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Samstag, 31. Dezember 2016

Bilanz, Popanz und null Substanz

Es hätten sich für die Überschrift noch andere inhaltlich wunderbar passende Bilanzreime gefunden. Trauerkranz zum Beispiel. Oder Resonanz, Ignoranz und Toleranz. Oder Eiertanz. Welcher dann nicht nur die Neujahrsansprache von Angela Merkel meint – auf die die ARD die geforderten gemeinsamen Werte der Deutschen auf dem Fuße folgen lässt: in Form eines "Silvesterstadls". Wahrscheinlich ist das Worst-case-Szenario, das Grauen des Bösen für 2017, noch nicht düster genug skizziert, wahrscheinlich heißt die nächste Bundeskanzlerin nicht Frauke Petry, sondern Helene Fischer, und nächster Außenminister ist Jörg Palaver Pilawa. Die Massenmedien jubeln, endlich wieder Niveau.

Schweigen im Walde hier, sehr lange, wie wahr! Warum?

Was soll man schreiben – erst recht in einem privaten Hobby-Spaß-Blog –, wenn eigentlich "Schluss mit lustig" (und zwar nicht nur mit Peter) ist? Wenn es einem unpassend vorkommt, das Große auszublenden und weiter nur das Kleine aufzuspießen, während aber genau dies nur alles sein kann, was in diesem Rahmen zu leisten und passend ist, woran man nicht scheitert; und wenn es einem zugleich aber ebenso unpassend, weil unzulänglich, vorkommt, stattdessen das Große einzubinden und zu verwenden?
Oder anders formuliert: Was soll in einem den Rahmen nicht sprengenden Stil geschrieben werden, das nicht trivial ist, wenn a) die politische, gesellschaftliche, aber auch mediale Dummheit weltweit zunimmt und b) dazu eigentlich schon an vielen Stellen viel (oder gar zu viel, oder gar alles, in irgendeiner Form, irgendwo) geschrieben wurde?

Das waren durchaus Fragen, die sich das Grünzeuch 2016 stellte. Und das waren auch einige Gründe, warum hier nicht wirklich was kam. Das Jahr frustete, schockte, erstaunte, panikte, dummelte, betäubte, nervte, überforderte, langweilte, ekelte, machte sich lächerlich, wurde gefährlich, wurde übertrieben, litt an Hysterie, löste nichts, warf alles auf, ärgerte, ängstigte, amüsierte mit bitterem Beigeschmack, machte medien- und menschenmüde, war für ein Mini-Blog zu viel und doch zu wenig.

Da befindet sich die halbe Welt im Elend und Hunger, ein Großteil davon auch in Angst und Schrecken, Terror, in Regimekonflikten und Unsicherheit; im Bürger-, Banden-, Barrikaden-, sonstigen Binnen- oder gar im offiziellen und internationalen Krieg. Und die andere Hälfte der Welt hat darauf nicht nur keine Antworten, sondern auch keine Fragen. Hat kein Interesse dafür, will, dass es sie einfach nichts angeht. Diese andere halbe Welt hat vor nichts so sehr Angst wie davor, dass Menschen der ersten Hälfte vor obigen Umständen fliehen und zu ihr kommen. Denn das könnte sich in irgendeiner Form ja auf sie auswirken (sic!), sodass sie sich selbst deshalb etwas umstellen oder sich einfach auch mal mit jener Hälfte der Welt auseinandersetzen, diese und deren Probleme einfach sehen müsste (statt nur Castingshows, Fußball und Werbeclips sowie das Etikett der Bierflasche vor der Nase). Vorgeschoben bei der Angst, dann selbst künftig zu kurz zu kommen und plattgetrampelt zu werden (unberechtigt), auch bei der Angst, sich mit einer sich ändernden Gesellschaft und eventuell auch Wohlstandslage arrangieren zu müssen (womöglich berechtigt, aber global unausweichlich), und bei der Angst vor dem Betrachten – was gefühlt einem Selber-haben-Müssen gleichzukommen scheint – einer anderen Alltagskultur und Optik (uhhh, da sind Menschen mit dunkler Haut! Und ein Kopftuch! Gruselgrusel!! Es möge sich jeder selbst ein Bild machen, wie berechtigt – und wie neu – diese Angst ist...), vorgeschoben bei all dieser Angst vor allem und allen also wird dann der kleine, in der Tat gefährliche Prozentsatz von Kriminellen, Psychopathen, Gestörten, Menschenfeinden, Radikalen, Gewaltbereiten, organisierten Terroristen und allgemein Explosiven und Bedrohlichen, der auch ohne "die Flüchtlingskrise" (was ist da eigentlich die Krise? Der Flüchtling oder seine Flucht oder sein Geflohen-und-hier-Sein oder das, dem er ausgesetzt war oder nun ist, oder oder oder ...? Sind die Flüchtlinge eine Krise oder sind sie in der Krise?) im Land gewesen oder ins Land gekommen wäre, wenn er gewollt hätte: Wo ein Wille ist, ist ein Weg; und wo einer gut vernetzt und kriminell ist und will, ist einer weg. Dass Nicht-Asyl keine Anschläge verhindert, hat sich immer wieder schrecklich belegt, gerade auch dieses Jahr. Aber was sich prima zusammenwerfen lässt, passt sich schon irgendwie ineinander. Et voilà, juhu, da waren sie, diejenigen, die 2016 ebenso dominierten:

Huiiii, schwupps, da waren und sind die Demagogen und Diffamierer, die Rechten und Schlechten, die Populisten und Opportunisten, die Stammtischler und Wegwischler. Da kriechen AfD, FPÖ, SVP, PVV, Lega Nord, UKIP, Front National & Co. einmal mehr aus den Löchern und vorwärts (Polen, Ungarn & Co. braucht man schon nicht mehr als neu zu erwähnen). Passend fügen sich in dieses Portfolio auch alle Irrungen und Wirrungen von Brexit bis Donald Trump (der personifizierte Antipolitiker im Kampf gegen das Polit-Establishment und die Polit-Elite: welch Treppenwitz der Geschichte, immerhin ist er Establishment und Elite in Personifizierung, qua Finanzen zwar, jedoch ...). Da kommt das "Postfaktische" (völlig zu Recht das Wort des Jahres) zur "Emotionalisierung der Politik", dazu gesellen sich das "gefühlte Wissen", die "ernst zu nehmenden Sorgen", das Ausspielen verschiedener Gruppen von Schwachen und Verlierern gegeneinander und noch ein paar andere Erklärungen der folgenden, eigentlich ganz simplen Entwicklung: In einer Phase des (anscheinend) weltweiten Umbruchsszenarios reagieren viele Menschen mit Aggression, Hysterie, Zusammenrotten in Wir-Kontexten und Radfahrerprinzip, vor allem aber mit Selbst- und Fremdverdummung. Diese Verdummung schreien sie dann aber dafür, um sich ihrer Sache selbst sicherer zu sein und sich weniger blöd zu fühlen, möglichst laut und aggressiv hinaus. Und für die komplexbeladene Selbsterhöhung ist es dabei auch wichtig, sich einer Verschwörungstheorie von ominöser Unterdrückung durch herrschende Eliten zu versichern und, ganz wichtig, bei all der Paranoia auch noch ständig zu spötteln über vermeintlich viel Dümmere, die natürlich alles verantworten mit ihrer Dummheit: Wichtig ist das Spotten über und Fingerzeigen auf naive "Gutmenschen" – nein, halt, wichtiges Attribut, unbedingt immer in dieser festen Fügung verwenden: "linksgrünversiffte Gutmenschen"! Sonst ist es nicht komplett! – als verblendete Wirklichkeitsverweigerer und die wahren Doofen. Denn doof ist, wer ein guter Mensch ist. All dies am besten im Internet. Da fürchtet, hasst, spottet, entwertet, entmenschlicht, verallgemeinert, feindbildet, paranoiat und panikt es sich so richtig schön ungeniert.

Wichtig auch: Natürlich wurde an allen Ecken und Enden sabbernd mit auf den Zug gesprungen, weil vom großen Populismuskuchen und dem Geschäft mit der Angst auch die kleinste Kuchengabel was abhaben will. So überholt hierzulande die CSU fast die AfD auf der rechten Spur, aber blinkt dabei wenigstens heftig. Sie meint, damit den guten, aufrechten, moralisch integeren Deutschen – naja, gut: Bayern – in ein(em) Sicherheitsgefühl über die Flüchtlingskrise zu retten. Und nein, es ist nicht nur der Seehofer, a Depp, a g'scheiter. Sein ganzes Gefolge. "Und wenn du denkst, es geht nicht blöder, kommt ein Tweet von Markus Söder" [u. a. Urban Priol, 20.12.2016, der wunderbare Spruch grassierte aber schon seit 2015 im Internet]. Und natürlich zieht sich das aus der rechten Ecke hinaus; bis in die SPD und Linke hinein. Nicht, dass womöglich von den Krümeln ein anderer fett wird! Auch wenn der Kuchen noch so oll und schimmelig war.

Ausgehend von der Theorie vom "Oberbösewicht im Wandschrank", den man laut Kabarettist Volker Pispers jederzeit bereithalten sollte, um sein Tun zu rechtfertigen, zu kanalisieren und zu erklären, wusste man aber nun 2016 auch wahrlich nicht, wo man hinschauen sollte! Dieses Dilemma ist durchaus zu beklagen und anzurechnen. Jenseits von Attentätern, Terrornetzwerke(r)n, Anführern, Youtube-Hetzern, aber eben auch von Kim Jong-il, Viktor Orbán, Baschar al-Assad, Wladimir Putin, Donald Trump oder wie der persönliche jeweilige Bösewichtliebling individuell heißen mag, gab es hierfür ja zum Beispiel auch noch eine Türkei, die sich schockwandelte, weil Sultan Erdogan jenseits von Satire-Prozessen und -Krisen nach dem Putschversuch (ein Schuft, wer Böses dabei denkt) sein wahres Gesicht immer mehr zeigte, nach innen wie außen. Seltsam, dabei passt der damit doch eigentlich ganz gut in die derzeitige "westliche Welt". Bei dem, was in Deutschland und Europa (sowie auch den USA) momentan so allgemein, öffentlich, privat, politisch, diplomatisch und undiplomatisch dahergelabert wird, kann man die Türkei – gerade jetzt – eigentlich getrost in die EU aufnehmen. Und immerhin: Die sorgen für ihre vielen Flüchtlinge. Und nicht einmal schlecht, behaupten manche.

Und: "Es gab so viele Tote." Das war wohl in der öffentlichen Wahrnehmung das Jahr 2016. Ja, ja.
Gemeint sind damit aber irritierenderweise oft nicht die Hirntoten am rechten Rand.
Auch nur zum Teil die vielen anonymen oder privaten Toten in Massen. Das große Thema "Der Tod lauert im Mittelmeer", gerne betrachtet unter dem Stichwort "Schlauchboot", wurde nicht plötzlich ab Spätsommer 2015 inaktuell, nur weil Ungarn, Bulgarien, Spanien etc. Zäune hochzogen, EU-interne Grenzkontrollen losgingen, Beatrix von Storch notfalls mit ihrer Maus auf Flüchtlinge schießen wollte und es den Rückhalte-Deal der Bundesrepublik mit der Türkei gab. Es tönte nur leiser. Aber: aus den Augen, aus dem Sinn.
Auch nur am Rande passten da die Toten durch Terroranschläge immerhin ins Betroffenheits- und Bewegtheitsbild. (Angemessene Trauer allerdings zeichnete sich in der sofortigen Nutzbarmachung dieser Toten aus der populistischen Ecke nicht ab.)
Nein, all das ist meist nicht gemeint. Lieber sabberten beim Thema "viele Tote" die Verschwörungstheoretiker über das schlechte Karma des Jahres, das sich an viel zu vielen toten Prominenten zeige, die jung, unerwartet oder alt gestorben seien: Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, andere Kulturschaffende, Sportler, Wissenschaftler, Zeitzeugen, Könige, Politiker (darunter die halbe FDP), Fernsehleute, Ikonen etc. Ach so. Ja, das ist wichtig. Und natürlich an der Fußball-EM, da zeigte es sich auch. Alles schiefgelaufen und alles Schiebung. (Vermutlich, weil Boateng einen Nachbarn verschreckt hat.) Schiebung natürlich war nicht das, was währenddessen auf der Polit- und Weltbühne unbehelligt weiterlief. Oder was derweil mit den Freihandelsabkommen wurde und wird. Zum Glück gab es wenigstens auch noch Olympia. Hach. Die Welt dehnt sich sehr an ihren Fugen. (Ehe es untergeht: Ja, auch ich finde es tragisch, dass manche Größen gestorben sind, teils Persönlichkeiten, die eine Ära geprägt haben. Aber das eine gegen das andere aufwiegen? Und das Prominente dann wichtiger finden als das Allgegenwärtige? Und je massenprominenter die Einzelnen, desto stärker der "2016 kriegt sie alle!"-Hype.)

Aber nu isses ja vorbei. Kann also weitergehen.
Kommt gut in die Zukunft!

Ach ja, richtig, verdammt, nicht nachgedacht: Hier fehlen noch die Schlagworte Terrorismus, Islamismus, Anschlag/Anschläge, Bomben, Selbstmordattentat, Muslime, Moslems, Scharia, Syrien/Syrer, Asylbewerber, Extremismus, IS, Milizen, Gewalt, Lügenpresse, Regierungsmedien, Systemmedien, regimetreu, Mehrheit, besorgte Bürger, Kanzlerin, Kultur, anpassen, integrieren, Gesetze, Gewalt, Köln und Silvesternacht, damit das hier dann irgend jemand bei Google findet und womöglich liest. Prost.

Mittwoch, 4. Februar 2015

Tannsoldaten – in Reih' und Schiet

Schenkendorfstrasse Tannenbaeume mit Hundescheisse
Kreuzberg, Schenkendorfstraße, Ende Januar 2015.
Der monströse, schmierige Hundehaufen, der ebenso
ordentlich unter dem ersten Baum abgelegt war,
wurde aus ästhetischen Gründen abgeschnitten.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie welk sind deine Blätter!
Du hältst nicht bis zur Sommerzeit,
Auch nicht im Winter, unverschneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie welk sind deine Blätter.

O Tannenbaum, o Tannebaum,
wie tief bist du gefallen!
Wie kurz darfst du zur Weihnachtszeit
entwurzelt leben, wie's uns freut!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie tief bist du gefallen.

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Leid will mich was lehren:
Nicht Umwelt und Beständigkeit,
nein, Schmuck und Kurzweil, dann wirf's weit!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Leid will mich was lehren.

Dienstag, 30. April 2013

Nange lacht

Lange Nächte haben in unserem Kulturkreis, zumindest in den Metropolen, inzwischen fast so etwas Ähnliches wie Tradition. Kann man sich zumindest einreden. Wie "lang" so eine Nacht dann wirklich ist und ob sie den Begriff "Nacht" überhaupt verdient, ist im Einzelfall durchaus diskutabel.
Im Fokus der Nächte stehen eigentlich meist Sport und Kultur. Aber heute ist schlichtweg alles ein organisiertes Happening: Berlin bekam nach der Langen Nacht der Museen (seit 1997, sogar 2x pro Jahr), der Langen Nacht des Shoppings (seit 2000, zum Glück dahinsiechend), der Langen Nacht der Wissenschaften (seit 2001),  der Langen Nacht der Opern und Theater (seit 2009) – die dieses Jahr, angeblich wegen "Optimierungsprozessen", ausfällt – und der Langen Nacht der Familie (seit 2011) schließlich letztes Jahr auch noch die Lange Nacht der Industrie dazu. Diese floppte offenbar wider Erwarten nicht; denn für den 15. Mai ist sie wieder angekündigt und wird groß beworben (vielleicht als Ersatz für ausfallende Opern und Theater? Das nennt sich dann "Zeitgeist"). Dass die Energieversorger, Luxusautomobilhersteller, Chemiekonzerne, Druckereien, Brauereien & Co., die sich an der Veranstaltung (Verzeihung: dem Event natürlich!) beteiligen, nur bis spätestens 22:30 Uhr durchhalten wollen und das dann eine durchgemachte, wirklich lange Nacht finden, ist nur eine lustige Randnotiz. Es stellt sich dem Lachenden eher die Frage: Was kommt als Nächstes? Die Lange Nacht der Stadtverwaltung? Der Banken? Der Unternehmensberatung? Der Gerichtsbarkeit? Des Hotelwesens? Der Messeveranstalter? Der Dienstleistung? Des Personennahverkehrs? Oder vielleicht die Lange Nacht der Grundversorgung? Das Grünzeuch bittet um Vorschläge! Ansonsten könnte man glatt denken, statt während einzelner langer Nächte könnte die Stadt sich auch mal während 365 Tagen den Themen widmen.

Montag, 11. Februar 2013

Zitat der Woche (25)

Die wahre Demenz Dimension erkennt ein naher Freund der Grünzeuch-Redaktion, als er die überraschende Nachricht über den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. kommentiert:
"Hatte der auch in Düsseldorf promoviert? Oder nur Merkels 'vollstes Vertrauen'?"

Sonntag, 7. Oktober 2012

Zitat der Woche (22)

Entscheidet selbst! Die Kandidaten:

(1) Eine Freundin der Protokollantin hat eine stichhaltige Theorie, wieso Gott im Neuen Testament weniger blutrünstig, rachsüchtig und grausam ist als im Alten Testament und warum brutale Tests der Gläubigen, etwa wie bei Abraham oder Hiob, nicht mehr vorkommen:
"Ist doch klar, warum Gott im Neuen Testament milder und nachsichtiger ist: weil er inzwischen Vater geworden ist." 

(2) Eine kleine Gruppe überdrehter, aufgedonnerter, sehr junger Frauen arabischer Abstammung (für die Herren Sarrazin und Buschkowsky: ohne Kopftücher) lacht den einzigen Kerl aus, der mit ihnen unterwegs ist; eine von ihnen bringt es auf den Punkt:
"Selber schuld, wenn du dir 'ne deutsche Frau suchst! Dann musst du dir dein Frühstück nämlich selber machen!"

Sonntag, 26. August 2012

Für Horst

Es gibt Menschen verschiedensten Alters, die einem allmählich, oft aber auch sehr spontan ans Herz wachsen. Böse scheint die ganze Welt, wenn solch ein Mensch gehen muss, noch dazu, wenn das vermeintlich sehr plötzlich ist.

Verlieren wir einen Freund, verlieren wir vieles. Das gilt aber nicht für die gemeinsame Zeit. Egal, wie kurz oder lang sie gewesen sein mag.

Tschüs, lieber Horst. Einigen Menschen haben deine Erzählungen, deine Entwicklung und deine positive Einstellung viel Kraft gegeben. Deine Partnerin (schön war's mitzubekommen, wie man auch im hohen Alter nochmal frisch verliebt sein kann) und deine Familie brauchen nun auch viel davon. Immer, wenn ich Max Raabe höre, muss ich schmunzeln und an dich denken; das wird vermutlich so bleiben und auch auf viele andere Gelegenheiten zutreffen. Ich mag die Vorstellung, dass nun die Originale für dich singen, wenn dir danach ist.
Mach's gut da oben!



Freitag, 17. August 2012

Tunnelblick (13): Geldreligionen, Weltreligionen

Die hitzegebeutelte, stickige, volle S1 besteigen vier Halbwüchsige mit Migrationshintergrund, die sich sehr laut und damit den ganzen Großwaggon unterhalten. Thema sind zunächst Nationalitäten und Hautfarben. Sie beschimpfen sich gegenseitig feixend als "armer Nigger", "viel zu dunkel für 'n Araber" und "Hobby-Afrikaner".
Einer meint plötzlich: "Scheißtag, mir is langweilig, soll ich mal wieder 'Brot für die Welt' machen?" Ein anderer findet das eine gute Idee, aber der dritte und vierte Junge versuchen, ihn von der ominösen Aktion abzuhalten: Er solle "immer alles sparen" und "sein Geld zusammenhalten" und "alles nur für sich selber ausgeben", nur so bringe man es im Leben zu was. "Gib den Asis nie was ab! Die sind doch selber schuld!", findet einer. "Nee, aber doch, ich hab da jetz Bock drauf, bei der Hitze, ich will mal wieder 'Brot für die Welt' machen", insistiert der erste. Was er damit meint, ist: sein Portemonnaie öffnen, Münzen herausholen (alles Mögliche zwischen 1-Cent- und 50-Cent-Stücken), sie mit Schmackes auf den Boden schnipsen und quer durch den ganzen Waggon rollen lassen. Alle vier kichern vor sich hin. Eine sitzende Mama mit Baby fragt: "Kriegt ihr zu viel Taschengeld? Wenn ihr zu viel habt, gebt es ruhig mir, ich nehm es gerne." - "Können Sie sich ja vom Boden aufheben", grinst der edle Brotspender. Sie schüttelt fassungslos den Kopf, der Junge lässt weitere Münzen ihrer Wege rollen und verkündet den Anwesenden: "Hier, wer will, Brot für die Welt, alles für alle, könnt ihr euch aufheben!". Auch auf den Hinweis eines weiteren Fahrgastes, wenn er etwas spenden wolle, könne er es doch bedürftigen Menschen, die oft genug in der Bahn herumkämen und zum Beispiel die Straßenzeitung verkauften, direkt geben, denn diese würden sich sicher freuen, antwortet er erneut arrogant: "Die können es sich vom Boden aufheben!" und fügt diesmal erläuternd hinzu: Ein bisschen "was dafür tun" könnten die schon, sich wenigstens mal bücken, "wenn sie schon nicht arbeiten". Die S-Bahn-Insassen sind wie versteinert. Keiner steht auf.

Das Spiel wird den Jungs zu öde. Irgendwie fangen die fantastischen Vier beim Weiterschnattern an, über Religionen zu fachsimpeln. An dieser Stelle konnte die Verfasserin nicht anders, als nahezu zwanghaft die Tonaufnahme-Funktion ihres Mobiltelefons zu aktivieren. Trotz guten Dialoggedächtnisses erwies sich diese Idee als nützlich, da die kleinen not-so-gentle men sich gegenseitig sehr gerne ins Wort fallen.
Junge 1: "Stimmt es eigentlich, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger geworden is und nich von Jesus?"
- verwirrtes Stutzen der anderen, inklusive "Häh?"-Lauten -
Junge 2: "Joseph!! Du Penner!"
Junge 3: "Ja mann, die war mit Joseph zusammen!"
Junge 4 lacht nur.
Junge 2 lacht mit: "Jeeesus ... mann ... Alter ..."
Junge 1: "Aber hat der Heilige Geist die nu geschwängert oder was?"
- kurze Stille -
Junge 1: "Oder Gott oder so? Jedenfalls war die nich von ihrem Freund schwanger. Wer war'n das dann, war das jetz der Heilige Geist oder wer hat die geschwängert?"
- kurze Stille -
Junge 2: "Nee, du Pfosten! Der Heilige Geist doch nich! - - - - Oder?" 
Junge 4 (gedehnt): "Der Heilige Geist ..." (lacht weiter)
Junge 3: "Ey nee, das stimmt nich, ich schwöre, frag mal 'n Priester!"
Junge 2: "Nee, frag die Zeugen Jehovas, die erklären dir das. Die wollen einem immer sowas erklären."
Junge 1: "Is Jehova was mit Juden?"
Junge 2: "Nee, das is so ähnlich wie Christen."
Junge 1: "Katholisch oder evangelisch?"
Junge 2: "Mann, Zeugen Jehovas halt, kennste nich? Die stehen überall rum oder klingeln bei dir."
Junge 3: "Zeugen Jehovas sind aber scheiße. Die sind voll dumm."
Junge 2: "Scientology is aber auch scheiße."
Junge 1: "Ja, aber der Name klingt krass! Total cool! Find ich irgendwie krass geil! Voll wie so 'ne Gang oder so!"
Junge 2: "Die sind aber trotzdem auch scheiße und dumm."
Junge 1 (ehrfürchtig): "Sei-enn-tollo-dschie ..." 
Junge 3: "Nee mann, dumm sind die nich, aber scheiße sind die auch."
Junge 4: "Wie scheiße denn?"
Junge 3: "Gefährlich und so. Irgendwie so. Glaub ich."
Junge 4 hört auf zu lachen.
Junge 1: "Klingt aber echt krass!"
An dieser Stelle wartet der Umstieg. Sowohl der des mitschneidenden Handys, das es inklusive seiner Besitzerin leider eilig hat, als auch der der vier Checker, die inzwischen allerdings auch wild durcheinander gröhlen. Nur noch Schlagworte wie "Sekten", "voll so katholisch", "Islam" und "Moslems, Alter!" bahnen sich akustisch ihren Weg. Es wäre sicher noch erhellend weitergegangen.

Dienstag, 7. August 2012

Würgaholic

Im gähnend leeren Nachtbus lässt sich bisweilen Interessantes finden. Quasi vorwärts rollende Gesellschaftskritik, in welcher sich der Frust verunsicherter, existenzbedrohter Underdogs lyrisch Bahn bzw. Bus bricht.
Appell zum Abkotzen
Das mitschwingende Mitleid, zumindest Mitgefühl, für die armen Reichen kompromittiert nicht. Solidarität einer sozialen Gesellschaft ist alles! Sei auch du dabei!

Sonntag, 10. Juni 2012

Zitate der Woche (14)

Wie schon am 28. Mai gibt es diesmal wieder eine unentscheidbare Konkurrenz um das Zitat der Woche.

(1)
Kleines Mädchen im Zoo am Pinguinbecken zu seiner Mutter:
"[sehnsuchtsvoller Tonfall] In dem Pool möchte ich auch mal gerne baden! [Pause] Aber erst, wenn der sauber wäre.  - [längere Pause] Ohh, ich bin jetzt müde, ich will ein Eis." 

(2)
Pärchen in familiärer Runde beim Essen im voll besetzten, gehobenen Restaurant; plötzlich thematisiert der männliche Part sehr laut das Problem Blähungen:
"Also ich bin immer sehr laut und sie hat Giftgas."

Sonntag, 3. Juni 2012

Zitat der Woche (13)

Steptanztrainer versucht, die Schlagtechnik einer Kombination zu erklären:
"Das is im Grunde wie das eine Kurze vorhin, aber irgendwie ... länger."

Sonntag, 11. März 2012

Zitat der Woche (8)

Trainerin im Fitnessstudio:
"Hm. Muskeln hast du aber eigentlich! Da ist nur irgendwie Fett drüber!?"

Dienstag, 12. April 2011

Tunnelblick (8): Fit bleiben im Alter

Irgendwo im wochenendlichen S-Bahn-Nirvana stellte sich wieder einmal die philosophische Frage, es ob es sehr spät oder sehr früh war. Auch zwei einander gegenüber sitzende, lässig-coole Jungs, deren Alter vermutlich noch eine Eins vorne trug und deren IQ es eventuell ins Dreistellige geschafft hatte, bemühten sich eifrig, diese Frage zu klären. Ferner waren sie lautstark debattierend damit beschäftigt, sich selbst dafür zu loben, dass sie erstens ausnahmweise nüchtern und zweitens zum ersten Mal um diese Zeit schon statt noch unterwegs waren. Sie waren deshalb ziemlich aufgeregt. Das Gedächtnisprotokoll erlaubt folgende Paraphrasierung eines besonders erhellenden Diskussionsabschnitts:

Typ 1: "Also man würde doch denken, zwei so Typen wie wir, voll jung und gut drauf und so, Samstagnacht in der S-Bahn, die sind besoffen und kommen vom Feiern."
Typ 2: "Ja, Mann. Das denken ja immer alle die anderen. Und sind jetz voll genervt. Dabei sind wir grad echt nüchtern."
Typ 1: "Jetzt fällt einem das mal so auf."
------ Denkpause ------
Typ 1: "Ich find das auch krass, wie viele Ältere so um die Uhrzeit immer unterwegs sind! So voll normale Leute und so. Musst du dir mal vorstellen, die fahren jetzt alle zur Arbeit wie jeden Tag und so! Und wir sonst ja nich, auch nich zum Bahnhof, Alter! Sondern wir kommen sonst ja vom Feiern und gehen schlafen. Krass!"
------ Denkpause ------
Typ 2: "Die arbeiten aber vielleicht auch nich alle, die jetz hier so rumsitzen. Is doch Wochenende."
Typ 1: "Na mann ey, es gibt auch Jobs, da musst du auch am Wochenende arbeiten. Also auch richtige Jobs, nich nur Werbung verteilen und so."
Typ 2: "Ja aber... die könnten doch auch vom Feiern kommen!?"
Typ 1: "Na nee, ich mein' ja so die Normalen. Die Älteren. Die schon 30 sind oder so."
------ Denkpause ------
Typ 2: "Ältere mit 30 können auch feiern gehen."
Typ 1: "Echt?"

Samstag, 29. Januar 2011

Erhobenen Hauptes

Wieder einen Beweis, dass für Hauptschüler (und sogar für mutmaßlich islamische, Herr Sarrazin!) noch nicht Hopfen und Malz verloren sind, sondern dass auch für sie noch Hoffnung besteht, lieferte dem Grünzeuch eine Szenerie bei einem bekannten Lebensmitteldiscounter. Diese belegt, dass Sprachgefühl in allen Schichten vorhanden sein kann, ebenso wie das Klugscheißer-Gen.
Eine Gruppe lauter, aggressiver Halbstarker mit Migrationshintergrund, alle gleich gestylt und unglaublich cool, fiel in jenem Markt ein - und krakeelte beim Einkaufen nicht nur herum, sondern tauschte auch Smalltalk aus:

Junge 1: "Isch geh hier um Ecke. Gleisch hier. Und du? Bist du noch Schule?"
Junge 2: "Mhm. Noch bis Sommer."
Junge 1 [an einen Dritten gerichtet]: "Und du, und du? Bist du Hauptschule?"
Junge 3 reagiert nicht, ist mit Chipsauswahl beschäftigt.
Junge 1 [schubst ihn an]: "Ey sag mal, ey ey! Ey, du bist Hauptschule, wa?"
Junge 3: "Au maaaaaann, du Spast! Isch bin nisch Hauptschule! Sondern isch geh auf Hauptschule! Isch bin Hauptschüler! Kapierstu!?"

Ob der Erste kapiert hatte, entzog sich im Folgenden leider der Kenntnis der Verfasserin. Denn diese kämpfte mit Lachtränen und musste sich daher schnell verdünnisieren, ehe sie als Resultat vermutlich aufs Maul bekommen hätte. 10 Punkte für den total harten Macker mit der Checkung für Verben und zusammengesetzte Substantive!

Donnerstag, 13. Januar 2011

Ursachenforschung

[Anm.: Bei Folgendem handelt es sich um Erlebtes, nicht um einen lauen Witz.]

Zahnarzt: "Und nächste Woche können wir dann bei der Krankenkasse die weitere Behandlung beantragen."
Patientin: "Mhm, ja."
Zahnarzt: "Pflege haben wir dokumentiert. Die Zähne sind - sehr sauber. Da kann man eigentlich nur sagen: Besser geht nicht."
Patientin: "Oh, freut mich. Hat man aber auch nix von, wenn man dann trotzdem Karies und Parodontose hat."
Zahnarzthelferin: [kichert]
Zahnarzt: "Hm. Jaja. Das liegt dann manchmal einfach an ... - - den Zähnen."


In diesem Sinne allen ein gesundes, erkenntnisreiches 2011!

Mittwoch, 3. November 2010

Frieda, Freddy & Fifty Fifis

Was genau will diese Schaufensterdekoration in einem Friseur- und Kosmetikladen dem interessierten Kunstfan sagen?
Diese beiden Zuchtrasse-Schoßfifis sind nur 50% Hund?
Der richtige Köter macht schon 50% des Stylings aus?
Eine gute Hundefrisur ist die halbe Miete?
Einkaufstüten jetzt 50% reduziert?
Einkaufstüten in diesem Laden haben zu 50% irgendwelche Hunde drauf?
Alle gebrauchten Einkaufstüten mit Hunden drauf jetzt für die Hälfte?
Alle gebrauchten Einkaufstüten jetzt für die Hälfte, aber nur für Hunde?
Alle Friedas & Freddies sind hundsgemeine falsche Fuffziger?
50% unseres Umsatzes machen wir mit Tüten?
Hunde erhalten dicke Rabatte auf Friseur- und Kosmetikleistungen, aber mehr als 50 Prozent kommen absolut nich inne Tüte?
50% der Hinterlassenschaften von Vierbeinern pro Tag passen in eine Einkaufstüte?
50% aller Auf-dem-Arm-hätschel-Hündchen heißen Frieda oder Freddy und passen in eine Einkaufstüte?
50% der KundInnen dieses Geschäftes tragen die Haarfarbe "Straßenköter" und sind ständig angetütert?
50% in diesem Laden wurden von Friedas und Freddies Hunden bepinkelt?

Mittwoch, 29. September 2010

Take Five

Es jazzt im Sozialstaate Deutschland: Angesichts der sehnlichst erwarteten, üppigen, vielbejubelten Hartz-IV-Erhöhung um stolze 5 Euro monatlich kommt man durchaus ins Summen, Singen und Swingen. Die einen dank plötzlich eintretender Konsummöglichkeit und Teilhabe an der Gesellschaft, die anderen, weil sie das gute und stolze Gefühl haben, endlich in einem gerechten Staat zu leben, der Würde garantiert, egal was das Schicksal mit einem anstellt. Zukunftsängste braucht nun keiner mehr zu haben. Nun wird gemeinsam und solidarisch gejammt, gefreestylet, improvisiert und Ideen zusammengetragen, was man von dieser Summe jeden Monat alles kaufen oder machen kann! Ideen finden sich etwa hier oder hier oder hier. Vielleicht kann man, je nach Gegend, dafür sogar seinen Müll loswerden. Das ist speziell interessant, falls man vorher von seinen 5 Euro (unter Zuhilfenahme der im Regelsatz dafür vorgesehenen 27,41 Euro) Berge von neuen Elektrogeräten angespart hat und nun nicht weiß, wohin mit den ganzen alten. Man könnte kochen lernen. Man könnte vom eigenen Wohlstand was abgeben und woanders eine Schulbildung finanzieren. Oder noch 95 Cent ansparen (bzw. den immensen Kulturbeitrag im Regelsatz mitnutzen - mal ein Buch!) und dafür lernen, wie man dauerhaft spart und auch noch die Welt retten kann. Gut wäre auch, nochmal studieren zu gehen und die 5 Euro davor schon für die Karriere beiseite zu legen, um Unternehmer/in zu werden und Arbeitsplätze zu schaffen. Oder man hat für die 5 Euro einfach geilen Frustabbau auf Kosten derjenigen, die noch nicht einmal Hartz IV oder sonst irgendeine Würde erhalten... Weitere Vorschläge, Rechenbeispiele und Prioritäten gerne über die Kommentarfunktion.

Montag, 16. August 2010

Schafwandler

Eine unfassbar relevante, weltbewegende, philosphische, bohrende Frage begegnete mir und lässt mich nicht los. Ich bitte daher die Grünzeuch-Leserschaft inständig um Mithilfe beim Antwort(en)-Finden:
Was zählen eigentlich Schafe, wenn sie nicht einschlafen können?

Donnerstag, 5. August 2010

Tunnelblick (2): R-Ente

Viel zu lange vernachlässigt wurde die noch neugeborene Rubrik Tunnelblick. Reine Schusseligkeit, denn eigentlich vergeht selten ein Tag ohne Merkenswertes aus ÖPNVhausen und den Anrainerorten. Exemplarisch dafür steht die folgende Szene.

In den frühen Abendstunden in der U7 gen Spandau lassen sich zwei ältliche Damen mir gegenüber nieder. Sie sind bereits mitten in einem ökonomischen Fachgespräch, das ich schnell paraphrasierend gedächtnisprotokollieren möchte, ehe ich den möglichst nahen Wortlaut vergesse.
"Ja, das ist ja klar", meint die eine, "wir haben ja auch unser Leben lang hart und aufrichtig gearbeitet und jetzt dürfen wir uns eben ausruhen und kriegen unsere Rente. Aber die Jungen heute, ganz ehrlich... warum sollten die mal irgendwas kriegen, die Jungen arbeiten doch kaum. Die wissen gar nicht, wie das geht. Fangen erst so spät an oder einfach nie, und zahlt von denen ja auch keiner irgendwo ein. Und richtige Arbeit ist das ja auch nicht, was die so machen. Die sitzen ja nur an Computern. Oder warten auf ihre Rente." Die andere wendet ein: "Na die behaupten ja immer, sie kriegen keine Arbeit. Grad gibt's ja wohl auch wirklich nicht viel. Die tun mir schon leid, die jungen Leute, warum sollen die sich noch bemühen." Die erste Dame zuckt zunächst mit den Schultern, dann schüttelt sie mit dem Kopf: "Nee, weißte, das glaub ich gar nicht. Das senden die nur so im Fernsehen. Guck mal, nach dem Krieg hatten wir nix, gar nix gab es da sonst von irgendwas - aber Arbeit, die gab's ja selbst da!"

Samstag, 31. Juli 2010

Mär Berlin

Albrecht der Bär gründete das Fischerdorf Bärlyn einfach und unkriegerisch durch Reden, Diskutieren und Überzeugen, auf dass Friede mit den Wenden (Cölln, Stralau und de janze Mischpoke) herrsche, aber das Bärlein sie ggf. alle "zusammentatze". So wurde es mal in der Grundschule gelehrt, düster dämmert es mir. Ob ausgerechnet die Berliner die Ritter der Christianisierung sein sollen, wie Varianten der Gründungssage es zeigen, oder ob sie nicht einfach nur gerne labern, sei mal dahingestellt. Fazit ist aber: Die PR hat schon immer gestimmt, auch wenn es nicht viel zu holen (und zu geben) gab.

Das Problem kennen viele Länder: den immensen, träumerischen, sich Wolkenkuckucksheime bauenden Zuzug vom Lande in die Großstädte, vor allem gen Hauptstadt. Denn dort müssen doch - gefällligst, logischst! - die Lebenschancen, vor allem die auf Arbeit, um so viel größer sein. Dazu kommt die Lebenschance auf größere Selbstverwirklichung. Was Letztere angeht, kann man, oberflächlich betrachtet, in dörflicheren oder kleinstädtischeren Regionen manchmal bestätigt sehen, woher dieser Eindruck und diese Hoffnung kommen. Großartiges scheint es, so der Traum, nur in der Großstadt zu geben. In Hintertupfing und Klein Hintersiehstemichnich sucht man vergebens so tolle und vor allem wichtige Aktivitäten wie Paintballspielen im Vollkostüm, Beachclubs auf Hochhäusern, Transgender-Töpfergruppen, Open-Air-Karaoke im Amphitheater oder eine Pingpong-Bar, in der man spät nachts, wochentags, abgeranzt, bei billigem Flaschenfusel und Gekiffe um eine verlotterte Platte rennen und "chinesisches" Tischtennis spielen kann. Mist aber auch. Da muss man doch was ändern!

Andererseits sind, ähnlich wie in (aber noch vor) Hamburg und München, in Berlin über 50 Prozent aller Haushalte Einpersonenhaushalte (genannt auch "Single-Haushalte", womöglich irreführend oder vorab wertend, wie zu überlegen ist). Was aber heißt das, dass jede/r Zweite hier allein lebt? Dass diese/r auch allein ist und sich allein fühlt (oder einsam, was nicht dasselbe ist wie allein)? Oder nur, dass das Ego und der Drang nach Unabhängigkeit, Freiräumen, Rückzug, auch: eigener Wohnung trotz Beziehung, summa summarum: nach nicht traditionellen Lebensformen größer sind als in vermeintlich spießigeren, kleineren Orten? Dies lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wäre aber mal eine Studie wert. Ebenso die Frage, ob denn "Single-Sein" nun eher mehr Lebensglück oder eher weniger beinhalten muss. Gängige Interpretationen gehen in Richtung des Zweiten und setzen dies als allgemein anerkannt voraus, obwohl Biologie, Chemie und Verhaltenspsychologie doch längst wissen, dass der Mensch zu lebenslanger Treue und Zweisamkeit ohnehin nicht geschaffen ist. Und obwohl - zumindest in Großstädten - ja die These zulässig wäre, dass bei größtmöglicher Selbstverwirklichung das Lebensglück nur marginal vom Status einzeln/gepaart abhängen könnte (wie gesagt, da steht noch eine Studie aus, wer hat Lust?). Bestimmt ist das nur die Verderbtheit dort, wo Sodom und Gomorrha herrschen und die Tugend sich verdünnisiert hat. Oder so.

Und noch ein Gedanke aus der Rubrik "Und dann war da noch...": Neben allgemeingesellschaftlichen, gesamtdeutschen Wohntrends spielt da vielleicht auch der demografische Wandel (ich kann mich immer noch nur mäßig damit abfinden, dass man die "Fische" jetzt mit F schreibt) eine nicht unwesentliche Rolle: Bei verwitweten Älteren ist die Frage, warum sie allein leben, vielleicht nicht so kompliziert zu beantworten. Und nein, auch Berlin ist nicht so jung, wie es sich gern gibt - was nicht heißen soll, dass Wowis inoffizieller Berlin-Slogan "arm, aber sexy" für Senioren nicht gelten darf. Statistik ist toll. Und wenn sie nicht gestorben sind...

Freitag, 30. Juli 2010

Mehr Berlin

Eine der Lehren aus dem DDR-Alltag lautet: Wo schon eine Schlange steht, sollte man sich erstmal mit anstellen - und dann fragen, was es gibt. Berlin wächst weiter. Allerdings nicht aus seinen eigenen Reihen heraus, denn die "echten" Berliner pflanzen sich kaum noch fort (wandern seit Jahren aus der Innenstadt ab, v.a. in den Berliner Speckgürtel, wenn sie eine Familie gründen oder gegründet haben, das schwächt die Statistik), sondern aus externer Zuwanderung und dem so zugewanderten, anderen Paarungsverhalten. Und das, obwohl das bunte Leben an Spree und Havel immer mal wieder als nicht gerade kinderfreundlich gilt. Da hilft auch das bundesweit erste Gesetz, das Kinderlärm unter Artenschutz stellt, nichts. Angesichts des immer wieder erforschten Zusammenhangs, dass "Akademikerinnen" in Deutschland generell keine, wenige und/oder erst spät Kinder bekommen, müsste Berlin ja dann mindestens zum Löwenanteil oder unter Einheimischen voller Hochgebildeter sein. Schade ums schöne Proll-Image. Aber zum Glück gibt es ja die Neuberliner. Die somit kreisschlussartig ungemein ungebildet sein müssenden (sonst würden sie ja keinen Nachwuchs werfen!) Zuwanderer kommen nicht nur aus dem (vorwiegend östlichen) Ausland; sondern der subjektive Eindruck stimmt total erwiesenermaßen: Die Provinz vereinnahmt die Hauptstadt! Rette msich, wer kann! Auf der Countryside muss es ganz ganz grässlich sein, denn an den tollen Chancen hier kann es nicht liegen.

Wobei man sich natürlich auch mitten in der Krise und mitten in der Pleitestadt prima an kleinen Entspannungszahlen festhalten und hochziehen kann (bei denen allerdings die Beschäftigungszahlen noch nicht viel über Löhne und Gehälter aussagen). Au au, lasst dazu mal nicht Buschkowsky sich nochmal äußern auf seinem tapferen Kreuzzug! Auf jeden Fall gibt es neuerliche Hoffnungsschimmer, auch dazu, dass das Überaltern und Entfamilialisieren der Hauptstadt sich umkehrt. Neuerdings wird nicht mehr nur noch in Pankow und Prenzlauer Berg geboren, sondern auch und vor allem in Friedrichshain und Kreuzberg. Den Gedanken, wie viele echte Urberliner sich wohl ausgerechnet in diesen vier Bezirken noch aufhalten, Babies machen und dann den stylishen Jogger-Buggy durch die Szene schieben, verfolgen wir mal nicht allzu weit. Aber da der Berliner Dialekt ja ohnehin zum Soziolekt verkommt, muss man ihn wohl seufzend abschreiben, ebenso wie den Berliner Humor und die sprichwörtliche Berliner Schnauze.
Die These von den gebärenden Provinzprolls entkräftet leider: Vor allem Studierende zieht es nach wie vor in die Hauptstadt. Man muss ja mal 'ne coole Zeit verleben, ehe man die Sache mit dem Bausparvertrag und der glücklichen Kleingartenfamilie in Angriff nimmt oder an der straighten Karriere bastelt - dies natürlich dann woanders, wenn man sich genug ausgelebt hat. Was aber wird z.B. aus Nord-Neukölln, wenn es dort vor Studi-WGs wimmelt und es immer hipper, teurer und "wohnwertvoller" wird? Gefahren drohen nicht nur dem alteingesessenen Altberliner Asi-Atzen in Adiletten.
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