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Montag, 4. September 2017

Das große Gähnen

Der Politikverdrossenheit huldigt die Autorin normalerweise genauso wenig wie einer generellen Medienschelte. Nicht nur wegen unzulässiger Verallgemeinerungen: Begriffe wie "die Politiker" oder "die Medien" und auch das ganze "Die da oben verarschen uns doch alle nur und es ist eh alles dasselbe"-Gejammer fand sie schon immer Verblödungsbelege, die einer Sachdiskussion oder Ursachenforschung wenig dienlich waren. Denn damit macht man es sich meist zu einfach und hält sich nur vom differenzierten Denken ab, leugnet außerdem seine eigene Rolle und Verantwortung im Diskurs und in der Mediennutzung.
Gestern aber verspürte auch die Grünzeuch-Autorin es: dieses sogartige Gefühl von Nihilismus, Breitband-Resignation, Langeweile, Deprimiertheit und Mit-einer-Soße-übergossen-Werden. Die Soßengarnitur zum Einheitsbrei hat dann auch mal Medienschelte verdient. "Daten, Zahlen, Fakten": Zwei Kanzlerkandidierende, vier Fragende bzw. Moderierende, fünf live übertragende Sender, über 16 Millionen Zuschauende und null Spannung oder Substanz.
Das "TV-Duell" zur Bundestagswahl zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz war kein Duell. Es war unfassbar langweilig und punktlos. Da konnten "Statistiken" aus hektischen Telefon-Zuschauerbefragungen (verschiedene Auftraggeber, verschiedene Institute und Instrumente, verschiedene Ergebnisse – meist lag Merkel vorn) nur erstaunen: Wo sahen die befragten Leute denn da Unterschiede zwischen den beiden? Hatten sie womöglich eine ganz andere Sendung verfolgt? Lebe ich in einer anderen Realität? Beginnt bereits der Wahnsinn?
Lustig hätte es werden können mit einem Bingo-Spiel: Wer jedes Mal, wenn eine/r der beiden Kontrahenten, die keine waren, "Europa", "europäisch", "gemeinsam" oder "ich bin dankbar" sagte, einen Schnaps getrunken hätte, dem hätte sich vielleicht ein lustiger Abend geboten – und inhaltlich wäre ihm in dem Zustand auch nichts entgangen. Tanken beim Danken: Ich bin dankbar für Ihre Frage. Ich bin dankbar, dass ich das sagen kann. Ich bin dankbar, dass Sie das sagen. Prost.

Das Tragische daran ist, dass es nicht nur an den beiden Politpersönlichkeiten lag. Auch, aber eben nicht nur. Die Fragen waren teils so absurd populistisch oder im besten Falle schlicht, dabei aber zugleich so langweilig, unerhellend oder wenig hilfreiche Vorlagen gebend, die vier ProfilneurotikerInnen auf der Journalistenseite so unpointiert, einander ausstechen wollend und dabei doch unobjektiv (allen voran der rechtstendenziöse Strunz, der einfach nicht auf diesen Posten passte) und das Ablaufkonzept war so starr und leblos, dass man sich durchaus fragen muss:
1. Was um alles in der Welt sollte das bringen, und wem?
2. Wie spiegelte das denn das angeblich so große Zuschauerinteresse aller politischen Couleur?
3. Warum musste das vermeintlich seriöse gemeinsame Format von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern denn AfD-Wahlhilfe betreiben?
Denn so wirkte es streckenweise. Dieses Unwohlgefühl wurde immer stärker. Zuallererst und dann ewig lang, weit über ein Drittel der Sendezeit, wurde nur über Flüchtlinge und Zuwanderer gesprochen. Ja, das ist ein wichtiges Thema, aber doch nicht das oberwichtigste und einzige – dieser Auffassung sind wohl nur die Rechten unter den Nicht- oder Protestwählern. Die mögen sich bestätigt gefühlt und die Debatten trotzdem nicht verstanden haben. Zugunsten dieser Priorität fielen etliche wichtige Themen alltäglicher Lebensrealität ganz hinten runter. Eigene Schuld von Merkel und Schulz, findet hinterher Sandra Maischberger, denn die hätten ja kürzer antworten können. Nur, dass sie das niemand im Studio ließ; und die Rückfragen trotzdem weder zur Erhellung noch zur Präzision beitrugen. Menscheln durfte es dabei nicht (iih, das wäre ja spannend gewesen), außer bei den angenommenen Leuten da draußen, die alle natürlich wieder mal "besorgt" waren. Die AfD jubelt.
Sie kriegte auch gleich noch eine neue Antwort, was "deutsche Leitkultur" ist: Geld und Nutzen und ein klares Gut/Böse-Schema. Denn ultrakurz wurde dann noch schnell abgefragt, ob man Homosexuelle wirklich okay findet, ob Trump und Kim und Erdogan ganz doll viel sehr böse sind, ob Familien mehr Geld bekommen, ob man bis "alt" oder bis "sehr alt" arbeiten muss und ob beide mal in der Kirche waren. Mir fehlen die Worte.

Zum Ausgleich gab es danach querbeet auf allen Sendern tiefgreifende Analysen über Überzeugungswerte. So etwa in der ARD-Talkrunde von Anne Will, in der aus völlig unnachvollziehbaren Gründen auch Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas Gottschalk saßen. Was sollte das? Was sollten die dort? Wer hatte etwas davon? Wo war da der Analyse- oder Identifizierungs-Mehrwert? Ach so, ja, klar, Gottschalk ist einfach nur ein unentschlossener Wähler. Hat sich auch in der Vergangenheit sehr als unvoreingenommen gezeigt. Sicher sehr exemplarisch für viele da draußen im Land, quasi repräsentativ. Denn die Deutschen sind ja ein Volk von lauter millionenschweren, berühmten Medienprofis, die den größten Teil der Zeit in den USA leben. Wenn das nicht zu Repräsentanz und Expertise qualifiziert!

Der Verdacht von großangelegter Satire drängt sich auf. Allerdings war es dazu zu wenig unterhaltsam.
Setzen. Sechs.

Freitag, 25. August 2017

Rauch kann ich auch

In einer Stadt wie Berlin gibt es nichts, was es nicht gibt. Selber brauen, selber nähen, selber fotografieren, selber alles, aber bitte immer mit fachlicher Anleitung und zertifiziert! Den Trend zum identitätsstiftenden, kreativen, pseudo-ökologischen, back-to-the-roots-mäßigen, hipstertauglichen, Hobbies-machen-glücklich-schreienden, "handgemacht ist immer qualitativ besser"-Grundsatz-gläubigen Selbstverwirklichungs-Workshop hat nun auch die Quarzerei-Branche erkannt. Ob "Namen sind Schall und Rauch" oder "Hans Dampf in allen Gassen", es geht um Expertenstandard und Fachwissen. Trotz High Tech und trotz strengerer Nichtraucherschutzgesetze: Nach Craft Beer kommen jetzt Craft Cigarettes! Und das ausgerechnet in einem Laden für E-Zigaretten:
Selbstwickel-Kurs: gesehen im Neuköllner Kindl-Boulevard
Beim "Selbstwickel-Kurs" geht es mutmaßlich nicht um Babies. Aber wer weiß.

Gewusst wie! Da nicht jeder alles weiß und manches wohl nicht (mehr) intuitiv zu sein scheint, sondern von Profis beigebracht werden und mit Zeitaufwand erlernt werden will, muss es Anleitungen für alles geben – ob auf Youtube oder in dem, was manche "das echte Leben" nennen.
Demnächst an einer Universität, Fachhochschule, Volkshochschule oder sonstigen Bildungseinrichtung Ihrer Wahl: "Einführung in die Rauchwissenschaft I: Zigaretten selbst wickeln – Geschichte, Theorie, Materialentwicklung, heutige Lebenspraxis und Forschungsstand". Tutorien und Praxisseminare sind in Planung. In einem dritten Modul gibt es dann: "Rauchen ja, aber bitte mit Öko-Siegel!", für das allerdings keine Leistungsnachweise angeboten werden. Und berufsbegleitend kann man (dank VHS und dank freikirchlichgeistiger Gurus wie dem vom oben abgebildeten Handel unterstützten) natürlich auch noch in höherem Alter einsteigen. Wenn die Lunge danach verlangt. Und man sonst kein Hobby hat.

Dienstag, 30. April 2013

Nange lacht

Lange Nächte haben in unserem Kulturkreis, zumindest in den Metropolen, inzwischen fast so etwas Ähnliches wie Tradition. Kann man sich zumindest einreden. Wie "lang" so eine Nacht dann wirklich ist und ob sie den Begriff "Nacht" überhaupt verdient, ist im Einzelfall durchaus diskutabel.
Im Fokus der Nächte stehen eigentlich meist Sport und Kultur. Aber heute ist schlichtweg alles ein organisiertes Happening: Berlin bekam nach der Langen Nacht der Museen (seit 1997, sogar 2x pro Jahr), der Langen Nacht des Shoppings (seit 2000, zum Glück dahinsiechend), der Langen Nacht der Wissenschaften (seit 2001),  der Langen Nacht der Opern und Theater (seit 2009) – die dieses Jahr, angeblich wegen "Optimierungsprozessen", ausfällt – und der Langen Nacht der Familie (seit 2011) schließlich letztes Jahr auch noch die Lange Nacht der Industrie dazu. Diese floppte offenbar wider Erwarten nicht; denn für den 15. Mai ist sie wieder angekündigt und wird groß beworben (vielleicht als Ersatz für ausfallende Opern und Theater? Das nennt sich dann "Zeitgeist"). Dass die Energieversorger, Luxusautomobilhersteller, Chemiekonzerne, Druckereien, Brauereien & Co., die sich an der Veranstaltung (Verzeihung: dem Event natürlich!) beteiligen, nur bis spätestens 22:30 Uhr durchhalten wollen und das dann eine durchgemachte, wirklich lange Nacht finden, ist nur eine lustige Randnotiz. Es stellt sich dem Lachenden eher die Frage: Was kommt als Nächstes? Die Lange Nacht der Stadtverwaltung? Der Banken? Der Unternehmensberatung? Der Gerichtsbarkeit? Des Hotelwesens? Der Messeveranstalter? Der Dienstleistung? Des Personennahverkehrs? Oder vielleicht die Lange Nacht der Grundversorgung? Das Grünzeuch bittet um Vorschläge! Ansonsten könnte man glatt denken, statt während einzelner langer Nächte könnte die Stadt sich auch mal während 365 Tagen den Themen widmen.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ö-Eier

Trotz multilateralen Unmuts und Verwirrtseins: Jahr für Jahr beginnt bekanntlich in Kalenderwoche 35, spätestens allerdings am 1. September, in den Märkten das unsägliche W-Fest – das, dessen Name nicht genannt werden darf. Auch wenn die MitarbeiterInnen es oft noch nicht angemessen feiern, so startet zumindest aber, pars pro toto, das große Auftürmen leckerer und weniger leckerer, kitschiger und noch kitschigerer Artikel. So weit, so normal (da "normal" von "Norm" kommt). Dass neuerdings allerdings die Saisonware der üblichen Verdächtigen bereits im Oktober sogar für Ostern feilgeboten wird, ist zumindest verwunderlich. Regelrecht skandalös dagegen – und da war sie wieder, die Norm, die Gleichmacherei – ist, dass der Osterhase sich inzwischen, wenn das Produkt es erfordert, sogar als Nikolaus oder W[zensiert]smann verkleidet! Zumindest sieht er ihm täuschend ähnlich. Schmückt sich da einer mit fremden Rentieren?
Spannung, Spiel, Schokolade und wichtige Feste: All in one und das schon im Herbst!
So wird das Ü-Ei zum O- oder Ö-Ei. Oder auch zum Öh?-Ei.
Abgesehen davon beruhigen uns die vielzitierten, leidigen Deppenleerzeichen, dass der Euro sich nicht entwertet, es hier noch was gibt fürs Geld: für nur 79 Cent Kinder, ein Ü-Ei oder Oster-Anhänger. Na, vom Preis-Leistungs-Verhältnis her würden sich aus dieser Auswahl die meisten wohl eher nicht für die Süßware entscheiden. Oder "und" statt "oder"? Gibt es das alles für 0,79 Euro? Öh, ey?

Montag, 17. Mai 2010

VWL für Einsteiger

Das Drama und die Wirkmechanismen der Wirtschafts- und Finanzkrise anschaulich erörtern konnten am Sonntag zwei ältere Männer mit südländischem Migrationshintergrund, die sich, an ihrem Flohmarkt-Stand sitzend, über Lage und Lösung unterhielten. Einer von beiden fand klare Worte und Ideen:
"Isch erklär dir. Is ganz einfach mit Krise. Müssen nur alle wieder kaufen! Trotzdem! Alle zusammen, überall, verstehstu? Du nehmst Familie, Freunde, Nachbar, alle, und gehe zusammen einkaufen. Müssen aber alle machen! Sehen andere: Du gehst kaufen. Nehmen dann selber Familie, Freund, Nachbar... und dann... alle wieder einkaufen, alle zusammen. Und dann: Krise weg! Ganz einfach."
Na, da braucht doch keiner mehr Wirtschaftsfachleute/-politiker oder die Sendung mit der Maus.

Montag, 25. Januar 2010

Spiegel-Ei

"Frau im Spiegel" ist tot, es lebe Kind im Spiegel:
Der Trend zur Spartenvertiefung und Unter-unter-unter-Differenzierung im Bereich der Printmedien setzt sich fort. Auch wenn die Kategorien andere geworden sind, die den Verlegern Interesse und Investition wert sind. Denn die sogenannten "Frauenzeitschriften" sterben aus (vielleicht auch deshalb, weil langsam, zäh, vorsichtig und behäbig nun auch im lahmen Deutschland endlich das ewiggestrige Frauenbild mit den alleinigen Interessen Kochen, Stricken, Trallala ein wenig aus der Mode kommt? Könnte unter Umständen, ganz vielleicht, ein winzig kleines bisschen damit zu tun haben, aber ist nur eine gewagte Theorie, wäre zu schön, um wahr zu sein) - und dafür kommt ein Jugend-Ableger nach dem nächsten auf den Markt. Irgendwie lustig angesichts der Tatsache, dass gerade für die Kids ein gedrucktes Medium meist wie etwas aus einem Fantasyfilm, einer anderen Welt und Zeit, anmutet; etwas aus der Rubrik "Was der Großvater noch wusste". Und auch angesichts der Tatsache, dass sich sonst jeder darum reißt, im Kampf um den Konsumenten, Wähler, Gesellschaftsbaustein oder Nutzer von morgen möglichst früh diesen mit vermeintlich "jungen" Medien zu binden. Jung heißt hier: Hauptsache digital, interaktiv, mobil, bunt und schnell. Gestandene Altherren-Fachleute ebensolchsimpeln per Online-Foren, Schulen basteln hanebüchene Homepages, Unterrichtsmaterial goes videospiel, Krankenkassen verschicken ihre Infos per CD-Rom mit kleinen Spielegimmicks, Politiker meinen, wenn sie sich an einem Chat beteiligen, haben sie ihre nächsten Erstwähler sicher. Der Printbereich schlägt nun einfach zurück: "Wir beweisen euch: Wer Harry Potter lesen kann, kann und will erstmal generell alles lesen! Er liebt Papier und ist schlauer!" Image ist alles, Durst ist nichts. Oder so.
Meist sind es (Natur-)"Wissenschaften", die zu Spin-Offs veranlassen. Nach dem Motto: Was Galileo kann, können wir auch, wir husten Internet und Fernsehen eins! Doch auch der altgediente und ein wenig um sein Image kämpfende SPIEGEL war der Meinung, nach dem x-ten Spezialheft und Sonderableger auch einen für Kinder nötig zu haben. Kinder sollen sich mal endlich für Politik und Wirtschaft interessieren! Also ehrlich! Hm. Das taten sie schon früher wenig. Jetzt haben sie es vielleicht nötiger denn je (angeblich liegt es ihnen näher denn je).

Ein Nachrichtenmagazin für Kinder, verständlich, aber anspruchsvoll? Ein ambitioniertes Projekt. Und der Nachfrage-Erfolg des Prototyp-Erstheftes, pünktlich zur Bundestagswahl im September 2009 auf den Markt, besser gesagt auf den Kiosk geworfen, gab den Machern recht. Der Effekt: Seit 2010 erscheint die Zeitschrift "Dein Spiegel" nun regelmäßig, und zwar monatlich. Satte 3,40 Eumel von ihrem Taschengeld sollen die Blagen dafür berappen - nun ja, das Elternhaus von Welt sponsert dies vielleicht; glücklich, dass der Spross sich nicht nur für "Deutschland sucht den Superflop", "Germany's Next Topnappel", die hundertste Variante dummer Online-Teenieflirtbörsen (knuddel, knuddel!) oder für janz janz jefährliche Egoshooter interessiert. Erwachsene Redakteure schreiben die Texte, aber als Reporter sind Kinder unterwegs. Kinder, das heißt hier natürlich: altkluge Streber, die vorinformiert werden und auch garantiert nicht mehr 6 Jahre alt sind ("Mama, was ist Politik?"), sondern älter.
Zielgruppe sind Acht- bis Zwölfjährige, manchmal ist gar von Neun- bis Zwölfjährigen die Rede. Ein eng gesteckter Rahmen, innerhalb dessen ein Verstehen komplexerer Themen und Texte schon möglich und das Ganze in Form eines "Kinderheftes" noch nicht zu uncool ist (jaja, die böse Pubertät). Ob sich das lohnt? Zumal man den Verdacht nicht los wird, es geht um die Eh-schon-Tollen (damit auf dem Elternabend angegeben werden kann: "Also mein Kind liest ja Spiegel!"), während diejenigen Kinder, welche keine höher gebildeten und vorzeigepädagogischen Erklärbär-Eltern haben und ihre Fragen zu Hause nicht beantwortet bekommen, also Bedarf hätten, ein wenig im Regen stehen bleiben; zumindest, wenn sie wirklich erst 8 Jahre alt und nicht naturschlau sind. Verständlichkeit ist eben subjektiv.

Wird sich zeigen, ob das Ganze eine treue Leserschaft findet - oder in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Wo es als Prestigeprojekt dennoch weitergehätschelt werden könnte, das würde der ollen Tante des investigativen Nachrichtenjournalismus' zur Ehre gereichen. Motto: Kinder sind heute zwar lieber dumm, aber an uns liegt's nicht!
Getreu der alten Fanta-4-Songzeile: "Sieh dich im Spiegel an und sag mir dann, was du siehst, wenn du siehst..." - oder auch (jede Generation, Emotion, Faszination, Hirnregion möge frei wählen) getreu Peter Maffay: "Wenn dein Spiegel bricht, keine Erde dich mehr hält, dann verlierst du dein Gesicht."
In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen u.a. über Pharaonenmasken, diese für die Ewigkeit konservierten Gesichter von Kultur und Macht. Gebt euer Taschengeld (oder das eurer Kinder) mal für was Sinnvolles aus. Dann müsst ihr auch nicht meckern, Nachrichten seien immer so altbacken gemacht. Als kleine Schätze gab's schon 1-A-Ideen wie etwa ein Interview mit Guttenberg, in dem er den kindlichen Reportern so bahnbrechende Sachen sagt wie die, dass er niemals lügen würde, und dass das da in Afghanistan schon irgendwie Krieg sei, aber dann doch wieder nicht so richtig.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Warum der Nikolaus zum Amt muss

Happy Nico, Freunde des gepflegten Kitsches!

Wo aber isser geblieben?

Wer sich umsieht (und auch, wer nicht herumsieht, sondern den Blick - jahresenddepressiv, ignorant, nerdig oder soziophob - kaum vom Boden hebt: der sogar erst recht!), wird feststellen: Der alte Brauch, zum Morgen des 6. Dezember seine Stiefel zu säubern und beeindruckend hochglanzpoliert vor der Tür abzustellen, ist in der Nichtigkeit versunken. Und wenn schon irgendwo Botten rumstehen, dann erstens ungeputzt und zweitens in den meisten Fällen eher durch Zufall, denn das nasse Wetter animiert zum Teppich-/Laminatschonen und daher zum Trieftreter-Draußenlassen. Machen die lieben Kleinen auch eher, weil sie müssen, als weil sie selbst auf die Idee kämen oder sich gar süße Belohnung versprächen.
Das ist nicht nur ungeheuer frustrierend für den Nikolaus. Sondern da kommen auch mehrere kindliche sowie gesamtgesellschaftliche Trends zusammen.

Zum einen der Jugendtrend, nichts mehr ernst zu nehmen und auch keinen Respekt mehr vor den Erwachsenen zu haben (hach, es ist ein Jammer!), erst recht nicht vor denen mit roten Mänteln, schweren Säcken und irgendwelchen Prügelknechten im Schlepptau: "Guck mal Mama, der hat aber einen BMI von mindestens 30! Und wahrscheinlich hat er nichts Ordentliches gelernt, drum konnte er nicht BWL studieren und muss nun Müllmann sein! Und Asi-Klamotten trägt der auch!"

Zum anderen mangelnde Nachhaltigkeit: Es ist einfach wurscht, ob man sich schlecht oder gut benommen hat, Hauptsache es lohnt sich. Und da es unabhängig vom Benehmen Süßigkeiten & Co. (und sei's nur zum Ruhigstellen) und auch immer insgesamt Nahrung im Überfluss zu geben scheint, ist kein Reiz mehr am Füllwerk im Schuh.

Hiermit zusammen hängt auch das Dritte: "Apfel, Nuss und Mandelkern" reißen kein Kind mehr vom Hocker. Vitamine kennen die Blagen nur als irgendwie gefährlich und hierbei vor allem aus dem Profisport. Hat irgendwas mit Radfahren, Dressurreiten und Leichtathletik zu tun und diesem korrupten Chinesen namens Do Ping und ist verboten. Eh man keine Medaille, keinen Ruhm und keine Kohle kriegt, lässt man das Zeug also vielleicht besser weg. Und gegen Nüsse sind die meisten heute allergisch. Also Schoki, auch wenn die Ernährungsberater dann wieder meckern. Und die gibt's ja eh dauernd, warum sollte man die in Stiefel tun statt in den Mund? Ansonsten ist auf dicke, fette Geschenke zu hoffen, was nicht nur in der Wirtschaftskrise schwierig ist, sondern auch in der völligen Übersättigung an "Dingen", da muss schon was kommen, um Eindruck zu schinden und vom Hocker zu reißen: Ah, irgendwie ganz cool, danke.

Zum Vierten: Strafen sind auch blöderweise irgendwie out und gesellschaftlich eher geächtet. Der Retro-Charme der Rute, der Frage, ob man denn auch brav war, und des "Dann bekommst du nichts!" (respektive: "Dann darfst du jetzt nicht ans Nintendo!") im Nein-Falle zieht irgendwie nicht mehr. Aber wenn schon gestraft werden soll, dann erledigen das die Eltern lieber stolz selbst: Wenn ich mein Kind schon verhaue oder maßregele, dann doch wenigstens auf die sportliche Art! Ich miet mir doch nicht hintenrum so'n Schlägertyp und Auftrags-Kinderquäler! Der Nikolaus da mit seiner Russenmafia, tss. Am hippsten allerdings ist es, das Ganze im Falle eines Falles der "Super-Nanny" zu überlassen. Die sieht dabei auch besser aus als der blöde, olle Vintage-Clausi mit dem angeklebten Bart (zumal die Farben der Saison Lila und Fuchsia sind und nicht Rot). Zumindest, seit sie sich die zusammengewachsenen Augenbrauen ausdünnt. Die sind vielleicht noch von ihrem Job als Nikoläusin übrig gewesen und nun hat sie die Zeichen der Zeit erkannt. Sie kämpft in der Wirtschaftskrise um ihre derzeitige Arbeitsstelle, sie will nicht wieder abrutschen und im Lange-Mäntel-Segment landen, wo sie schwerbepackt in der Kälte von Tür zu Tür ziehen muss.

Zum Fünften ist es auch ein Problem der bösen, bösen Bekleidungsindustrie.
Als ich mal mehrere Paar Schuhe zum Schuster brachte und mich beim Abholen freute, dass ich nun für teils doch erstaunlich wenige Kröten (Ferseverstärken: 3 Euro; Absatz neu verschrauben/stabilisieren: 2 Euro; Naht kleben: 1 Euro; nur neu besohlen etc. ist immer rasant teuer) plötzlich wieder Schuhe hatte, entsponn sich ein Gespräch mit dem Schuster. Der verwies auch darauf, dass er sein Leistungsangebot zwingend immer mehr erweitern und daher auch Leute einstellen habe müssen (Schlüsseldienst, Änderungsschneiderei, Spezialreinigung, Gravuren, Stempel, Fotoservice(!), Geschenkartikel(!!)...), um überhaupt noch Kunden anlocken zu können, die dann "nebenbei" auch mal kleinere, nie größere, Reparaturen an ihren Schuhen vornehmen ließen, wenn sie schon mal da seien. Die meisten kauften auch lieber viele billige Saisontrends als wenige gute, hochwertige, aber teure Schuhe. Das lohne sich dann eben nicht, die zu pflegen.
Heute werden Schuhe weder repariert noch geputzt. Sie werden weggeworfen und ausgetauscht gegen neue. Schuhe putzen ist für Kinder irgendwie aus einer anderen Welt. Abgesehen davon, dass die meisten Schuhe - speziell, aber nicht nur, für Kids/Teenies - sich nicht zum Putzen eignen: Textil, Spezialkunststoff, Kunstleder, Glitzer hier und Applikation dort, siebzehn Raffungen und Falten, und weil's nicht reicht, machen wir noch zwei Schnallen drauf. Schuhe nicht putzen (nicht müssen UND nicht können) führt den Stiefel-vor-die-Tür-stell-Brauch irgendwie ad absurdum.

So kommt es, dass der arme Nikolaus zum Amt musste, um Hartz IV zu beantragen. Es ist demütigend für ihn. In seinem Alter bekommt er ja auch nichtmal mehr 'ne Umschulung (z.B. zur Super-Nanny) gefördert. Er wartet auf die Rente, aber da nicht überliefert ist, dass er Anspruch auf welche hätte, zumal er eh schon steinalt ist, hangelt er sich von Minijob zu Minijob und ertränkt seinen Frust darüber, nicht gebraucht zu werden, in Lebkuchenlikör und Orangenschnaps. Das verbessert wiederum sein gesellschaftliches Image nicht unbedingt. Zum Glück war er bisher so klug, nicht einzugehen auf das Angebot, diese Schmach zu bearbeiten oder gar zu beenden, indem er zwecks Imagepolierung Einladungen als Gast bei einem Daily Talk (hey, gibt immerhin bis zu 400 Euro pro Sendung!) zu Themen wie "Ich bin ein Dinosaurier, keiner braucht mich" oder "Sozialschmarotzer: Du machst 'n dicken Stiefel auf unsere Kosten" angenommen hätte.

Traurig, aber wahr: Momentan geht er seiner alten, vormals hochqualifiziert erlernten und mit hohem sozialen Ansehen verbundenen Ursprungstätigkeit in Form eines 1-Euro-Jobs nach. Für diejenigen, wenigen Versprengten, die in nostalgischer Verklärung doch wollen, dass ihr Kind seine Schuhe vor die Tür stellt: notfalls auch ungeputzt und von den Eltern selbst dort hingestellt, weil das Kind es irgendwie uncool und peinlich findet. Verständlich, dass er unter diesen Arbeitsbedingungen nicht gerade hochmotiviert ist. Fachlich hochwertige Spezialservices wie Ruteschwingen, Gedichtabfragen, Liedsingenlassen und Sündeninquisition lässt er da einfach weg.

Knecht Ruprecht wurde übrigens schon vor geraumer Zeit wegrationalisiert. Klassische Professionen, die seine waren (wie die Geschichte mit der Rute), hat schon vor Langem der Nikolaus mitzuübernehmen begonnen (auch wenn ihm das, wie wir gesehen haben, nur Aufschub und nicht Rettung verschaffte). Seufzend, aber aus der Not heraus, denn Angestellte konnte er sich schon lange nicht mehr leisten. Ein Memento Mori wie Ruprecht (moderne Strafknechte heißen außerdem Wieprecht, nicht Ruprecht, Gruß an Radio Eins) will heute keiner mehr auf seine Kinder loslassen. Von den Formularen beim JobCenter soll Rupi, anders als der intellektuelle St. Niklas, überfordert gewesen sein. Nach extremer Langzeitarbeitslosigkeit und später Obdachlosigkeit (ihm fehlte es aber an Charme, um ein paar Exemplare von "Motz" oder "Strassenzeitung" abzusetzen, er wurde dabei auch in der U-Bahn zu oft beim Schwarzfahren erwischt) soll er sich Gerüchten zufolge erst die Leber und dann das Leben genommen haben.

Putzt nächstes Jahr eure Stiefel und stellt sie fordernd vor die Tür! Irgendwann wird die Nachfrage beim JobCenter ankommen. Rettet den Nikolaus!

Grüne Grüße
von Frau Feu

[weihnachtsmuffelig, aber alberne Bräuche wie Heimlich-Stiefel-Füllen (oder auch, im Frühling, Bunte-Eier-Verstecken) irgendwie unterhaltsam findend]
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