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Dienstag, 17. Februar 2015

Zitat der Woche (37)

Unbedingt nachzureichen ist noch das Zitat der letzten Woche: Eine junge Japanerin erläutert ihre Pläne, die Berliner Lindy-Hop-Tanzszene gründlich kennenzulernen, zu kopieren und das Swing-Revival nach Osaka zu exportieren. Ihr kommen Bedenken:
"But I think it will be difficult. I think that Japanese society is very narrow-minded. Sometimes I want to throw an atom bomb!"

Montag, 9. Juni 2014

Mett Men

Auch dieses Jahr muss er doch nochmal sein: der kurze Nebeneinblick in den Berliner "Karneval der Kulturen", kurz "KdK" genannt. Während in Köln das große Birlikte/Zusammenstehen-Fest gefeiert wird, fand der mehrtägige Kreuzberger Alternativkarneval aus Straßenfest, Umzug und Parties diesmal bei ebenso höllischen Temperaturen statt, nur ohne Unwetter. Und das, obwohl es doch sonst meist zuverlässig zu Pfingsten mindestens an einem Tag auf die SambatänzerInnen niederregnete.

Der Trend lautet: Heuer ist es in Berlin schon wieder "multikulti", wenn die jute olle Stulle, Bulette oder Currywurst exotisch aufgepeppt wird. Dass der KdK sich seit Jahren zunehmend kommerzialisiert, ist kein neuer Vorwurf. Ebensowenig, dass es nur noch um FSK (fressen, saufen, kaufen) gehe. Und erst recht nicht, dass hier neben viel zu viel Alkohol hinter und neben den Kulissen auch viel zu viele bewusstseinserweiternde Substanzen konsumiert würden. Doch Letzteres lässt sich inzwischen entkräften, wie das folgende Foto beweist: Der Konsum findet vor und auf den Kulissen statt. Und völlig legal(isiert). Dit is Balin.
Gefährliche Multikulti-multifress-Droge:
Chrystal Mett statt Crystal Meth.
Der Skandal daran ist allerdings, dass dieses Bekenntnis sich mitten im "Grünen Dorf", der Ökoabteilung des Straßenfestes, fand. Vegane Massenproteste werden sich hier sicher bald, ähm, kristallisieren.

Sonntag, 19. Mai 2013

Zitat der Woche (28)

Ja, ja, schuldbewusst gibt das Grünzeuch es zu. Ob hier oder hier oder hier, der Kreuzberger KdK (Karneval der Kulturen) war dem Blog in den letzten Jahren schon verschiedentlich einen Eintrag wert. Und dabei wird das einstig bunte, leicht anarchische Multikulti-Fest doch leider immer mainstreamiger, kommerzieller, voller, kulturell desinteressierter und ballermanniger. Zumindest ein Zitat der Woche muss 2013 trotzdem nochmal sein. Weil's so absurd ist.
Mitten im dichtesten (sic!) KdK-Gewühl fragt ein junger Mann seinen Kumpel:
"Hier müsste es doch eigentlich jetzt irgendwo auch Getränke mit Alkohol geben, oder?"

Dienstag, 30. April 2013

Nange lacht

Lange Nächte haben in unserem Kulturkreis, zumindest in den Metropolen, inzwischen fast so etwas Ähnliches wie Tradition. Kann man sich zumindest einreden. Wie "lang" so eine Nacht dann wirklich ist und ob sie den Begriff "Nacht" überhaupt verdient, ist im Einzelfall durchaus diskutabel.
Im Fokus der Nächte stehen eigentlich meist Sport und Kultur. Aber heute ist schlichtweg alles ein organisiertes Happening: Berlin bekam nach der Langen Nacht der Museen (seit 1997, sogar 2x pro Jahr), der Langen Nacht des Shoppings (seit 2000, zum Glück dahinsiechend), der Langen Nacht der Wissenschaften (seit 2001),  der Langen Nacht der Opern und Theater (seit 2009) – die dieses Jahr, angeblich wegen "Optimierungsprozessen", ausfällt – und der Langen Nacht der Familie (seit 2011) schließlich letztes Jahr auch noch die Lange Nacht der Industrie dazu. Diese floppte offenbar wider Erwarten nicht; denn für den 15. Mai ist sie wieder angekündigt und wird groß beworben (vielleicht als Ersatz für ausfallende Opern und Theater? Das nennt sich dann "Zeitgeist"). Dass die Energieversorger, Luxusautomobilhersteller, Chemiekonzerne, Druckereien, Brauereien & Co., die sich an der Veranstaltung (Verzeihung: dem Event natürlich!) beteiligen, nur bis spätestens 22:30 Uhr durchhalten wollen und das dann eine durchgemachte, wirklich lange Nacht finden, ist nur eine lustige Randnotiz. Es stellt sich dem Lachenden eher die Frage: Was kommt als Nächstes? Die Lange Nacht der Stadtverwaltung? Der Banken? Der Unternehmensberatung? Der Gerichtsbarkeit? Des Hotelwesens? Der Messeveranstalter? Der Dienstleistung? Des Personennahverkehrs? Oder vielleicht die Lange Nacht der Grundversorgung? Das Grünzeuch bittet um Vorschläge! Ansonsten könnte man glatt denken, statt während einzelner langer Nächte könnte die Stadt sich auch mal während 365 Tagen den Themen widmen.

Montag, 1. April 2013

GRimme all your lovin'

Das Grünzeuch ist für den Grimme Online Award 2013 nominiert! Ein herzliches Dankeschön an die/den unbekannte/n LeserIn, die/der das Onlineformular der Nominierungskommission genutzt hat! Wie auch immer die Ehre zustande kam (wahrscheinlich nur, weil es für das Einreichen von Vorschlägen ein Smartphone zu gewinnen gab) – da leuchtet dieses Blog doch freudig in wetterunabhängigem Neongrün. Nicht, dass die Redaktion sich Hoffnung machen würde, im Mai bei der Bekanntgabe der Favoriten dabei zu sein. Aber dieser Schritt ist doch auch schon schön. Als Nominierung angenommen wurde das chlorophyllhaltige Netzangebot für seinen spezifisch unkrautigen publizistischen Grünblick und insbesondere für die beiden Rubriken mit den Labels "babylonische Sprachverwirrung" und "Zitate". Was denn, endlich findet jemand Klugscheißern, Rumalbern und Lästern über Sprache, Schreibfehler, Zeichenhaftes, Aussagekraft, Un- und Missverständnisse nicht nur öde, obsolet und nervig? Es geschehen noch Zeichen (sic!) und Wunder. Hach. Das Grünzeuch im weiteren Verlauf der Preisfindung noch unterstützen kann man mit diesem Klick. Freudigen Ostermontag der ganzen Leserschaft!

Dienstag, 19. März 2013

Kamikaze-Aquarius

An der bereits 32. Berliner "Langen Nacht der Museen" nahm am vergangenen Samstag erstmalig auch das Zoo-Aquarium teil. Nicht nur konnte man dort im Obergeschoss bei den Insekten riesenhafte Heuschrecken und ähnliches Grusel-Geviechs mutig auf die Hand, Schulter oder sonstwohin nehmen und sich für diese Waghalsigkeit bewundern lassen (was interessanterweise vor allem Frauen zu tun schienen, während Männer behaupteten, dies würde ihnen ja gar nichts ausmachen und habe daher keinen Kick, in die Tat setzten sie es aber doch eher nicht um). Sondern auch andere Aktionen wurden für die späten BesucherInnen bereitgehalten. Den ungewohnten Andrang zu absolut unchristlicher Stunde fanden aber wohl nicht alle Tiere toll. War es der Ruhe- und Schlafmangel, der aus Stichlingen Lemminge machte, oder ging es eher um ein Auffallenwollen zwischen Haien, Kaimanen und anderen Poser-Attraktionen, als ein kleines, unscheinbares Flossenvieh für viele Minuten provokant mit dem Kopf in einer hungrig geöffneten Muschel verharrte?
Ein suizidaler Fisch. Oder ein ziemlicher Angeber.
Und damit dieses Posting niemanden deprimiert oder die Tierschützer artgerecht auf die digitalen Barrikaden ruft, zum Abschluss noch was Schönes, das beim Angucken nichtmal glibbert:


Donnerstag, 5. Juli 2012

Grüner hören

In eigener Sache weise ich auf Folgendes hin: Auf der Musikseite Last.fm (für die ich an dieser Stelle aber absolut keine Werbung machen möchte, ich distanziere mich selbstverständlich auch von allen dortigen Inhalten außer von meinen höchst eigenen, etc. pp. ff. blabla!) bloggt dit Feu seit einiger Zeit ab und zu auch über ausgewählte besuchte Konzerte. Warum ein grünes Spin-Off und warum dort? Da auf besagter Seite automatisch der Link zur jeweiligen Veranstaltung, teils mit Infos dazu, gesetzt wird, schien es leichter, das dort zu tun. Außerdem passen die Musikkritiken hier ins restliche "wuchernde Unkraut" des Grünzeuchs nicht so recht hinein.
Bisher besprochen wurden: Bobo in white wooden houses, Watcha Clan, Max Raabe & das Palast Orchester, Camille O'Sullivan, Katzenjammer, The Red Hot Chili Peppers, Poutrelles Fever, Malediva, Ganz Schön Feist, Shantel und Metric. Fortsetzung folgt, einfach ab und zu mal schauen. Klassikkonzerte bleiben aus verschiedenen Gründen wohl weiterhin eher ausgeklammert; aber mal sehen.
Das grünliche Gedudel findet ihr bei Interesse mit diesem Klick oder da---->
am rechten Rand im Menü, unten, verlinkt unter "andere nette Gewächse" (auch wenn es zugegebenermaßen eigentlich kein anderes ist; oder zumindest kein nettes; aber dafür wenigstens ein Gewächs). Zumindest dann, wenn die Roll-L(e)iste seltenerweise nicht bockig ist und mal schlichtweg funktioniert. Das soll es geben. Manchmal. Gerüchtehalber.
Warnung: In Efeus Konzertblog warten (natürlich ganz subjektive) Berichte auf euch, keine Konzertfoto-Kolonnen! Denn - nota bene! - knipsen können andere besser und Frau Feu genießt lieber den Moment, als sich diesen durch dauerndes, wahnhaftes Alles-in-Bild-und-Ton-festhalten-Müssen zu zerstören. Viel Spaß! Oder aber Entschuldigung.

Nachtrag: Kommentare sind übrigens nicht nur hier, sondern auch dort gern gesehen.

Samstag, 2. Juni 2012

Leer gut

Nötig ist doch noch ein Nachtrag zum Pfingstwochenende: Zwei wunderbare, professionelle, vor allem aber atmosphärisch dichte Schnappschüsse Fotografien vom 2012er "KdK" (Karneval der Kulturen) dürfen der interessierten Weltöffentlichkeit nicht länger vorenthalten werden, wie die Redaktion nun feststellte. Die Bilder fangen die schöne Stimmung und den Geist der Berliner Kulturveranstaltung inklusive seiner kulinarischen, gesellschaftlichen und stilistischen Vielfalt und seines ökologischen Ansatzes gut ein.

 Karneval der Trinkkulturen (vor allem der Pils- und Pilzkulturen):
Was passiert mit Leergut, wenn die Tonne voll ist und abgeschlossen wird?

"Sie standen an den Hängen und Pisten."
Hier traf es das Bezirksamt Kreuzberg. Aber jeder nur einen Busch!

Montag, 28. Mai 2012

Zitate der Woche (12)

Schwierig, schwierig - um das Zitat der Woche (Pfingsten sei Dank, durch den Feiertag hat das Grünzeug die Woche mal dreist bis zum Montag verlängert) konkurrieren folgende Aussprüche:

(1) 
Eine Freundin, die seit Jahren zu einem eigentlich nonstop arbeitenden Workaholic-Energiemonster mutiert ist, hat sich allen Ernstes extra mehrere Tage Urlaub genommen, um exzessiv das lang ersehnte, nach Jahren endlich erschienene "Diablo III" (oder 3?) zu zocken. Ihre schockierte Selbsterkenntnis zwischen ausdauerndem, nerdigem Computerspielen:
"Ich stelle fest, dass ich doch älter geworden bin: Habe zwischendrin tatsächlich eingekauft und die Wohnung geputzt!" 

(2)
Ein Mann, der - offenbar planend - im Sonnenschein mit Klemmbrett, Laptop und einer (mindestens Geschäfts-)Partnerin im szenigen Kiez um den Helmholtzplatz vor einem Lokal sitzt, welches baustellig im Um-, Aus- oder Aufbau begriffen ist, sagt sinnierend und dramatisch zu der Frau, dem Klemmbrett oder dem Laptop:
"Das wird 'ne Horrorküche. Die werden sich dauernd gegenseitig anzicken und anpissen." 

(3)
Junge Frau, die am Rande des Festumzuges zum Karneval der Kulturen (an dem es doch tatsächlich mal nicht geregnet hat!?) von ihrem Freund wie ein kleines Kind huckepack getragen wird und mutmaßlich nicht mehr ganz nüchtern ist:
"Streiten kann auch mal ganz geil sein."

Sonntag, 8. April 2012

Zitat der Woche (9)

Ein Schauspieler aus der Improvisationstheatergruppe "Die Gorillas" macht nach der Show im Kreuzberger Ratibor-Theater noch Ankündigungen für diverse Veranstaltungen. Die letzte ist folgende:
"Und am 20. April ... [geistesblitzfreudig ändert sich sein Tonfall, er macht eine große Geste] - an Hitlers Geburtstag!! - ... [geschocktes Lachen im Publikum] ..., da machen wir hier einen Flohmarkt. Dazu kann jeder seinen eigenen Schnurrbart mitbringen... [quietschende Aufschreie im Publikum] ... und Dinge tauschen... Was denn, haben Sie denn kein so'n Hitler-Bild überm Bett hängen? [Tumult] - Ähm, ich auch nicht..."

Samstag, 26. November 2011

Zitat der Woche (3)

Berliner Kulturbohèmiennes - eloquent, analytisch, kritisch! Eine Ballettbesucherin beim Verlassen der Deutschen Oper zu ihrer Begleiterin:
"Irgendwie war die Musik gar keine richtige Musik! Oder? Mehr so 'ding, ding' ."

Dienstag, 17. Mai 2011

Efeuvision Song Contest

Auch dieses Blog muss sich ab und an mit irrelevanter, mainstreamiger Populärkultur befassen (es tut dies natürlich sehr, sehr ungern):

Beim Eurovision Song Contest, besser bekannt immer noch als der Grand Prix de la Dingsda, haben 2011 angeblich einige einiges gezeigt. Die Eurovision hat gezeigt, dass sie tatsächlich ab und zu mehrere hörenswerte und auch stilistisch unterschiedliche Titel hervorbringen kann. Europa hat gezeigt, dass es locker und offen ist, dass es seine Definition nicht so eng sieht und der Ex-Ostblock getrost die EU-Mitgliedschaft beantragen kann, versuchen kann man's ja mal, mit Unterstützung der Nachbarn vielleicht. Außerdem hat Europa gezeigt, dass es null Geschmack hat. Dass gute Musik oder aber partytaugliche Disco schon im Halbfinale zugunsten austauschbaren Matsches rausfliegen (schade z.B. um Belgien, Türkei und Armenien) oder dann in der Schlussrunde keine Mehrheiten finden - mit einzelnen Ausreißern. Aserbaidschan hat gezeigt, dass es weiß, wie Kitschindustrie funktioniert. Deutschland hat gezeigt, dass es Superlative kann. Dass es technisch und organisatorisch fit ist, und zwar nicht nur in der Rüstungsindustrie. Angeblich auch, dass es nicht nur zum Anlass "Fußball" ein Partyvolk ist. Lena hat gezeigt, dass sie singen und Englisch gelernt hat und jetzt Vollprofi ist; womit sie aber die naiv-unbekümmerte, natürliche Bühnenpräsenz verloren hat, die ihren Erfolg begründete. Anke Engelke hat gezeigt, dass es Vorteile hat, mehrsprachig aufzuwachsen. Der NDR hat gezeigt, dass er Multitalente hat. Und RSSR, Rampensau Stefan Raab, hat gezeigt, wann man besser einfach mal die Fresse hält. Und was man aus "Satellite" Gutes, Rockiges machen kann.



Viele sind ja nach dessen Auftritt im Rahmenprogramm der Meinung, wir sollten nächstes Mal Jan Delay zum ESC schicken. Die Autorin steht dem Mann zwiegespalten gegenüber. Der Fischkopp ist sicherlich ein Charakterkopp. Einfach 'ne coole Sau. Er macht gute Musik und Stimmung. Aber das Efeu persönlich hat so Stimmen, die es nicht mag; die von Jan Delay gehört dazu. Das Genäsel nervt einfach, inklusive der Tatsache, dass es irgendwie schade ist, wenn man von guten Texten dann nichts verstehen kann. Andererseits amüsiert die Vorstellung, wie es wohl für die internationalen Gäste war, die lässig groovende Pausenshow zu hören, zu sehen und zu mögen, sich aber, gut ausgestattet mit einem deutschen Wörterbuch oder einem akustischen Vorab-Briefing durch eine Lern-DVD, die ganze Zeit zu fragen: "Welche Sprache is'n das, zum Geier!?" (diese Frage darf im Kopf gern in beliebige europäische Sprachen sowie Russisch, Türkisch, Hebräisch, Arabisch, ... übersetzt werden).

Die Autorin ist vielmehr dafür, 2012 Ina Müller zum ESC zu entsenden. Am besten mit einem Text auf Plattdeutsch, das gäbe auch Folklorepunkte (hier würde sich das Ganze folgerichtig eventuell sogar als Soul-Funk-Duett mit Jan Delay anbieten, Duette gehen immer, q.e.d.). Die Dame als Jury-Präsidentin war ein Grund, die Veranstaltung zu mögen. Und das, obwohl sie auch nicht immer einen treffenden Musikgeschmack hat (leider ebenfalls q.e.d.). Eine andere Variante wäre Stefan Hantel, besser bekannt als Shantel. Internationale, tanzbare gute Laune mit Ohrwurmeffekt – und Punkte gäbe es sicher auch vom Balkan, den ehemaligen SU-Ländern, Israel, Rumänien, Türkei, ...! Ach nein, die Idee wird nichts, mehr als sechs Leute auf der Bühne sind ja nicht erlaubt.

Im Folgenden eine grüne Vorschlägeliste, Pi mal Daumen, wie das Finale diesmal z.B. ausgegangen wäre, wenn die Welt gerecht wäre (Diskussion gern via unten verfügbarer Kommentarfunktion).

Die Top Ten (Geschmacksurteil abgewägt mit Grand-Prix-Stil-Kriterien): 1. Serbien, 2. Italien, 3. Moldau, 4. Deutschland, 5. Estland, 6. Schweiz, 7. Georgien, 8. Irland, 9. Island, 10. Ungarn.

Schleimig-gestrige Boybands und Schnösel sowie Heulbojen bitte nach hinten. Auf die letzten drei Plätze Griechenland für absolut unterirdisch schlechten, unfreiwillig komischen Rap in berechnender Schmalzfolklore-Kombi, Russland für schmierige Retorte und Spanien für komplette Belanglosigkeit.

Montag, 27. September 2010

Herds of Nerds

Die Berliner Veranstaltungsort-Landschaft ist ein Kosmos für sich. Funktion trifft Freaks und Fete, Konvention trifft Indie und etepetete. In Friedrichshain heißt ein Teil dieses Kosmos sogar so. Kurz vor dem Frankfurter Tor sitzt das Ungetüm, das früher das größte Kino der DDR, in den 90ern dann mal Berlins erstes richtiges Multiplex war - und nun als "Wir greifen sie alle ab!"-Transformerspielzeug sein Dasein fristet; irgendwo zwischen aufgemöbelter Mehrzweckhalle, Tagungszentrum, Biergarten mit "Public Viewing" und wochenendlicher Großraumdisko für sehr junge Menschen einheitlichen äußeren Stils, die gern zu einem Mix aus House und alten wie neuen Charts tanzen und vor allem posieren.

Letzten Sonntag gab es dort ein Publikum, das deutlich vom sonstigen abwich, auch wenn es ebenfalls zu einer seltsamen - anderen - Art von Vereinheitlichung neigte; natürlich mit der üblichen "Yes, we're all individuals"-Anmutung dabei. Anlass war eine Record-Release-Party der nächsten und in diesem Falle spezielleren, da drei Teile und Versionen umfassenden, Folge der von vielen kultisch verehrten Hörspielreihe "Die drei Fragezeichen" (jaaaaa doch, die korrekte Schreibweise ist: Die Drei ???). Kongenialerweise in dieser Örtlichkeit veranstaltet; denn die Hörspiele verlegt "Europa", die dazugehörigen Bücher und sonstiges Merchandising jedoch der "Kosmos"-Verlag. Hinter der Veranstaltung steckte natürlich die Lauscherlounge, in deren Gestalt sich Justus-Jonas-Sprecher Oliver Rohrbeck quasi beständig selbst huldigt, während er regelmäßig Gutes für Hörfans und Hörspielschaffende tut.

Verteilt auf drei verschiedene Säle und unter dortiger Anwesenheit des jeweiligen Original-Detektiv-Sprechers hörten die Gäste entweder die Version von Justus, von Peter oder von Bob. Anschließend gab es im großen Saal statt Clubszene mal Blubbszene: Die drei Sprecher interpretierten als Extra-Gimmick via Bühne und Leinwand ein kleines, etwa 30-minütiges, unveröffentlichtes und nicht wirklich ernst gemeintes Livehörspiel und erzeugten teils auch die Geräusche dazu selbst. Die Ausrede, sie läsen den kompletten Text just(us) zum ersten Mal, will man mal wohlwollend gelten lassen für zunehmendes Fadenentgleiten, Aus-der-Rolle-Fallen und Wirrerwerden gen Ende. Zumal es dem Unterhaltungswert keinen Abbruch tat und diesen zweiten Teil zum eigentlich lohnenderen des Abends machte. Lohnend jedoch nicht deswegen, weil die Herren anschließend noch Tombola-Gewinner zogen.


("Record Release Party" unter kreischenden Fans. Keine Kinder.)


(Diesmal kein Weltrekord: Verglichen mit diesem ekstatischen Waldbühnen-Massengekreische war's im "Kosmos" gemütlich!)
 
Das Ganze hätte eine gelungene Veranstaltung sein können. Wäre da nicht die unsägliche Organisation seitens des Kosmos gewesen. Zum Konzept gehörte nämlich u.a. auch, die Leute per Ankündigung "Einlass ab 18 Uhr" in Kombination mit freier Platzwahl zum Frühkommen und Schlangestehen zu bewegen - und dann im strömenden Regen stehen zu lassen. Nicht etwa ein paar gnädige Minuten vor sechs öffneten sich die Tore, nein, sondern 20 Minuten später, und dann im Schneckentempo, da genau eine Tür und ein Mitarbeiter offen waren, Letzterer allerdings wohl vorwiegend rektal, speziell was pampige Reaktionen, betont langsames Tempo und dreiste Lügen ("Es ist doch seit sechs, spätestens fünf nach sechs, Einlass!" - seltsam, hätte man das, auf ebendies lauernd, nicht um 18:05 Uhr gemerkt?) anging. Als Krönung hüpfte eine vergnügte Enie van de Meiklokjes mit einem kleinen Kamerateam um die sich in mehrere Schlaufen legende Schlange herum - eine dumpfe Ahnung machte sich breit, dass im "Bericht" nur Positives, nur ein Bejubeln der beeindruckenden Zahl an Interessenten für ein solches Event auftauchen würde. Dabei hätte sich der eine oder andere zutiefst angefressene, berlinisch hervorgefluchte O-Ton aufgedrängt, und sei's als Gegenwehr gegen Enies Berufsjugendlichkeit und betont lustige Überdrehtheit.
Nach fast einer Stunde Einregnen (das hält kein Schirm aus, ohne durchzuweichen) und Pfützenstehen dann endlich im trockenen Foyer angekommen, hielt sich der Spaß leider angesichts kompletter Durchnässung etwas in Grenzen und wollte sich auch den Rest des Abends nicht bedingungslos einstellen. Der Erkältung ins hämische Antlitz zu sehen, während man auf kaltem Steinfußboden sitzt, macht irgendwie schlechte Laune. Da riss es auch die Phase im bemerkenswert gemütlichen, leider aber kühl klimatisierten Kinosessel (Raum "Peter"!) nicht heraus.

Die eigentliche Attraktion war aber ohnehin etwas anderes: das Publikum. Wie bereits angedeutet handelte es sich um eine beeindruckende Spezies Mensch. Das Thema Barrierefreiheit für Seh- und Mehrfachbehinderte mal außen vor gelassen: Schillernd belegt wurde, dass Nerdtum sich nicht allein durch Computersitzen/-spielen oder andere vermeintlich junge bzw. zeitgenössischmediale, aber das Individuum isolierende Trends auszeichnen muss. Sollten Nerds sich gelegentlich auch häufen, anstatt nur, wie das Klischee es besagt, als sozial vereinsamte Randfigur im stillen Kämmerlein vorsichhinzufreaken, so war an der Frankfurter Allee irgendwo ein Nest. Ein sogenannter Nerd-Herd. Dieser ergab eine ganze Nerd-Herde oder gleich mehrere davon. Sie versammelten sich mysteriös. Es wogte ein Meer aus Fanshirts, schüchternen Autogrammjägern, skurrilen Gestalten, Alles-auswendig-Kennern, frenetischem Bekreischen, Gruppenjubel, Devotionalienjägern, verscheuklappten Ellbogen-raus-und-durch-wohin-auch-immer-Egomanen, Einzelgängern, Einzelkämpfern, selbstgebastelten Motto-Utensilien (ein Highlight: Fragezeichen-Ohrringe aus Fimo!) und Gutenachtgeschichte-Junkies mit Hang zur Kindheitsnostalgie. Kinder indes waren so gut wie keine anwesend. Auf die zielte das Ganze auch überhaupt nicht ab, obwohl die Hörspielreihe sie ja eigentlich als Hauptzielgruppe hat(te). War die Kindheitssehnsucht echt? Es drängt sich der Verdacht auf, dass gerade auch im Bereich der sogenannten Alten Medien und vielzitierten Retro-Trends mehr und mehr ein Kult allein schon aus dem Aus-etwas-einen-Kult-Machen gemacht wird.

Dienstag, 24. August 2010

Vom Feuern und Feiern

Es sollte das letzte open-air-taugliche Berliner Wochenende werden. Ob das stimmt, warten wir erstmal ab; der durchschnittliche Wetterfrosch kann sich schließlich nicht mit Oktopus Paul messen. Auf jeden Fall wurde es meinerseits desbezüglich genutzt - und hätte darin kontrastreicher nicht sein können.

Bereits zum 12. Mal gab es im Britzer Garten, den der echte (West-)Berliner auch nach 25 Jahren immer noch stoisch "das Buga-Gelände" oder kurz "die Buga" nennt, am Samstag das Feuerblumen und Klassik Open Air. Was ich nicht verstehe, ist, wieso jemand bei einer solchen Veranstaltung Stuhlreihen-Platzkarten kauft, wo doch der Reiz im Picknicken und Wiesesitzen liegt und die reine Akustik sowie der Sitzkomfort, falls es um dies beides geht, sicher in einem Konzertsaal besser wären. So unterteilte sich das Publikum gestrenge und abgesperrt in gemütliches Parkvolk (oder Packvolk?) mit den günstigeren Wiesenkarten einerseits und die selbsternannten oberen Zehntausend andererseits (bitte die Eingezäunten nicht füttern!) - die garantiert weniger Spaß hatten. Von der ursprünglich, man merkt's, eher auf Sport spezialisierten radioBerlin-88,8-Moderateuse Marion Pinkpank (ist das eigentlich ein Künstlername?) wurde die Zwei-Klassen-Gesellschaft noch unterstrichen: In ihren ebenso bemüht wie erfolglos auf locker-lustig getrimmten Moderationen wurden die in die Bestuhlung vor der Bühne Gedrückten als "verehrte Damen und Herren" gesiezt, die WiesensitzerInnen dagegen mit "Habt ihr Spaß da hinten? Ihr seht so toll aus!" geduzt, egal, ob auch hier das Durchschnittsalter recht hoch und mehrfach Omi und Opi mit Campingzubehör oder Picknickkorb angerückt waren. Man erliegt eben gerne Klischees und biedert sich dann an, um das Senderimage zu verjüngen. Da sowohl Jazzradio als auch Klassikradio pleite sind, erklärt sich wohl auch, warum nicht Letzteres das Event sponserte und präsentierte. Na gut: dadurch sowie anhand der Frage "Öffentlich-rechtlich oder privat?" - angesichts einer Stadtparkveranstaltung.
So oder so: 12.000 BesucherInnen können nicht irren, Charme hat das Konzept. Schon vom Namen her, schließlich veranstaltet hier immer die "Grün Berlin GmbH", da müsste ich eigentlich mitwirken (ha, Brüller). Auch wenn die Musikauswahl bei der "St. Petersburger Nacht" nicht nur meine allererste Lieblingsklassik war. Inmitten all des Grünzeuges brutzelte dabei die Augustsonne in einem womöglich letzten Aufbäumen erbarmungslos vom Himmel, so dass sich unser erlauchter Kreis während der Nachmittagshitze unvereinbar in Sonnenanbeter und Schattensitzfans teilte. Als sich die befreundeten Splittergruppen am frühen Abend auf der inzwischen brechend vollen Hügellandschaft wieder zusammenschmissen, ergab dies nicht nur nasse Rückseiten vom Senke-Sitzen (da war doch die Tage davor irgendwas mit Regen gewesen? Wie war das doch mit der Physik und dem Lauf des Wassers, so rein unterirdisch betrachtet?), sondern man hatte die Musik auch mehrheitlich schon den ganzen Tag gehört; schließlich war vor Beginn des offiziellen Konzertteils stundenlang öffentlich geprobt worden. So war das Ganze ein gefällig untermaltes, gemütliches, stundenlanges Picknick. Mein spezielles Highlight war darin einmal mehr menschliches Verhalten: und zwar von Spinnern, die ihr halbes Wohnzimmermobiliar inklusive Stand-Kerzenleuchter mitgebracht hatten, bis hin zu einem der Unsrigen, der den ganzen Tag nörgelte, er warte so sehr auf das nächtliche Feuerwerk - um dann, als dieses endlich (natürlich zu Händels "Feuerwerksmusik") grandios inszeniert und choreografiert den Himmel illuminierte, die ganze Zeit die Augen zu schließen und den Kopf gen Boden zu senken: Das sei ihm "zu grell". Höchst amüsierte Grüße an dieser Stelle nach Provinzlauer Berg. Duuu nenn andere nochmal "Weichei"!
Gegen 23 Uhr glich der sonst so familienidyllische Großgarten mit den sich wegwälzenden Horden jedenfalls dem Olympiastadion beim Abzug von Fußballfans. Da soll noch einer sagen, in der Peripherie sei nix los und Klassik ein totes Genre. Wie irreführend der Begriff "E-Musik" ist, zeigte sich auch einmal mehr. Ein besserer fällt mir allerdings auch nicht ein.
"Volles Haus"...
...geht auch ohne Haus.
Bessere Gesellschaft und Wiesensitzer, Klang und Licht:
"Feuerblumen & Klassik Open Air" im Britzer Garten.
Jenen beschaulichen Unterbezirk Britz nennt der klassische Proll übrigens stänkernd "das Hollywood von Neukölln", wie am Sonntag bestätigt wurde. Auch wenn der klassische Proll in diesem Fall erstens eine Prollette, zweitens dann doch wieder keine und drittens gar nicht so klassisch war. In der "Kurmuschel von Bad Neukölln - wir sind ja jetz Kurort, in Juttas Kneipe wurde 'ne Futschi-Quelle entdeckt", auch Freiluftkino Hasenheide genannt, gastierte zum 4. Mal die Trash-Klamauk-Combo um Ades Zabel alias Edith Schröder. Was könnte russische Klassik, Barock und Mozarts seichtere Werke besser kontrastieren als konsequent schlechte und genau dadurch gute Travestie mit boshafter Prekariatsattitüde? Ediths Sommernachtstraum war wohl ein recht alkoholisierter Traum - diesmal nicht nur gespielt betankt, sondern zu "echt" wirkend von Stolpern, Textvergessen und Konfusion begleitet. So viel Unterhaltungswert hatte selten etwas so Konzeptloses. Dabei wurden kostenlos Zitty-Hefte verteilt, da Hochwürden auf dem aktuellen Titel prangt, und den Besuchern als Geschenk Rostbratwürste aufgedrängt. Schade, dett dit Jrünzeuch keen Fleesch frisst. Anderen dagegen reicht ja schon das reine Wort "Wurst" zur ekstatischen Begeisterung, und zwar öfter mal.
Wie immer gab es auch Randale light (zwecks besserer Sicht an den Seiten rupfte Edith vor der Bühne ganze Büsche aus, "wenn dett mal nich Ärger gibt mit so'ner Kampflesbe vom Grünflächenamt!") sowie, ganz im Handke'schen Sinne, beste Publikumsbeschimpfung: Sei es beim Verschachern von letzten Grillwürsten (von "Wenn ick dich so ankieke... na macht nix. Ick hatte ooch schon zu viele Würste!" bis hin zu "Wer hat sich jetz zuerst jemeldet? Hier, die da hinten, die mit den Möpsen, den kleenen! Aber dafür janz schön dicker Bauch! Is da watt drinne? Haste 'n Braten inna Röhre, ja?") oder Regenschirmen ("Ihr seid doch nich aus Zucker! Obwohl - hier wohl mehr als woandas. Ick werf mal Schürme. Siehste, dit is der Beweis, ooch Schwule können fangen.") oder bei Verkupplungsversuchen ("Biste etwa hetero? Ach so, er weeß noch nich, er überlegt noch!").
Als im Laufe des Abends die unfasslich drückende Hitze durch das abgelöst wurde, was ich mir leichtsinnigerweise im letzten Blogeintrag gewünscht hatte, erteilten sowohl Bühnenvolk als auch Publikum den gediegeneren und runderen Veranstaltungen ein Lehrstück in Sachen "feiern". Tapfer blieben fast alle, ob unter Bäumen am Rand Schutz suchend, in Regenkleidung oder Schirme geduckt oder einfach schulterzuckend, vor Ort und johlten eher lauter als leiser - und ließen auch die Darsteller nicht allzu vorzeitig gehen. Auch wenn diese ebensowenig ein Dach über sich hatten und das Programm(?) erst stärker abkürzen wollten, dann aber im Wolkenbruch alle Fünfe gerade sein ließen. Für die wild zusammenimprovisierte Finale-Party bei offenen Schleusen und ohne elektrischen Schlag, dafür aber mit noch gegenseitig übereinander ausgeleerten Gießkannen und Wassereimern, gebührt sowohl Edith als auch Biggy, Jutta, Kevin-Adriano, Adriano-Kevin und dem restlichen Edith-Universum massiver Respekt. Nur gut, dass Lady Gaga und Hürriyet Lachmann (welcher Deutschtürke nennt eigentlich seine Tochter "Freiheit"?) da schon von der Bühne waren. Die hätten sicher gezickt.

Samstag, 19. Juni 2010

Mal blau machen

Nicht nur Erzählungs-, Dialoge- und Charaktere-Kreativität kann man jenem armen, vom und im Alter gänzlich uninspirierten Mann absprechen. Auch seine so hochgelobte Fantasie in Sachen "wunderbare Weltwesen" ist nach jüngsten, grünen Enthüllungen höchst zweifelhaft: Denn nicht einmal seine Na'vi hat James Cameron für "Avatar" selbst ersponnen!

Dass er sich vielmehr als ganz gemeiner Dieb im ollen Ägypten, etwas genauer: in West-Theben vor etwa 4.000 Jahren, bedient hat, wird wachen Betrachtenden bar jedes Zweifels augenfällig. Und zwar bei einem Besuch im schön restaurierten, wiedereröffneten Neuen Museum in Berlin. Wie Schuppen von den Haaren fallen muss es denjenigen, die sich nicht nur auf stolz in Szene gesetzte Prestigeobjekte wie etwa den Gipskopp der flotten Tante Nofretete konzentrieren, sondern auch auf Miniaturen, auf scham- oder angstvoll in schattigen Vitrinen zwischen anderem Treibgut Verstecktes:



Hochgewachsene, quasi nackte, leuchtend blaue, über und über mit seltsamen Punkten tätowierte Frauen mit kräftiger Beinmuskulatur und eindringlichen Augen? Das kennen wir doch irgendwoher!

Diesen infamen, skandalösen (ja! Skandale, Skandale!) Ideenklau, mithin Diebstahl geistigen Eigentums, wird allerdings inzwischen weder der/die unbekannte Künstler/in noch (als netter Nebeneffekt der Eigenschaft "unbekannt") dessen/deren Familie oder Erbengemeinschaft anzeigen. Weder Hollywood noch sonst jemand am oberen Ende des Machtgefälles muss sich für Plagiate rechtfertigen. Wir wussten es immer: Die Underdogs dieser Welt werden noch Generationen später ausgebeutet. Sie haben weder Urheber- noch Ureinwohner-, Urwald- oder Urwaldureinwohnerrechte!

Ein Schlumpf wurde übrigens bisher trotz investigativer Anstrengungen in keiner historischen Sammlung entdeckt, wird aber auf dringenden Verdacht hin weiter gesucht.

Montag, 12. April 2010

Speed Dating

Wochenenden sollen einen ja ausgleichen. Das ist wie mit "ausgleichender Tagescreme": eigene Defizite durch Drüberkleistern verdrängen und hoffen, dass sich das Problemfeld dann angenehm entspannt, vital und harmonisch anfühlt. Die ausgleichende Wochen(end)creme heißt "Alternativentwurf". Falls sich also etwa die Hirnrudimente überbeansprucht anfühlen, könnte man diese mit dem Draufschütten von Alkoholika oder dem Berieseln durch schlechte Fernsehereignisse ausgleichen. Könnte. Müsste natürlich nicht. Ideenlosigkeit dagegen könnte man sogar durch eine ganze Menge ausgleichen, die vorgefertigte "Places to be"-Ausgehkultur ist schillernd (von mir aus auch goethend) genug. Stumpfe Überarbeitung gleicht sich hervorragend durch hochqualifiziertes, inhaltsloses Rumhängen aus. Unterwöchige eigene Konzentration auf den schnöden Mammon dagegen, oder aber auch auf Notwendigkeiten, lässt sich beliebig durch kulturelle Happenings aller Art ausgleichen. Auch Zeitmangel (und sei es, weil das Wochenende sich kaum unterscheidet von der Woche bzw. die Woche sich fieserweise ins Wochenende fortzieht) findet seine Balance. Denn wenn wenig Wochenende übrig bleibt, drängt man eben ein konzentriertes solches in eine komprimierte Erlebniswelt; nimmt sich weniger Zeit für mehr Inhalt; gibt sich mehr Erfahrungen für weniger Planen. Es gibt Gegenentwürfe zum Fast Food auf anderer - und obendrein gehobener - Ebene: Nach der "Langen Nacht der Museen" und der "Langen Nacht der Wissenschaften" etabliert sich im Kritikern zufolge komplett prolligen, anspruchslosen und kulturfreien Moloch Berlin nun auch eine "Lange Nacht der Opern und Theater", die am Samstag zum zweiten Mal stattfand.

Schwierig zu entscheiden, was man sehen wollte oder konnte, die Routen zu planen, sich ein stimmiges Abendprogramm zusammenzustellen und das Prinzip Theater-Hopping auch größtmöglich auszunutzen. Im Schnitt 20 bis 30 Minuten dauerten die Kurzpräsentationen der (diesmal 68) teilnehmenden Spielstätten. Nur: Hin- und wegkommen musste man auch noch - und im Gegensatz zu Museen erfordern Theater auch einen festen Turnus namens Beginn und Ende, den man schon mal verpassen kann. Darum ergab sich keine Route, die weit auseinander gelegene Häuser kombinierte und realistisch erschien. Weitere Notiz fürs nächste Mal: Mehr als vier Theater sind sowieso nicht zu schaffen. Mag auch daran liegen, dass der Begriff "lange Nacht", so konnte man schon bei den anderen beiden Kulturreihen bemängeln, doch sehr euphemistisch ist. Eine lange Nacht ist für die/den eine/n oder andere/n womöglich doch kein Kurzpanorama, das um spätestens(!) ein Uhr die Schotten dicht macht. Was man sich außerdem schenken sollte, so ließ sich erahnen und nun bestätigt bekommen, sind große bzw. allzu bekannte, "mainstreamige" Spielstätten. Denn die Anstellzeit schmälert den geistigen Gewinn. Weil man dann nämlich doch wieder zu wirtschaftlich denkt: "Wenn ich noch länger anstehe und bei der nächsten Vorstellung wieder nicht in den Saal darf, schaffe ich den Rest nicht mehr." Dann doch lieber mal überall regulär und in Ruhe hin. Falls ich plötzlich grüne Golddukaten scheiße.

Nichtsdestotrotz: Die Sache ist eine spaßige Idee und war auch spannend. Und das trotz absurder Menschenmassen (das Grünzeuch spielt sich selbst vor, nicht klaustrophob zu sein), aggressiver Anstellpraxis und kompletter, offensichtlicher Kulturlosigkeit von mindestens der Hälfte aller Interessenten. Denn was bleibt, ist: Das Konzept wird offenbar noch schneller und besser angenommen als die anderen beiden "Langen Nächte" (klar, man muss nicht so viel selbst denken). Und: Irgendwie erhebend, wenn die Stadt auf den Beinen ist, und zwar mal nicht zum Shoppen oder aber Saufen und Feiern, sondern quer über alle Altersgrenzen hinweg wegen einer KulTour (gaaaanz neues Wortspiel!).
Und dort schien die Zeit das Maß aller Dinge zu sein.
Motto: "Wie viel Bühnenhopping schafft man in sechs Stunden?"
Ergänzt um: "Ist was dabei, das mich so fesselt, dass ich mich damit mal (wieder) ausführlicher beschäftigen will? Und kann ich zwischendrin auch mal aufs Klo gehen oder was essen bzw. trinken - oder wirke ich dann zu profan und unkultiviert?"
Eigentlich wie beim Speed Dating. Nur, dass es nach dem "Time Over!"-Signalton nicht direkt weiterging mit dem nächsten Input.

Also mit den Hufen gescharrt, Energie getankt, bequemes Schuhwerk angezogen, den Regen ignoriert, nicht zu sehr daran gedacht, was noch alles unerledigt war und auf einen lauerte, während man sich solchermaßen müßiggehend-dekadent die Theaterwelt als Dienstleister vorführen ließ, der dem Prinzip "So viel wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich" zu folgen hatte, und die ausgleichende Wochenendcreme aufgetragen!

Start war die Komische Oper, welche "Gruftmugge", Untergangsmusik in Form eines Kammermusik-Medleys, im Foyer bot und eigentlich(sic!) - wenn man das Glück hatte, sich an der engagierten Desorganisation des Hauses vorbeizuschummeln - auch "die schönsten Operntode", gesungen im Saal. Das Untergangsdrama um Hertha BSC war allerdings in beiden Darbietungen ebenso wenig dabei wie der eine oder andere Flugzeugabsturz, so modernisierungswütig ist nicht mal die Komische Oper.
Weiter ging es zur Blue Man Group; nette Sache, guter Gedanke ("Regulär ist mir das eh zu teuer"), aber eine Stunde anstehen und im Foyer wie Mastvieh eingepfercht und zwischengeparkt werden für 10 Minuten Show und dann anschließend 15 Minuten, um wieder rauszukommen, das war trotz sehens- und hörenswerter Effekte nicht so ganz lohnend. Da, wo die meisten Tauben hinscheißen, ist wahrlich nicht immer Venedig.
Also doch lieber die kleinen Theater: Lohnt sich meist sowieso mehr. Auf der Route kamen derer eigentlich rein zeitlich nur noch zwei infrage.
Pflichttermin war sowieso das BKA, in dem Ades Zabel alias Edith Schröder mit dem Rest der Bagage Hof hielt. Es gibt nichts Kultivierteres als das. Edith zelebrierte wie immer Neukölln, diesmal in Kreuzberg, traf dort auf Karl Lagerfeld, wurde zum Superstar, trank natürlich schlecht singend und tanzend wieder Futschis und auch mal Wodka (von Mampe! Dass es sowas gibt! Warum sagt mir das keiner?), führte ihren Wunderpullover vom türkischen Discount sowie ihre Brüste vor und Freundin Biggy warf mit stinkenden Wiener Würstchen aus dem Glas ("Mööönsch sach ma, dit sind ja noch Vorwendewürstchen! Abjeloofn 1989!") nach dem Publikum. Großartig, allein das hat sich für Freunde des schlechten Geschmacks und der bissigen Sozialsatire wie erwartet gelohnt.
Das Finale bildeten die O-Ton-Piraten am Theater O-TonArt in Schöneberg, die zu geschnittenen Tonfetzen vom Band eine Playbackshow inszenierten. Freaks und Nerds freuten sich: ein Leckerli für Film- und Hörspiel-/Hörbuch-Junkies. Offiger kann ein Off-Theater eigentlich auch kaum sein und auch hier war die Travestie wieder so schlecht, dass sie schon gnadenlos gut war - wenn auch das Programm und das Konzept womöglich nicht so auf Dauer tragen, da schon 30 Minuten zwar nett waren, aber auch ausreichend. Mag auch an der Uhrzeit gelegen haben. Highlight an diesem Theater war jedenfalls die Inszenierung, welche das (sich bis dahin mit viel, viel Kultur bereits ziemlich ausgeglichen habende) Publikum selbst bot - im Vorfeld, auf dem Hinweg zum Theater: Eine streng gewandete und auch streng kommunizierende "Dame" rollte an der Shuttle-Haltestelle ein Lange-Nacht-Absperrband ab und reihte alle dem Bus Entstiegenen daran auf. Bis zur Ecke geleitete sie den kichernden Entenmarsch noch, dann überließ sie alle ihrem Schicksal. Angeblich sollte die Gruppe vor dem Theater eingesammelt werden. Stattdessen bot sich das beängstigende Szenario, dass auch heute noch in Deutschland offenbar alle machen, was ihnen befohlen wird, ohne es auf Sinn zu hinterfragen (vielleicht fühlte sich mancher auch in seine Kindheit zurückversetzt): Im Theater, im Obergeschoss eines 2. Hinterhofs, 10 Minuten nach Perlenkettenauffädelung an der Bushaltestelle, hingen von 30 Personen immer noch 27 artig festhaltend hintereinander am Band. Waren aber sehr, sehr ausgeglichen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Theater eben immer interaktiv ist, die Frage ist nur, wie stark oder wie offensichtlich.

Sehr ausgeglichen war auch ein etwas regennasses Efeu bei der abschließenden Feststellung, dass es sich statt anspruchsvoller Bühnenkunst eigentlich nur schmissige Unterhaltung gegeben hatte; und dass das Niveau der zusammengestellten Tour über den Abend hinweg stetig abgenommen hatte, was aber nicht hieß, dass dies auch für den Gewinn an Ausgleich galt. Vielleicht lässt sich daraus die optimistische, beruhigende, selbstbetrügerische Hoffnung schöpfen, dass es bei diesen Theater-Quickies keine Kulturlosigkeit auszugleichen galt - sondern im Gegenteil Gosse und Burleske in der Woche gefehlt hatten. Und dass diese immer dabei sein sollten, damit es beim Date (mit dem eigenen Hirn) spannend ist und knistert. Ganz im Sinne Helge Schneiders: "Is nich Rilke..., aber dafür kurz."

Mittwoch, 31. März 2010

I never wanted to be a Woman!

Besser spät gebloggt als nie:
Geburtstage muss man gebührend feiern! Monty Python feierten ihren 40. ausgesprochen gebührend, und zwar bereits am 23.10.2009 - an keinem geringeren Ort als der proppevollen, tobenden Royal Albert Hall in London. Ersonnen hat dazu Ex-Python Eric Idle (derjenige der Truppe, der nie erfolgreiche Soloprojekte jenseits des Python-Humors verwirklichen konnte) zusammen mit dem genialen musikalischen Pythons-Unterstützer John du Prez, der die meisten großen Python-Songs und Filmmusiken verbrochen hat, etwas Besonderes: Das Oratorium "Not the Messiah (he's a very naughty boy)", basierend auf Händels "Messias" (die Homepage wirbt: "Like Handel, only funnier!") sowie auf dem beliebten Python-Film "The Life of Brian" (das Grünzeuch findet "The Meaning of Life" ja noch viel genialer, aber Brian ist natürlich auch großartig - und bekannter). Mit großem Chor, der - sich sichtlich das Lachen verkneifen müssend - jeden Scheiß mit- oder gegensang, dem Symphonieorchester der BBC und gestandenen Gesangssolisten, dazu mit Gastauftritten einzelner Ex-Teammitglieder, alle in mehr oder weniger Würde ergraut: Terry Jones und Terry Gilliam hatten ebenso ihre gefeierten Momente wie Michael Palin oder Carol "Irgendwie gehört sie als Teamfrau dazu" Cleveland, Neil Innes oder die Original-Mounties aus den Lumberjack-Sketchen; John du Prez durfte dirigieren und Eric Idle war die ganze Zeit vorne mit dabei, tapfer versuchend, in "Bariton...ish" gegen die Profi-SängerInnen zu bestehen. Wer fehlte, war John Cleese, warum auch immer. Entweder sie haben sich zerstritten oder er ist mal wieder mit einer teuren Scheidung beschäftigt. Schade, seiner eigenen Geburtstagsfeier fernzubleiben.

Natürlich gibt's den Mitschnitt auf DVD oder Blu-ray. Aber das allein wäre öde und nicht weiter berichtenswert: Denn der 25. März 2010 war sozusagen "Monty Python Day". An diesem einzigen Tag wurde die Aufzeichnung weltweit in ausgewählten Kinos gezeigt.
In Berlin war es die mondäne Astor Filmlounge, die mitmachte und sogartig anzog. Bei Begrüßungscocktail, (etwas dilettantischer) DJane im Foyer, Getränkeservice am Platz, einführenden Worten vor dem Vorhang, Lightshow und glänzend aufgelegtem Publikum machte die Parodie auf Oratorien, Opern, Musicals, Gospels und englische Musiklegenden (Eric Idle gab einen glänzenden Bob Dylan ab, man hat auch null verstanden, was er genuschelt hat) und natürlich auf die Messias-Geschichte entsprechend Spaß. Es wurde auch applaudiert, als sei man im Oktober live dabei. Auffallend das gemischte Publikum: Altersmäßig waren garantiert noch viele echte Fans der ersten Stunde im Saal. Dazu tauchten jenseits der Brian-Handlung zwischendrin immer wieder bekannte Sketch-Anspielungen oder Melodiefragmente auf, die das Publikum sofort wiedererkennend bejohlte oder mitsummte. Eins der Highlights: die mozartesk gesungene Kopulation (es lebe die Koloratur!) von Brian und Judith. In der Bibel heißt das so schön: "Und sie erkannten einander". Dagegen sieht Meg Ryans legendäres, lustiges Stöhn-Feuerwerk im Restaurant aus dem Film "Harry & Sally" alt aus.

Ein bisschen abgewandelt wurde die Brian-Story für Not the Messiah natürlich. Und sei's auch nur, damit man z.B. als Schlussnummer nach dem obligatorischen "Always Look On The Bright Side Of Life" doch noch zum "Lumberjack Song" kam: Der Sprachfehler von Pontius Pilatus aus "The Life of Brian", der seinen Freund, den Zenturio Wigus Dickus (auf Deutsch: Chwanzus Longus), ankündigt, ist hinlänglich bekannt. Am Ende war er es nun der Römer - Verzeihung: der Wömer -, der in Originalgestalt von Michael Palin träumend seiner geheimen Leidenschaft fröhnte: "I never wanted to be a Woman [Roman]! I wanted to be... a lumberjack!" - Naja, Stan dagegen wäre ja lieber "a woman": Man nenne ihn bitte Loretta und kämpfe für sein Recht, Babies zu bekommen.
Seltsam, in den Rolltiteln habe ich kein "in memoriam" gesehen für den 1989 verstorbenen Graham Chapman (der wollte kein Mädel sein, auch wenn er oft eins gespielt hat, der war ganz normal maskulin schwul). Immerhin war selbiger nicht nur ein wichtiger Python, sondern auch der echte Brian. Das ist irgendwie unfein.

Dienstag, 16. Februar 2010

"Hei-Jo!"

..., so lautet der offizielle Berliner Karnevalsruf (von "Heiterkeit und Jokus", nein, das wirkt überhaupt nicht konstruiert). Ja, Tatsache: Sowas hat Berlin! Ganz ehrlich und vor allem ernsthaft! Kennt nur keiner; nichtmal der Berliner selbst. Und überhaupt: Karneval? Hier? Ick gloob, meen Schwein feift!

Zunächst mal heißt das hier Fasching. Ebenso, wie das beliebte, fettigsüße Krapfenteiggebäck Pfannkuchen heißt. Des Weiteren ist das Ganze hier was für Kinder (wohlverdient ham se sich's). Überdies kennt hier niemand Begriffe wie Fettdonnerstag oder Karnevalfreitag und nutzen tut diese Tage auch keiner: Die lieben Kleinen feiern am Rosenmontag sowie vor allem am nicht etwa Veilchen-, sondern Faschingsdienstag, und wenn das vorbei ist, ist das auch nicht weiter schlimm. Ich entsinne mich an meine Grundschulzeit und diverse Faschings-"Nachfeiern" lange nach Aschermittwoch; denn mit Scheinheiligkeit, Bigotterie, Aberglaube und anderen christlichen und vorchristlichen Tugenden haben wir's hier seit der Moderne ebensowenig wie mit dem Grundgedanken, mal unter kirchenkalendarischem Deckmäntelchen eine streng festgelegte Zeit lang die Sau rauszulassen und hinterher von den Sünden nichts mehr zu wissen, geschweige denn, was aus ihnen zu lernen. Und dann, schlussendlich, lasse man doch bitte den Berlinern ihre hart erarbeitete und ebenso wohlverdiente Antihaltung inklusive amüsierzwangbefreiter, jeckenabstinenter Zone.

Doch wie das so ist: Die Besatzungsmächte drücken den Einheimischen rücksichtslos ihre Bräuche auf und bezwecken, sie - notfalls mit Gewaltanwendung - zu missionieren (oft kennen sie es nicht anders; schließlich haben die Ärmsten es zuvor meist selbst bitter so erfahren müssen). Die Gewalt kann hierbei auch psychischer Natur sein. Früher waren das die Schwaben, eine mittlerweile selbst aus der Region vertriebene Ethnie. Seit Jahren schon versuchen nun die hier stationierten Exil-Bonner und artverwandten Zugezogenen, in Berlin allen Ernstes(!) einen Karnevals-Festumzug zu etablieren (angeblich nehmen auch immer ein paar Menschen teil an dem traurigen Vorfall - mutmaßlich keine echten Berliner). Laut jelacht. Außerdem werden ein paar tatsächlich existente, lange und zu Recht völlig unbekannte Berliner Karnevals-"Traditionsvereine", die bisher aus einigen verwirrten, alten Männern bestanden, welche auf Uniformen, Vereinsmeierei, Satzungen und Tagesordnungen standen und sich ihr Biotop dafür erhielten, ins Rampenlicht geschubst, mit öffentlicher, militanter Brauchtumpflege und PR beauftragt sowie von den Besatzern gefördert. Aufgehen will die Rechnung jedoch nicht so recht.

Vielmehr wächst Widerstand, der dem an sich ja sehr offenen und toleranten, Minderheiten respektierenden und sich mit widrigsten Gegebenheiten immer wieder arrangierenden Berliner Geist schon durch echte Schmerzen entwachsen sein muss. Da ist dringend gegenzusteuern, ehe der Berliner sich vergisst oder aber intolerant wird! Sonst entsteht ein gefährliches, explosives Klima an Spree und Havel, und plötzlich wird gegen den Eindringling aufbegehrt! Denn die Angst vor kompletter Dominierung und Überfremdung wächst. Es gibt ganze Wohnquartiere, in denen ungewohntes Stimmengewirr einer sich großkotzig aufführenden, die örtlichen Preise und damit Lebenshaltungskosten in die Höhe treibenden, alles Berlinerische verteufelnden und als pampig oder unkultiviert verhöhnenden, zugezogenen Minorität erklingt. Quartiere, in denen nichts mehr in der Heimatsprache beschriftet ist: "Bäckerbrötchen" liest man da statt Schrippen, und statt der ekligen, aber liebgewonnen Pfannkuchen bieten die derart fremddominierten Backwerkhändler zu Silvester und auch zu irgendwas, das sich irreführend "Karneval" nennt, sogar "Berliner" feil - der Eingeborene gruselt sich, denn er will keine Brüder und Schwestern essen. In der Kneipe soll es für die Barbaren "Kölsch" regnen statt `ne Molle und dazu "Frikadelle" statt Buletten sowie "Schnittchen" (welch Sexismus!) statt Stullen. Hoffentlich keine Schnittchen mit Berlinern drauf. Dazu schreien neuerdings noch einige Rädelsführer "Alaaf!". Panik greift um sich. Das Bedrohungsgefühl schleicht sich in den berlinischen Alltag. Das ist nicht gut für den sozialen Frieden, die Mechanismen sind leider bekannt: Ein Tier, das sich bedroht fühlt, geht womöglich zu Angriffsverhalten über. Das kann enorme Kräfte freisetzen. Alles läuft auf die gute, alte (etwa so alt wie die Hauptstadtentscheidung mit Regierungssitz-Umzug) Parole hinaus: "Ausländer rein, Rheinländer raus!" - Zumindest die, die kriminell sind (also zum Beispiel auffällig werden durch Diebstahl und Hehlerei von Identitäten; durch tusch- und wimpelbewaffnete Erpressung und Nötigung mit völkisch-abergläubischem Brauchtum; durch Anstiftung oder Beihilfe zum Schunkeln; durch Überfall auf die guten Sitten; durch Einbruch von Niveau; oder durch Gehirnvergewaltigung). Und die, die sich einfach nicht an unsere Kultur anpassen und sich nicht integrieren wollen. Und die gefährlichen Fundamentalisten unter ihnen. Die sollte man alle ausweisen, wieder nach Hause an den Rhein. Falls die solchermaßen in die Pampa geschickten, untragbar gewordenen Kolonialherren dort wegen ihrer Andersartigkeit - als mal im Ausland mit frei feiernden und frei denkenden, nein, überhaupt denkenden, Menschen in Kontakt Gewesene - politisch verfolgt sein sollten, könnte man sie zu ihrem Schutz, denn der Berliner ist ja kein Unmensch, auch in eine sichere Drittregion ausweisen. Zum Beispiel nach Bayern. Am besten zur Oktoberfest-Zeit direkt auf der Wies'n aussetzen.
Heijo!


Samstag, 13. Februar 2010

Welturaufführung

War das ein erhebender Moment, den man als normaler, nichtelitärer, verfrorener Mensch statt im Friedrichstadtpalast oder am Brandenburger Tor zumindest live auf Arte miterleben durfte! Das schon in der bekannten Fassung absolut besondere Stummfilm-Monument "Metropolis" in einer restaurierten, um die wiedergefundenen Szenen bereicherten Fassung und mit Live-Orchestrierung: Da begriff man endlich manche Handlungsstränge, bei denen man bisher dachte, man sei nur zu doof, um Kunst zu verstehen. Danke fürs Erretten meines Selbstvertrauens.

Nunmehr zweieinhalb Stunden lang, ist das über 80 Jahre alte Werk kein bisschen langweilig. Auch die anschließende Doku über Irrungen und Wirrungen von Filmrollen, Historikern und Kriegsbeute warf noch das eine oder andere spannende oder gar skurrile Licht auf einen Film, von dem man bisher dachte, er sei ein derartiger Klassiker, dass man sowieso alles über ihn wisse.
"Welturaufführung" deshalb, weil das, was wir da sehen durften, ja in dieser Fassung zuvor noch niemand gesehen hatte. Denn es ist ja immer noch nicht die ursprüngliche, ganz eigentliche Ur-Version, wie sie zur Premiere 1927 immerhin einige wenige Menschen zu Gesicht bekamen, ehe das Ganze verstümmelt wurde - sondern nur eine filmgewordene Mutmaßung über die ehemalige Montage, bei der auch immer noch einzelne Sequenzen fehlen. Die Sache bleibt für Cineasten spannend. Und der Film ein Wegweiser für Kunst, Film, Architektur und mehr. Hach, schwelg, die 20er Jahre hatten schon was. So, und jetzt will ich sofort ein Original-Filmplakat!

Dienstag, 1. Dezember 2009

Von Minaretten und Menuetten

Von wegen neutral: Ich glaub, meine Grüße aus dem letzten (oder eher ersten... na, egal) Posting an die Schweizer muss ich zurücknehmen. Weltoffen? Tolerant? Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass es sich bei dem Vorurteil, dass die Alpenvölker alle stockkonservativ und außerdem sehr wunderlich seien, egal, was sie von sich selbst behaupten, gar nicht um ein Vor-Urteil handelt. Eher schon um ein Ver-Urteil. We are not amused.

Ein schillerndes Beispiel dafür, dass unser allgemeiner Schrei nach mehr Basisdemokratie mit Mitteln von Volksabstimmung, Volksentscheid & Co. ein Land auch fein in die gesellschaftliche Scheiße reiten kann, weil das Volk leider nicht immer mit Weisheit gesegnet ist, wenn nur die Werbestrategie und Polemik einer der aufrufenden Richtungen gut genug sind: 57,5 Prozent der Schweizer - na gut, Ehrenrettung: 57,5 Prozent von ca. 54 Prozent, die es interessiert hat - wollen keine Minarette in ihrem schönen Ländli und sind der Meinung, dass man dies auch schlichtweg verbieten kann. Mit Islamfeindlichkeit und Intoleranz hat das natürlich gar nix zu tun! Nein, nein! Das ist nur... das ist nur so halt. Wegen der Angst. Genau. Und weil es ja ein freies, offenes Land bleiben soll, und neutral obendrein. Dass das Ganze in sich absurd ist, zudem gegen europäische Rechtsstandards (hier von "Recht", nicht von "rechts") verstößt und auch nicht gerade ein gutes Lichtli auf die Schwyzer und den Geist, des' Kind sie zu sein scheinen, wirft, war wohl nachrangig. Fassungslos hofft die Verfasserin, dass die eine oder andere Verfassungsklage nachfassen und Erfolg haben wird. Nicht, weil hohe Türme baulich toll und Muezzinrufe sehr angenehm sind (könnte mir auch vorstellen, dass mancher da nur aus seiner persönlichen Genervtheit heraus abgestimmt hat - mich nervt Kirchglockengebimmel am frühen Sonntag auch). Sondern weil mit nichts zu rechtfertigen ist, aus kulturellen Gründen unter dem Deckmäntelchen reiner Bauvorschriften solche Doppelmoral zur Schau zu tragen.

Lustig auch, dass Umfragen im Vorfeld mal wieder versagt haben. Shame on the meinungsforschungsinstitute - or on the luegende when being asked. Nicht, dass korrekte Meinungsbilder im Vorfeld was geändert hätten. Oder doch? Die ewige Frage.

Während ich überlege, warum zum Geier eigentlich Schweizer Käse so lecker ist (boykottieren wäre einfach schwer), muss ich schmunzelnd an einen Bekannten denken, der gerne mal beim Reden "Minarett" mit "Menuett" verwechselt(e). Na gut, sowas ist normal. Ich kenn da auch eine gewisse, nicht uneloquente oder dumme Dame, die sich erst dank der Hilfestellung durch Verona Pooth, ehemalige Feldbusch, mit der Kurzform "Hallus" merken kann, dass es "Halluzinationen" und nicht "Hazulinationen" heißt. Also, für alle Unsicheren die Erklärung: "Menuett" war und ist Kultur, "Minarett" ist ab sofort offenbar keine mehr. Menuett: mit Vorbau, Minarett: mit Abbau. Nein, halt, das stimmt nicht. Abgebaut wird nix. Nur nicht neu gebaut. Angesichts der Tatsache, dass es in der Schweiz bisher gerade mal 4 Minarette gibt, belegt das wieder einmal die soziologisch hochinteressante, in Studien immer wieder gemachte Beobachtung, dass Fremdenskepsis oder gar -feindlichkeit immer dort am größten zu sein scheint, wo am wenigsten fremdkulturelle Anschauungsobjekte vorhanden sind, die es zu fürchten gäbe. Watt der Bauer nich kennt, det frisster nich.
Aber zurück zu den Menuetten. Eine Freundin bekam vor Jahren den Auftrag einer Tanzschule (Kultur!), für die historisch angelehnte Aufführung einer Jugendgruppe (Kultur!) Menuettkleider und -anzüge (Kultur, Kultur!) zu schneidern. Dies tat sie auch im Akkord. Vom Honorar wurden zur Hälfte juristische Fachbücher (ok, lassen wir als Kultur durchgehen) gekauft und zur Hälfte Spirituosen, Liköre und Sirups zwecks Grundstockbildung einer Hausbar (kein Kommentar). Selbst hatte ich nun als sekundäre Nutznießerin an netten Cocktail-mix-Abenden deutlich mehr von den Flaschen als von den Büchern, ob das Kultur hatte, sei nun dahingestellt. Fazit aber: Kultur entwickelt sich in jeder (Teil-)Gesellschaft erst auf- und dann stetig abwärts.

Doch der Kultur und der Besinnung auf alte Werte vor lauter Angst vor Unbekanntem kann, sogar mit Appell ans Hirn, aufgeholfen werden. Wer braucht Minarette und Menuette, wenn er auch 'ne Motette haben kann:

"Der Geist hilft unser Schwachheit auf, denn
wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebühret;
sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste
mit unaussprechlichem Seufzen.
Der aber die Herzen forschet, der weiß, was
des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen
nach dem, das Gott gefället.
Du heilige Brunst, süßer Trost,
Nun hilf uns, fröhlich und getrost
In deinem Dienst beständig bleiben,
Die Trübsal uns nicht abtreiben.
O Herr, durch dein Kraft uns bereit
Und stärk des Fleisches Blödigkeit,
Daß wir hie ritterlich ringen,
Durch Tod und Leben zu dir dringen.
Halleluja, halleluja."

(J. S. Bach: "Der Geist hilft unser Schwachheit auf", doppelchörige Motette, BWV 226 - falls der HU-Chor mal was Anderes singen will, als die armen Heiden immer zum Loben anzutreiben.)

Mir gefällt hier, der Bibel und dem ollen Luther sei's gedanket, vor allem die Textzeile "Und stärk des Fleisches Blödigkeit", na wenn das nicht unser Schwachheit aufhilft, mit oder ohne Geist. Und wehe, jetzt bimmelt 'ne Kirchenglocke.
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