Posts mit dem Label Und jetzt: das Wetter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Und jetzt: das Wetter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 28. August 2017

Socken rocken

Musikalisch stand Rudi Carrell Pate. Da stöhnen sie wieder alle und jammern: "Wann wird es mal wieder richtig Sommer?". Nur, weil es manchmal ein bisschen wechselhaft und Berlin entweder düster oder eine Dampfsauna war. Heulsusen! Einige sind da aber auch stur: "Wenn es eigentlich zu kalt is', trag' ich eben trotzdem Sommersachen und modifizier' sie etwas." Das Klischee lebt: Für eine solche Trotz-Garderobe wird man vermutlich nur in Deutschland (und hier am besten in der Hauptstadt der bizarr Gekleideten) fündig.
Kein Tourist (es fehlt die Jack-Wolfskin-Jacke).
Ein Berliner auf dem Weg zur Arbeit.
Feinster Businesslook in der S-Bahn.


Berlin kennt sich mit Mode eben aus.

Vielleicht sollte man bei der Musik eher Ina Müller heranziehen. Der kann man für ihren legendären Songtextreim "Nordrhein-Westfalen in Sommersandalen" ("Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei / dann tragen sie Socken / bis Ende Mai") stolz entgegenschmettern: Sch*** auf NRW und auch auf Schleswig-Holstein und Hamburg: In Berlin leben die totalen Styler, hier tragen sie immer Socken, auch zu Sommersandalen!

Samstag, 31. Dezember 2016

Bilanz, Popanz und null Substanz

Es hätten sich für die Überschrift noch andere inhaltlich wunderbar passende Bilanzreime gefunden. Trauerkranz zum Beispiel. Oder Resonanz, Ignoranz und Toleranz. Oder Eiertanz. Welcher dann nicht nur die Neujahrsansprache von Angela Merkel meint – auf die die ARD die geforderten gemeinsamen Werte der Deutschen auf dem Fuße folgen lässt: in Form eines "Silvesterstadls". Wahrscheinlich ist das Worst-case-Szenario, das Grauen des Bösen für 2017, noch nicht düster genug skizziert, wahrscheinlich heißt die nächste Bundeskanzlerin nicht Frauke Petry, sondern Helene Fischer, und nächster Außenminister ist Jörg Palaver Pilawa. Die Massenmedien jubeln, endlich wieder Niveau.

Schweigen im Walde hier, sehr lange, wie wahr! Warum?

Was soll man schreiben – erst recht in einem privaten Hobby-Spaß-Blog –, wenn eigentlich "Schluss mit lustig" (und zwar nicht nur mit Peter) ist? Wenn es einem unpassend vorkommt, das Große auszublenden und weiter nur das Kleine aufzuspießen, während aber genau dies nur alles sein kann, was in diesem Rahmen zu leisten und passend ist, woran man nicht scheitert; und wenn es einem zugleich aber ebenso unpassend, weil unzulänglich, vorkommt, stattdessen das Große einzubinden und zu verwenden?
Oder anders formuliert: Was soll in einem den Rahmen nicht sprengenden Stil geschrieben werden, das nicht trivial ist, wenn a) die politische, gesellschaftliche, aber auch mediale Dummheit weltweit zunimmt und b) dazu eigentlich schon an vielen Stellen viel (oder gar zu viel, oder gar alles, in irgendeiner Form, irgendwo) geschrieben wurde?

Das waren durchaus Fragen, die sich das Grünzeuch 2016 stellte. Und das waren auch einige Gründe, warum hier nicht wirklich was kam. Das Jahr frustete, schockte, erstaunte, panikte, dummelte, betäubte, nervte, überforderte, langweilte, ekelte, machte sich lächerlich, wurde gefährlich, wurde übertrieben, litt an Hysterie, löste nichts, warf alles auf, ärgerte, ängstigte, amüsierte mit bitterem Beigeschmack, machte medien- und menschenmüde, war für ein Mini-Blog zu viel und doch zu wenig.

Da befindet sich die halbe Welt im Elend und Hunger, ein Großteil davon auch in Angst und Schrecken, Terror, in Regimekonflikten und Unsicherheit; im Bürger-, Banden-, Barrikaden-, sonstigen Binnen- oder gar im offiziellen und internationalen Krieg. Und die andere Hälfte der Welt hat darauf nicht nur keine Antworten, sondern auch keine Fragen. Hat kein Interesse dafür, will, dass es sie einfach nichts angeht. Diese andere halbe Welt hat vor nichts so sehr Angst wie davor, dass Menschen der ersten Hälfte vor obigen Umständen fliehen und zu ihr kommen. Denn das könnte sich in irgendeiner Form ja auf sie auswirken (sic!), sodass sie sich selbst deshalb etwas umstellen oder sich einfach auch mal mit jener Hälfte der Welt auseinandersetzen, diese und deren Probleme einfach sehen müsste (statt nur Castingshows, Fußball und Werbeclips sowie das Etikett der Bierflasche vor der Nase). Vorgeschoben bei der Angst, dann selbst künftig zu kurz zu kommen und plattgetrampelt zu werden (unberechtigt), auch bei der Angst, sich mit einer sich ändernden Gesellschaft und eventuell auch Wohlstandslage arrangieren zu müssen (womöglich berechtigt, aber global unausweichlich), und bei der Angst vor dem Betrachten – was gefühlt einem Selber-haben-Müssen gleichzukommen scheint – einer anderen Alltagskultur und Optik (uhhh, da sind Menschen mit dunkler Haut! Und ein Kopftuch! Gruselgrusel!! Es möge sich jeder selbst ein Bild machen, wie berechtigt – und wie neu – diese Angst ist...), vorgeschoben bei all dieser Angst vor allem und allen also wird dann der kleine, in der Tat gefährliche Prozentsatz von Kriminellen, Psychopathen, Gestörten, Menschenfeinden, Radikalen, Gewaltbereiten, organisierten Terroristen und allgemein Explosiven und Bedrohlichen, der auch ohne "die Flüchtlingskrise" (was ist da eigentlich die Krise? Der Flüchtling oder seine Flucht oder sein Geflohen-und-hier-Sein oder das, dem er ausgesetzt war oder nun ist, oder oder oder ...? Sind die Flüchtlinge eine Krise oder sind sie in der Krise?) im Land gewesen oder ins Land gekommen wäre, wenn er gewollt hätte: Wo ein Wille ist, ist ein Weg; und wo einer gut vernetzt und kriminell ist und will, ist einer weg. Dass Nicht-Asyl keine Anschläge verhindert, hat sich immer wieder schrecklich belegt, gerade auch dieses Jahr. Aber was sich prima zusammenwerfen lässt, passt sich schon irgendwie ineinander. Et voilà, juhu, da waren sie, diejenigen, die 2016 ebenso dominierten:

Huiiii, schwupps, da waren und sind die Demagogen und Diffamierer, die Rechten und Schlechten, die Populisten und Opportunisten, die Stammtischler und Wegwischler. Da kriechen AfD, FPÖ, SVP, PVV, Lega Nord, UKIP, Front National & Co. einmal mehr aus den Löchern und vorwärts (Polen, Ungarn & Co. braucht man schon nicht mehr als neu zu erwähnen). Passend fügen sich in dieses Portfolio auch alle Irrungen und Wirrungen von Brexit bis Donald Trump (der personifizierte Antipolitiker im Kampf gegen das Polit-Establishment und die Polit-Elite: welch Treppenwitz der Geschichte, immerhin ist er Establishment und Elite in Personifizierung, qua Finanzen zwar, jedoch ...). Da kommt das "Postfaktische" (völlig zu Recht das Wort des Jahres) zur "Emotionalisierung der Politik", dazu gesellen sich das "gefühlte Wissen", die "ernst zu nehmenden Sorgen", das Ausspielen verschiedener Gruppen von Schwachen und Verlierern gegeneinander und noch ein paar andere Erklärungen der folgenden, eigentlich ganz simplen Entwicklung: In einer Phase des (anscheinend) weltweiten Umbruchsszenarios reagieren viele Menschen mit Aggression, Hysterie, Zusammenrotten in Wir-Kontexten und Radfahrerprinzip, vor allem aber mit Selbst- und Fremdverdummung. Diese Verdummung schreien sie dann aber dafür, um sich ihrer Sache selbst sicherer zu sein und sich weniger blöd zu fühlen, möglichst laut und aggressiv hinaus. Und für die komplexbeladene Selbsterhöhung ist es dabei auch wichtig, sich einer Verschwörungstheorie von ominöser Unterdrückung durch herrschende Eliten zu versichern und, ganz wichtig, bei all der Paranoia auch noch ständig zu spötteln über vermeintlich viel Dümmere, die natürlich alles verantworten mit ihrer Dummheit: Wichtig ist das Spotten über und Fingerzeigen auf naive "Gutmenschen" – nein, halt, wichtiges Attribut, unbedingt immer in dieser festen Fügung verwenden: "linksgrünversiffte Gutmenschen"! Sonst ist es nicht komplett! – als verblendete Wirklichkeitsverweigerer und die wahren Doofen. Denn doof ist, wer ein guter Mensch ist. All dies am besten im Internet. Da fürchtet, hasst, spottet, entwertet, entmenschlicht, verallgemeinert, feindbildet, paranoiat und panikt es sich so richtig schön ungeniert.

Wichtig auch: Natürlich wurde an allen Ecken und Enden sabbernd mit auf den Zug gesprungen, weil vom großen Populismuskuchen und dem Geschäft mit der Angst auch die kleinste Kuchengabel was abhaben will. So überholt hierzulande die CSU fast die AfD auf der rechten Spur, aber blinkt dabei wenigstens heftig. Sie meint, damit den guten, aufrechten, moralisch integeren Deutschen – naja, gut: Bayern – in ein(em) Sicherheitsgefühl über die Flüchtlingskrise zu retten. Und nein, es ist nicht nur der Seehofer, a Depp, a g'scheiter. Sein ganzes Gefolge. "Und wenn du denkst, es geht nicht blöder, kommt ein Tweet von Markus Söder" [u. a. Urban Priol, 20.12.2016, der wunderbare Spruch grassierte aber schon seit 2015 im Internet]. Und natürlich zieht sich das aus der rechten Ecke hinaus; bis in die SPD und Linke hinein. Nicht, dass womöglich von den Krümeln ein anderer fett wird! Auch wenn der Kuchen noch so oll und schimmelig war.

Ausgehend von der Theorie vom "Oberbösewicht im Wandschrank", den man laut Kabarettist Volker Pispers jederzeit bereithalten sollte, um sein Tun zu rechtfertigen, zu kanalisieren und zu erklären, wusste man aber nun 2016 auch wahrlich nicht, wo man hinschauen sollte! Dieses Dilemma ist durchaus zu beklagen und anzurechnen. Jenseits von Attentätern, Terrornetzwerke(r)n, Anführern, Youtube-Hetzern, aber eben auch von Kim Jong-il, Viktor Orbán, Baschar al-Assad, Wladimir Putin, Donald Trump oder wie der persönliche jeweilige Bösewichtliebling individuell heißen mag, gab es hierfür ja zum Beispiel auch noch eine Türkei, die sich schockwandelte, weil Sultan Erdogan jenseits von Satire-Prozessen und -Krisen nach dem Putschversuch (ein Schuft, wer Böses dabei denkt) sein wahres Gesicht immer mehr zeigte, nach innen wie außen. Seltsam, dabei passt der damit doch eigentlich ganz gut in die derzeitige "westliche Welt". Bei dem, was in Deutschland und Europa (sowie auch den USA) momentan so allgemein, öffentlich, privat, politisch, diplomatisch und undiplomatisch dahergelabert wird, kann man die Türkei – gerade jetzt – eigentlich getrost in die EU aufnehmen. Und immerhin: Die sorgen für ihre vielen Flüchtlinge. Und nicht einmal schlecht, behaupten manche.

Und: "Es gab so viele Tote." Das war wohl in der öffentlichen Wahrnehmung das Jahr 2016. Ja, ja.
Gemeint sind damit aber irritierenderweise oft nicht die Hirntoten am rechten Rand.
Auch nur zum Teil die vielen anonymen oder privaten Toten in Massen. Das große Thema "Der Tod lauert im Mittelmeer", gerne betrachtet unter dem Stichwort "Schlauchboot", wurde nicht plötzlich ab Spätsommer 2015 inaktuell, nur weil Ungarn, Bulgarien, Spanien etc. Zäune hochzogen, EU-interne Grenzkontrollen losgingen, Beatrix von Storch notfalls mit ihrer Maus auf Flüchtlinge schießen wollte und es den Rückhalte-Deal der Bundesrepublik mit der Türkei gab. Es tönte nur leiser. Aber: aus den Augen, aus dem Sinn.
Auch nur am Rande passten da die Toten durch Terroranschläge immerhin ins Betroffenheits- und Bewegtheitsbild. (Angemessene Trauer allerdings zeichnete sich in der sofortigen Nutzbarmachung dieser Toten aus der populistischen Ecke nicht ab.)
Nein, all das ist meist nicht gemeint. Lieber sabberten beim Thema "viele Tote" die Verschwörungstheoretiker über das schlechte Karma des Jahres, das sich an viel zu vielen toten Prominenten zeige, die jung, unerwartet oder alt gestorben seien: Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, andere Kulturschaffende, Sportler, Wissenschaftler, Zeitzeugen, Könige, Politiker (darunter die halbe FDP), Fernsehleute, Ikonen etc. Ach so. Ja, das ist wichtig. Und natürlich an der Fußball-EM, da zeigte es sich auch. Alles schiefgelaufen und alles Schiebung. (Vermutlich, weil Boateng einen Nachbarn verschreckt hat.) Schiebung natürlich war nicht das, was währenddessen auf der Polit- und Weltbühne unbehelligt weiterlief. Oder was derweil mit den Freihandelsabkommen wurde und wird. Zum Glück gab es wenigstens auch noch Olympia. Hach. Die Welt dehnt sich sehr an ihren Fugen. (Ehe es untergeht: Ja, auch ich finde es tragisch, dass manche Größen gestorben sind, teils Persönlichkeiten, die eine Ära geprägt haben. Aber das eine gegen das andere aufwiegen? Und das Prominente dann wichtiger finden als das Allgegenwärtige? Und je massenprominenter die Einzelnen, desto stärker der "2016 kriegt sie alle!"-Hype.)

Aber nu isses ja vorbei. Kann also weitergehen.
Kommt gut in die Zukunft!

Ach ja, richtig, verdammt, nicht nachgedacht: Hier fehlen noch die Schlagworte Terrorismus, Islamismus, Anschlag/Anschläge, Bomben, Selbstmordattentat, Muslime, Moslems, Scharia, Syrien/Syrer, Asylbewerber, Extremismus, IS, Milizen, Gewalt, Lügenpresse, Regierungsmedien, Systemmedien, regimetreu, Mehrheit, besorgte Bürger, Kanzlerin, Kultur, anpassen, integrieren, Gesetze, Gewalt, Köln und Silvesternacht, damit das hier dann irgend jemand bei Google findet und womöglich liest. Prost.

Freitag, 1. Januar 2016

Der Himmel über Berlin II

Neujahrsvorsatz: Grünzeuch-Blog wiederbeleben. Na dann! Frau kann ja nicht alles von dem Kram immer ignorieren. Und besser bloggen als abnehmen, reich werden, die Welt retten und all die üblichen, ähnlich schnell umsetzbaren Dinge – wenigstens lässt sich Bloggen sofort zum Jahresbeginn abhaken.

Nicht immer sind Himmelsbilder a) astronomisch, b) astrologisch oder c) kitschig. Manchmal sind sie stattdessen auch einfach erschreckend – und das in Berlin sogar ganz ohne Terrorwarnung und dank absolut nicht unbekannter Flugobjekte:
Silvesternacht 0.30 Uhr Kreuzberg aus dem 3. OG fotografiert
Dicke Luft: Kreuzberg 61 versinkt im Nebel.
Hier sind die dichten Schwaden über dem Viktoriapark noch Böller,
nicht wie am nächsten Morgen "echtes Wetter".
Wie schön! Wie poetisch! Wie aussagestark! Immer wieder traumhaft, berückend und berührend, wie alle sich den Rest des Jahres um Frieden und Finanzen Sorgen machen, um dann zu Silvester richtig begeistert Krieg zu spielen und dafür je ein Monatsgehalt sowie in manchen Fällen auch Autos, Wohnungen, Trommelfelle und Finger in die Luft zu jagen.

Folgerichtig taucht der Neujahrstag nun in passender Witterung ab. Nachdem die letzten Wochen des alten Jahres noch gruselig frühlingshaft anmuteten, Blüten sprossen, Bienen schlüpften, Hipster vor den Bars draußen saßen und all dies den letzten Skeptiker vom Klimawandel überzeugte, sind nun punktgenau Schneeregen, Kälte und ja, inzwischen auch wahrhaftiger, richtiger Nebel über Berlin hereingebrochen. Hoffentlich kein schlechtes Omen, auch wenn sich heute manch einer benebelt fühlen mag.

Allen LeserInnen ein gesundes, knallermäßiges, raketenstartiges, angstfreies und gar nicht nebulöses 2016!
Viel Glück – und das sogar null ironisch! (Foto: kaleen/pixabay)

Mittwoch, 4. Februar 2015

Tannsoldaten – in Reih' und Schiet

Schenkendorfstrasse Tannenbaeume mit Hundescheisse
Kreuzberg, Schenkendorfstraße, Ende Januar 2015.
Der monströse, schmierige Hundehaufen, der ebenso
ordentlich unter dem ersten Baum abgelegt war,
wurde aus ästhetischen Gründen abgeschnitten.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie welk sind deine Blätter!
Du hältst nicht bis zur Sommerzeit,
Auch nicht im Winter, unverschneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie welk sind deine Blätter.

O Tannenbaum, o Tannebaum,
wie tief bist du gefallen!
Wie kurz darfst du zur Weihnachtszeit
entwurzelt leben, wie's uns freut!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie tief bist du gefallen.

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Leid will mich was lehren:
Nicht Umwelt und Beständigkeit,
nein, Schmuck und Kurzweil, dann wirf's weit!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Leid will mich was lehren.

Freitag, 16. Januar 2015

Schöne Aussichten

Trotz des letzten Läster-Artikels: Zugegeben, das Wetter der letzten zwei Wochen ist wirklich nicht so der Brüller und Stimmungsknüller. Die wüste Welt da draußen präsentiert sich stets grau, gruselig, gramfördernd, dunkel, diesig, nass und nörgelig. Und dazu dann noch der Wind. Kaum Sonne, kein Schnee. Nichts Hübsches da draußen. Vielleicht hilft da folgendes Foto:

Hotel Cityblick Berlin-Schöneberg, Baustelle nimmt die Sicht
In Schöneberg City hat der Hotelgast den Durchblick.
Dieser Anblick lockt vielleicht auch wieder Touristen nach Berlin – und Berlins Randexistenzen in die Innenstadt. Hach! Wenigstens dort ist es schön! Da hat man auch die Aussicht auf ein Zimmer mit selbiger. So weit die Blicke reichen: Da schauen Gäste, Anwohner und Passanten ins wahre Gesicht der Stadt!

Okay, der Sonnenschein auf der Hauswand legt es nahe: Die Lügenpresse hat mal wieder manipuliert. In einem Aktualität vorgaukelnden Medium, einem Blog, findet sich hier doch tatsächlich im Winter ein Foto veröffentlicht, das schon im Frühherbst aufgenommen wurde. Aber was tut man nicht alles, um LeserInnen und BetrachterInnen (von mir aus auch HörerInnen; ist dann die Ruhe vor dem Sturm) irrezuführen, für dumm zu verkaufen und dann auch möglichst ebenso dumm zu halten. Naja, oder um ihre Laune zu verbessern. (Wie seicht! Aber Trivialität ist ja vielleicht nicht das schlimmste aller medialen Verbrechen.)

Mittwoch, 14. Januar 2015

Und sonst so? – Muss ja.

Kleinste gemeinsame Nenner sind wichtig; nicht nur in der Algebra, sondern auch im menschlichen Miteinander. Darum ist es (an alle Dr. Dr. Sheldon Coopers: nota bene!) gesellschaftlicher Konsens, wenn einem entweder sonst nichts einfällt oder aber alle anderen Themen vermintes Gebiet sind, dann über das Wetter zu reden.

In Deutschland hat sich bei diesem Reden das Motzen als grundlegender Ansatz etabliert. Welches Wetter das Werturteil "schön/gut" erhält und welches "eklig/schlecht", ist dabei ganz klar geregelt. Ungeschriebenes Gesetz: Sonne und Wärme supi, alles andere iiiihdoofblöd.
Niemand denkt dabei an die armen Allergiegeplagten, die im Frühling gar nicht solche große Freude haben, und an die hitzeempfindlichen Kreislaufschwachen, die den Sommer fürchten. Aber abgesehen von dieser Randnotiz lauert hier eine gesamtgesellschaftliche Falle: So wird das Smalltalken in der wärmeren Jahreszeit grundlegend erschwert! Denn wenn man nicht motzen kann, wozu dann ein Gespräch? Es sei denn, die Sprechenden einigen sich nonverbal, dass in diesem Ausnahmefall das Reden übers Wetter auch ohne Motzen statthaft ist, ehe man vereinsamt und mitten in der sonneseligen Supi-Zeit plötzlich vereinsamt und womöglich depressiv wird. Dann ist Loben möglich – aber sehr schnell aufgebraucht. Blumige Sprache erreicht beim Loben schneller ihre zeitgenössischen Grenzen als beim Motzen. Dann ist das Gespräch schnell zu Ende. In manchen Fällen hat das seine Vorteile.

So oder so: Freut euch des aktuellen Wetters! Nutzt es, um nach langer Zeit einmal wieder ausgiebig und sinnlos Kommunikation zu treiben! Wichtig: Sprecht dabei gegenüber dem neu entdeckten Wesen, diesem sogenannten Mitmenschen, unbedingt auch an, dass es ja nun wirklich lange genug kalt und bäh war und endlich, endlich, endlich wieder warm werden muss. Dass es erst Mitte Januar und dafür viel zu warm ist und dass bis auf eine Woche richtigen Frosts von "Winter" diesmal eigentlich keine Rede sein kann, dürft ihr keinesfalls erwähnen. Und zwar nicht nur gegenüber Klimakatastrophe-Befürchtenden und anderen vermeintlich viel zu Grünen. Sondern das ist ein schlimmer Verrat an gemeinsamen Werten. Und zwar ein schlimmerer, als sich zum Beispiel zusammenzurotten und irrwitzige "Ich habe nix gegen Ausländer und ich bin auch nicht rassistisch, aber"-Sätze zu sabbern. Muss deshalb auch unbedingt bekämpft werden, dieser Verrat. Statt "Je suis Charlie" mal "Je suis l'eté"!

Donnerstag, 1. Januar 2015

08/15 für 2015

Neues Jahr, neues Stück: Einer der jahreszeittypischen "guten Vorsätze" lautet, das Grünzeuch-Blog 2015 wieder zu aktivieren. Und damit die Redaktion sich nicht gleich den üblicheren, unangenehmeren Vorhaben widmen muss, beginnt sie zuerst damit.

Das Jahr startete wieder mit einem Fest für die Sinne: Schon lange vor Mitternacht boten sich herrlicher Kriegssound und Schwefelgeruch als akustische und olfaktorische Untermalungen des optischen Bilderrausches "Böllas im Nebel". Berlins beliebteste Einflugschneisen sind einfach am schönsten, wenn der Erlebnisurlauber wie im Traum durch Matsch und Undefinierbares waten kann, während die Schüsse ihn knapp verfehlen und sich alle paar Meter die spannenden Anblicke und Gerüche von Knallköppenkörpern, Alkresten, Alkleichen, Hundescheiße, Menschenurin und Kotze abwechseln.

Aber auch der allseits befürchtete "Tag danach" ließ sich wie üblich nicht lumpen. Wie traumhaft die Stadtreinigung ist, wissen die Eingeborenen wieder zu schätzen, wenn jene Feiertag hat. Zudem sind Kunst und Glamour auch im Jahre 1 n. W. (nach Wowi) noch allgegenwärtig:

Neukölln Nordneukölln Böllermuell Neujahrstag 2015
In Neukölln kann sich keiner was leisten. Die haben Hunger. Brot statt Böller!
Und wie wenig unsere Wegwerfgesellschaft doch im Überfluss lebt. Sie darbt – für sich und die Nachkommen und die Umwelt. Hach, zur Jahreswende werden alle immer so sinnlich, besinnlich, übersinnlich, besonnen, hintersinnig, feinsinnig und all dies.

In diesem Sinne: ein frohes, gesundes Neues allen LeserInnen und KlickerInnen!

Montag, 9. Juni 2014

Mett Men

Auch dieses Jahr muss er doch nochmal sein: der kurze Nebeneinblick in den Berliner "Karneval der Kulturen", kurz "KdK" genannt. Während in Köln das große Birlikte/Zusammenstehen-Fest gefeiert wird, fand der mehrtägige Kreuzberger Alternativkarneval aus Straßenfest, Umzug und Parties diesmal bei ebenso höllischen Temperaturen statt, nur ohne Unwetter. Und das, obwohl es doch sonst meist zuverlässig zu Pfingsten mindestens an einem Tag auf die SambatänzerInnen niederregnete.

Der Trend lautet: Heuer ist es in Berlin schon wieder "multikulti", wenn die jute olle Stulle, Bulette oder Currywurst exotisch aufgepeppt wird. Dass der KdK sich seit Jahren zunehmend kommerzialisiert, ist kein neuer Vorwurf. Ebensowenig, dass es nur noch um FSK (fressen, saufen, kaufen) gehe. Und erst recht nicht, dass hier neben viel zu viel Alkohol hinter und neben den Kulissen auch viel zu viele bewusstseinserweiternde Substanzen konsumiert würden. Doch Letzteres lässt sich inzwischen entkräften, wie das folgende Foto beweist: Der Konsum findet vor und auf den Kulissen statt. Und völlig legal(isiert). Dit is Balin.
Gefährliche Multikulti-multifress-Droge:
Chrystal Mett statt Crystal Meth.
Der Skandal daran ist allerdings, dass dieses Bekenntnis sich mitten im "Grünen Dorf", der Ökoabteilung des Straßenfestes, fand. Vegane Massenproteste werden sich hier sicher bald, ähm, kristallisieren.

Sonntag, 26. Januar 2014

Mach Männchen!

Ignoriert wurde das Weltgeschehen. Elegant drückte sich das Grünzeuch durch vornehme Zurückhaltung diesmal auch um jedweden Ekel-Antihaltung-irre-werd-Post mit dem Label "W**********" herum. Unfassbar, wie lange hier Kreativitäts-Auszeit herrschte! Da das natürlich gar nicht schön ist, soll der spät, aber umso heftiger eingetroffene Winter – jaja, der Klimawandel – nun wenigstens ordentlich kontrastieren damit, dass man beim letzten Eintrag noch sommerlich draußen sitzen konnte. Weil bei minus 17 Grad das Hirn unterkühlt bleibt, bedient sich die Redaktion dazu der Kreativität anderer:
Falls es aus dem Größenverhältnis zu den Grashalmen nicht hervorgeht: Wahre Größe kommt von innen! Auch bei Schneemännern, naja, -männchen. Also, liebe Leserinnen und Leser: Auf, auf! Solange noch Restschnee liegt, lasst eure Skulpturenträume raus! Das Männchen braucht ein Weibchen. Oder viele. Und Kumpels.

Freitag, 26. April 2013

Softdrinks, hard food

Weit ist der Blick im Vorarlberg. Auf Alpengipfeln werden schon auch bisweilen Tierzucht-Freigehege eingerichtet. So haben die Viecher die freie, wunderschöne, melancholische Aussicht auf den Bodensee. Man soll aber nicht ausflippen: Wild füttern? Nein, nur sanft, langsam, weich und gesittet. Ist ja Österreich.

Oben auf dem Pfänderberg in Bregenz –
bedrohlich sieht man hier Michael Endes "Nichts".
Das Wild hinunterzuwerfen ist vermutlich auch verboten.

Montag, 1. April 2013

GRimme all your lovin'

Das Grünzeuch ist für den Grimme Online Award 2013 nominiert! Ein herzliches Dankeschön an die/den unbekannte/n LeserIn, die/der das Onlineformular der Nominierungskommission genutzt hat! Wie auch immer die Ehre zustande kam (wahrscheinlich nur, weil es für das Einreichen von Vorschlägen ein Smartphone zu gewinnen gab) – da leuchtet dieses Blog doch freudig in wetterunabhängigem Neongrün. Nicht, dass die Redaktion sich Hoffnung machen würde, im Mai bei der Bekanntgabe der Favoriten dabei zu sein. Aber dieser Schritt ist doch auch schon schön. Als Nominierung angenommen wurde das chlorophyllhaltige Netzangebot für seinen spezifisch unkrautigen publizistischen Grünblick und insbesondere für die beiden Rubriken mit den Labels "babylonische Sprachverwirrung" und "Zitate". Was denn, endlich findet jemand Klugscheißern, Rumalbern und Lästern über Sprache, Schreibfehler, Zeichenhaftes, Aussagekraft, Un- und Missverständnisse nicht nur öde, obsolet und nervig? Es geschehen noch Zeichen (sic!) und Wunder. Hach. Das Grünzeuch im weiteren Verlauf der Preisfindung noch unterstützen kann man mit diesem Klick. Freudigen Ostermontag der ganzen Leserschaft!

Mittwoch, 13. März 2013

Zitat(e) der Woche (26)

Im Rennen um das Zitat der Woche sind schon zur Wochenmitte diesmal zwei Zitate, die beide durch das plötzliche Wiederauftreten von Schneemassen hervorgerufen wurden und daher hervorragend zusammenpassen. Der Redaktion war es unmöglich zu entscheiden, welches ihr Favorit ist.

(a)
Freundin der Protokollantin, frisch von München wieder nach Berlin gezogen:
"Die spinnen, die Neuköllner: in Langlaufskiern auf der Buschkrugallee unterwegs."

(b)
Biologisch einleuchtende, erklärende Warn-E-Mail eines weiteren Freundes an die Protokollantin, die bekanntlich ein gewisses, großes, wiederkehrendes Fest, das mit W beginnt (das, dessen Name nicht genannt werden darf), immer sehr fürchtet:
"Falls Du derzeit am Alexanderplatz vorbei fährst, nicht erschrecken. Durch den Wintereinbruch nach den frühen Sonnentagen hat es offenbar eine Verwirrung in der Natur gegeben. Gestern sah ich dort die Arbeiten Verwirrter, die einen Markt aufbauten. Dabei kann es sich nur um einen deutlich verfrüht aufgebauten W-Markt handeln. Vermutlich wurden die Erbauer durch den erneuten Frosteinbruch aus ihren Sommerhöhlen gelockt und begannen mit ihrer natürlichen Wintertätigkeit."

Samstag, 9. März 2013

Die oberen Zehntausend

Schon die/der tausendste Besucher/in war der Redaktion ja entwischt – und hat sich auch trotz eines Aufrufs mit Preisauslobung von sich aus nicht gemeldet. Vielleicht auch nachvollziehbar. Daher spart sich das gesammelte Grünzeuch nun die Auslobung von zehn grünen Lollis für die oder den Zehntausendste/n auf diesem Blog und freut sich einfach still. Naja, mehr oder minder still. Große grüne Grüße: Danke für eure Besuche und teils auch große Treue! Zur Gratifikation wird künftig hoffentlich wieder häufiger etwas hier veröffentlicht. Schon allein aus Trotz, weil Bloggen inzwischen so out ist. Schön wäre vice versa dann auch wieder mehr Feedback via Kommentarfunktion statt E-Mails oder Schweigen im Walde.
Übrigens: Wer zu den ersten 10.000, die sich hier aufmerksam tummelten, dazugehörte, kann auch sicher sein, im Internet zur geistigen Elite zu gehören ... öhöm (komisch, ein Hustenreiz! Ist eben doch noch Winter).

NB: Die Angaben beziehen sich nicht auf das Zählwerk ganz unten auf dieser Seite – die derzeit bald 25.000 Rankenraschler sind die absolute Klickzahl –, sondern auf den eingebauten Pflanzenwachstums-Counter am rechten Rand in der Menüleiste, ebenfalls ganz unten. Dieser zählt nur "echte" Zugriffe; also die, die nicht gleich wieder wegklicken, und die, die nicht gerade erst kurz davor schonmal da waren.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Tunnelblick (14): Last exit: long joke

Ein Greis im Elektrorollstuhl verbietet im Bus laut und wiederholt seiner Frau – mit Rollator unterwegs, aber jünger und rüstiger als er –, sich mit einer anderen Frau zu unterhalten, die auf dem Platz neben ihr sitzt; sie dürfe und müsse ausschließlich mit ihm reden, und zwar die ganze Zeit, denn ihm sei langweilig. Neben seinem E-Rolli-Stellplatz sitzt ein hospitalisiert vor und zurück wippender Teenager und spielt teilnahmslos auf seinem Smartphone herum, wenn er nicht gerade, weiterhin wippend, einsteigende Frauen anglotzt. Weiter hinten produziert sich ein Mensch mit türkischem Migrationshintergrund lautstark in sein dem ureigensten Zwecke (dem Telefonieren) dienendes Handy hinein, er habe "voll krass Weihnachtsstress"; irgend jemandem will er zum Fest der Feste im Übrigen eine Schreckschusspistole schenken. Hinter ihm thront ein beeindruckend klangvoll dauerheulendes Kleinkind in teuren Designer- und Markenklamotten und weiß eigentlich nicht mehr genau, warum es flennt. Muttern versucht es zu beruhigen, indem sie ihm allerlei Geschenke verspricht. Die als Expressbus getarnte Geisterbahn setzt ihren vollbesetzten Weg stets behäbig und verlässlich fort, nachdem der Busfahrer liebevoll an jedem Halt alle Passagiere einmal kollektiv angebrüllt hat, dass sie die Tür versperren. Genügend Omas regen sich darüber auf. Ebenso über den von der Schneewelt draußen hereingetragenen Matsch, der einen beim Laufenwollen in dem Verkehrsmittel "ja umbringt". Lankwitz.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Sturm, Steine, Sand und Sinn

Ähnlich wie localhost möchte ich normalerweise solch private Einblicke nicht in meinem Blog haben, aber es gibt Träume, die einfach einer Diskussion bedürfen. Rätsel gibt mir dabei v. a. die Frage auf, warum ich so einen Mist träume:

Nachdem ich auf einer rauschenden Hochzeit zu Gast gewesen war, die open air stattfand und in Regen, Sturm und Unwetter versank, wurde ich auf einer steinigen, staubigen Landstraße ausgesetzt, auf der ich nun in Festmode entlangschlurfe. Die Straße, die diese Bezeichnung kaum verdient, ist so staubig, dass es dort erstens wohl nie verkehrstechnische Modernisierungen (auch "Asphaltierung" genannt) gegeben und zweitens noch nie geregnet hat. Drumherum gibt es das große Nichts, allerdings ist ein verlassenes ostdeutsches Nest ausgeschildert. Ein Auto rauscht vorbei, im Inneren streiten Männer in Anzügen, etwas fliegt versehentlich aus dem Fenster. Am Rand der Straße finde ich es: Es ist das Handy von Peer Steinbrück. Der SPD-Kanzlerkandidat nutzt übrigens das ganz alte, klassische Nokia aus den 1990ern (hieß das Modell 3310?) in schmuckem, charakterstarkem Mausgrau. Während ich noch überlege, was ich damit nun mache, wie ich es ihm wieder zukommen lasse oder ob sich das erstmal auf irgendeine Weise journalistisch verwerten lässt, klingelt es. Nach kurzem Zögern nehme ich ab. Helmut Kohl ist dran. Er herrscht mich wütend und wirr an, wer ich sei, er wolle doch "den Steinbrück noch was fragen", und legt wieder auf.

Ah, ja. Mir drängt sich die Vermutung auf, mit manchen Träumen wollen mir mein Un- und Unterbewusstsein absolut rein gar nichts sagen. Die sollen auch keine Probleme lösen. Sondern die sind schlicht von vorne bis hinten Müll. Oder wurde an mir schon eine neue Wahlkampfform ausprobiert?

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Rotgrünschwäche

Treibt die Gentechnik seltsame Blüten? Vielmehr habe ich als Stadtkind wohl schlicht keine Ahnung von Mutter Natur und ihren Früchten:
Jetzt hätte ich das doch glatt für Tomaten gehalten! Peinlich!
Bananen sind's jedenfalls nicht. Glaube ich. Das Grünzeuch grüßt sonnig zum Einheitstag.

Freitag, 17. August 2012

Tunnelblick (13): Geldreligionen, Weltreligionen

Die hitzegebeutelte, stickige, volle S1 besteigen vier Halbwüchsige mit Migrationshintergrund, die sich sehr laut und damit den ganzen Großwaggon unterhalten. Thema sind zunächst Nationalitäten und Hautfarben. Sie beschimpfen sich gegenseitig feixend als "armer Nigger", "viel zu dunkel für 'n Araber" und "Hobby-Afrikaner".
Einer meint plötzlich: "Scheißtag, mir is langweilig, soll ich mal wieder 'Brot für die Welt' machen?" Ein anderer findet das eine gute Idee, aber der dritte und vierte Junge versuchen, ihn von der ominösen Aktion abzuhalten: Er solle "immer alles sparen" und "sein Geld zusammenhalten" und "alles nur für sich selber ausgeben", nur so bringe man es im Leben zu was. "Gib den Asis nie was ab! Die sind doch selber schuld!", findet einer. "Nee, aber doch, ich hab da jetz Bock drauf, bei der Hitze, ich will mal wieder 'Brot für die Welt' machen", insistiert der erste. Was er damit meint, ist: sein Portemonnaie öffnen, Münzen herausholen (alles Mögliche zwischen 1-Cent- und 50-Cent-Stücken), sie mit Schmackes auf den Boden schnipsen und quer durch den ganzen Waggon rollen lassen. Alle vier kichern vor sich hin. Eine sitzende Mama mit Baby fragt: "Kriegt ihr zu viel Taschengeld? Wenn ihr zu viel habt, gebt es ruhig mir, ich nehm es gerne." - "Können Sie sich ja vom Boden aufheben", grinst der edle Brotspender. Sie schüttelt fassungslos den Kopf, der Junge lässt weitere Münzen ihrer Wege rollen und verkündet den Anwesenden: "Hier, wer will, Brot für die Welt, alles für alle, könnt ihr euch aufheben!". Auch auf den Hinweis eines weiteren Fahrgastes, wenn er etwas spenden wolle, könne er es doch bedürftigen Menschen, die oft genug in der Bahn herumkämen und zum Beispiel die Straßenzeitung verkauften, direkt geben, denn diese würden sich sicher freuen, antwortet er erneut arrogant: "Die können es sich vom Boden aufheben!" und fügt diesmal erläuternd hinzu: Ein bisschen "was dafür tun" könnten die schon, sich wenigstens mal bücken, "wenn sie schon nicht arbeiten". Die S-Bahn-Insassen sind wie versteinert. Keiner steht auf.

Das Spiel wird den Jungs zu öde. Irgendwie fangen die fantastischen Vier beim Weiterschnattern an, über Religionen zu fachsimpeln. An dieser Stelle konnte die Verfasserin nicht anders, als nahezu zwanghaft die Tonaufnahme-Funktion ihres Mobiltelefons zu aktivieren. Trotz guten Dialoggedächtnisses erwies sich diese Idee als nützlich, da die kleinen not-so-gentle men sich gegenseitig sehr gerne ins Wort fallen.
Junge 1: "Stimmt es eigentlich, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger geworden is und nich von Jesus?"
- verwirrtes Stutzen der anderen, inklusive "Häh?"-Lauten -
Junge 2: "Joseph!! Du Penner!"
Junge 3: "Ja mann, die war mit Joseph zusammen!"
Junge 4 lacht nur.
Junge 2 lacht mit: "Jeeesus ... mann ... Alter ..."
Junge 1: "Aber hat der Heilige Geist die nu geschwängert oder was?"
- kurze Stille -
Junge 1: "Oder Gott oder so? Jedenfalls war die nich von ihrem Freund schwanger. Wer war'n das dann, war das jetz der Heilige Geist oder wer hat die geschwängert?"
- kurze Stille -
Junge 2: "Nee, du Pfosten! Der Heilige Geist doch nich! - - - - Oder?
Junge 4 (gedehnt): "Der Heilige Geist ..." (lacht weiter)
Junge 3: "Ey nee, das stimmt nich, ich schwöre, frag mal 'n Priester!"
Junge 2: "Nee, frag die Zeugen Jehovas, die erklären dir das. Die wollen einem immer sowas erklären."
Junge 1: "Is Jehova was mit Juden?"
Junge 2: "Nee, das is so ähnlich wie Christen."
Junge 1: "Katholisch oder evangelisch?"
Junge 2: "Mann, Zeugen Jehovas halt, kennste nich? Die stehen überall rum oder klingeln bei dir."
Junge 3: "Zeugen Jehovas sind aber scheiße. Die sind voll dumm."
Junge 2: "Scientology is aber auch scheiße."
Junge 1: "Ja, aber der Name klingt krass! Total cool! Find ich irgendwie krass geil! Voll wie so 'ne Gang oder so!"
Junge 2: "Die sind aber trotzdem auch scheiße und dumm."
Junge 1 (ehrfürchtig): "Sei-enn-tollo-dschie ..." 
Junge 3: "Nee mann, dumm sind die nich, aber scheiße sind die auch."
Junge 4: "Wie scheiße denn?"
Junge 3: "Gefährlich und so. Irgendwie so. Glaub ich."
Junge 4 hört auf zu lachen.
Junge 1: "Klingt aber echt krass!"
An dieser Stelle wartet der Umstieg. Sowohl der des mitschneidenden Handys, das es inklusive seiner Besitzerin leider eilig hat, als auch der der vier Checker, die inzwischen allerdings auch wild durcheinander gröhlen. Nur noch Schlagworte wie "Sekten", "voll so katholisch", "Islam" und "Moslems, Alter!" bahnen sich akustisch ihren Weg. Es wäre sicher noch erhellend weitergegangen.

Montag, 18. Juni 2012

Zitate der (letzten) Woche (15)

Noch nachgereicht für die vergangene Woche - was aber niemanden vom Weiterverfolgen rätselhafter Efeumorde abhalten soll - zwei schöne Zitate.

(1)
Boutique-Verkäuferin quatscht mit russischem Akzent zwei Kundinnen über den Hund ihres Sohnes voll, der so schrecklich sei (der Hund, nicht der Sohn), und sucht nach dem Namen der Rasse (wiederum des Hundes, nicht des Sohnes); wie sich später herausstellt, handelt es sich um einen Dobermann(!):
"Das ist richtige Kampfhund! Sieht aus wie... wie Pinscher! Genau wie Pinscher. Nur größer." 

(2)
Original Berliner Prollmutti brüllt unter dunklen Wolken fürsorglich ihr Kind an:
"Jetzt trödel nich so rum, biste denn bekloppt, mach hinne, det jewittat jedn Moment!"

Montag, 28. Mai 2012

Zitate der Woche (12)

Schwierig, schwierig - um das Zitat der Woche (Pfingsten sei Dank, durch den Feiertag hat das Grünzeug die Woche mal dreist bis zum Montag verlängert) konkurrieren folgende Aussprüche:

(1) 
Eine Freundin, die seit Jahren zu einem eigentlich nonstop arbeitenden Workaholic-Energiemonster mutiert ist, hat sich allen Ernstes extra mehrere Tage Urlaub genommen, um exzessiv das lang ersehnte, nach Jahren endlich erschienene "Diablo III" (oder 3?) zu zocken. Ihre schockierte Selbsterkenntnis zwischen ausdauerndem, nerdigem Computerspielen:
"Ich stelle fest, dass ich doch älter geworden bin: Habe zwischendrin tatsächlich eingekauft und die Wohnung geputzt!" 

(2)
Ein Mann, der - offenbar planend - im Sonnenschein mit Klemmbrett, Laptop und einer (mindestens Geschäfts-)Partnerin im szenigen Kiez um den Helmholtzplatz vor einem Lokal sitzt, welches baustellig im Um-, Aus- oder Aufbau begriffen ist, sagt sinnierend und dramatisch zu der Frau, dem Klemmbrett oder dem Laptop:
"Das wird 'ne Horrorküche. Die werden sich dauernd gegenseitig anzicken und anpissen." 

(3)
Junge Frau, die am Rande des Festumzuges zum Karneval der Kulturen (an dem es doch tatsächlich mal nicht geregnet hat!?) von ihrem Freund wie ein kleines Kind huckepack getragen wird und mutmaßlich nicht mehr ganz nüchtern ist:
"Streiten kann auch mal ganz geil sein."

Montag, 9. April 2012

Anarchei

Die Grünzeuch-Redaktion wünscht, alle LeserInnen hatten (und haben noch, so als Rest vom Fest) trotz des zeitweiligen Schneegestöbers schöne Ostern! Es waren hoffentlich alle Christinnen und Christen artig am Freitag nicht tanzen, sondern traurig in Demut auf den Montag warten, und haben dann ordentlich gejauchzt und frohlockt, außerdem die ganze Zeit gesungen und gebetet. Der Rest hatte hoffentlich mindestens lustige, von heidnischen Bräuchen wie Ei-ei-ei durchzogene Feiertage, hat seinen Wohnungstürschlüssel versteckt oder den Heuschnupfen im Scheunenviertel gepflegt. Grüne Grüße im Aprilwetter - mit einer atmosphärisch dichten Installation des Neuköllner Szene-Künstlers M. Ariachi (2009/2012): 

Berliner Stillleben
Counter