verlassen. Treffend hatte Selbst-genug-Stilblüten-raushau-Kommentator Béla Réthy bereits kurz nach dem Abpfiff resümiert: "Aus dem Schweini ist ein Schweinsteiger geworden... der Poldi ist immer noch der Poldi." Na, so ein Glück! Sonst wäre es ja langweilig.

3. Tröt ist blöd! Dass man das prima auf eine bekannte Fettes-Brot-Melodie singen kann, ist leider nicht erst mir aufgefallen, wie ich eben feststellen musste:

Montag, 24. Mai 2010

Theater, Theater

Genug gegreint! Abgesehen davon, dass Reinsteigern in Sport statt Reinknien in Sport eh immer irgendwie lächerlich ist: Langsam ist es mal wieder gut mit dem Heulen über die "Niederlage" (Motto: Second best is never enough) der ollen Bayern gegen Inter Mailand im Champions-League-Finale. Sonst werden sie doch so schön gehasst hierzulande, das gehört sich ja so, aber momentan scheinen alle Preußen selbst Bajuwaren zu sein? Habt ihr keinen Stolz?

Außerdem weiß kein Mensch, was das Theater soll und was alle haben. Schließlich wurde, wer's denn braucht, die Champions League doch schon am Donnerstag germanisch gewonnen. Und zwar lokal- bzw. regionalpatriotisch kompatibel! Wer nach der bis zur letzten Sekunde spannenden, durch 7:6 nach Elfmeterkrimi preußisch parierten Finalvorstellung in Madrid noch abfällig "Pah, Frauenfußball!" schnauft, hat einiges nicht bemerkt, aber auch übersehen, dass es sich angesichts des Durchschnittsalters der Spielerinnen eher um Mädchenfußball handelt. Und, jaaa (nerv!), fürs Protokoll: Der 1. FCC Turbine Potsdam hat Lira Bajramaj, und die ist nicht nur ein Kampfschwein, sondern auch was fürs Auge. Ähnliches gilt, je nach Geschmack, auch für die leider für Olympic Lyon spielende Schweizerin Lara Dickenmann; sympathisch wurde Barbie mir aber erst, als sie im Interview erläuterte, dass ihr Team natürlich auch den 2. Platz ein wenig feiern, am nächsten Tag aber dann wohl aus Madrid abreisen würde, und auf die Anschlussfrage, ob sie denn nicht noch bis zum Samstag bleiben und sich auch das Finale der Männer anschauen würden, ertappt guckend antwortete: "Öh, ach so! Ääähm..." - Bedeutet übersetzt: "Diese Marginalität Männerfußball hatte ich doch glatt vergessen!" - Touché, Madame.

Und weil's Spaß macht, hier noch das passende Potsdamer Liedchen - fetzt, klingt schön ostig nach Brandenburg-Deutschrock, schön altmodisch nach Kalinka und im Refrain nur zuuufällig ähnlich wie der 1980er-Eurovision-Song "Theater, Theater". Leider ohne Video, aber zum Mitsingen und Ohrwurmen:

Donnerstag, 13. Mai 2010

Whitney hat Husten

Zu mehreren Leuten erklärten wir uns gestern abend den extremen Mangel an Parkplätzen in der Umgebung der Warschauer Straße mit "Da muss heute irgendwas in der o2-World sein". Korrekt. Dabei hätte man nur zu warten brauchen und es wären Unmengen Parkplätze frei geworden: Nach ca. einer Stunde soll die Arena nur noch halbvoll gewesen sein. Die meisten der ursprünglich mal 10.000 Zuschauer fanden wohl die Darbietung von Whitney Houston, die nach 11 Jahren ihr Livecomeback mit einem Auftaktkonzert in Berlin versuchte, nicht so toll. Die Töne nicht getroffen soll sie haben, Einsätze verpasst, null Stimme mehr gehabt, heiser gekrächzt, dauernd ihren Rachen eingesprüht, nuscheliges Zeug monologisiert, um minutenlange Verschnaufpausen zu kaschieren; lächerlich ausgesehen haben soll sie und bei all dem geschwitzt wie ein Schwein. Als Gipfel rülpste sie ins Mikrofon. Ich weiß gar nicht, was Presse und Zuschauende/-hörende haben! Meinem Bruder hätte zumindest das Berülpsen des Publikums einige Achtung abgerungen.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Die Reinen und die Schmutzigen

Skandal im Plärrbezirk:
"Unser Star für Oslo" Lena Meyer-Landrut war letztes Jahr mal ein paar Sekunden nackt in einer Docu Soap von RTL zu sehen! Au weia! Hm: Sie war jung und sie brauchte das Geld? Angeblich ist das 18-jährige Hampelmädel doch deshalb so beliebt, weil es "so natürlich rüberkommt". In ganz natürlich, wie Gott (oder Raab) es schuf, will es aber offenbar auch wieder keiner haben. Dabei sollten sich doch alle freuen, dass ein offenkundig gerne ein Bad nehmender, mutmaßlich also immer außen wie innen total gereinigter Teenie an den Start um den Trällerpokal geht - folglich ein Mensch, der Deutschland vor der europäischen Schlagerwelt (entgegen anders lautenden Meinungen) schonmal nicht durch fettige Haare, Mundgeruch und dampfende Achselhöhlen blamiert. Wenn jemand sein Sauber-Image wörtlich nimmt, ist's auch wieder nicht recht? Und für rituelle Waschungen und anderes spirituell Erquickliches ist der Sender RammelnTötenLallen doch bekannt. Vielleicht ist der Skandal nur, dass neben dem Kampf der Privatsender ein Inhalt her muss, der vertuschen soll, warum die Kleene gerade nicht jeden Showtermin wahrnehmen kann: weil sie vor dem Wettbewerb noch schnell Gesangstechnik lernen muss. Und dass sie schon vorher auf verschiedenen Wegen und nicht erst jetzt Medienblut geleckt hat. Einen gewissen Wayne soll's gerüchtehalber sogar interessieren.

Skandal um Johnny:
Dramatischer mutet da der neuste "Ja, die Welt ist schlecht, hinterhältig und gemein!"-Schocker aus der Welt des Sports an. Nach Jahren intensivster Beeinflussung und Bearbeitung hatten diverse wunderliche Fan-Individuen (Grüße an dieser Stelle u.a. nach Kreuzberg und Göttingen) mich so weit: Erstmals begann ich bei dieser WM nicht nur das Spiel als Sport anzuerkennen, sondern auch zu verstehen, was an Snooker so spannend sein soll bzw. kann (ich fasse es nicht, dass ich über Snooker blogge! Es geht bergab mit mir!). Vielleicht auch nur, weil ich langsam die verquasten Regeln, Clous und Prinzipien zu verstehen anfange. Und weil ich die Amüsanz bemerke, die das Beobachten verpickelter, hässlicher, blasser, verklemmt wirkender, summa summarum also typischer Engländer (und sehr vereinzelter anderer Landsleute - wenn nicht anglophoner, dann chinesischer Herkunft, denn die verbeißen sich in einfach alles) beim Konzentrieren, Nervenzeigen und Sich-Ärgern mit sich bringt. Umso frustrierender, wenn plötzlich - nein: pünktlich zum Finale - der als hachsofair gepriesene "Gentleman-Sport" auf den Spuren von Fußball, Radsport & Co. wandelt: Korruption! Oh my goodness!
Ausgerechnet der eher langweilig und brav wirkende, aber angeblich geniale und v.a. vielbejubelte, um die Breitenwirkung des Sports bemühte Dreifach-Weltmeister und Weltranglistenerste John Higgins soll bestechlich sein (implizite Mutmaßung: Wenn der, dann wohl alle!). "Higgins", da denkt man an den englischen Oberschicht-Snob Professor Henry Higgins aus "Pygmalion" / "My Fair Lady". Oder an den korrekten, britischen Gentleman-Hausverwalter Jonathan Higgins aus "Magnum". Passt. Nur geht es hier um den Umgang mit Saubermännern statt um den Umgang mit Dobermännern. Die britische Boulevardzeitung News of the World stellte dem überraschend im WM-Achtelfinale ausgeschiedenen Snookeridol und seinem Manager, dem Funktionär Pat Mooney, eine Falle - und filmte das unmoralische Angebot mit: Als vermeintliche ukrainische Geschäftsleute traten Reporter der Zeitung auf. 300.000 Euro (nicht Pfund, hmmm!) solle der Profi bekommen, wenn er vier Frames in vier Spielen absichtlich verliere. Die Reaktion im Video scheint abgebrüht und gelassen, es geht mehr um die Frage, wie das Geld übertragen werden solle, als um das "Ob" des Wettbetrugs-Deals. Der somit im Wortsinne gesnookerte John Higgins plädiert nun greinend auf Unschuld: Er habe in der Situation schlicht Angst vor der russischen Mafia gehabt und daher "mitgespielt". Wirkt nicht so; aber unmanipuliert wirkt das Video auf mich auch absolut nicht. Grüne These: Der Skandal besteht in Wahrheit darin, dass der mühsam aufstrebende Spinnersport sich auf diese Art von den hinteren Wichtigkeitsrängen auf die Titelseiten und Aufmachermeldungen katapultiert und erst dadurch breiten Massen bekannt wird. Und dass die Nerds, die diesem langatmigen Kugelkampf huldigen, auch mal als ganz harte, zwielichtige, gar sinistre Spannungsträger dastehen dürfen. Vielleicht haben bei der News of the World auf diesen Aufmerksamkeitsschub tatsächlich einige illegal gewettet. Sie blickten dabei sicher sehr englisch drein.
Ach ja: Die WM gewonnen hat sensationeller Weise mal kein Brite, sondern ein Aussie, der blondwuschelige Dr.-Chase-Verschnitt Neil Robertson. Aber das interessiert offenbar nur die Känguruhs mehr als der Dreck im Saubersport.

Sonntag, 21. Februar 2010

Zitat der Woche

Nicht immer muss der Dalai Lama herhalten für wohldosierte Alltagsweisheit und Lebensphilosophie. Man hat auch Freunde. Folgende Tiefgründigkeit will ich euch nicht vorenthalten:
"Akkordeon ist wie Soziologie – kein Mensch braucht es."
Auf Nachfrage wurde näher präzisiert: Es ging natürlich um das Akkordeonspielen, nicht gegen das Akkordeon selbst, denn "es ist an sich ja ein schönes Instrument und kann nichts dafür." Oh, na das ist gut zu wissen. Wie es sich damit bei der Soziologie verhält, hat das Orakel allerdings für sich behalten.
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