Sonntag, 17. Februar 2013

Tunnelblick (15): Wasndasey?

Eine schnatternde Schulklasse oder Abi-/Kursfahrt (jedenfalls ältere Teenager) mit Mädchenüberschuss bevölkert einen ganzen morgendlichen Waggon auf der Ost-West-Achse der S-Bahn. Dieses eine Mal kriegen bei deren derzeit obligatorischem Auftauchen die zwei Südländer mittleren Alters mit Ghettoblaster, Trompete, Gitarre und sehr dürftigen Instrumental- sowie Sangeskünsten, die seit geraumer Zeit auf jener Strecke mit ihrem allgegenwärtigen, ganztägigen "Nossa! Nossa!" (Jaa, jaa, es heißt "Ai Se Eu Te Pego" ... ein topaktueller Winterhit) immer wieder unfassbar nerven, nicht nur gequält leidende Blicke. Sondern zum einen erhalten sie seltenerweise jede Menge Kleingeld – und zum anderen Begeisterung. Johlen, Applaus, Fingerschnipsen, Rhythmusklatschen und ein weiblicher Mitsing-Chor branden auf. Erstaunt und erfreut sehen die beiden Männer sich daraufhin bei und nach dem Geldeinsammeln erstmalig zu einer Zugabe ermutigt. Jedoch lässt "Oh When The Saints Go Marchin' In" das irritierte Jungpublikum komplett kalt sowie völlig verständnislose Gesichter zurück.

Montag, 11. Februar 2013

Zitat der Woche (25)

Die wahre Demenz Dimension erkennt ein naher Freund der Grünzeuch-Redaktion, als er die überraschende Nachricht über den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. kommentiert:
"Hatte der auch in Düsseldorf promoviert? Oder nur Merkels 'vollstes Vertrauen'?"

Donnerstag, 24. Januar 2013

Zwei Experimente zum Spracheverschlagen


Personelle Interaktion, Experiment 1

Versuchsaufbau: 
Eine Gruppe aus sechs Versuchspersonen (drei Frauen, drei Männer) mittleren Alters wird nach einem gemeinsamen Kinobesuch für eine Stunde in ein abendliches Café gesetzt. Fünf der Anwesenden (alle Männer, zwei der drei Frauen) sind VolljuristInnen. Alle sitzen an einem Tisch.

Beobachtungen:
(1) Die drei Männer beginnen sofort erhitzte Streitgespräche, die sie "Diskussion" nennen.
(2) Eine der drei Frauen besteht deshalb auf einer Umsetzaktion, nach der alle Frauen an der einen und alle Männer an der anderen Seite des Tisches sitzen. Die Frauen erhalten dafür von einem der Männer den Kommentar, sie könnten sich ja "da in Ruhe über Schminke und Shopping unterhalten".
(3) Die drei Männer – alle Anwälte verschiedener Rechtsgebiete, Arbeitsbereiche und -formen (Ein-Mann-Kanzlei, mittelgroßer Familienbetrieb, Großkanzlei) –, unterhalten sich mit vollem Körpereinsatz, sehr gestenreich, aggressiv und wild durcheinander, vor allem aber extrem laut über Juristisches und ihre konkrete Arbeit. Andere Themen kommen nicht vor. Andere Menschen, etwa die Bedienung, kommen nicht zu Wort. Sie selbst auch nicht wirklich, da sie sich gegenseitig überbrüllen. Die Musik im Café ist zuerst leise, dann ganz aus, und das Café ist leer, die Lautstärke ist also nicht nötig.
(4) Das Café wird schließlich ganz leer.
(5) Die drei Frauen versuchen unterdessen, sich jenseits des Arbeitsalltages über andere Themen (zum Beispiel über den gesehenen Film, tagesaktuelle Nachrichten, Anekdoten, politische Themen oder ihnen bekannte Personen) zu unterhalten, sind dazu allerdings geräuschpegeltechnisch nicht in der Lage. Sie bitten die Männer, wenn sie schon nicht die Themen wechseln könnten, dann wenigstens nicht so zu schreien. Für eine Minute ändert sich die Lautstärke, dann ist alles wie zuvor, aber die Gesten der Männer werden ausladender. Die Frauen versuchen eine Weile weiterhin, ihre Gespräche zu führen. Sie werden nur minimal lauter, schweigen dann und gehen schließlich nach Hause.

Fazit:
Männliche Juristiden in einer Anhäufung sind nicht gesellschaftsfähig – außer untereinander. Artgerechte Käfighaltung mit Schallschutz und Sicherheitsgehege wird empfohlen.


Personelle Interaktion, Experiment 2 (noch nicht realisiert) 

Versuchsaufbau: 
Die Situation aus Experiment 1 wird in einem störfreien und größtmöglich um ablenkende Parameter verringerten Setting forciert und um die akustische Komponente beraubt: Eine Gruppe aus mindestens drei Juristen (vorzugsweise als Anwälte tätig) männlichen Geschlechts wird in einen schallisolierten, rundum durchsichtigen (am besten panzerverglasten) und mit Polsterung versehenen (um Verletzungen vorzubeugen), ansonsten aber völlig leeren Raum gesetzt und sich selbst überlassen.
Für die Analyse des Geschehens ist außerdem ein Beobachtungsteam angedacht, das mit Picknickkorb entspannt davorsitzt, sich in Ruhe und gesittet unterhalten kann, den Probanden ab und zu Nahrung hineinreicht oder deren Toilettenpausen überwacht (wird auf dem WC weiterkommuniziert?) und dabei vor allem Beobachtungen beim Geschehen im Isolationsraum notiert.
Empfohlen wird für die Durchführung etwa die Nutzung des Baby-und-Kleinkinder-Ruheraumes in dem stillgelegten, derzeit wohl noch nicht fertig restaurierten, ehemaligen Berlin-Neuköllner Erlebnisbad namens "Blubb", momentan das nichtöffentliche Hotelprojekt City Resort Berlin/Blub, das ideale Bedingungen bietet. Eventuell, falls die Anlage noch betriebsbereit ist, ließe sich noch das den Glaskäfigen vorgelagerte Babyschwimmbecken mit dem typisch urinwarmen Wasser befüllen, um dem Beobachtungsteam ein entspanntes Fußbad während der vermutlich anstrengenden Observation zu ermöglichen. Zu Redaktionsschluss lag noch keine Information des momentanen Investors vor, ob die Räumlichkeiten hierfür anmiet- oder überhaupt nutzbar sind bzw. ob die isolierten, mit Matten ausgelegten Glaskäfige noch vorhanden sind.

Beobachtungen:
Verifizert werden sollen folgende Annahmen:
(1) Die Anwälte vertiefen sich sofort in eine sogenannte "Diskussion" – trotz des unnatürlichen Umfeldes.
(2) Sie hören damit nicht freiwillig wieder auf, sondern erst, wenn das Experiment für beendet erklärt wird – vorausgesetzt, die Aufnahme und Abführung von Flüssigkeit und Nahrung sind gewährleistet.
(3) Das Schreien ist von außen auch ohne die Akustik zu erkennen, also rein in Gesten, Mimik, allgemeiner Körperhaltung und -sprache.
(4) Die Themen (Rechtswissenschaft, Rechtspraxis, ggf. Politik unter rechtlichen Gesichtspunkten) sind von außen auch ohne die Akustik erkennbar, also rein in Gesten, Mimik, allgemeiner Körperhaltung und -sprache.
(5) Es gibt eine spezifische Art juristischer Freizeitkommunikation, die sich von derjenigen anderer Berufsgruppen in deren Freizeit unterscheidet und auch optisch-nonverbal manifest wird.
Ergänzend sind folgende, offene Spezifizierungsfragen möglich und können, ggf. in einem Folgeexperiment, der Analyse zugrunde liegen:
(6) Gibt es eine spezifische nonverbale Kommunikation, die nur Juristiden (Folgefrage: nur männlichen Juristiden? Ein Gegenversuch mit juristischen Weibchen ist möglich) eigen ist? Ein optischer Vergleich zu anderen Berufsgruppen kann auch der Folgeforschung übergeben werden.
(7) Variation I: Interessant ist auch die Frage, inwiefern es eine spezifische Kommunikation von Anwälten untereinander gibt, wenn nichtjuristische Personen den Käfig betreten und versuchen, sich in das "Gespräch" einzumischen.
(8) Variation II: Außerdem interessiert die Empirie, ob die Kommunikation der Anwälte sich unterscheidet, wenn sie in demselben Käfig sich nicht in ihrer Freizeit über juristische Themen und Fälle austauschen, sondern ihre tatsächlichen Berufstätigkeiten ausüben sollen. Internetstandleitung, Telefon, Bildtelefonie, Fachliteratur etc. wären ein Minimum für die Analyse dieser sehr komplexen Variante.

Das Fazit bleibt selbstverständlich noch offen.

Für das zweite Experiment werden WissenschaftlerInnen gesucht, die sich am Forschungsprojekt beteiligen wollen. Angeraten wird ein interdisziplinäres Team aus Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie, (Sozial-)Pädagogik, Linguistik, Kulturwissenschaft, biologischer Verhaltensforschung und unter Umständen auch Rechtswissenschaft. Interessierte melden sich bitte über das Kontaktformular rechts im Menü dieses Blogs oder über die Kommentarfunktion. Letztere steht außerdem natürlich auch gerne für weitere Anregungen und Anmerkungen zur Verfügung – auch für Angehörige anderer Personenkreise!
Arbeitstitel:
"Nonverbale Kommunikation innerhalb der eigenen Peer-group-Teilöffentlichkeit am Beispiel von Anwälten in ihrer Freizeit: öffentlichkeitswirksame, optisch handlungsaktive oder -suggestive Manifestationen juristischer Gesprächskultur. Gestik, Mimik und allgemeiner Habitus bei mittelalten Männchen. Ein empirisch-analytisches Käfigexperiment unter interdisziplinären Gesichtspunkten."

Samstag, 5. Januar 2013

B-Ware ... of 2013

Vorsicht vor dem bissigen Hund? Nein: Achtung, 2013 ist da! Ein quietschbuntes (für Schwaben: schee bont!) Graffito warnte – zumindest aufmerksame U-Bahn-NutzerInnen – schon zur Jahreswende, dass da womöglich nicht nur Gutes wartet. Wenn man die Fratzen aufmerksam studiert, scheint sogar Adolf Hitler wieder mal zurückzukehren. Ach, papperlapapp. Das Grünzeug wünscht seinen LeserInnen ein gesundes, gutes, zufriedenes und buntes, vor allem chlorophyllgrünes Jahr.
Watch out! Ist für 2013 die Uhr aus oder der Ofen? 
Update 6.1.: Auf vielfachen Wunsch ;-) wird dem visionistischen Graffitikünstler jetzt in besserer Qualität gehuldigt. Draufklicken vergrößert übrigens das Foto.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Tunnelblick (14): Last exit: long joke

Ein Greis im Elektrorollstuhl verbietet im Bus laut und wiederholt seiner Frau – mit Rollator unterwegs, aber jünger und rüstiger als er –, sich mit einer anderen Frau zu unterhalten, die auf dem Platz neben ihr sitzt; sie dürfe und müsse ausschließlich mit ihm reden, und zwar die ganze Zeit, denn ihm sei langweilig. Neben seinem E-Rolli-Stellplatz sitzt ein hospitalisiert vor und zurück wippender Teenager und spielt teilnahmslos auf seinem Smartphone herum, wenn er nicht gerade, weiterhin wippend, einsteigende Frauen anglotzt. Weiter hinten produziert sich ein Mensch mit türkischem Migrationshintergrund lautstark in sein dem ureigensten Zwecke (dem Telefonieren) dienendes Handy hinein, er habe "voll krass Weihnachtsstress"; irgend jemandem will er zum Fest der Feste im Übrigen eine Schreckschusspistole schenken. Hinter ihm thront ein beeindruckend klangvoll dauerheulendes Kleinkind in teuren Designer- und Markenklamotten und weiß eigentlich nicht mehr genau, warum es flennt. Muttern versucht es zu beruhigen, indem sie ihm allerlei Geschenke verspricht. Die als Expressbus getarnte Geisterbahn setzt ihren vollbesetzten Weg stets behäbig und verlässlich fort, nachdem der Busfahrer liebevoll an jedem Halt alle Passagiere einmal kollektiv angebrüllt hat, dass sie die Tür versperren. Genügend Omas regen sich darüber auf. Ebenso über den von der Schneewelt draußen hereingetragenen Matsch, der einen beim Laufenwollen in dem Verkehrsmittel "ja umbringt". Lankwitz.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Wilde Schilde(r) II

Immer wieder mal gibt es interessante Schilderzusammenstellungen. Was will uns dieser Sammelmast sagen? Man beachte dabei vor allem das ungewöhnlich detaillierte Schild in der Mitte.
Vorschläge:
A) Hier nur unbemannte 30-Tonner, Menschen bitte die andere Seite benutzen.
B) Männer mit Hut dürfen maximal 29 Tonnen wiegen, sagen ihre Frau und ihr Kind.
C) 30 Tonnen schwere Männer haben keinen Zutritt – vor allem, wenn sie einen Hut tragen und ungelenk Fußball spielen. Leichtere Frauen und Kinder (ohne Hut, aber auch ohne Füße) dürfen immerhin nach rechts / fühlen sich im Recht.
D) 30.000 Menschen denken, hier sei das Ministry of Silly Walks. Ist aber nebenan.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Zitat der Woche (24)

Lautsprecherdurchsage der Zugabfertigerin auf einem S-Bahnhof, ohne Einleitung und ganz erfüllt von menschelnder Sorge warmherzig herausgebrüllt:
"Jetz reicht's mir aba! Raus aus de Gleise, aba janz schnell!"

Sonntag, 25. November 2012

Zitat der Woche (23)

Die Mutter der Protokollantin kommentiert die Feststellung, dass Ostern 2013 schon Ende März und damit sehr früh liege, gedankenverloren folgendermaßen:
"Ja, deshalb ist ja Heilig Abend diesmal auch schon ganz früh." 
(veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung)

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ö-Eier

Trotz multilateralen Unmuts und Verwirrtseins: Jahr für Jahr beginnt bekanntlich in Kalenderwoche 35, spätestens allerdings am 1. September, in den Märkten das unsägliche W-Fest – das, dessen Name nicht genannt werden darf. Auch wenn die MitarbeiterInnen es oft noch nicht angemessen feiern, so startet zumindest aber, pars pro toto, das große Auftürmen leckerer und weniger leckerer, kitschiger und noch kitschigerer Artikel. So weit, so normal (da "normal" von "Norm" kommt). Dass neuerdings allerdings die Saisonware der üblichen Verdächtigen bereits im Oktober sogar für Ostern feilgeboten wird, ist zumindest verwunderlich. Regelrecht skandalös dagegen – und da war sie wieder, die Norm, die Gleichmacherei – ist, dass der Osterhase sich inzwischen, wenn das Produkt es erfordert, sogar als Nikolaus oder W[zensiert]smann verkleidet! Zumindest sieht er ihm täuschend ähnlich. Schmückt sich da einer mit fremden Rentieren?
Spannung, Spiel, Schokolade und wichtige Feste: All in one und das schon im Herbst!
So wird das Ü-Ei zum O- oder Ö-Ei. Oder auch zum Öh?-Ei.
Abgesehen davon beruhigen uns die vielzitierten, leidigen Deppenleerzeichen, dass der Euro sich nicht entwertet, es hier noch was gibt fürs Geld: für nur 79 Cent Kinder, ein Ü-Ei oder Oster-Anhänger. Na, vom Preis-Leistungs-Verhältnis her würden sich aus dieser Auswahl die meisten wohl eher nicht für die Süßware entscheiden. Oder "und" statt "oder"? Gibt es das alles für 0,79 Euro? Öh, ey?

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Sturm, Steine, Sand und Sinn

Ähnlich wie localhost möchte ich normalerweise solch private Einblicke nicht in meinem Blog haben, aber es gibt Träume, die einfach einer Diskussion bedürfen. Rätsel gibt mir dabei v. a. die Frage auf, warum ich so einen Mist träume:

Nachdem ich auf einer rauschenden Hochzeit zu Gast gewesen war, die open air stattfand und in Regen, Sturm und Unwetter versank, wurde ich auf einer steinigen, staubigen Landstraße ausgesetzt, auf der ich nun in Festmode entlangschlurfe. Die Straße, die diese Bezeichnung kaum verdient, ist so staubig, dass es dort erstens wohl nie verkehrstechnische Modernisierungen (auch "Asphaltierung" genannt) gegeben und zweitens noch nie geregnet hat. Drumherum gibt es das große Nichts, allerdings ist ein verlassenes ostdeutsches Nest ausgeschildert. Ein Auto rauscht vorbei, im Inneren streiten Männer in Anzügen, etwas fliegt versehentlich aus dem Fenster. Am Rand der Straße finde ich es: Es ist das Handy von Peer Steinbrück. Der SPD-Kanzlerkandidat nutzt übrigens das ganz alte, klassische Nokia aus den 1990ern (hieß das Modell 3310?) in schmuckem, charakterstarkem Mausgrau. Während ich noch überlege, was ich damit nun mache, wie ich es ihm wieder zukommen lasse oder ob sich das erstmal auf irgendeine Weise journalistisch verwerten lässt, klingelt es. Nach kurzem Zögern nehme ich ab. Helmut Kohl ist dran. Er herrscht mich wütend und wirr an, wer ich sei, er wolle doch "den Steinbrück noch was fragen", und legt wieder auf.

Ah, ja. Mir drängt sich die Vermutung auf, mit manchen Träumen wollen mir mein Un- und Unterbewusstsein absolut rein gar nichts sagen. Die sollen auch keine Probleme lösen. Sondern die sind schlicht von vorne bis hinten Müll. Oder wurde an mir schon eine neue Wahlkampfform ausprobiert?
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