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Montag, 4. September 2017

Das große Gähnen

Der Politikverdrossenheit huldigt die Autorin normalerweise genauso wenig wie einer generellen Medienschelte. Nicht nur wegen unzulässiger Verallgemeinerungen: Begriffe wie "die Politiker" oder "die Medien" und auch das ganze "Die da oben verarschen uns doch alle nur und es ist eh alles dasselbe"-Gejammer fand sie schon immer Verblödungsbelege, die einer Sachdiskussion oder Ursachenforschung wenig dienlich waren. Denn damit macht man es sich meist zu einfach und hält sich nur vom differenzierten Denken ab, leugnet außerdem seine eigene Rolle und Verantwortung im Diskurs und in der Mediennutzung.
Gestern aber verspürte auch die Grünzeuch-Autorin es: dieses sogartige Gefühl von Nihilismus, Breitband-Resignation, Langeweile, Deprimiertheit und Mit-einer-Soße-übergossen-Werden. Die Soßengarnitur zum Einheitsbrei hat dann auch mal Medienschelte verdient. "Daten, Zahlen, Fakten": Zwei Kanzlerkandidierende, vier Fragende bzw. Moderierende, fünf live übertragende Sender, über 16 Millionen Zuschauende und null Spannung oder Substanz.
Das "TV-Duell" zur Bundestagswahl zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz war kein Duell. Es war unfassbar langweilig und punktlos. Da konnten "Statistiken" aus hektischen Telefon-Zuschauerbefragungen (verschiedene Auftraggeber, verschiedene Institute und Instrumente, verschiedene Ergebnisse – meist lag Merkel vorn) nur erstaunen: Wo sahen die befragten Leute denn da Unterschiede zwischen den beiden? Hatten sie womöglich eine ganz andere Sendung verfolgt? Lebe ich in einer anderen Realität? Beginnt bereits der Wahnsinn?
Lustig hätte es werden können mit einem Bingo-Spiel: Wer jedes Mal, wenn eine/r der beiden Kontrahenten, die keine waren, "Europa", "europäisch", "gemeinsam" oder "ich bin dankbar" sagte, einen Schnaps getrunken hätte, dem hätte sich vielleicht ein lustiger Abend geboten – und inhaltlich wäre ihm in dem Zustand auch nichts entgangen. Tanken beim Danken: Ich bin dankbar für Ihre Frage. Ich bin dankbar, dass ich das sagen kann. Ich bin dankbar, dass Sie das sagen. Prost.

Das Tragische daran ist, dass es nicht nur an den beiden Politpersönlichkeiten lag. Auch, aber eben nicht nur. Die Fragen waren teils so absurd populistisch oder im besten Falle schlicht, dabei aber zugleich so langweilig, unerhellend oder wenig hilfreiche Vorlagen gebend, die vier ProfilneurotikerInnen auf der Journalistenseite so unpointiert, einander ausstechen wollend und dabei doch unobjektiv (allen voran der rechtstendenziöse Strunz, der einfach nicht auf diesen Posten passte) und das Ablaufkonzept war so starr und leblos, dass man sich durchaus fragen muss:
1. Was um alles in der Welt sollte das bringen, und wem?
2. Wie spiegelte das denn das angeblich so große Zuschauerinteresse aller politischen Couleur?
3. Warum musste das vermeintlich seriöse gemeinsame Format von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern denn AfD-Wahlhilfe betreiben?
Denn so wirkte es streckenweise. Dieses Unwohlgefühl wurde immer stärker. Zuallererst und dann ewig lang, weit über ein Drittel der Sendezeit, wurde nur über Flüchtlinge und Zuwanderer gesprochen. Ja, das ist ein wichtiges Thema, aber doch nicht das oberwichtigste und einzige – dieser Auffassung sind wohl nur die Rechten unter den Nicht- oder Protestwählern. Die mögen sich bestätigt gefühlt und die Debatten trotzdem nicht verstanden haben. Zugunsten dieser Priorität fielen etliche wichtige Themen alltäglicher Lebensrealität ganz hinten runter. Eigene Schuld von Merkel und Schulz, findet hinterher Sandra Maischberger, denn die hätten ja kürzer antworten können. Nur, dass sie das niemand im Studio ließ; und die Rückfragen trotzdem weder zur Erhellung noch zur Präzision beitrugen. Menscheln durfte es dabei nicht (iih, das wäre ja spannend gewesen), außer bei den angenommenen Leuten da draußen, die alle natürlich wieder mal "besorgt" waren. Die AfD jubelt.
Sie kriegte auch gleich noch eine neue Antwort, was "deutsche Leitkultur" ist: Geld und Nutzen und ein klares Gut/Böse-Schema. Denn ultrakurz wurde dann noch schnell abgefragt, ob man Homosexuelle wirklich okay findet, ob Trump und Kim und Erdogan ganz doll viel sehr böse sind, ob Familien mehr Geld bekommen, ob man bis "alt" oder bis "sehr alt" arbeiten muss und ob beide mal in der Kirche waren. Mir fehlen die Worte.

Zum Ausgleich gab es danach querbeet auf allen Sendern tiefgreifende Analysen über Überzeugungswerte. So etwa in der ARD-Talkrunde von Anne Will, in der aus völlig unnachvollziehbaren Gründen auch Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas Gottschalk saßen. Was sollte das? Was sollten die dort? Wer hatte etwas davon? Wo war da der Analyse- oder Identifizierungs-Mehrwert? Ach so, ja, klar, Gottschalk ist einfach nur ein unentschlossener Wähler. Hat sich auch in der Vergangenheit sehr als unvoreingenommen gezeigt. Sicher sehr exemplarisch für viele da draußen im Land, quasi repräsentativ. Denn die Deutschen sind ja ein Volk von lauter millionenschweren, berühmten Medienprofis, die den größten Teil der Zeit in den USA leben. Wenn das nicht zu Repräsentanz und Expertise qualifiziert!

Der Verdacht von großangelegter Satire drängt sich auf. Allerdings war es dazu zu wenig unterhaltsam.
Setzen. Sechs.

Montag, 28. August 2017

Socken rocken

Musikalisch stand Rudi Carrell Pate. Da stöhnen sie wieder alle und jammern: "Wann wird es mal wieder richtig Sommer?". Nur, weil es manchmal ein bisschen wechselhaft und Berlin entweder düster oder eine Dampfsauna war. Heulsusen! Einige sind da aber auch stur: "Wenn es eigentlich zu kalt is', trag' ich eben trotzdem Sommersachen und modifizier' sie etwas." Das Klischee lebt: Für eine solche Trotz-Garderobe wird man vermutlich nur in Deutschland (und hier am besten in der Hauptstadt der bizarr Gekleideten) fündig.
Kein Tourist (es fehlt die Jack-Wolfskin-Jacke).
Ein Berliner auf dem Weg zur Arbeit.
Feinster Businesslook in der S-Bahn.


Berlin kennt sich mit Mode eben aus.

Vielleicht sollte man bei der Musik eher Ina Müller heranziehen. Der kann man für ihren legendären Songtextreim "Nordrhein-Westfalen in Sommersandalen" ("Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei / dann tragen sie Socken / bis Ende Mai") stolz entgegenschmettern: Sch*** auf NRW und auch auf Schleswig-Holstein und Hamburg: In Berlin leben die totalen Styler, hier tragen sie immer Socken, auch zu Sommersandalen!

Freitag, 25. August 2017

Rauch kann ich auch

In einer Stadt wie Berlin gibt es nichts, was es nicht gibt. Selber brauen, selber nähen, selber fotografieren, selber alles, aber bitte immer mit fachlicher Anleitung und zertifiziert! Den Trend zum identitätsstiftenden, kreativen, pseudo-ökologischen, back-to-the-roots-mäßigen, hipstertauglichen, Hobbies-machen-glücklich-schreienden, "handgemacht ist immer qualitativ besser"-Grundsatz-gläubigen Selbstverwirklichungs-Workshop hat nun auch die Quarzerei-Branche erkannt. Ob "Namen sind Schall und Rauch" oder "Hans Dampf in allen Gassen", es geht um Expertenstandard und Fachwissen. Trotz High Tech und trotz strengerer Nichtraucherschutzgesetze: Nach Craft Beer kommen jetzt Craft Cigarettes! Und das ausgerechnet in einem Laden für E-Zigaretten:
Selbstwickel-Kurs: gesehen im Neuköllner Kindl-Boulevard
Beim "Selbstwickel-Kurs" geht es mutmaßlich nicht um Babies. Aber wer weiß.

Gewusst wie! Da nicht jeder alles weiß und manches wohl nicht (mehr) intuitiv zu sein scheint, sondern von Profis beigebracht werden und mit Zeitaufwand erlernt werden will, muss es Anleitungen für alles geben – ob auf Youtube oder in dem, was manche "das echte Leben" nennen.
Demnächst an einer Universität, Fachhochschule, Volkshochschule oder sonstigen Bildungseinrichtung Ihrer Wahl: "Einführung in die Rauchwissenschaft I: Zigaretten selbst wickeln – Geschichte, Theorie, Materialentwicklung, heutige Lebenspraxis und Forschungsstand". Tutorien und Praxisseminare sind in Planung. In einem dritten Modul gibt es dann: "Rauchen ja, aber bitte mit Öko-Siegel!", für das allerdings keine Leistungsnachweise angeboten werden. Und berufsbegleitend kann man (dank VHS und dank freikirchlichgeistiger Gurus wie dem vom oben abgebildeten Handel unterstützten) natürlich auch noch in höherem Alter einsteigen. Wenn die Lunge danach verlangt. Und man sonst kein Hobby hat.

Dienstag, 17. Februar 2015

Zitat der Woche (37)

Unbedingt nachzureichen ist noch das Zitat der letzten Woche: Eine junge Japanerin erläutert ihre Pläne, die Berliner Lindy-Hop-Tanzszene gründlich kennenzulernen, zu kopieren und das Swing-Revival nach Osaka zu exportieren. Ihr kommen Bedenken:
"But I think it will be difficult. I think that Japanese society is very narrow-minded. Sometimes I want to throw an atom bomb!"

Mittwoch, 16. Juli 2014

Zitat der Woche (33)

Später am Tag des Nationalmannschaft-Empfangs zum Sieg der Fußball-WM tanzt ein versprengter, später, schwarz-rot-golden dekorierter Fan über den Mehringdamm und singt zur Melodie des "Schunder-Songs" von den "Ärzten":
"Immer mitten in den Messi rein ...!"

Montag, 9. Juni 2014

Mett Men

Auch dieses Jahr muss er doch nochmal sein: der kurze Nebeneinblick in den Berliner "Karneval der Kulturen", kurz "KdK" genannt. Während in Köln das große Birlikte/Zusammenstehen-Fest gefeiert wird, fand der mehrtägige Kreuzberger Alternativkarneval aus Straßenfest, Umzug und Parties diesmal bei ebenso höllischen Temperaturen statt, nur ohne Unwetter. Und das, obwohl es doch sonst meist zuverlässig zu Pfingsten mindestens an einem Tag auf die SambatänzerInnen niederregnete.

Der Trend lautet: Heuer ist es in Berlin schon wieder "multikulti", wenn die jute olle Stulle, Bulette oder Currywurst exotisch aufgepeppt wird. Dass der KdK sich seit Jahren zunehmend kommerzialisiert, ist kein neuer Vorwurf. Ebensowenig, dass es nur noch um FSK (fressen, saufen, kaufen) gehe. Und erst recht nicht, dass hier neben viel zu viel Alkohol hinter und neben den Kulissen auch viel zu viele bewusstseinserweiternde Substanzen konsumiert würden. Doch Letzteres lässt sich inzwischen entkräften, wie das folgende Foto beweist: Der Konsum findet vor und auf den Kulissen statt. Und völlig legal(isiert). Dit is Balin.
Gefährliche Multikulti-multifress-Droge:
Chrystal Mett statt Crystal Meth.
Der Skandal daran ist allerdings, dass dieses Bekenntnis sich mitten im "Grünen Dorf", der Ökoabteilung des Straßenfestes, fand. Vegane Massenproteste werden sich hier sicher bald, ähm, kristallisieren.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Zitat der Woche (30)

Etwa 30-jähriger Hipster blökt auf der Kreuzberger Bergmannstraße, die inzwischen zu mindestens 90 Prozent durchgentrifiziert ist, laut in sein Smartphone:
"Yeah, you didn't send the original Abmeldebestätigung, right?"

Samstag, 20. Juli 2013

Luftschloss in Groß-Wolkenkuckucksheim

So schlimm kann es mit der Gentrifizierung in Berlin doch noch nicht sein, wenn im Nobelbezirk Zehlendorf, und zwar in dessen Eliteviertel mit den ganzen Villen, noch solche unfreiwillig lustigen, offenbar aber nicht satirisch gemeinten Wohnungsgesuche aushängen:

Joh, dett hätt ick ooch jerne. 
... und jede Menge Telefonnummern bereits abgerissen sind. Aber bei den Angeboten ist sicher irgendwo immer der Haken – zusätzlich dazu, dass Zehlendorf ja übelste Peripherie ist: Verdrängung der ärmeren Bevölkerungsschicht ins Ghetto am Stadtrand! Ein möglicher Haken wäre, wenn man den Garten selbst begrünen und in Schuss halten müsste. Abzocke!

Dienstag, 30. April 2013

Nange lacht

Lange Nächte haben in unserem Kulturkreis, zumindest in den Metropolen, inzwischen fast so etwas Ähnliches wie Tradition. Kann man sich zumindest einreden. Wie "lang" so eine Nacht dann wirklich ist und ob sie den Begriff "Nacht" überhaupt verdient, ist im Einzelfall durchaus diskutabel.
Im Fokus der Nächte stehen eigentlich meist Sport und Kultur. Aber heute ist schlichtweg alles ein organisiertes Happening: Berlin bekam nach der Langen Nacht der Museen (seit 1997, sogar 2x pro Jahr), der Langen Nacht des Shoppings (seit 2000, zum Glück dahinsiechend), der Langen Nacht der Wissenschaften (seit 2001),  der Langen Nacht der Opern und Theater (seit 2009) – die dieses Jahr, angeblich wegen "Optimierungsprozessen", ausfällt – und der Langen Nacht der Familie (seit 2011) schließlich letztes Jahr auch noch die Lange Nacht der Industrie dazu. Diese floppte offenbar wider Erwarten nicht; denn für den 15. Mai ist sie wieder angekündigt und wird groß beworben (vielleicht als Ersatz für ausfallende Opern und Theater? Das nennt sich dann "Zeitgeist"). Dass die Energieversorger, Luxusautomobilhersteller, Chemiekonzerne, Druckereien, Brauereien & Co., die sich an der Veranstaltung (Verzeihung: dem Event natürlich!) beteiligen, nur bis spätestens 22:30 Uhr durchhalten wollen und das dann eine durchgemachte, wirklich lange Nacht finden, ist nur eine lustige Randnotiz. Es stellt sich dem Lachenden eher die Frage: Was kommt als Nächstes? Die Lange Nacht der Stadtverwaltung? Der Banken? Der Unternehmensberatung? Der Gerichtsbarkeit? Des Hotelwesens? Der Messeveranstalter? Der Dienstleistung? Des Personennahverkehrs? Oder vielleicht die Lange Nacht der Grundversorgung? Das Grünzeuch bittet um Vorschläge! Ansonsten könnte man glatt denken, statt während einzelner langer Nächte könnte die Stadt sich auch mal während 365 Tagen den Themen widmen.

Samstag, 6. April 2013

Zitat der Woche (27)

Mann mittleren Alters mit südländischem Migrationshintergrund strahlt im Laden die Schuhverkäuferin an, die zwar freundlich berät, aber merklich gestresst und abgegessen vom Betriebsalltag ist:
"Is' schön, auch mal zu hören von das andere Geschlecht ..., dass Schuhe nervt."

Montag, 1. April 2013

GRimme all your lovin'

Das Grünzeuch ist für den Grimme Online Award 2013 nominiert! Ein herzliches Dankeschön an die/den unbekannte/n LeserIn, die/der das Onlineformular der Nominierungskommission genutzt hat! Wie auch immer die Ehre zustande kam (wahrscheinlich nur, weil es für das Einreichen von Vorschlägen ein Smartphone zu gewinnen gab) – da leuchtet dieses Blog doch freudig in wetterunabhängigem Neongrün. Nicht, dass die Redaktion sich Hoffnung machen würde, im Mai bei der Bekanntgabe der Favoriten dabei zu sein. Aber dieser Schritt ist doch auch schon schön. Als Nominierung angenommen wurde das chlorophyllhaltige Netzangebot für seinen spezifisch unkrautigen publizistischen Grünblick und insbesondere für die beiden Rubriken mit den Labels "babylonische Sprachverwirrung" und "Zitate". Was denn, endlich findet jemand Klugscheißern, Rumalbern und Lästern über Sprache, Schreibfehler, Zeichenhaftes, Aussagekraft, Un- und Missverständnisse nicht nur öde, obsolet und nervig? Es geschehen noch Zeichen (sic!) und Wunder. Hach. Das Grünzeuch im weiteren Verlauf der Preisfindung noch unterstützen kann man mit diesem Klick. Freudigen Ostermontag der ganzen Leserschaft!

Mittwoch, 13. März 2013

Zitat(e) der Woche (26)

Im Rennen um das Zitat der Woche sind schon zur Wochenmitte diesmal zwei Zitate, die beide durch das plötzliche Wiederauftreten von Schneemassen hervorgerufen wurden und daher hervorragend zusammenpassen. Der Redaktion war es unmöglich zu entscheiden, welches ihr Favorit ist.

(a)
Freundin der Protokollantin, frisch von München wieder nach Berlin gezogen:
"Die spinnen, die Neuköllner: in Langlaufskiern auf der Buschkrugallee unterwegs."

(b)
Biologisch einleuchtende, erklärende Warn-E-Mail eines weiteren Freundes an die Protokollantin, die bekanntlich ein gewisses, großes, wiederkehrendes Fest, das mit W beginnt (das, dessen Name nicht genannt werden darf), immer sehr fürchtet:
"Falls Du derzeit am Alexanderplatz vorbei fährst, nicht erschrecken. Durch den Wintereinbruch nach den frühen Sonnentagen hat es offenbar eine Verwirrung in der Natur gegeben. Gestern sah ich dort die Arbeiten Verwirrter, die einen Markt aufbauten. Dabei kann es sich nur um einen deutlich verfrüht aufgebauten W-Markt handeln. Vermutlich wurden die Erbauer durch den erneuten Frosteinbruch aus ihren Sommerhöhlen gelockt und begannen mit ihrer natürlichen Wintertätigkeit."

Sonntag, 17. Februar 2013

Tunnelblick (15): Wasndasey?

Eine schnatternde Schulklasse oder Abi-/Kursfahrt (jedenfalls ältere Teenager) mit Mädchenüberschuss bevölkert einen ganzen morgendlichen Waggon auf der Ost-West-Achse der S-Bahn. Dieses eine Mal kriegen bei deren derzeit obligatorischem Auftauchen die zwei Südländer mittleren Alters mit Ghettoblaster, Trompete, Gitarre und sehr dürftigen Instrumental- sowie Sangeskünsten, die seit geraumer Zeit auf jener Strecke mit ihrem allgegenwärtigen, ganztägigen "Nossa! Nossa!" (Jaa, jaa, es heißt "Ai Se Eu Te Pego" ... ein topaktueller Winterhit) immer wieder unfassbar nerven, nicht nur gequält leidende Blicke. Sondern zum einen erhalten sie seltenerweise jede Menge Kleingeld – und zum anderen Begeisterung. Johlen, Applaus, Fingerschnipsen, Rhythmusklatschen und ein weiblicher Mitsing-Chor branden auf. Erstaunt und erfreut sehen die beiden Männer sich daraufhin bei und nach dem Geldeinsammeln erstmalig zu einer Zugabe ermutigt. Jedoch lässt "Oh When The Saints Go Marchin' In" das irritierte Jungpublikum komplett kalt sowie völlig verständnislose Gesichter zurück.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ö-Eier

Trotz multilateralen Unmuts und Verwirrtseins: Jahr für Jahr beginnt bekanntlich in Kalenderwoche 35, spätestens allerdings am 1. September, in den Märkten das unsägliche W-Fest – das, dessen Name nicht genannt werden darf. Auch wenn die MitarbeiterInnen es oft noch nicht angemessen feiern, so startet zumindest aber, pars pro toto, das große Auftürmen leckerer und weniger leckerer, kitschiger und noch kitschigerer Artikel. So weit, so normal (da "normal" von "Norm" kommt). Dass neuerdings allerdings die Saisonware der üblichen Verdächtigen bereits im Oktober sogar für Ostern feilgeboten wird, ist zumindest verwunderlich. Regelrecht skandalös dagegen – und da war sie wieder, die Norm, die Gleichmacherei – ist, dass der Osterhase sich inzwischen, wenn das Produkt es erfordert, sogar als Nikolaus oder W[zensiert]smann verkleidet! Zumindest sieht er ihm täuschend ähnlich. Schmückt sich da einer mit fremden Rentieren?
Spannung, Spiel, Schokolade und wichtige Feste: All in one und das schon im Herbst!
So wird das Ü-Ei zum O- oder Ö-Ei. Oder auch zum Öh?-Ei.
Abgesehen davon beruhigen uns die vielzitierten, leidigen Deppenleerzeichen, dass der Euro sich nicht entwertet, es hier noch was gibt fürs Geld: für nur 79 Cent Kinder, ein Ü-Ei oder Oster-Anhänger. Na, vom Preis-Leistungs-Verhältnis her würden sich aus dieser Auswahl die meisten wohl eher nicht für die Süßware entscheiden. Oder "und" statt "oder"? Gibt es das alles für 0,79 Euro? Öh, ey?

Donnerstag, 27. September 2012

Im Reich der Tränen

Wer den guten, alten Grundsatz "Man ist immer so alt, wie man sich anfühlt" vergessen oder nicht verstanden hat, bekommt ihn von der Geschenkartikelkette Nanu-Nana in der Kuschelkitsch-Ecke sehr plastisch dargestellt:
Da hat sich das Dekorateurhandwerk richtig Gedanken gemacht. Man beachte auch die Chronologie: hübsch von oben und jeweils von links nach rechts zu lesen, wie ein Buch. Diese Leseweise ist ein selbstverständlicher Standard unserer Kultur – ebenso die übermittelte Botschaft. Gehen wir uns einsargen! Anyone for flashmob?

Sonntag, 9. September 2012

Zitat der Woche (19)

Auf der DamenFrauentoilette einer trashigen Metal-/Gothicbar ruft eine dunkel Durchgestylte, die ihren Longdrink sogar dahin mitgenommen hat, in glockenhell flötendem Säuselton nach ihrem vor der Klotür wartenden Freund:
"Schatz, hilfst du mir bitte mal grade? Ich muss kotzen."

Freitag, 3. August 2012

Leuchtend Schönes Design

Dass angesichts dauernder Wetterumschwünge mal die Pferde mit einem durchgehen können und man plötzlich seltsame Formen und Farben sieht, ist nachvollziehbar, menschlich und normal. Aber dieses Textildesign – vermutlich eines der hässlichsten, die je entworfen (und auch tatsächlich hergestellt!) wurden – hat die Trendspotterin wirklich und wahrhaftig erblickt! Ehrlich!
Nein, nicht Regina Regenbogen.
Für erwachsene Frauen. Größe L.
Zwei Wochen später hing das Einzelstück (Gott sei Dank! Die Welt wird nicht mit sowas überschwemmt! Was gut ist. Denn manche kaufen alles, wenn man ihnen nur sagt, dass es jetzt angesagt ist) nicht mehr in dem fraglichen Laden. Will sagen: Es wurde schockierenderweise tatsächlich – für übrigens nicht wenig Geld – gekauft! Oder rituell verbrannt? Oder in einer Galerie ausgestellt. Oder für das nächste Billige-Zeichentrickserien-Storyboard als Inspiration verwendet. Oder als textiler Bezug einer exklusiven Schultüte für Erstklässlerinnen verarbeitet. Die Einschulung naht, die Zeit drängt, da muss man nehmen, was man kriegt, wenn der Wunsch "Pferde" oder Ähnliches lautet. Notfalls auch für viel Geld; jeder weiß ja, wie die Kids und ihre Anspruchshaltungen heute sind.

Montag, 23. Juli 2012

Zitat der Woche (17)

Noch nachgereicht werden muss dringend ein Zitat der letzten Woche. Es hätte auch für einen Tunnelblick getaugt, ist aber verbal zu eindringlich. Junge Menschen bandeln an, Berlin 2012, Lektion 1: Sprachreduzierung. Eine Gruppe von Teenagern, geschätzt zwischen 16 und 19, die sich an dem Abend erst kennengelernt zu haben scheinen, nähern sich im Nachtbus an. Ein Männchen (und zwar eines ohne erkennbaren Migrationshintergrund) schlägt den Weibchen weitere gemeinsame Aktivitäten vor:
"Geht ihr morgen Sushi? Lass aber mal nich so spät. Zusammen, ey, ey, zusammen? Geb mir mal Handy, ich schreib Name."

Sonntag, 24. Juni 2012

Wortakrobaten über Ballakrobaten

Wortspiele liegen bei dieser Fußball-EM voll im Trend. Unter anderem grassieren sie auch als Witze per E-Mail: "Welche Tiere können keine Tore schießen? - Robben!", entsprechend lautet außerdem die Steigerung von "Nach-Hause-Robben" dann "Heimgriechen". Huhaahaha. Aber wenn E. Feu solche Witze reißt, wird gemeckert. Unfaire Welt.
Die lokale Berliner Axel-Springer-Zeitung "B.Z.", die ohnehin in letzter Zeit immer mal ein Beleg dafür ist, dass Boulveardjournalismus neben scheiße wenigstens auch mal originell sein kann, verstieg sich vor dem Spiel Deutschland gegen Dänemark gar zum Titelseiten-Aufmacher "Dänen geben wir heute 'ne Packung!". Dabei verkannte die Postille zwar, dass 95% ihrer Zielgruppe den Witz nicht verstehen oder bemerken würden. Aber sei's drum; netter Versuch!

Hier allerdings glänzt ein Sammelsurium wirklich kreativer Sprachgymnastik auf der fußballspezifischen Sonderspeisekarte eines Restaurants auf der Junggesellenabschied-, Flanier- und Touri(abzocke)-Meile Nummer eins, der nun endgültig alternativkunstbefreiten Zone Oranienburger Straße:

Deutsche Tapas und Wortakrobatik in Berlin-Mitte ...
..., aber da muss man sich halt für seine Lokalität auch was einfallen lassen, um noch
jemanden hinterm Ofen - oder derzeit vorm Fernseher - hervorzulocken.
Hoffentlich kann man das lesen. Tschuldjung für die schlechten Fotos, es war schon dunkel und die Speisekarte nur sehr spärlich beleuchtet. Passte aber zum umhergondelnden Volk, das auch etwas unterbelichtet war oder sich vorsätzlich in diesen Zustand soff.
Bleibt die tragische Frage, ob man derzeit eigentlich als Gastronom einpacken kann, wenn man sich dem Fußballwahnsinn nicht anschließt und ihn nicht ausschlachtet. Oder ihn womöglich sogar wieder einmal verweigert.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Crossroller

Wenn das mal keine Idee ist: Endlich lassen sich Fortbewegung und Ganzkörpertraining verbinden! Wer sich im Fitnesstudio schon immer geärgert hat, dass man dort Stunden vergeudet, ohne vom Fleck zu kommen, bekommt hier – für ein Vermögen, versteht sich – die Lösung. Eine Kreuzung aus Roller, Fahrrad, Stepper und Crosstrainer sieht so aus: 
All in one an der Bundesallee: sportives Crossrollerdreirad.
Fit für die Straße? Oder zumindest den Radweg? Ok, denkbar ist, dass man bei der Nutzung ein ganz kleines bisschen bescheuert angeglotzt wird und es minimal peinlich wirkt. Aber wen kümmert das, wenn es um Schönheit, Kraft und Ausdauer kombiniert mit maximalem, profanem Alltagsnutzen und Umweltverträglichkeit geht? Die formale Verkehrssicherheit mit Beleuchtung etc. ist der Autorin im Übrigen ebenso unklar wie die Frage, wie man mit den beim Crosstrainer entlehnten Armhebeln nicht nur schwenkt, sondern auch lenkt. Aber irgendwas ist ja immer.

Für das schlechte Foto durch eine Glasscheibe hindurch entschuldigt sich die radelnde Reporterin übrigens; aber die Inhaber oder Angestellten des teuren Designer-Lifestyle-Ladens mussten nicht unbedingt mitbekommen, dass ihre "Auslage" amüsiert abgelichtet wurde. Schon allein, um Marketingstreits oder gar ein Verkaufsgespräch zu vermeiden. Außerdem soll man ja nicht bremsen, was einmal ins Rollen gekommen ist.
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